ReizdarmsyndromErnährung bei Reizdarmsyndrom

Ist die Diagnose Reizdarmsyndrom gestellt, bildet die Ernährung den wichtigsten Ansatzpunkt. Lesen Sie, wie.

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Frau in Jeans hat beide Hände auf dem Bauch
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Beim Reizdarmsyndrom ist eine gründliche Diagnostik sehr wichtig, um es von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen abzugrenzen.

Definition, Diagnose, Prävalenz

Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist eine der häufigsten gastroenterologischen Erkrankungen und gilt als eine funktionelle Darmerkrankung. Hierbei kommt es zu wiederkehrenden Bauchschmerzen oder Beschwerden, die mit dem Stuhlgang oder mit der Darmbewegung verbunden sind.

Gemäß der S 3 Leitlinie kann die Diagnose Reizdarm nur gestellt werden,

  • wenn die Beschwerden chronisch sind, mindestens 3 Monate andauern, mit dem Darm assoziiert sind und Veränderungen des Stuhlgangs beinhalten; 
  • wenn die Beschwerden die Lebensqualität relevant beeinträchtigen;
  • wenn keine anderen Krankheitsbilder vorliegen, die für die Symptome verantwortlich sein könnten.

Die Prävalenz in Deutschland wird auf 12 % geschätzt.

Symptome

Das Reizdarmsyndrom wird gemäß seines Hauptleitsymptoms in folgende Gruppen eingeteilt:

  • Diarrhö-Typ (auch Diarrhö-dominater Typ): Es kommt es zu formlosen bis wässrigen Stühlen.
  • Obstipations-Typ (auch Obstipation-dominanter Typ): zeichnet sich durch klumpigen, festen Stuhl aus, der nur mühsam ausgeschieden werden kann.
  • Schmerz-Bläh-Typ (auch Meteorismus-dominantes Reizdarmsyndrom): Hier stehen Schmerzen, Blähungen oder eine Mischung aus beidem im Vordergrund.
  • Misch-Typ: Dieser Typ zeichnet sich wechselndes Stuhlverhalten aus.

Das Reizdarmsyndrom verläuft meist chronisch und zeigt oft wechselnde Symptome. Es findet sich keine erhöhte Morbidität.

Die Symptome überschneiden sich oft mit denen anderer gastroenterologischer Erkrankungen, sodass die Diagnostik erschwert sein kann.

Ursachen

An der Entstehung des Reizdarmsyndroms sind oft mehrere Faktoren beteiligt. Man geht zudem von verschieden Triggern aus. Als mögliche Ursache wird die intestinale Mikrobiota und die Darm-Hirn-Achse immer häufiger diskutiert.

Zu den häufigsten Risikofaktoren zählen:

  • Gastrointestinale Entzündungen, die durch Viren, Parasiten oder Bakterien verursacht wurden.
  • Patient*innen mit Reizdarmsyndrom scheinen unter einer hohen Mastzelldichte der Darmschleimhaut zu leiden. Diese schütten Entzündungsbotenstoffe aus und befeuern Entzündungen. Daraus kann eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmschleimhaut resultieren.
  • Entzündungen und das dadurch veränderte Darmmikrobiom kann auf Dauer mit einer anderen Schmerzwahrnehmung verbunden sein und sich auf die Stimmung des Patienten auswirken. Verweis Darm-Hirn-Achse.
  • Auch eine genetische Vorbelastung kann zu einem Reizdarmsyndrom führen.
  • Zudem wird Stress als Auslöser diskutiert. Ein Stressereignis bzw. -trauma führt durch Katecholamine, Cortisol und CRH zu einer Immunsuppression und so zu einer erhöhten Infektanfälligkeit.

Diagnostik

Beim Reizdarmsyndrom ist eine gründliche Diagnostik sehr wichtig, um es von anderen Erkrankungen mit zum Teil ähnlichen oder gleichen Symptome abzugrenzen. Zur ausführlichen Diagnostik kann der Algorithmus nach Layer et al. herangezogen werden [1].

Insbesondere schwerwiegende Krankheiten wie Dickdarmkrebs, chronisch entzündliche Darmerkrankungen, Zöliakie oder gynäkologischen Erkrankungen sind auszuschließen. Differentialdiagnostisch kommen Nahrungsmittelallergien oder Intoleranzen in Betracht.

Wünschenswert wäre es, wenn unnötige Doppel- oder Mehrfachuntersuchungen vermieden würden. Diese verunsichern die Patient*innen und belasten unser Gesundheitssystem.

