Ernährungs-BlogOrthorexie: Wenn gesunde Ernährung zum Zwang wird

Abnehmende Lebensqualität bei zunehmender Nahrungsmittelqualität: Wenn die Liste der verbotenen Lebensmittel immer umfangreicher und der Genuss beim Essen immer geringer wird.   

Illustration: Frau hält Arme überkreuzt in Abwehrhaltung zu ungesundem Fast Food
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Die extreme Fixierung auf gesunde Ernährung bestimmt bei Orthorektikern u.U. den gesamten Tagesablauf.

Gesund leben, die Ernährung optimieren, die Fitness steigern liegen im Trend. Im Grunde eine positive Entwicklung. Doch wie so oft gibt es eine Kehrseite: Ein Zuviel des Guten. Bezüglich der Ernährung begegnet man in diesem Zusammenhang immer öfter dem Begriff Orthorexie

Gemeint ist ein auffälliges Essverhalten mit extremer Fixierung auf gesunde Nahrung. In Fachkreisen wird das Phänomen als Orthorexia nervosa bezeichnet. Der aus dem Griechischen abgeleitete Begriff bedeutet übersetzt der richtige Appetit.

Hat die Orthorexie Krankheitswert?

Experten sind sich noch uneinig, wie die extreme Fixierung auf gesunde Nahrung medizinisch einzuordnen ist. Derzeit ist die Orthorexie nicht als eigenes Krankheitsbild in den Klassifikationssystemen für Krankheiten (ICD-10, DSM-5) definiert. Sie ist Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und Diskussionen. 

Viele Fragen sind noch offen. Beispielsweise, ob es sich "lediglich" um die Begleiterscheinung eines trendigen Lebensstils handelt. Oder ob das strenge Essverhalten einer Ess- bzw. Zwangsstörung zuzurechnen ist. Ein eigenes definiertes Krankheitsbild wäre denkbar, denn im Gegensatz zu Essstörungen wie Magersucht liegt der Fokus nicht auf dem Zählen von Kalorien.

Bei der Orthorexie geht es um die eigene Gesunderhaltung, um die Aufnahme von Nahrung mit einem hohen ernährungsphysiologischen und gesundheitsförderlichen Wert. Genuss und Vorlieben treten mehr und mehr in den Hintergrund. Das Ernährungsverhalten bewegt sich schrittweise zu einem unflexiblen, zwanghaften Umsetzen selbstgesetzter Regeln.

Bei der Diskussion um orthorektisches Verhalten ist es wichtig genau hinzusehen: Wer generell auf eine gesunde und bewusste Ernährung achtet, kann dies auch völlig zwanglos und entspannt tun. Und die Beschäftigung mit gesundheitsförderlicher Ernährung im Zeitalter der ernährungsbedingten Zivilisationskrankheiten ist durchaus positiv zu sehen. 

Kritisch wird es, wenn die Ernährung massiv und einseitig eingeschränkt wird. Oder wenn der gesunde Lebensstil einen Leidensdruck hervorruft. Gekennzeichnet von Ängsten und merklichen Restriktionen im Alltag. Die Liste der verbotenen Nahrungsmittel wird bei Orthorektikern oft immer länger. Auch der Rückzug aus dem sozialen Umfeld kann ein wichtiger Hinweis auf dieses spezielle Ernährungsverhalten sein.

Verbotene Nahrungsmittel

Orthorektiker sind extrem auf den ausschließlichen Verzehr von qualitativ hochwertigen und gesunden Lebensmitteln fokussiert. Teilweise herrscht unter den Betroffenen eine große Angst davor, durch den Konsum ungesunder Nahrungsmittel zu erkranken. Manche streichen einzelne Nahrungsmittel, andere ganze Nahrungsmittelgruppen wie Milch und Milchprodukte. Auch die Zubereitungsart oder die zeitliche Planung der Mahlzeiten werden zwanghaft durchgeführt. Die Ernährungsregeln sind streng und werden strikt eingehalten.

Welche Lebensmittel gesund oder ungesund sind, wird von den Betroffenen selbst definiert. Es findet ein ausgiebiger Vergleich von Nährstoffen statt, an den sich eine individuelle gesundheitliche Bewertung anschließt.

