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Die menschliche Psyche ist ein komplexes Gebilde, dessen Tiefen die moderne Wissenschaft bis heute nur ansatzweise verstanden und erforscht hat. Inmitten der zahlreichen psychologischen und neurologischen Phänomene sticht ein Begriff besonders hervor: Hypnose. Sie fasziniert, verwirrt, inspiriert und polarisiert zugleich. Für die einen ist sie ein wirksames therapeutisches Werkzeug, für die anderen Hokuspokus oder gar Manipulation.
Doch was genau ist Hypnose? Wie funktioniert sie? Welche Rolle spielt sie in der modernen Medizin und Psychologie? Und ist sie wissenschaftlich fundiert?
Was ist Hypnose?
Der Begriff Hypnose stammt vom griechischen hypnos ab und bedeutet Schlaf. Das führt oft zu Missverständnissen, denn Hypnose ist kein Schlaf im eigentlichen Sinne.
- Es handelt sich um einen veränderten Bewusstseinszustand, in dem Hypnotisierte hochkonzentriert und gleichzeitig tief entspannt sind.
- Während in Alltagssituationen die Aufmerksamkeit breit gestreut ist, fokussiert sich das Bewusstsein in der Hypnose auf bestimmte innere oder äußere Reize.
Hypnose unterscheidet sich klar von Zuständen wie Tagträumen, Meditation oder Schlaf. So bleibt im Gegensatz zum Schlaf das Bewusstsein bei Hypnose aktiv. Der Zustand ähnelt eher einer Trance, wie man sie manchmal beim Lesen eines spannenden Buches oder beim Autofahren erlebt – wenn man wie automatisch handelt und in Gedanken versunken ist. In dieser Trance wird das kritische Denken reduziert, während Suggestionen – also gezielte sprachliche oder nonverbale Impulse – leichter aufgenommen werden.
Kleine Geschichte der Hypnose
Hypnotische Techniken wurden bereits in alten Kulturen praktiziert. Schon im alten Ägypten, in Indien und bei den Griechen wurden Rituale durchgeführt, die tranceähnliche Zustände hervorriefen – oft mit religiösem oder heilendem Hintergrund. Auch in anderen, nicht-westlichen Kulturen gibt es solche Rituale, die zum Teil heute noch zelebriert werden – man denke beispielsweise an die Trommelrituale unter den indigenen Völkern Afrikas oder auch bestimmte schamanische Feste Südamerikas.
In der westlichen Welt wurde Hypnose jedoch erst im 18. Jahrhundert systematischer untersucht und hielt einen ersten und sehr prominente Einzug mit dem österreichischen Arzt Franz Anton Mesmer (1734-1815). Er prägte den Begriff des "animalischen Magnetismus". Er glaubte, dass unsichtbare Kräfte den menschlichen Körper durchfließen und Krankheiten verursachen können, wenn sie gestört sind. Er gilt als einer der Wegbereiter der Hypnose.
Der britische Arzt James Brais (1795-1860) war es, der die Hypnose als medizinisch-psychologisches Phänomen verstand und wissenschaftlich untersuchte. Brais prägte auch den Begriff Hypnose und erkannte, dass es sich nicht um Magnetismus, sondern um eine besondere Form der Aufmerksamkeit handelte.
Im 20. Jahrhundert wurde Hypnose weiter erforscht und zunehmend in die Psychotherapie integriert. Besonders bekannt wurde der amerikanische Psychiater Milton Erickson, der eine eigene Form der Hypnosetherapie entwickelte.
Heute ist Hypnose in vielen Ländern ein anerkanntes Verfahren, insbesondere in der Psychotherapie, Schmerzbehandlung und Medizin.
Wie funktioniert Hypnose?
Man muss sich den hypnotischen Zustand als eine veränderte Aktivität bestimmter Gehirnregionen vorstellen. Moderne bildgebende Verfahren wie funktionelles MRT (fMRT) und EEG, ein Verfahren, mit welchem man Hirnströme aufzeichnen kann, zeigen: Während der Hypnose sind bestimmte Hirnareale – etwa im präfrontalen Kortex und im anterioren cingulären Kortex – besonders aktiv. Diese Regionen sind unter anderem für Aufmerksamkeit, Selbstreflexion und Kontrolle von Handlungen zuständig.
Doch nicht jeder Mensch ist gleichermaßen hypnotisierbar. Studien zeigen:
- Etwa 10–15% der Menschen sprechen sehr gut auf Hypnose an,
- etwa 70% durchschnittlich und
- rund 10–15% sind nur schwer hypnotisierbar.
