
Beatrice Trebuth hat gemeinsam mit ihrer Tochter Franziska Trebuth das Handbuch TCM-Ernährung geschrieben. Im Interview erklärt sie, warum die TCM-Ernährung so hilfreich sein kann, vor allem bei Beschwerden, die noch keinen Krankheitswert haben.
Sie praktizieren seit 35 Jahren TCM. Was begeistert Sie daran?
Mein Weg begann in meiner Tai-Chi-Ausbildung, mit Mitte 20. Ich war fasziniert von dieser Einheit von Körper und Geist. Man bewegt sich in der Meditation und schaltet sozusagen das Außen ab. Schon damals haben mich die chinesische Medizin und besonders die TCM-Ernährung interessiert mit ihrem tieferen Wissen darüber, wie Nahrungsmittel wirken. Mein Fokus lag und liegt immer noch darauf, unser Ernährungswissen mit dem der chinesischen Medizin zu ergänzen. Weil es ein Medizinsystem ist, das nicht nur die Einzelteile betrachtet. Die TCM-Ernährung betrachtet alles, was in Nahrungsmitteln enthalten ist: ihre speziellen Eigenschaften, Energien, Nährstoffe und wie sich damit das Befinden und Krankheiten beeinflussen lassen.
Was ist das Besondere an der TCM-Ernährung?
Die TCM-Ernährung ist Nahrung für das Lebendige in uns. Sie nährt unsere Mitte, aus der wir Energie und Lebenskraft ziehen. In der chinesischen Medizin geht es immer um die Harmonie zwischen Yin und Yang. Auf der einen Seite haben wir den Yang-Anteil - Qi und Wärme, auf der anderen den Yin-Anteil - Blut, Säfte und Substanzen in uns. Diese beiden dynamischen Pole sind im gesunden Zustand in Balance. Beschwerden und Krankheiten entstehen aus einem Ungleichgewicht. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn man ständig friert, dann ist das Yang zu schwach. Oder man ist träge, dann hat das Yin überhandgenommen.
Welche Eigenschaften können Nahrungsmittel haben?
Jedes Nahrungsmittel hat einen eigenen Geschmack. Der Geschmack von sauer, bitter, süß, scharf und salzig ist jeweils einer Wandlungsphase (Element) zugeordnet und entfaltet dort eine spezifische Wirkung im Körper und dem zugeordneten Organ. Deswegen wird die TCM-Ernährung auch Fünf-Elemente-Ernährung genannt. Neben dem Geschmack haben Nahrungsmittel auch die Eigenschaft, eine thermische Wirkung im Körper auszulösen. Mit diesem Wissen hebt sich die TCM-Ernährung von allen Ernährungsformen ab. Ein Nahrungsmittel kann wärmen (aktivieren) oder kühlen (beruhigen). Nur kalt zu essen (z.B. Salate, Milchprodukte, Brot, Käse) wirkt schwächend auf unsere so wichtige innere Wärme.
Was unterscheidet die TCM-Ernährung von anderen gesunden Ernährungsformen wie der mediterranen Ernährung oder der Nordic Diet?
Diese beiden Ernährungsformen sind natürlich gesund. Hinter der TCM-Ernährung steht jedoch zusätzlich das Wissen, welche Aspekte ich in der Ernährung betonen muss, damit es mir gut geht. Dazu gehört die Kenntnis, wie die einzelnen Nahrungsmittel wirken, z.B. durch Thermik und Geschmack.
Manche Menschen müssen drei- bis fünfmal am Tag warm kochen, um das Yang zu stärken. Andere können mediterran essen und Salate dazunehmen, die eine erfrischende Thermik haben, weil sie ein starkes Yang haben.
Dieses Wissen erlaubt es, die Ernährung sehr individuell anzupassen. Das ist vor allem in Krankheitsfällen sehr wichtig, um Yin und Yang wieder in Harmonie zu bringen.
Beatrice Trebuth

Beatrice Trebuth schlug schon als junge Frau nach ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin und Heilpraktikerin geradlinig den Weg der TCM ein. Sie absolvierte mehrjährige Ausbildungen in Akupunktur und Kräutermedizin in China und Deutschland. Seit vielen Jahren leitet sie Diätetik-Ausbildungen und behandelt in ihrer Praxis mit Ernährung, Akupunktur und Kräutermedizin.
