LongevityGraue Haare, Lesebrille, Wechseljahre: Die 4 Alterungsschübe im Leben

Was die Alterungsschübe bedeuten, warum wir ihnen nicht hilflos ausgeliefert sind und 20 Anti-Entzündungs-Lebensmittel.

Inhalt
ein aufgeschlagenes Buch, darauf liegt eine Brille
K. Oborny/Thieme
Ein Alltagbeispiel für Alterung: Die meisten Menschen benötigen um das 45. Lebensjahr herum eine Lesebrille.

Die Alterung ist eine unbestrittene Tatsache. Die Gerontobiologie bzw. Alterungsforschung hat sich der Frage angenommen, warum wir altern und in den letzten Jahrzehnten enorme Sprünge gemacht.

Daraus resultiert, dass Menschen aktiv ihre Alterung beeinflussen können. Zudem hat sich die Anti-Aging-Medizin zu einem der am schnellsten wachsenden Medizinfelder entwickelt.

Der Mensch altert nicht linear

Eine wichtige Erkenntnis zur Alterung ist, dass sie nicht linear und konstant abläuft.

Noch vor wenigen Jahrzehnten ging die Wissenschaft davon aus, dass ein Mensch zu einem bestimmten Lebenszeitpunkt seine maximale Leistungsfähigkeit erreicht hat. Nach diesem biologischen Maximum geht es Jahr um Jahr bergab und der Mensch altert mehr oder weniger gleichmäßig. Diese Sicht gilt allerdings als überholt.

Inzwischen geht man davon aus:

  • Man kann aktiv in Alterungsprozesse eingreifen und sie zum großen Teil sogar rückgängig machen.
  • Ein Mensch altert zwar Jahr um Jahr. Aber: Die Alterung läuft zu bestimmten Zeitpunkten in Schüben und dann beschleunigt ab.

Wissenschaftlich spricht man von einer nicht-linearen Alterung.

Forschung: Senile Schlumpf-Fliege färbt sich blau

Eindrücklich wurde das im Jahr 2011 mit der Entdeckung der sogenannten "Schlumpf-Fliege" aufgezeigt. Forschende stellten fest: Die untersuchte Fruchtfliege Drosophila konnte zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben einen ihrer Nahrung beigemengten blauen Farbstoff nicht mehr ausscheiden. Sie nahm ihn stattdessen in ihrem Körper auf und begann sich blau zu verfärben. Wegen dieser blauen Körperfarbe wurde sie in Anlehnung an die Zeichentrickfiguren als Schlumpf-Fliege bezeichnet.

Was die Wissenschaftler anfänglich nicht verstanden, stellte sich im Laufe ihrer Forschungen als altersbedingte Veränderung heraus: Bestimmte Eiweiße im Darm, die für die Undurchlässigkeit der Darmwand sorgen, funktionierten durch Alterungsveränderungen nicht mehr wie ursprünglich. Deshalb konnte der blaue Farbstoff in den Körper der gealterten Fliege gelangen.

Besonders interessant war: Nicht nur die Durchlässigkeit des Darms hatte sich wie auf Knopfdruck verändert. Auch Tausende Gene waren entweder hoch- oder herunterreguliert worden, ihre Expression hatte sich ebenso verändert. Die untersuchte Fruchtfliege Drosophila war in sehr kurzer Zeit wie aus dem Nichts heraus gealtert [1].

Weitere Forschungsarbeiten fanden dieses Phänomen auch bei anderen Lebewesen wie Würmern, Fischen und Mäusen. Die blaue Körperfärbung zeigte prägnant, dass die untersuchten Organismen zu Greisen geworden waren, sich kaum oder gar nicht mehr fortpflanzten, weniger aktiv waren und oftmals nicht mehr lange zu leben hatten. Die sogenannte Schlumpfung erlaubte es den Forschern, die erwachsenen Lebewesen in 2 Kategorien einzuteilen, die "normalen" und die "senilen".

Die in ihrer Expression veränderten Gene wurden dann genauer untersucht, um die Alterung besser zu verstehen. Biochemisch handelte es sich unter anderem um solche Proteine, die für die Herunterregulierung von Entzündungsprozessen, dem Abbau von oxidativem Stress und der Verhinderung von mitochondrialer Dysfunktion verantwortlich waren. Diese Proteine funktionierten in den senil gewordenen Lebewesen nicht mehr so gut.

Das erklärt auch, warum sich beispielsweise Anti-Entzündungs-Nahrungsmittel so positiv auf die Alterung auswirken.

