
SIBO ist die Abkürzung für »Small Intestinal Bacterial Overgrowth«. Auf Deutsch bedeutet das »bakterielle Überwucherung des Dünndarms«. Mindestens 60 Prozent der Reizdarmpatienten leiden zumindest mitursächlich unter einer Dünndarm-Fehlbesiedelung, wahrscheinlich sind es eher bis zu 80 Prozent. Deswegen werden wir diesem Krankheitsbild den größten Teil dieses Buchabschnitts widmen. In Extra-Kapiteln lesen Sie über die teilweise mit SIBO in Verbindung stehenden, teilweise aber auch eigenständig auftretenden Krankheitsbilder (Dickdarm-)Dysbiose, Leaky Gut, Histaminintoleranz und unspezifische Darm-assoziierte Symptome. Die eigentlich im Dickdarm beheimateten Darmbakterien wollen nicht dort unten in den tieferen Darmabschnitten warten, bis unser Körper (am Ende des Dünndarms) mit seiner Verdauung fertig ist. Sie haben verstanden, dass das Essen, das sie genauso wie uns ernährt, immer von oben kommt. Und dass weiter oben tendenziell mehr vorhanden ist. Dass es sich also lohnt, sich auf den Weg zu machen, um weiter nach oben zu kommen, statt ganz unten auf das zu warten, was übrig bleibt. Jeder kennt das von sich selbst: Es ist besser, als einer der Ersten am Büffet zu stehen, als hinterher die übrig gebliebenen Reste essen zu müssen. Aber warum breiten sich die Dickdarmbakterien nicht bei allen Menschen aus und wandern weiter nach oben? Weil unser Körper das normalerweise zu verhindern weiß. Die Bakterien versuchen sehr wohl immer wieder, sich vom Dickdarm in den Dünndarm vorzuarbeiten und sich dort anzusiedeln. Aber sie werden dort immer wieder rausgespült. Dieses Prinzip der Selbstreinigung des Körpers durch Rausspülen oder Auswaschen von Bakterien ist nicht auf den Darm beschränkt, sondern ein generelles Prinzip unserer »Homöostase«, also der Aufrechterhaltung unserer Integrität und unserer körperlichen Unversehrtheit.
Manchmal klappt das aber nicht mit der Reinigung. Dann breiten sich die Bakterien doch aus. Viele Frauen kennen das Problem aus dem Bereich der Harnwege. Auch dort versuchen die im Intimbereich natürlicherweise vorhandenen Bakterien ständig, sich auszudehnen und die Harnröhre hochzuwandern, um in die Blase zu gelangen. Normalerweise werden sie immer wieder zurückgespült. Immer dann, wenn wir zum Pinkeln auf die Toilette gehen. Manchmal aber, z. B., wenn wir zu wenig trinken, gelingt das nicht rechtzeitig. Dann schaffen es die Bakterien doch, bis in die Harnblase vorzudringen, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben, und ein Harnwegsinfekt entsteht. Bei Frauen tritt er viel häufiger auf als bei Männern, weil die weibliche Harnröhre viel kürzer ist. Da haben es Bakterien also viel leichter.
Im Bereich des Darms sind es die ganz normalen Dickdarmbewohner, die sich in Bereiche ausdehnen, wo sie nicht hingehören. Dadurch entsteht zwar keine Infektion, sondern nur eine Fehlbesiedlung. Sie führt aber auch zu Problemen. Bleibt die Frage, warum die Bakterien es bei manchen Menschen schaffen, sich bis in den Dünndarm auszudehnen, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben. Eine Behandlung der SIBO führt im Erfolgsfall bei einem Großteil der Patienten zu einer deutlichen Besserung, oft auch zum Verschwinden ihrer Darm-Beschwerden. Eine zusätzliche Dysbiose im Dickdarm (eine Verschiebung der Bakterienlandschaft im Dickdarm) oder ein Leaky Gut (die gestörte Barrierefunktion der Darmschleimhaut) und auch viele durch übermäßigen Bakterienstoffwechsel mitbedingte Allgemeinsymptome wie ausgeprägter Brainfog nach dem Essen, viele Hautsymptome oder generelle, übermäßig ausgeprägte Erschöpfung werden sich deutlich bessern.
Dr. Pimentel, einer der führenden Forscher im Bereich der bakteriellen Fehlbesiedlung, erklärt das mit einem Bild: Wenn die »Terrorgang« (die sich im Dünndarm festgesetzten Bakterien) verschwindet, wird sich der terrorisierte »Bakterienstaat« im Dickdarm erholen und quasi von selbst die Ordnung wiederherstellen. Insofern gilt: SIBO first!
Exemplarischer Ablaufplan einer SIBO/IMO-Therapie

Deswegen sollte, wie oben beschrieben, zur Abklärung von Reizdarmproblemen immer auch die Abklärung des Vorliegens einer SIBO durch die Durchführung eines Lactulosetests gehören. Ist dort eine SIBO – oder eine IMO – zu sehen, sollte neben einer Verbesserung der körpereigenen Verdauung unbedingt eine spezifische Behandlung dieser Fehlbesiedlung erfolgen.
Das ist die gute Nachricht: Man kann diese bakterielle Überwucherung, diese SIBO, gut behandeln. Manchmal sogar auf Dauer heilen. Okay, eine komplette Heilung durch eine einmalige Therapie gelingt laut aktueller Datenlage in der Regel nur bei etwa 30 Prozent der Patienten. Aber immerhin. Und bei den anderen kann man den Zustand meistens zumindest deutlich verbessern. Manchmal muss man mehrfach therapieren, manchmal noch die eigene Verdauung, fast immer die darmeigene Reinigung verbessern. In schwierigen Fällen findet sich oft eine zugrundeliegende Störung, die den dauerhaften Heilungserfolg verhindert und ggf. auch angegangen werden muss. Aber helfen kann man fast jedem Patienten. Nur ist dieses Wissen noch nicht überall angekommen.
Quelle: Expertenwissen: SIBO & Reizdarm
kcl