Verzehrt der Orthorektiker trotz allen Vorkehrungen doch einmal Nahrungsmittel, die nicht den eigenen Ansprüchen genügen, kann sich ein Versagensgefühl breit machen. Ein Gefühl des Kontrollverlusts. Bei Nichteinhaltung kann der Orthorektiker auch dazu neigen, sich selbst zu bestrafen. So kann schleichend eine einseitige Ernährungsweise entstehen – die nicht selten in einer Mangel- oder Fehlernährung mündet. 

Sozialer Rückzug

Zudem ist das Sozialverhalten betroffen. Treffen mit Freunden oder Feiern werden oftmals als Gratwanderung empfunden. Etwa wenn Speisen auf den Tisch kommen, die den Standards eines Orthorektikers nicht gerecht werden. Ein sozialer Rückzug stellt hier eine mögliche Konsequenz dar. Ebenso missionarisches Verhalten gegenüber Freunden und Familie, oder das Gefühl von Überlegenheit gegenüber den "Normalessern".

Insgesamt gesehen nimmt die Ernährung einen großen Raum im Alltag eines Orthorektikers ein. Sie ist ständig präsent. Auch unbewusst. Und wird dadurch zur Belastungsprobe.

Orthorexie - und was nun?

Auch wenn die Orthorexie medizinisch noch nicht definiert ist, kann Betroffenen geholfen werden. Etwa durch das Aufsuchen von Experten wie Psychotherapeuten oder Ernährungsberater. Um diesen Schritt zu gehen, ist es wichtig, dass der Betroffene erkennt, dass er Hilfe benötigt, dass sich etwas im eigenen Ernährungsverhalten negativ entwickelt hat. Eine gewisse Distanz zum eigenen Verhalten sollte also vor Therapiebeginn bereits erfolgt sein.

Gemeinsam wird dann z.B. in einer Gesprächstherapie beleuchtet, welche Ursachen hinter dem Verhalten stecken. Dabei können verschiedenste Faktoren im Spiel sein, z.B. familiäre Probleme, Traumata, Ängste, Leistungsdruck, Mobbing, soziale Medien, Unverträglichkeiten oder Selbstwertprobleme.

Im Fokus der Behandlung liegt u.a. ein entspannter Umgang mit Ernährung. Die selbst auferlegten Tabus in puncto Nahrungsmittel werden nach und nach wieder in den Speiseplan aufgenommen. Dem bewussten Wahrnehmen des Essens wird Raum gegeben. Und den entstehenden Gefühlen dabei mehr Aufmerksamkeit entgegengebracht. 

Eine ausgewogene Ernährung beinhaltet auch die Freude am bewussten Genießen. Ziel ist es, einen natürlichen Umgang mit dem Essen, dem Körper und dem sozialen Umfeld zu entwickeln. Denn sinkt mit steigender Lebensmittelqualität die Lebensqualität, deutet dies nicht auf eine förderliche Entwicklung im Hinblick auf die individuelle Gesundheit hin. Ein Paradoxon: Denn genau das steht ja eigentlich im Fokus der Orthorexie. 

Literatur

Cena H et al. Definition and diagnostic criteria for orthorexia nervosa: a narrative review of the literature. Eating and Weight Disorders. Studies on Anorexia, Bulimia and Obesity 2019; 24: 209–246

Donini LM et al. A consensus document on definition and diagnostic criteria for orthorexia nervosa, Eating and Weight Disorders. Studies on Anorexia, Bulimia and Obesity 2022; 27: 3695-3711

Greville-Harris M et al. Conceptualisations of health in orthorexia nervosa: mixed-methods study. Eating and Weight Disorders. Studies on Anorexia, Bulimia and Obesity 2022; 27: 3135-3143

Roncero M et al. Personality Profile in Orthorexia Nervosa and Healthy Orthorexia. Front Psychol 2021; doi: https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.710604

Yilmaz MN et al. The relationship between orthorexia nervosa, anxiety and self-esteem: A cross-sectional study in Turkish faculty members. BMC Psychology 2022; 10: 82

Johanna Zielinski ist Diplom-Ökotrophologin (Ernährungswissenschaften) und absolviert derzeit eine Weiterbildung im Bereich Psychologie. Journalistische Stationen erfolgten beim WDR sowie einem privaten Radiosender. Sie ist als Ernährungsberaterin sowie als freie Autorin und Sprecherin tätig.