Diese Fähigkeit, Suggestionen aufzunehmen, nennt man Suggestibilität oder Hypnotisierbarkeit. Sie scheint teilweise angeboren zu sein, kann aber auch trainiert werden.
In welchen Bereichen der Medizin wird Hypnose eingesetzt?
Nach Jahrzehnten intensiver wissenschaftlicher Erforschung gilt die Hypnose heute als anerkanntes Verfahren in verschiedenen Bereichen der Medizin, Psychotherapie und Persönlichkeitsentwicklung.
Psychotherapie
So wird die klinische Hypnotherapie mittlerweile von vielen ausgebildeten Psychotherapeuten genutzt, um den Zugang zum Unterbewusstsein des Patienten zu erleichtern. Ziel ist es, emotionale Blockaden zu lösen, traumatische Erfahrungen zu verarbeiten oder neues Verhalten zu verankern. Typische Einsatzgebiete sind Angststörungen, Depressionen, posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder die Suchtbehandlung.
Beispielsweise zeigten sich beim Einsatz von Hypnosetherapie bei der Behandlung von Angstzuständen, dass in 17 untersuchten Studien sich die Angstzustände um mehr als 79 % reduzierten, bei Langzeituntersuchungen der Anteil der Besserung sogar auf 84% stieg [1]. Das wird dadurch erreicht, dass mittels Hypnose die Ursachen von Ängsten aufgedeckt und neue Reaktionsmuster etabliert werden.
Schmerztherapie
In der modernen Schulmedizin wird Hypnose verstärkt in der Schmerztherapie eingesetzt. Gerade bei Betroffenen mit chronischen Rückenschmerzen, Kopfschmerzen und Fibromyalgie verbesserten sich die Symptome zum Teil dramatisch [3].
Spritzenangst und Geburt
Immer mehr Zahnärzte wenden Hypnose bei Patienten mit Angst vor Spritzen an, um einen schmerzfreien Eingriff im Mundbereich herbeizuführen.
Ebenso nutzen immer mehr Schwangere das sogenannte Hypnobirthing für sich, um eine entspanntere und schmerzarmere Geburt zu erleben. In Studien ließen sich dabei auch weniger Geburtsinterventionen bis hin zum Kaiserschnitt und eine bessere Gesundheit auch beim Neugeborenen nachweisen [4].
Anästhesie
In der Anästhesie zeigt Studie um Studie, dass vor einer Operation hypnotisierte Patienten weniger Schmerzen und Stress erleben sowie schneller genesen. In manchen Krankenhäusern geht man sogar so weit, dass Hypnose die Narkose bei kleineren Eingriffen vollständig ersetzt. Bei Kindern hat man beispielsweise jüngst festgestellt, dass bei denjenigen, die sich unter Hypnose statt Vollnarkose operieren lassen, nicht nur weniger Schmerzen und Ängste nachweisbar sind, sondern die Erholungszeit kürzer sowohl im Aufwachraum als auch im Krankenhaus ist [5].
Verhaltensänderung
Auch bei Verhaltensänderungen kann Hypnose Besserung bringen. Sie kann beispielsweise helfen Gewohnheiten und die Selbstkontrolle zu stärken.
Mittlerweile hat sie sich bei der Raucherentwöhnung bewährt, mit Erfolgsquoten von bis zu 50 %. Indem neue innere Einstellungen verankert werden. Eine Untersuchung ergab, dass es mehr als 3,5 Mal wahrscheinlicher ist nach einem halben Jahr rauchfrei zu sein, wenn man mittels Hypnose anstatt Nikotinpflaster behandelt worden ist [2].
Bei der Gewichtsreduktion konnte eine Untersuchung über 10 Wochen eine Abnahme um etwa 8 % zeigen. Der Gewichtsverlust wurde umso stärker, je übergewichtiger man zu Studienbeginn war [6].
Aber auch bei Lampenfieber, Prüfungsangst und sogar zur Leistungssteigerung im Sport wird Hypnose eingesetzt. Bekannte Sportler wie der US-amerikanische Basketballspieler Michael Jordan, der Golfspieler Tiger Woods und der Boxer Muhammad Ali haben sie für sich entdeckt und eingesetzt.
Coaching und Persönlichkeitsentwicklung
Durch gezielte Suggestionen werden neue Denk- und Verhaltensmuster im Unterbewusstsein verankert, die im Alltag wirksam werden können. Deshalb überrascht es auch nicht, dass Hypnose mittlerweile auch im Coaching und der Persönlichkeitsentwicklung genutzt wird, um Blockaden zu lösen, Motivation zu steigern oder die Kreativität zu fördern.
