
Es klingt doch eigentlich so einfach: »Iss, wenn du Hunger hast. Hör auf, wenn du satt bist.« Aber was, wenn man nur noch darüber nachdenken kann, was man essen soll und wie man an seine nächste Mahlzeit kommt? Man gibt dem Drang nach, obwohl man eigentlich gar keinen Hunger hat. Danach fühlt man sich deswegen schlecht und isst weiter, um sich zu trösten. Ein Teufelskreis, der einen neuen Namen hat: »Food Noise«, auf Deutsch »Essenslärm«.
Das erste Mal tauchte der Begriff Food Noise im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen und medialen Siegeszug der »Abnehmspritze« auf. Dahinter verbergen sich Medikamente zur Gewichtsabnahme, sogenannte »GLP-1-Analoga«, die ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt wurden, aber nun auch zur Gewichtsreduktion bei übergewichtigen und adipösen Menschen eingesetzt werden. Die Präparate stehen als Injektions-Pen zur Verfügung und werden unter die Haut in Bauch, Oberschenkel oder Oberarm gespritzt. Sie ahmen ein körpereigenes Hormon nach, das unser Sättigungsgefühl und unsere Appetitkontrolle beeinflusst. Erinnern wir uns kurz an unser Hormonbüro: GLP-1 macht uns satt, indem es die Magenentleerung verlangsamt und die Insulinproduktion anregt. Studien aus den USA beschreiben ein deutlich vermindertes »Food-Noise-Geschehen« bei Patienten, die solche Medikamente zur Gewichtsabnahme nutzen. Und wir reden hier nicht von dem Wasser, das uns im Mund zusammenläuft, wenn wir an unser Lieblingsessen denken, oder von der Vorfreude, wenn der Pizzalieferant klingelt.
Food-Noise-Gedanken
Einige Beispiele für das, was die Betroffenen als »Essenslärm« bezeichnen, sind ein permanentes Nachdenken über Essen, intensivste Appetitgefühle und das ständige Spekulieren über die nächste Mahlzeit, die sie zu sich nehmen können, meist sogar dann, wenn sie nicht einmal die aktuelle Mahlzeit fertig gegessen haben. Dabei treten diese Gedanken nicht nur als gelegentliches Hintergrundrauschen auf, sondern stellen vielmehr eine dauerhafte, quälende Belastung für den Betroffenen dar. Diese Zwangsgedanken können den Schlaf beeinträchtigen, Schuld- und Schamgefühle sowie Angst auslösen. Sie können Beziehungen beeinträchtigen und zum Rückzug aus dem Sozialleben führen. In manchen Fällen hindern diese Gedanken Betroffene daran, im Alltag zu funktionieren. Hält der Lärm Tag und Nacht an, ganz gleich, ob man Hunger hat oder nicht, läuft man Gefahr, etwas zu tun, um ihn verstummen zu lassen – und das ist Essen. Diese Art des Grübelns und der zwanghaften Beschäftigung mit dem Essen wurde kürzlich als »nahrungsmittelbedingte aufdringliche Gedanken (auf Englisch »food-related intrusive thoughts« oder auch »FRITs«) bezeichnet, von denen man annimmt, dass sie von Menschen mit und ohne klinisch diagnostizierte Essstörungen gleichermaßen erlebt werden, insbesondere aber dann, wenn sie mit ihrem Körpergewicht oder ihrem Körperbild zu kämpfen haben. Emotionen verändern unser Essverhalten, unser Essverhalten verändert unsere Emotionen – ein Teufelskreis.
Im alten Griechenland hielt man Emotionen für Störenfriede, sozusagen für Fehler des Verstandes. Selbst Hippokrates beschrieb Emotionen als körperliche Störung, als Nebenwirkung einer Krankheit, die den Menschen schwächt. Emotionen werden unterdrückt, bekämpft, heruntergeschluckt oder in sich hineingefressen.
