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Dass Übergewicht und Adipositas gesundheitliche Risikofaktoren sind, ist heute eingehend erforscht und bestätigt. Allerdings zeigt sich auch:
- Untergewicht sowie ein BMI im unteren Normalbereich können mit einem höheren Sterberisiko einhergehen.
- Moderates Übergewicht scheint in manchen Fällen zu schützen.
Schwere Adipositas und Untergewicht als Risikofaktoren
Adipositas kann den Stoffwechsel stören, das Immunsystem schwächen und u.a. zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2 und verschiedenen Krebsarten führen. Untergewicht ist häufig mit Mangelernährung, einem geschwächten Immunsystem und Nährstoffmängeln assoziiert.
Body-Mass-Index: Welcher BMI ist optimal?
Der Body-Mass-Index (BMI) wird häufig zur Einordnung des Körpergewichts in Unter-, Normal- und Übergewicht angewendet. Er ist ein Maß für das Verhältnis von Gewicht zu Körpergröße.
Zur Berechnung wird folgende Formel herangezogen: BMI = Körpergewicht (in kg) : Körpergröße (in m)2
Die Einordnung:
- Normalgewicht: 18,5 bis 24,9 kg/m²
- Untergewicht: unter 18,5 kg/m²
- Übergewicht: 25 bis 29,9 kg/m²
- Adipositas: über 30 kg/m²
Zum optimalen BMI-Bereich bezüglich der niedrigsten Sterblichkeit gibt es widersprüchliche Beobachtungen. Bisher wurde hier der Bereich zwischen 20 - 25 festgelegt. Inzwischen verschiebt sich dieser Bereich in neueren Studien tatsächlich nach oben - meist in den Bereich von 25–30 (Übergewicht). Gründe dafür liegen u.a. an medizinischen Fortschritten (Management von Risikofaktoren) und den Beschränkungen des BMI als einzigen Indikator.
Menschen mit Untergewicht (BMI unter 18,5) besitzen laut Studien ein fast dreifach höheres Risiko, in den folgenden fünf Jahren zu sterben, als Personen im oberen Bereich des Normalgewichts (BMI 22,5 bis 25). Hier scheinen vor allem jüngere Menschen betroffen zu sein. Es wurde auch beobachtet, dass Personen im unteren Normalbereich des BMI (18,5 bis 20) ein höheres Sterberisiko aufweisen als bei leichtem Übergewicht. Im mittleren Bereich (20 bis 22,5) liegt das Risiko noch knapp 30 Prozent höher als bei Menschen mit einem BMI zwischen 22,5 und 25 – also dem oberen Normalbereich des BMI.
Eine überraschende Beobachtung war: Übergewichtige und mäßig adipöse Personen bis zu einem BMI von ca. 34,9 weisen kein signifikant erhöhtes Sterberisiko auf.
Erst ab einem BMI von 35 bis 40 zeigt sich ein erhöhtes Sterberisiko (knapp 25%). Bei Personen mit einem BMI von 40 kg/m² und darüber (schwere Adipositas) wurde ein mehr als doppelt so hohes Sterberisiko (2,1-fach) im Vergleich zum Normbereich festgestellt.
Es sind noch weitere Studien notwendig, um diese Beobachtungen zu bestätigen und die Gründe zu klären.
Kritik am BMI
Der BMI ist nicht der einzige Indikator für das Körpergewicht bzw. den Körperfettanteil. Wichtige Faktoren sind auch die Fettverteilung und die Stoffwechselaktivität.
Viszerales Fett, welches stark stoffwechselaktiv ist und im Bauchraum die Organe umhüllt, wirkt sich negativ auf die Gesundheit aus. Eine Person mit einem BMI von 35 und überschüssigem Bauchfett, kann an Typ-2-Diabetes oder Bluthochdruck leiden, während eine Vergleichsperson mit demselben BMI diese Probleme nicht aufweist, weil sich das überschüssige Fett an Hüften, Po und Oberschenkeln anlagert. Eine individuelle Begutachtung ist also wichtig.
Der BMI trifft zudem keine Aussage über Muskelmasse, Knochendichte oder Fettverteilung. Insbesondere im Alter ist er daher ein umstrittener Indikator für die Mortalität. Wichtige Gesundheitsfaktoren wie z.B. Lebensstil (Ernährung, Bewegung) und Ethnie werden nicht berücksichtigt – zumal er ursprünglich im 19. Jahrhundert auf den Körperbau weißer europäischer Männer standardisiert wurde.
Er ist also ein grobes Screening-Tool für Bevölkerungen, aber meist zu ungenau für die individuelle Bewertung. Präzisere Messmethoden sind also wichtig, um ein genaues Bild zu bekommen (Muskelmasse, Skelettgewicht, Flüssigkeitsansammlungen).
Adipositas-Paradoxon
Inzwischen wird die klassische Annahme infrage gestellt, dass Übergewicht zwingend mit einem höheren Sterberisiko verbunden ist:
- Bei Senioren kann leichtes Übergewicht (BMI 25–29,9) paradoxerweise mit der niedrigsten Sterblichkeit verbunden sein, während Untergewicht (BMI < 22,5) in dieser Altersgruppe problematischer ausfallen kann.
