
Vor 1990 war dieses Bündel aus chemischen Verbindungen, die Elektronen abgeben, hauptsächlich für Chemiker und Lebensmittelforscher von Interesse. Heute werden Antioxidantien in Büchern angepriesen. In naturheilkundlichen Apotheken und Mainstream-Magazinen bewirbt man sie als Wundersubstanzen, die Krebs, Herzerkrankungen, Gedächtnisschwund und grauem Star vorbeugen, ja sogar den Alterungsprozess umkehren können. Der Begriff »Antioxidantien« bezieht sich auf folgende Nährstoffe: Vitamin C, Vitamin E, Beta-Carotin und ähnliche Carotinoide, Selen und Mangan, Glutathion, das Coenzym Q10, Liponsäure, Flavonoide, Phenole, Polyphenole, Phytoöstrogene und einige weitere. In Wahrheit enthält unsere Nahrung vermutlich hunderte Antioxidantien.
Antioxidantien wirken gegen freie Radikale
Diese Substanzen schützen uns gegen den unablässigen Ansturm freier Radikale – hoch reaktiver Stoffe, die ständig bei Sauerstoff verbrauchenden Reaktionen entstehen, etwa beim Verbrennen von Fetten und Kohlenhydraten. Freie Radikale gibt es in der Luft, die Sie einatmen, der Nahrung, die Sie aufnehmen, und im Wasser, das Sie trinken. Reichlich vorhanden sind sie in Zigarettenrauch, egal ob Sie ihn selbst produzieren oder den von anderen Rauchern einatmen. Auch das Sonnenlicht erzeugt freie Radikale, wenn es auf Ihre Haut trifft oder Ihnen in die Augen strahlt. Den freien Radikalen fehlen von Natur aus ein oder mehrere Elektronen, und so suchen sie sich diese in nahegelegener DNA, in wichtigen strukturellen oder funktionellen Eiweißen, LDL-Cholesterinpartikeln oder sogar Zellmembranen. Das kann die Funktion dieser Substanzen oder Zellbestandteile auf schleichende Weise ändern oder sie sogar beschädigen. Mit der Zeit summieren sich diese Schäden: Man nimmt an, dass freie Radikale eine Rolle bei Krebs, Herzerkrankungen, Arthritis, grauem Star, Gedächtnisschwund und Altern spielen, um nur einige Gesundheitsprobleme aufzuführen.
Bruce Ames, ein renommierter Molekularbiologe an der University of California in Berkeley hat die Schätzung abgegeben, dass das genetische Material in jeder Zelle des menschlichen Körpers pro Tag etwa 10 000 »oxidative Treff er« abbekommt. Wenn Sie das mit den mehreren Milliarden Zellen in Ihrem Körper multiplizieren und dazu noch die anderen Zellbestandteile, die von freien Radikalen und oxidierenden Stoff en geschädigt werden können, mit einbeziehen, dann bekommen Sie eine Vorstellung von der Größenordnung dieser Attacken.
Antioxidantien stehen allezeit bereit, freie Radikale zu neutralisieren. Sie sind strategisch auf alle Zellen und Gewebe verteilt und geben großzügig, ja sogar aggressiv, Elektronen an die freien Radikale ab, ohne dadurch selbst zu elektronenplündernden Substanzen zu werden. Kein einzelnes Antioxidans kann die Arbeit der gesamten Truppe erledigen. Wenn man hochdosiertes Beta-Carotin oder reichlich Vitamin-E-Tabletten einnimmt, ist das so, als würde man einer einzelnen Violine dabei zuhören, wie sie eine Mozartsinfonie spielt: Man bekommt einen gewissen Eindruck, aber es ist nicht die ganze, großartige Wirkung. Womöglich gibt es für das Ungleichgewicht aus der übertrieben hohen Einnahme eines einzelnen Antioxidans auch noch einen anderen passenden Vergleich: Es ist, als würde man einem Orchester lauschen, bei dem eine Instrumentengruppe mit ohrenbetäubender Lautstärke spielt.
Wirkung auf Hirn und Augen
Während einige Studien aus der Anfangszeit im Großen und Ganzen optimistisch waren, was den Nutzen der Antioxidantien beim Kampf gegen Herzkrankheiten und Krebs betrifft, so hat man in den meisten großen randomisierten kontrollierten Studien zu hochdosierten Supplement-Gaben von Antioxidantien wenig oder gar keine Nutzeffekte erkennen können – in manchen Studien sogar schädliche Folgen. James Watson, der einen Nobelpreis verliehen bekam, weil er bei der Aufdeckung der DNA-Struktur mitgewirkt hatte, hat sogar angedeutet, dass die Einnahme von großen Mengen Antioxidantien aus Nahrungsergänzungsmitteln in Wahrheit zur Entstehung von Krebs beitragen könnte. Freie Radikale helfen bei der Zerstörung von Krebszellen. Wenn man nun aber übertrieben viele Antioxidantien aus künstlichen Kapseln zu sich nimmt, so sein Argument, zerstöre das diese natürliche Antikrebs-Wirkung. Es könne auch Krebsmedikamente daran hindern, Krebszellen zu vernichten.