20 Anti-Entzündung-Nahrungsmittel

  • Grüner Tee
  • Gewürznelken
  • Blaubeeren
  • Oregano
  • Pfefferminze
  • Zimt
  • Piment bzw. Pimentöl
  • (Schwarze) Johannisbeeren
  • Thymian
  • Safran
  • Pomegranatäpfel
  • Hagebutten
  • Muskatnuss
  • Brombeeren
  • Walnüsse
  • Preiselbeeren
  • Basilikum
  • Ingwer
  • Kaffeebohne
  • Kurkuma

Wechseljahre, Lesebrille, graue Haare

Diese und weitere Beobachtungen führten zu weitergehenden Forschungen. Diese ergaben: Es existieren 3, möglicherweise sogar 4 Alterungsschübe beim Menschen. Viele von uns haben das sicherlich schon beobachtet.

3 Alltagsbeispiele zeigen exemplarisch, dass es neben einer tagtäglichen und eher als kontinuierlich-linear zu betrachtenden Alterung die sogenannte schubweise und nicht-lineare Alterung gibt:

  • Wechseljahre bzw. Menopause: Mitte bis Ende 40 herum kommen die allermeisten Frauen in die Wechseljahre, eine Zeit hormoneller Umstellungen, an dessen Ende dann die Menopause steht.
  • Notwendigkeit einer Lesebrille: Viele entwickeln um die 40 bis 45 herum eine sogenannte altersbedingte Weitsichtigkeit, medizinisch als Presbyakusis bezeichnet. Auch wenn man sein Leben lang keine Brille brauchte, benötigen viele von uns hiernach im Regelfall eine Lesebrille, um Kleingeschriebenes oder Gedrucktes lesen zu können.
  • Graue Haare: Obwohl die Haare jahrzehntelang ihre natürliche Haarfarbe haben, tritt jener Tag ein, an dem ein Haar zunächst grau und dann weiß wird. Das erste graue Haar tritt bei den meisten oft Anfang 30 auf. Auch hier liegt eine große genetische Variabilität vor. Die Geschwindigkeit und den Zeitpunkt der Ergrauung kann man durch eine Vielzahl an Anti-Aging-Maßnahmen (gerade auch die oben genannten Lebensmittel) beeinflussen.

Wann treten die Alterungsschübe auf?

Als verstanden worden war, dass es diese Alterungsschübe gibt, erwuchs die Frage, wann sie auftreten. Um sie zu beantworten, sind vor allem zwei Untersuchungen von zentraler Bedeutung, beide im renommierten Fachmagazin „Nature Aging“ erschienen.

Die erste Untersuchung stammt aus dem Jahr 2019: Dafür wurde das Blut von mehr als 4250 Personen und insgesamt mehr als 1300 Proteine analysiert [2].

Für die zweite Untersuchung aus dem Jahr 2024 wurden nicht nur Blutproben gesammelt, sondern auch Stuhl-, Hautabstrich-, Mundabstrich- und Nasenabstrichproben. So gewann man mehr als 5400 biologische Proben und es konnten 135.239 biologische Merkmale erfasst werden [3]. Beide Publikationen beinhalteten also enorme Datensätze.

Im Ergebnis zeigte sich: Wir Menschen altern an 4 Zeitpunkten beschleunigt:

  • Der erste Zeitpunkt liegt Anfang bis Mitte 30,
  • der zweite Mitte 40,
  • der dritte Anfang 60 und
  • der vierte Zeitpunkt um Ende 70 herum.

Wie es sich für die Wissenschaft gehört, wird noch viel und rege über eine Vielzahl an Details gestritten. Zum Beispiel, ob die ersten beiden Alterungsschübe in Wahrheit ein und derselbe sind. Oder ob wirklich jeder eine solche beschleunigte Alterung durchlaufen muss. Doch was diese nicht-linearen Alterungsvorgänge so interessant macht, ist die Tatsache, dass ganz bestimmte körperliche Funktionen besonders betroffen scheinen.

In groben Zügen beobachteten die Wissenschaftler Folgendes.

Der 1. Alterungsschub

Der erste Alterungsschub findet zwischen dem 31. und 36. Lebensjahr statt. Hier sind vor allem Proteine betroffen, die für die Regulierung des Gewichts, der Fruchtbarkeit und, zu einem geringeren Teil, der kardiovaskulären Fitness zu tun haben.