Unser Belohnungssystem im Gehirn
Noch gilt Food Noise nicht als klinische Diagnose oder als eigenständige Erkrankung, sondern wird vielmehr als Essstörung oder Zwangsstörung diskutiert. Ernährungspsychologen meinen den Ursprung dieses Phänomens nicht etwa in mangelnder Willenskraft zu finden, sondern in unserem Belohnungssystem, wissenschaftlich bezeichnet als limbisches System, dem Teil des Gehirns, in dem Wünsche, Triebe und Gefühle entstehen. Bei der Nahrungsaufnahme und bei anderen angenehmen Erfahrungen wird ein Hormon namens Dopamin freisetzt. Dieser Belohnungsmechanismus verstärkt das Verlangen nach Nahrung, insbesondere nach solcher, die geschmacksintensiv und hochkalorisch ist, also viel Zucker und Fett enthält. Rund 80 % unseres Essverhaltens sei von dieser unbewusst arbeitenden Region bestimmt. Und nicht von der Vernunft.
Mit dem Essen prasseln zahlreiche Sinneseindrücke auf uns ein. All diese Informationen lösen in verschiedenen Arealen unseres Gehirns Aktivitäten aus. Im Klartext heißt das: Unser Gehirn ist sehr geschickt darin, uns die Lebensmittel und Getränke schmackhaft zu machen, die wir sehen, riechen und hören, wie z. B. das Geräusch von brutzelndem Speck. Diese Reize werden von uns häufig als Heißhunger auf bestimmte Nahrungsmittel erlebt, als intensives Verlangen oder Drang zum unmittelbaren Verzehr. Welche Speisen und Getränke uns attraktiv erscheinen, hängt allerdings häufig auch vom Kontext ab, von der Kultur, in der wir leben, von unserem sozialen Umfeld und von unserem emotionalen Gedächtnis. Niemand käme zum Beispiel bei einem Besuch im Freibad auf die Idee, Weihnachtslebkuchen zu naschen. Scheint die Sonne, steigt das Verlangen nach Eiscreme. Gehen wir ins Kino, kaufen wir uns Popcorn, weil es »einfach sein muss«. Nahrungsmittel können intensive Gefühle in uns auslösen. Aus evolutionärer Sicht haben solche Mechanismen zum Überleben unserer Spezies in Zeiten der Knappheit beigetragen, waren also durchaus nützlich, sogar lebensnotwendig. In der Steinzeit mussten Menschen ständig Hungerzeiten überbrücken. Ließen es die Ressourcen zu, schlugen sie sich die Bäuche voll. In der heutigen Gesellschaft wird ein Großteil der Menschen ständig mit Gelegenheiten zum Konsum konfrontiert. So sind digitale und soziale Medienplattformen speziell darauf ausgelegt, Aufmerksamkeit zu erregen und ein starkes Verlangen auszulösen.
Leide ich womöglich unter Food Noise?
In welchen Aussagen finde ich mich wieder?
- Ich denke den ganzen Tag permanent an Essen.
- Ich denke den ganzen Tag ungewollt an Essen.
- Ich kann meine Gedanken an Essen nicht kontrollieren.
- Ich denke immer an Essen, auch, wenn ich nicht hungrig bin.
- Ich verbringe zu viel Zeit damit, an Essen zu denken.
- Meine Gedanken an Essen wirken sich negativ auf meinen Alltag aus.
- Meine Gedanken an Essen halten mich davon ab, andere Dinge zu tun.
- Ich fühle mich vom Essen abhängig.
Essen und Emotionen sind untrennbar miteinander verknüpft. Das Feld des emotionalen Essverhaltens gilt nach wie vor als unterdiagnostiziert, auch im Rahmen der Betreuung vor und nach einer bariatrischen Operation. Dabei erschwert es die dringend notwendigen Veränderungen des Essverhaltens erheblich. Nach der Operation wird von den Betroffenen gefordert, sich an die neuen Lebensumstände anzupassen. Das kann schnell überfordernd oder sogar beängstigend sein. Ganz im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe haben wir im Verlauf unseres Buches kleine Trainingsprogramme zusammengestellt. Diese sollen Ihnen Tipps und Werkzeuge mit an die Hand geben, um mit geringem zeitlichem Aufwand die Kontrolle über Ihr Essverhalten zurückzugewinnen. Wir als Ernährungstherapeutinnen kommen nicht selten an unsere fachlichen Grenzen. Während unserer intensiven Zusammenarbeit mit unseren Patient*innen kommen wir unweigerlich mit sehr emotionalen Themen wie Krisen, Verlust und Leid in Berührung. Sollten Sie das Gefühl haben, von Ihren Sorgen und Emotionen überrannt zu werden, so möchten wir Sie ausdrücklich dazu ermutigen, sich zusätzliche Unterstützung ins Boot zu holen.