- Im mittleren BMI-Bereich (20 bis 22,5) liegt das Sterberisiko noch knapp 30 Prozent höher als bei Menschen mit einem BMI im oberen Normalbereich zwischen 22,5 und 25.
Gründe dafür sind u.a., dass bei dem oberen Normalbereich (BMI 25) oder leichtem Übergewicht Stoffwechselreserven vorhanden sind. Das kann vor allem im Alter sowie bei chronischen und schweren Erkrankungen hilfreich sein – z.B. Herzschwäche, Krebs- und Nierenerkrankungen. Mehr Fettgewebe scheint hier schützend zu wirken
Auch zeigt sich in Studien ein Vorteil im Stoffwechsel: Hier können die Entzündungswerte bei leicht übergewichtigen Personen unter bestimmten Situationen niedriger sein als bei sehr schlanken, gesunden Personen. Doch diese Beobachtungen bedeuten nicht, dass Adipositas gesundheitsförderlich ist. Denn das Risiko für Folgeerkrankungen wie Diabetes Typ 2 ist erhöht. Das Paradoxon bezieht sich vor allem auf die Gesamtsterblichkeit (Mortalität) in Studien.
Umgekehrte Kausalität
Oftmals sind sehr schlanke Menschen bereits krank, was zu ihrem niedrigen BMI und zu einer höheren Sterblichkeit führt - nicht umgekehrt. Versteckte Erkrankungen wie Krebs oder chronische Leiden können für ein niedriges Gewicht bzw. Gewichtsabnahmen verantwortlich sein – werden aber erst später erkannt. Hier sollte ein höherer BMI nicht fälschlicherweise als schützend eingeordnet werden. Auch Menschen mit einem hohen BMI weisen häufig Begleiterkrankungen auf, was zu einem höheren Sterberisiko führen kann.
Komplexer Zusammenhang zwischen BMI und Sterblichkeit
Insgesamt bleibt der Zusammenhang zwischen BMI und Sterblichkeit also komplex. Wichtig ist:
- Unter- und Mangelernährung müssen ebenso ernst genommen werden wie Übergewicht und Adipositas
- Personen, die sehr schlank sind oder stark an Gewicht verlieren, sollten dies unbedingt ärztlich abklären lassen.
Risiko Untergewicht
Studien zeigen:
- Untergewicht ist ein Risikofaktor für verschiedene chronische Erkrankungen, da es u.a. das Sterberisiko, das Risiko für Osteoporose (verringerte Knochenmineraldichte) und Brüche sowie für Atemwegserkrankungen (verringerte Lungenfunktion, Asthma) und ein geschwächtes Immunsystem (Infekte) erhöht.
- Untergewicht kann auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die traditionell mit Adipositas assoziiert werden, in bestimmten Bevölkerungsgruppen erhöhen z.B. bei Schlaganfallpatienten.
- Untergewichtige können ein bis zu 3-fach höheres Sterberisiko haben als Normalgewichtige. Auch das untere Ende des "Normalgewichts" (BMI 18,5–20) weist ein höheres Risiko auf. Öfters liegt hier eine verborgene Erkrankung vor, Gebrechlichkeit, Muskelabbau oder Nährstoffmängel.
- Bei Personen mit Typ-2-Diabetes ist Untergewicht mit einem deutlich erhöhten Sterberisiko verbunden.
- Schweres Untergewicht (BMI kleiner 18,5) stellt ein größeres Risiko dar als schweres Übergewicht (BMI größer 35).
Fazit
Es ist wenig überraschend, dass extremes Untergewicht und Übergewicht das Sterberisiko erhöhen. Interessant ist jedoch, dass leichtes Übergewicht die Lebenserwartung verlängern kann – vor allem im Alter. Zudem scheinen aktive leicht übergewichtige Personen eine höhere Lebenserwartung zu haben als untrainierte Normalgewichtige. Hier wird noch weiter geforscht.
Diese Beobachtungen bedeuten jedoch nicht, dass Normalgewichtige nun Richtung Übergewicht tendieren sollen. Denn Übergewicht mit einer ungünstigen Fettverteilung kann viele negative gesundheitliche Folgen mit sich bringen.
Generell kommt ein gesundheitsförderlicher Lebensstil dem eigenen Wohlbefinden und der Gesundheit entgegen – neben der Ernährung ist das u.a. auch ausreichend körperliche Aktivität, Entspannung und die soziale Zufriedenheit.
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- Sato R et al. Revisiting the obesity paradox in heart failure: what is the best anthropometric index to gauge obesity? European Heart Journal 2023; DOI: 10.1093/eurheartj/ehad079
Johanna Zielinski

Johanna Zielinski ist Diplom-Ökotrophologin (Ernährungswissenschaften) und absolviert derzeit eine Weiterbildung im Bereich Psychologie. Journalistische Stationen erfolgten beim WDR sowie einem privaten Radiosender. Sie ist als Ernährungsberaterin sowie als freie Autorin und Sprecherin tätig.