Mit anderen Worten: Viele Menschen stellen nach diesem ersten Alterungsschub fest, dass sie nicht mehr so leistungsfähig sind, zur Gewichtszunahme neigen und erste Fruchtbarkeitseinschränkungen aufweisen.

Der 2. Alterungsschub

Alterungsschub 2 tritt etwa zwischen dem 41. und 47. Lebensjahr auf. Er führt vor allem zu Beeinträchtigungen der Haut- und Muskelfunktion sowie der Muskulatur. Man erkennt oftmals gewisse Schwächeerscheinungen im Alltag. Dazu gehört auch die Presbyopia, die mit einem Schwächerwerden der Linsenmuskulatur sowie ein Steiferwerden der Augenlinse einhergeht. Es zeigen sich Hautfalten und andere, oft als altersbedingte Hautproblemen benannte Veränderungen. Bestimmte Lebens- bzw. Genussmittel werden schlechter abgebaut, z.B. Koffein oder Alkohol, sodass Katererscheinungen oder Schlafprobleme nach Alkohol- oder Koffeingenuss häufiger werden.

Der 3. Alterungsschub

Der 3. Alterungsschub zeigt sich um die 60 herum, etwa zwischen dem 57. und 63. Lebensjahr. Es kommt zu einer weiteren Abnahme der kardiovaskulären Leistung, der Muskelkraft und Gewichtshomöostase. Erste Gedächtnisprobleme treten auf, weshalb einige wenige hier schon erste Alzheimeranzeichen wie Vergesslichkeit und Schwierigkeiten, sich in neuer Umgebung zurechtzufinden, entwickeln. Die Haut altert verstärkt, neigt vermehrt zu Trockenheit und Rissbildung, altersbedingte Hautflecken und weiteren Hautfalten.

Der 4. Alterungsschub 

Im 4. Alterungsschub kommt es zur beschleunigten Alterung. Er tritt laut den Wissenschaftlern zwischen dem 75. und 81. Lebensjahr auf. Die beschleunigte Alterung betrifft vor allem kognitive Fähigkeiten, Gedächtnis, Immun- und Herz-Kreislauf-System. Aus diesem Grund kommt es ab dieser Phase gehäuft zu Infektionen auf, kognitiven Einschränkungen, Vergesslichkeit und Herzbeschwerden.

Was folgt nun daraus?

Vermutlich sehnt niemand diese Alterungsschübe herbei, in denen man beschleunigt altert. Und sich danach kränker, älter und anfälliger für eine Reihe von Beschwerden fühlt.

Doch die moderne Medizin, insbesondere die Anti-Aging-Medizin, bietet enorm viel Hoffnung. Unter anderem diese 3 Aspekte:

  1. Das Gros von uns Menschen durchläuft zwar diese 4 Alterungsschübe. Sie treten jedoch nicht bei jedem von uns zwingend auf. Forschende vermuten, dass sie zumindest teilweise durch aktive Anti-Aging-Maßnahmen verhindert werden können.
  2. Hat man einen solchen Alterungsschub durchlaufen, bleibt man im Regelfall 15-20 Jahre stabil auf dem gegenwärtigen Niveau. Es bleibt also eine eine gewisse Vor- und Nachbereitungszeit, vorausgesetzt man betreibt keinen Raubbau an seiner Gesundheit.
  3. Die Alterungsschübe kann man durch eine Vielzahl an Anti-Aging-Maßnahmen nicht nur zum Teil verhindern. Sie lassen sich mit Sicherheit hinauszögern, abmildern und in manchen Fällen sogar rückgängig machen. Auch zu diesem Aspekt wird aktuell sehr viel geforscht.
  1. Zane F, MacMurray C, Guillermain C et al. Ageing as a two-phase process: theoretical framework. Frontiers in Aging 2024; https://doi.org/10.3389/fragi.2024.137835
  2. Lehallier B, Gate D, Schaum N et al. Undulating changes in human plasma proteome profiles across the lifespan. Nature Medicine 2019; https://doi.org/10.1038/s41591-019-0673-2
  3. Shen X, Wang C, Zhou X et al. Nonlinear dynamics of multi-omics profiles during human aging. Nature Aging 2024; https://doi.org/10.1038/s43587-024-00692-2

Dr. med. Peter Niemann arbeitet als Geriater, Internist und Integrativmediziner vor allem in den USA. Der Autor einer Reihe von Gesundheitsratgebern bietet aber auch Beratungen zu Anti-Aging, Anti-Entzündung, Testosteronmangel und vielen anderen Themen an.

www.drpeterniemann.de

peterniemann@hotmail.de