Hypnotische Trancen helfen Menschen, sich auf Ziele zu fokussieren und innerlich Klarheit zu gewinnen, und man kann sogar das Unterbewusstsein bitten, schwierige oder emotionale Situationen zu lösen, mit zum Teil erstaunlichen Erfolgen.
Kritische Stimmen
Zu den genannten Einsatzgebieten der Hypnose ist die wissenschaftliche Literatur mittlerweile sehr umfangreich. Jedoch gibt es auch kritische Stimmen: Einige Studien haben methodische Mängel oder zu kleine Stichproben, das stellt manche Ergebnisse in Frage. Zudem ist die Wirkung stark von der individuellen Suggestibilität abhängig, das heißt nicht jeder wird gleich stark auf eine Hypnosebehandlung reagieren.
Daher betonen Wissenschaftler, dass Hypnose kein Wundermittel ist, sondern ein Werkzeug, das in qualifizierten Händen sehr wirksam sein kann.
Risiken der Hypnose
Auch wenn die Hypnose in den Händen von Fachleuten ein sicheres Verfahren ist, gibt es einige Risiken.
- So können in tiefer Trance Traumata reaktiviert werden, also unterdrückte Erinnerungen, die emotional belastend sind.
- Bei bestimmten psychischen Erkrankungen, z.B. der Schizophrenie, bestimmten pyschotischen Zuständen, schweren Persönlichkeitsstörungen, Epilepsie und Menschen mit sehr niedrigem Realitätsbezug sollte Hypnose nicht zur Anwendung kommen.
Deshalb klärt ein verantwortungsvoller Hypnosetherapeut im Vorfeld stets genau ab, ob eine Anwendung sinnvoll ist und schließt solche Szenarien immer aus.
Warum wird Hypnose so selten eingesetzt?
Dass Hypnose so selten eingesetzt wird, hat unter anderem damit zu tun, dass viele Menschen Hypnose mit Showhypnose, Kontrollverlust oder gar Manipulation verbinden. In Filmen und Fernsehsendungen wird oft der Eindruck erweckt, dass der Hypnotisierte willenlos ist – eine Vorstellung, die in der Realität nicht haltbar ist.
Dabei ist es wichtig zu betonen:
- Niemand kann gegen seinen Willen hypnotisiert werden.
- In der Hypnose ist man jederzeit ansprechbar und kann die Trance abbrechen.
- Der Hypnotiseur hat keine Kontrolle über den Willen des Hypnotisierten.
Fazit
Zusammengefasst ergibt sich also: Die Hypnose ein sicheres und ressourcenschonendes Verfahren ist, um viele Krankheiten und Zustände erfolgreich behandeln zu können. Viele Ärzte und Psychologen bieten sie heutzutage an. Ich lade Sie ein, Hypnose einmal für sich auszuprobieren und hoffentlich als wirksames Mittel für Ihre Gesundheit zu entdecken.
- Valentine KE, Milling LS, Clark LJ et al. The Efficacy of Hypnosis as a Treatment for Anxiety: A Meta-Analysis. International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis 2019; https://doi.org/10.1080/00207144.2019.1613863
- Hasan FM, Zagarins SE, Pischke KM et al. Hypnotherapy is more effective than nicotine replacement therapy for smoking cessation: Results of a randomized controlled trial. Complementary Therapies in Medicine 2014; https://doi.org/10.1016/j.ctim.2013.12.012
- Ozgunay SE, Kasapoglu Aksoy M, Deniz KN et al. Effect of Hypnosis on Pain, Anxiety, and Quality of Life in Female Patients with Fibromyalgia: Prospective, Randomized, Controlled Study. International Journal of Clinical and Experimental Hypnosis 2023;https://doi.org/10.1080/00207144.2023.2277853
- Catsaros S, Wendland J. Hypnosis-based interventions during pregnancy and childbirth and their impact on women’s childbirth experience: A systematic review. Midwifery 2020; https://doi.org/10.1016/j.midw.2020.102666
- Sola C, Devigne J, Bringuier S et al. Hypnosis as an alternative to general anaesthesia for paediatric superficial surgery: a randomised controlled trial. British Journal of Anaesthesia 2023; https://doi.org/10.1016/j.bja.2022.11.023
- Erşan E. Erşan-Hypnotherapy for Obesity. Alterative Therapies 2023; https://www.alternative-therapies.com/oa/pdf/61321.pdf
Autor

Dr. med. Peter Niemann arbeitet als Geriater, Internist und Integrativmediziner vor allem in den USA. Der Autor einer Reihe von Gesundheitsratgebern bietet aber auch Beratungen zu Anti-Aging, Anti-Entzündung, Testosteronmangel und vielen anderen Themen an.


