Ernährungs-BlogStatussymbol Ernährung?

Abgrenzung, Selbstoptimierung, Inszenierung: Ernährung ist weit mehr als nur Nahrungsaufnahme. Anders als klassische Statussymbole ist sie auch mit kleinerem Budget umsetzbar.

Buddha bowl, Salat mit Kichererbsen, Tomaten, Broccoli, Süßkartoffeln
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Gesundheitsförderlich, identitätsstiftend, inszenierbar: Essen ist mehr als nur ein Sattmacher.

von Johanna Zielinski

Beim Essen geht es nicht nur um die reine Nahrungsaufnahme. Die Ernährung ist immer mehr mit dem individuellen Lebensstil, den Werten und dem Gefühl einer Gruppenzugehörigkeit verwoben. Längst ist Essen Ausdruck der eigenen Identität.

Was und wie wir essen bedeutet auch Status und Abgrenzung. Die Motive sind vielfältig: der Wunsch nach Aufmerksamkeit, Selbstoptimierung oder nachhaltiger Lebensstil.
Im Mittelalter wurden Speisen nach dem jeweiligen Stand eingeteilt. Je mehr, vielfältiger und farbenfroher aufgetischt wurde, desto höher war das gesellschaftliche Ansehen. Auch heute hängt der Gesundheitsstatus vielfach davon ab, welcher sozialen Schicht man angehört. Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status sind in puncto Gesundheit nach wie vor benachteiligt. Menschen mit höherer Bildung und entsprechenden Einkommen sind oft besser informiert und nehmen mehr Präventionsangebote in Anspruch. Sie wissen, dass ihr Verhalten, ihre Lebensweise und eben auch die Ernährung direkten Einfluss auf die Gesundheit haben.

Ernährung als Lebenseinstellung

Ob wir nun regional einkaufen, der Slow-Food-Bewegung folgen oder uns zu den Gourmets zählen – wie wir uns ernähren sagt etwas über unsere Lebenseinstellung aus. So kehren wohlhabende Menschen dem einst statusträchtigen Fleisch immer öfter den Rücken zu. Auch Nachhaltigkeit liegt im Trend – weil unsere Ernährung eng mit der unseres Planeten zusammenhängt.

Trug man früher den sozialen Status durch Körperfülle vor sich her, zählt inzwischen mehr die Qualität als die Quantität des Essens. Eine gesunde Ausstrahlung ist eng mit sozialer Anerkennung verknüpft. Gemäß dem Motto "mens sana in corpore sano". Erreicht durch eine gelungene Balance aus Fitness, Ernährung, Spiritualität und Gesundheit. Die Ernährung bildet hier eine praktische Stellschraube, denn sie ist leicht anzupassen und abzuwandeln.

Ernährung als Selbstinszenierung

Viele Ernährungstrends lassen sich auch mit kleinerem Budget umsetzen und inszenieren. Etwa durch das Teilen der kulinarischen Genussobjekte in Social Media. Dabei kennt die Freiheit bei der Essenswahl in der Wohlstandsgesellschaft kaum Grenzen. Es werden immer neue Trend-Nahrungsmittel kreiert, passend für den jeweiligen Lebensstil. Und Letzterer dient oftmals als Ausdruck des Selbstwertgefühls und der Identität. Andere klassische Statussymbole wie die Anschaffung von Luxuswagen oder Designerkleidung sind im Gegensatz dazu schwieriger zu verändern. 

Soziale Abgrenzung durch Ernährung

Durch den jeweilige Ernährungsstil, sei er nun vegan, vegetarisch oder paleo etc., kann man sich von der Allgemeinheit abgrenzen. Durch Fotos und Videos wird diese Selbstinszenierung über das Essen z.B. im Internet millionenfach geteilt. In den letzten Jahren entstand sogar eine neue Konsumentengruppe – die „Foodies“. Ihre Anhänger teilen die Begeisterung für das Kochen und Genießen. Sie nehmen an kulinarischen Events teil und posten regelmäßig ihr ästhetisch in Szene gesetztes „food“. Wichtige Faktoren, die unser Ernährungsverhalten prägen, sind u.a. der wiederholte Kontakt, die kulturelle Prägung, das Umfeld und die soziale Situation. Und durch das bewusst gewählte Ernährungsverhalten kann man sich ein Alleinstellungsmerkmal schaffen. 