Die Diagnostik sollte mit einer gründlichen Anamnese starten, gefolgt von einer körperlichen inklusive rektaler und gynäkologischer Untersuchung. Als apparative Methoden werden Blutuntersuchung, Stuhluntersuchung, Zöliakie-Antikörper, Calprotectin sowie die Abdomen-Sonografie empfohlen. Gegebenenfalls kann eine Darmspiegelung inklusive Biopsien bei Über-45-Jährigen oder familiärem Krebsrisiko oder wässrigen Diarrhoen erfolgen.

Ein Ernährungsprotokoll sollte aufgezeichnet und ausgewertet werden, auch um eine Nicht-Zöliakie-Gluten-Weizen-Sensitivität auszuschließen.

Therapie

Steht nach Ausschluss einer organischen Ursache die Diagnose eines Reizdarmsyndroms, kommt der Ernährungstherapie die größte Bedeutung zu.

Grundsätzlich wird von einschränkenden Eliminationsdiäten abgeraten, da eine Mangelversorgung unbedingt verhindert werden soll. Viele Patient*innen mit Reizdarmsyndrom zeichnen sich nämlich dadurch aus, dass sie anfällig für Ernährungs- und Diätempfehlungen sind, die unter anderem medizinisch nicht begründet sind.

Allgemeine Ernährungsweisen und Diäten können nicht aus ausgesprochen werden. Grundsätzlich sollen das Ernährungsprotokoll und die Vorlieben des Patienten in die Dauerernährung mit einfließen. Früher sprach man von einer leichten Vollkost, heute von einer individuellen, angepassten Vollkost.

Eher schwer verdaulich Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Zwiebelgewächse oder Saaten sollten zunächst vermieden und später auf ihre Verträglichkeit hin getestet werden. Beim Reizdarmsyndrom gibt es keine Lebensmittelverbote.

Zusätzlich kommen Probiotika zum Einsatz sowie Ballaststoffe, Stressmanagement oder eine FODMAP-arme Diät. Unter FODMAP versteht man:

  • F- Fermentierbare
  • O- Oligosaccharide
  • D- Disaccharide
  • M- Monosaccharide
  • A- And
  • P- Polyole

Die FODMAP-arme Diät kann ein Versuch sein, bei 50-75 % der Patient*innen mit Reizdarmsyndrom gehen die Beschwerden dadurch zurück. Allerdings sollte eine FODMAP-arme Diät nur unter Aufsicht einer Ernährungsfachkraft gestartet und begleitet werden. Sonst kann es durch die sehr eingeschränkte Lebensmittelauswahl zu einem Nährstoffmangel kommen.

Bewährter Stufenplan beim Reizdarmsyndrom

  • Anamnese mit ärztlicher Diagnostik inklusive Labor, körperlicher Untersuchung (auch rektal), Sonografie und ggf. Darmspiegelung.
  • Ausgeschlossen werden sollten: CED, Zöliakie, Darmkrebs, Nahrungsmittelallergien und Intoleranzen.
  • Durchführung eines Ernährungsprotokolls.
  • Ermittlung von negativen Lebensstilfaktoren wie zu viel Stress und zu wenig Schlaf.

Allgemeine Ernährungs- und Essempfehlungen

  • Die Ernährung, die Mahlzeitenhäufigkeit und die Mahlzeitensituation sollten überprüft und korrigiert werden. Beispielsweise kann Essen in einer stressigen Situation kann zu hastigem Essen führen, inklusive Luftschlucken, ungenügendem Kauen oder Überessen. Mahlzeiten sollten entspannt, ohne Zeitdruck und in einer angenehmen Umgebung stattfinden.
  • Gut kauen ist das einfachste Werkzeug, um Lebensmittel leichter verdaulich zu machen.
  • Auch Hausmittel haben hier ihre Berechtigung. So können bei Durchfällen Heidelbeeren, gerbstoffhaltige Tees, die "Moro"-Karottensuppe, geriebener Apfel, Reisschleim oder pürierte Banane versucht werden.
  • Die Speisen und Getränke sollten weder zu heiß noch zu kalt verzehrt werden.
  • Zusätzlich sollen schonende Garmethoden wie Dünsten bevorzugt werden, anstelle von Frittieren oder Braten.
  • Kleinere Portionen können verträglicher sein als größere. Dabei bietet die eigene Hand einen guten Anhaltspunkt. Die beiden Fäuste nebeneinander ergeben etwa die Magenfüllmenge.
  • Bei der Getränkeauswahl empfiehlt sich der Griff zu stillem Wasser oder Tee. Süßgetränke inklusive süßstoffhaltigen sollten gemieden werden.
  • Der Verdauungsspaziergang nach dem Essen kann oft hilfreich sein.

