Stress, Nervensystem und HerzQigong – Wenn Ruhe das Herz stärkt

Sanfte Bewegungen, bewusste Atmung und achtsame Aufmerksamkeit können messbare Effekte auf Nervensystem, Herz-Kreislauf-Regulation und Stressreaktionen haben.

Inhalt
Frau (von hinten zu sehen) macht Qigong am Meer
L.I. Hamann
Die achtsame Bewegungspraxis kann Stress, Herz und Kreislauf regulieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Qigong ist eine achtsame Bewegungspraxis aus der Traditionellen Chinesischen Medizin, die sanfte Bewegungen, bewusste Atmung und innere Aufmerksamkeit verbindet.
  • Durch langsames Üben können sich Nervensystem, Herz und Atmung beruhigen, was Stress reduziert und die Selbstregulation stärkt.
  • Studien zeigen messbare Effekte wie niedrigeren Blutdruck, verbesserte Herzfrequenzvariabilität und geringere psychische Belastung. Durch Qigong können auch hormonelle und immunologische Prozesse positiv beeinflusst werden.
  • Quigong fördert zudem Achtsamkeit, Körperwahrnehmung und emotionale Balance. Die Praxis wirkt wie eine bewegte Meditation und ist für viele Menschen geeignet, auch wenn sie nur gering körperlich belastbar sind.
  • Insgesamt kann Qigong Gesundheit und innere Ruhe unterstützen sowie ein Gleichgewicht zwischen Aktivität und Erholung fördern.

Qigong – eine bewegte Form der Achtsamkeit

Qigong ist Teil der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) und verbindet sanfte Bewegungen, bewusste Atmung und geistige Aufmerksamkeit zu einer meditativen Bewegungspraxis. Die Übungen sind meist langsam, weich und rhythmisch. Durch die ruhige Wiederholung der Bewegungsabläufe entsteht eine gleichmäßige Aufmerksamkeit, die den Geist beruhigt und die Wahrnehmung nach innen richtet. Gleichzeitig vertieft sich die Atmung, wodurch sich Muskelspannung sowie innere Unruhe lösen können.

Ein charakteristisches Element vieler Qigong-Übungen ist zudem die Arbeit mit inneren Bildern. Bewegungen werden beispielsweise mit Vorstellungen von Weite im Brustraum oder dem ruhigen Fließen des Atems verbunden. Diese metaphorischen Bilder können emotionale Zentren im limbischen System ansprechen und so ebenfalls zur Beruhigung des Nervensystems beitragen. Qigong wird deshalb häufig als bewegte Form der Meditation beschrieben. Die Übungen können im Stehen, Sitzen oder Liegen ausgeführt werden und lassen sich dadurch gut an unterschiedliche körperliche Voraussetzungen anpassen.

Stress, Nervensystem und Herz

Chronischer Stress gehört zu den Faktoren, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen begünstigen können. In der Psychokardiologie wird häufig beobachtet, dass bei vielen Betroffenen das sympathische Nervensystem dauerhaft aktiviert ist. Dieses Stresssystem erhöht u.a.:

  • Herzfrequenz
  • Blutdruck
  • Ausschüttung von Stresshormonen

Langfristig kann dadurch das Gleichgewicht zwischen Aktivierung und Erholung gestört werden. Ein wichtiger Marker für diese Regulation ist die Herzfrequenzvariabilität (HRV). Sie beschreibt die natürlichen Schwankungen der Zeitintervalle zwischen einzelnen Herzschlägen. Eine höhere HRV gilt als Zeichen einer guten Anpassungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems und einer gesunden Balance im autonomen Nervensystem. Mehrere Studien zeigen, dass regelmäßige Qigong-Praxis zu einer Verbesserung der HRV beitragen kann.

Messbare Effekte auf Herz und Kreislauf

Achtsamkeitsbasierte Mind-Body-Techniken wurden in den letzten Jahren zunehmend wissenschaftlich untersucht. Dabei zeigen sich mehrere Effekte, die für die Herzgesundheit relevant sind, u.a.:

  • Senkung des systolischen Blutdrucks
  • Verbesserung der Herzfrequenzvariabilität
  • Reduktion von Stress und innerer Anspannung
  • Verringerung von Angst und depressiver Belastung

Diese Effekte werden vor allem auf eine verstärkte Aktivität des Parasympathikus (Vagusnerv) zurückgeführt – dem Teil des Nervensystems, der für Ruhe, Regeneration und Erholung verantwortlich ist [1].