Stolperfallen 

Manche sehen in der Ernährung eine Art Ersatzreligion – einen Halt in den unüberschaubaren Möglichkeiten der heutigen Zeit. Doch Vorsicht.

Nicht jeder selbsternannte Experte, der auf den Trend aufgesprungen ist, ist auch wirklich Experte. Auch die Ideale, die vermittelt werden, sind nicht generell als gesund einzuschätzen. Es gibt Lifestyleblogger in den Social Media, denen tausende von Menschen blind in Sachen Ernährung vertrauen. Durch Tutorials, Bücher und Empfehlungen schaffen sich die selbsternannten Ernährungsexperten eine treue, emotional gebundene Community. Das kann jedoch auch nach hinten losgehen. So verzichtet so mancher auf Getreide, Zucker oder Öl, um sich mit dem Gesundheitstrend zu identifizieren. Ist jedoch eine nicht wissenschaftlich fundierte Ernährungsweise im Spiel, kann das Ernährungsexperiment zu einer Fehlernährung führen. Im Extremfall zu Essstörungen wie Anorexie oder Bulimie. 

Wann wird es kritisch?

Kritisch wird es, wenn Ernährungs- und Gesundheitsthemen das Leben bestimmen. Wenn der Mensch ausschließlich durch seine Leistungsfähigkeit in diesen Bereichen Wertschätzung und Ansehen erfährt. Hier kommt die Orthorexie ins Spiel − der krankhafte Drang, nur gesunde Nahrungsmittel zu sich zu nehmen. Aber dazu mehr im nächsten Blog.

Literatur

[1] Barlösius E. Soziologie des Essens. Eine sozial- und kulturwissenschaftliche Einführung in die Ernährungsforschung. Juventa; 2011

[2] Feher A, Veha M, Boros HM et al. The Relationship between Online and Offline Information-Seeking Behaviors for Healthy Nutrition. Int J Environ Res Public Health 2021

[3] Freedman P. Essen. Eine Kulturgeschichte des Geschmacks. Primus in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (wbg); 2007 

[4] Koch F, Heuer T, Krems C et al. Meat consumers and non-meat consumers in Germany: a characterisation based on results of the German National Nutrition Survey II. J Nutr Sci 2019

[5] McAUliffe S, Ray S, Fallon E et al. Dietary micronutrients in the wake of COVID-19: an appraisal of evidence with a focus on high-risk groups and preventative healthcare. BMJ Nutr Prev Health 2020

[6] Nagata C et al. Association of dietary fat, vegetables and antioxidant micronutrients with skin ageing in Japanese women. Br J Nutr 2010

[7] Pilgrim K, Bohnet-Joschko S. Selling health and happiness how influencers communicate on Instagram about dieting and exercise: mixed methods research. BMC Public Health 2019

[8] Stiftung Gesundheitswissen. Gesundheitsbericht 2020: Statussymbol Gesundheit. https://www.stiftung-gesundheitswissen.de/sites/default/files/brochure/pdf/SGW-Gesundheitsbericht_2020_Statussymbol%20Gesundheit_0.pdf (abgerufen 13.6.2023)

Johanna Zielinski ist Diplom-Ökotrophologin (Ernährungswissenschaften) und absolviert derzeit eine Weiterbildung im Bereich Psychologie. Journalistische Stationen erfolgten beim WDR sowie einem privaten Radiosender. Sie ist als freie Autorin und Sprecherin tätig.