Nach dem Auswerten des Ernährungs-Beschwerde-Protokolls können auslösende Lebensmittel markiert und zunächst gemieden werden. Diese "Weglass-Diät" erstreckt sich meistens über 2-3 Wochen. Manchmal sieht man direkte Zusammenhänge mit bestimmten Lebensstilfaktoren wie Stress, hastigem Essen oder Zeitdruck. Gelegentlich ist eine andere Zubereitungsform verträglicher. Werden die Lebensmittel weggelassen, sollten die Beschwerden zurückgehen.

Nach einem Zeitraum der Beschwerdefreiheit, können diese Lebensmittel getestet und möglicherweise wieder eingeführt werden. Oft werden blähende Lebensmittel wie Kohlgemüse oder Linsen eigentlich gut vertragen, aber nicht in Kombination mit einer stressigen Mahlzeit und süßstoffhaltigen Süßgetränken.

Weitere Therapiemöglichkeiten

Weitere Therapiemöglichkeiten zusätzlich zur Ernährungsumstellung können sein:

  • Yoga, Meditation oder andere Entspannungsverfahren besonders für den Schmerztyp
  • Phytotherapeutika wie Pfefferminzöl, Fenchel-Anis-Kümmel-Tee, Pfefferminz-Kümmel Öl z.B. Carmenthin 2x1 Kapsel beim Blähtyp 
  • Viszerale Osteopathie, Moxibustion oder Akupunktur
  • Lösliche Ballaststoffe wie Flohsamenschalen können beim Obstipations-, beim Diarrhö- sowie beim Schmerztyp versucht werden. Sie setzten jedoch eine ausreichende Trinkmenge voraus. Die Ballaststoffe sollten allerdings schrittweise erhöht werden.
  • Probiotika, die beim Reizdarmsyndrom verträglich sind, können beim Blähtyp versucht werden.
  • Auch das Antibiotikum Rifaximin (Xifaxan) stellt eine Möglichkeit dar. Es wird für 2 Wochen 2x1 täglich eingenommen. Anschließend erfolgt der Aufbau der Darmmikrobiota.
  • Beim Schmerz-Typ kommen unter anderem Schmerzmittel und Psychotherapie in Frage.
  • Cara-Care-App bei Reizdarm.

Zubereitungszeit 35 Min.

Zutaten für 4 Personen

  • 2 Fenchelknollen
  • 200 ml Pflanzendrink (oder Sahne)
  • 2 Eier
  • 1 Kugel Mozzarella
  • Salz, Pfeffer

Zubereitung

  • Die beiden Fenchelknollen waschen, vierteln und vom Strunk und den feinen grünen Blättchen befreien. Den Fenchel 10 Min. in Salzwasser garen.
  • Die Eier mit dem Pflanzendrink verquirlen und mit Salz und Pfeffer würzen.
  • Den weichen Fenchel in eine Auflaufform legen und mit dem Ei-Pflanzendrink übergießen. Mit Mozzarella belegen und 20 Min. im Ofen bräunen lassen.

Zu Nudeln oder mit kurzgebratenem Fleisch genießen.

Tipp: Für Gäste die doppelte Menge zubereiten und mit würzigem Bergkäse belegen.

  1. Layer P, Andresen V, Allescher H et al. Update S3-Leitlinie Reizdarmsyndrom. Definition, Pathophysiologie, Diagnostik und Therapie. Gemeinsame Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) und der Deutschen Gesellschaft für Neurogastroenterologie und Motilität (DGNM). Z Gastroenterol 2021; doi: 10.1055/a-1591-4794 
  2. Huang KY, Wang FY, Lv M et al. Irritable bowel syndrome: Epidemiology, overlap disorders, pathophysiology and treatment. World J Gastroenterol 2023;  doi: 10.3748/wjg.v29.i26.4120
  3. Poschwatta-Rupp S. Reizdarmsyndrom in der Ernährungstherapie. Ernährungs Umschau 2019; Sonderheft 4: Ernährungstherapie: 32-47
  4. Hauner H, Beyer-Reiners E, Bischoff G et al. Leitfaden Ernährungstherapie in Klinik und Praxis. Aktuel Ernährungsmed 2019; doi: 10.1055/a-1030-5207

Dr. med. Daniela Oltersdorf ist Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Ernährungsmedizinerin und Buchautorin. Sie ist in eigener Praxis in Calw mit dem Schwerpunkt Ernährungsmedizin niedergelassen.

www.ernaehrungsmedizinoltersdorf.de

Instagram: @dr.danielaoltersdorf