Checkliste zum emotionalen Essen
Finden Sie sich in diesen Aussagen wieder?
- Ich esse, wenn ich traurig bin.
- Ich esse, wenn ich schlecht geschlafen habe.
- Ich esse, wenn ich Stress habe.
- Ich esse, wenn ich mich beruhigen will.
- Ich esse, wenn ich mich belohnen möchte.
- Ich esse, wenn mir langweilig ist.
- Ich esse, obwohl ich keinen Hunger habe.
- Ich esse, obwohl ich längst satt bin.
- Ich esse, um mich abzulenken.
- Ich esse, um mich danach besser zu fühlen.
- Das Einzige, was mich tröstet, ist Essen.
Selbsttest: Bin ich ein emotionaler Esser?
Ist es schwierig für Sie, mit dem Verzehr von süßen und kalorienhaltigen Lebensmitteln (z. B. Schokolade) aufzuhören?
□ nie □ manchmal □ üblicherweise □ immer
Haben Sie Probleme, die Verzehrsmenge bestimmter Nahrungsmittel zu kontrollieren?
□ nie □ manchmal □ üblicherweise □ immer
Essen Sie, wenn Sie gestresst, wütend oder gelangweilt sind?
□ nie □ manchmal □ üblicherweise □ immer
Essen Sie weniger kontrolliert, wenn Sie allein sind?
□ nie □ manchmal □ üblicherweise □ immer
Haben Sie Schuldgefühle, wenn Sie »verbotene Nahrungsmittel« essen (z. B. Süßigkeiten)?
□ nie □ manchmal □ üblicherweise □ immer
Essen Sie weniger kontrolliert, wenn Sie müde und erschöpft sind (z. B. nach der Arbeit)?
□ nie □ manchmal □ üblicherweise □ immer
Wenn Sie sich trotz Diät »überessen«, geben Sie diese dann sofort auf?
□ nie □ manchmal □ üblicherweise □ immer
Wie oft haben Sie das Gefühl, dass das Essen Sie kontrolliert, und nicht andersherum?
□ nie □ manchmal □ üblicherweise □ immer
Essen Sie heimlich?
□ nie □ manchmal □ üblicherweise □ immer
Ist es Ihnen unangenehm, in Gesellschaft zu essen, weil Sie sich beobachtet fühlen?
□ nie □ manchmal □ üblicherweise □ immer
Wie häufig belohnen Sie sich mit Essen?
□ nie □ manchmal □ üblicherweise □ immer
Auswertung
Wenn Sie bei vielen Fragen mit »immer« oder »üblicherweise« geantwortet haben, kann das darauf hinweisen, dass Essen für Sie auch eine Möglichkeit darstellt, mit belastenden Gefühlen wie Trauer, Stress oder Überforderung umzugehen. Diese Auswertung dient nicht der Bewertung oder Diagnostik, sondern soll Ihnen dabei helfen, eigene Muster besser wahrzunehmen. Emotionales Essen kann ein Zeichen dafür sein, dass Bedürfnisse wie Ruhe und Entlastung in unserem Alltag zu kurz kommen. Vielleicht kennen Sie bereits Situationen, in denen Ihnen Essen kurzfristig Halt gibt. Dieses Wissen kann Ihnen dabei helfen, über alternative, unterstützende Wege im Umgang mit Ihren Gefühlen nachzudenken.
Quelle: Nach der Adipositas-OP
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