Stress und Immunsystem

Chronischer Stress beeinflusst nicht nur das Nervensystem, sondern auch hormonelle und immunologische Prozesse. Bleiben Stressachsen über längere Zeit aktiviert, kann es zu Veränderungen kommen, wie:

  • Insulinresistenz
  • Dyslipidämie
  • erhöhtem Blutdruck
  • entzündlichen Prozessen

Auch das Immunsystem kann aus dem Gleichgewicht geraten. Studien beschreiben u. a. eine erhöhte Produktion entzündlicher Botenstoffe wie Interleukin-6 sowie Veränderungen in der Funktion regulatorischer Immunzellen. Eine solche Dysregulation kann langfristig mit einer erhöhten Anfälligkeit für Infektionen, Autoimmunprozesse oder andere chronische Erkrankungen verbunden sein [2]. Stressreduzierende Verfahren wie Qigong können dazu beitragen, diese Prozesse wieder besser zu regulieren.

Neurobiologische Effekte von Achtsamkeit

Auch im Gehirn lassen sich Veränderungen beobachten. Neurowissenschaftliche Studien zeigen, dass regelmäßige Achtsamkeitspraxis mit neuroplastischen Anpassungen verbunden sein kann. Dabei wurden Veränderungen in Hirnregionen beschrieben, die bedeutsam sind für:

  • Aufmerksamkeit
  • Selbstwahrnehmung
  • Emotionsregulation

Diese Prozesse können erklären, warum Achtsamkeitsinterventionen mit besserem Schlaf, geringerer Tagesmüdigkeit und höherer mentaler Belastbarkeit in Verbindung gebracht werden [3].

BereichBeobachtete Effekte
autonomes Nervensystem   Aktivierung des Parasympathikus
HerzfunktionVerbesserung der Herzfrequenzvariabilität
BlutdruckSenkung des systolischen Blutdrucks
StressreaktionReduktion von Cortisol und Noradrenalin
Immunsystembessere Regulation entzündlicher Prozesse
Psycheweniger Stress, Angst und depressive Belastung

Herz und Ruhe – eine Perspektive der Traditionellen Chinesischen Medizin

In der Traditionellen Chinesischen Medizin wird dem Herzen eine besondere Rolle zugeschrieben. Es gilt als Sitz des Shen – der geistigen Klarheit, der inneren Ausrichtung und der emotionalen Balance. Bereits im Huangdi Neijing, einem der klassischen Texte der chinesischen Medizin, heißt es:

Ist das Herz ruhig, so beschreibt es diese Tradition, kann auch der Geist zur Ruhe kommen.

Qigong kann einen Weg eröffnen, diese Verbindung wieder bewusst zu erleben. Durch langsame Bewegung, ruhige Atmung und achtsame Aufmerksamkeit entsteht ein Zustand, in dem Körper, Atem und Geist wieder miteinander in Beziehung treten können. In solchen Momenten verändert sich nicht nur das subjektive Empfinden – auch physiologische Prozesse beginnen, sich neu zu regulieren. Die Aufmerksamkeit richtet sich nach innen, die Atmung wird tiefer und das Nervensystem findet leichter in einen Zustand von Ruhe und Ausgleich.

Vielleicht liegt darin eine der besonderen Qualitäten des Qigong: Es erinnert uns daran, dass Gesundheit nicht allein aus Aktivität entsteht, sondern auch aus Momenten der Stille, in denen Körper, Atem und Aufmerksamkeit wieder miteinander in Einklang kommen können. Wenn der Atem ruhiger wird und der Geist stiller, kann auch das Herz wieder mehr Raum für seinen eigenen Rhythmus finden.

  1. Hermann-Lingen C, Sadlonova M. Update Psychocardiology. Dt Med Wochenschr 2021; 146 (11) 738-741
  2. Pongratz G. Das gestresste Immunsystem und Autoimmunität. Akt Rheumatol 2021; 46: 258-266
  3. Singer M. et al Achtsamkeitsbasierte Therapieverfahren aus der Sicht der Psychoneuroimmunologie. Ärztliche Psychotherapie 2016; 11 (02) 93-98

Dr. med. Liv Inga Hamann ist Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie, Diabetologie, Ernährungsmedizin, Psychokardiologie, Psychotherapie sowie Traditionelle Chinesische Medizin mit den Schwerpunkten Akupunktur und Qigong. Integrativer Ansatz: Sinosomatics.