Zwei Lichtblicke gibt es beim Einsatz von antioxidativen Vitamin-Präparaten dennoch, und zwar auf den Gebieten Augengesundheit und Hirngesundheit. Grauer Star bildet sich aus, wenn sich die klaren Proteine, aus denen die Linse des Auges besteht, aufgrund von Schädigungen durch das Sonnenlicht und durch freie Radikale eintrüben. Das läuft ganz ähnlich wie beim Kochen oder Braten von Eiern – auch hier lässt die Hitze die klaren Proteine im Eiweiß undurchsichtig werden. Unter älteren Menschen ist grauer Star die Hauptursache für Sehprobleme. Mehr als 20 Millionen US-Amerikaner über 40 sind davon betroffen, und in der Altersgruppe 80+ hat sogar mehr als jeder Zweite grauen Star. Jedes Jahr werden in den USA mindestens eine Million Staroperationen ausgeführt, was Kosten von mehr als drei Milliarden US-Dollar verursacht.
In der über sechs Jahre laufenden Studie zu Augenkrankheiten im Alter (AREDS) bot eine Kombination aus Vitamin C, Vitamin E, Beta-Carotin und Zink bei Menschen, die ein hohes Risiko für diese Krankheiten mitbrachten, einen gewissen Schutz vor einer fortgeschrittenen Makula-Degeneration im höheren Lebensalter, aber keinen Schutz vor grauem Star. Lutein, ein in der Natur vorkommendes Carotinoid, das man in grünem Blattgemüse wie Spinat oder Grünkohl findet, und andere Phytonährstoffe könnten ebenfalls die Sehfähigkeit schützen. Eine neue Testreihe innerhalb der AREDS-Studie fügte Lutein und das nahe verwandte Carotinoid Zeaxanthin zu den Ergänzungsstoff en hinzu. Global betrachtet, reduzierten Lutein und Zeaxanthin das Risiko für eine fortgeschrittene Makula-Degeneration ein wenig. Eine deutliche Risikominderung war allerdings bei den Testpersonen zu erkennen, die zu Beginn der Studie einen niedrigen Lutein- und Zeaxanthinspiegel im Blut hatten. Nimmt man die Ergebnisse aus Langzeit-Kohortenstudien hinzu, so gibt es gute Argumente dafür, auf eine angemessene Versorgung mit Lutein aus der Nahrung zu achten. Ohne Zusatz-Präparate kann das aber nur erreicht werden, wenn man täglich grünes Blattgemüse verzehrt. Die Ergebnisse der randomisierten Versuchsreihe aus der Physicians’ Health Study II haben gezeigt, dass ein Beta-Carotin-Supplement, das über mehr als zehn Jahre hinweg eingenommen wurde, dazu beitrug, das Gedächtnis und die Denkfähigkeit intakt zu erhalten.
Auf den Punkt gebracht
Eine Ernährung, die reich an natürlichen Antioxidantien ist – also ein Speisezettel mit viel unverarbeitetem Gemüse, mit Obst, Körnern, Nüssen und anderen Lebensmitteln auf pflanzlicher Basis –, leistet einen Beitrag dazu, Sie vor Herzkrankheiten, Krebs, Demenz, Augenkrankheiten und anderen chronischen Leiden zu schützen. Das ist gegenwärtig der zuverlässigste Weg, um an Antioxidantien zu gelangen – gar nicht erst zu reden von den anderen nutzbringenden Komponenten, die in solchen Nahrungsmitteln stecken. Wenn Sie auf Tabletten aus einem Röhrchen vertrauen, laufen Sie Gefahr, dass Ihnen einige wichtige Nährstoffe entgehen. Abgesehen davon bin ich der Meinung, dass wir auch aufgeschlossen gegenüber anderen Carotinoiden bleiben sollten. Nahrungsergänzungsmittel könnten für viele Menschen (besonders solche, die nicht so viel Obst und Gemüse essen) ein verlässlicherer Weg sein, um gesunde Mengen von Carotinoiden aufzunehmen. Bleiben Sie dran an der Diskussion!