Sie gilt zusammen mit ihrer jahrzehntelangen Wegbegleiterin Barbara Temelie als eine der beiden Pionierinnen der Fünf-Elemente-Ernährung im deutschsprachigen Raum. Ihre gemeinsamen Bücher gelten bis heute als Klassiker.
Machen wir es konkret: Wie sollte man sich bei Sodbrennen ernähren?
Bei Sodbrennen geht die chinesische Medizin davon aus, dass die Bewegung des Magens nach oben geht und Magensäure mitnimmt. Das spüren wir als Reflux oder Sodbrennen. Damit steigt auch die Magen-Energie nach oben.
In der TCM-Ernährung werden dann Lebensmittel verwendet, die die Bewegung des Magens wieder nach unten bringen. Dazu gehören solche mit bitterem, salzigem und saurem Geschmack, zum Beispiel Artischocke, Sojasoße und Joghurt.
Aus TCM-Sicht ist bei Sodbrennen nicht ein Zuviel oder Zuwenig an Magensäure ursächlich, sondern die Bewegungsrichtung des Magens. Die geeigneten Lebensmittel regeln diese wieder nach unten.
Welche Nahrungsmittel empfehlen Sie bei Sodbrennen?
Besonders geeignet sind bittere Lebensmittel wie Chicorée, Grapefruitsaft, Rucola, Radicchio oder auch saurer Joghurt, Brottrunk und einen Spritzer Zitrone zum Essen dazuzugeben.
Gibt es Beschwerden, bei denen Sie besonders gute Erfahrungen mit der TCM-Ernährung haben?
Ja, bei allen Bauchbeschwerden. Störungen wie Blähbauch, Bauchschmerzen, Unwohlsein, Müdigkeit nach dem Essen oder überhaupt Müdigkeit, sind sehr weit verbreitet. In diesem Bereich ist die TCM-Ernährung nach meiner Erfahrung ausgesprochen hilfreich.
Welche Kriterien sollte eine sinnvolle Ernährung überhaupt erfüllen?
Eine sinnvolle Ernährung ist individuell für mich passend. Sie sollte mich so stärken, dass ich mich nach dem Essen gut, fit und gewärmt fühle. Bin ich nach dem Essen müde, habe Blähungen oder Bauchschmerzen weist das darauf hin, dass das Essen für mich nicht geeignet war.
In der chinesischen Medizin ist das Ziel, nur noch das zu essen, was einem gut tut, und alles andere wegzulassen.
Benötigt man umfangreiches Vorwissen, um die TCM-Ernährung umzusetzen?
Überhaupt nicht. Die TCM-Ernährung ist einfach und auch im Alltag praktikabel.
Ich habe Patienten, die unsere Rezepte hoch und runter kochen und merken, dass es ihnen guttut. Sie tun es einfach.
Und funktioniert sie auch mit heimischen Zutaten?
Ja, ausschließlich. Alle Rezepte von uns sind aus heimischen Zutaten, man braucht nichts Kompliziertes.
Welche Rolle spielt in Ihrer Praxis die konventionelle Medizin?
Ich arbeite komplementär zur Schulmedizin. Wenn sich ein Patient beispielsweise nach TCM-Kriterien ernährt und dadurch die schulmedizinische Therapie effektiver wird, ist das doch das beste Ergebnis.
Welchen Stellenwert hat die TCM-Ernährung in der Therapie in ihrer Praxis?
Ich praktiziere chinesische Kräuterheilkunde, Akupunktur, Qi-Gong, Tai-Chi und die TCM-Ernährung.
In der Therapie schaue ich zunächst, ob es sich um Befindlichkeiten handelt, also keine organische oder andere Ursache vorliegt und noch keine manifeste Erkrankung. Das kann zum Beispiel bei Bauchschmerzen oder Reizdarm oder Kopfschmerzen der Fall sein. Dann ist die Ernährung die erste Wahl in meiner Praxis. Der Patient kann sie gut zu Hause umsetzen und in vielen Fällen können die Beschwerden damit behoben werden.
Reicht das nicht aus, behandle ich im nächsten Schritt mit Akupunktur. Damit greifen wir stärker ein, um die Energie ins Fließen zu bringen, abzusenken oder Harmonie zu erreichen.
Die chinesische Kräutermedizin wende ich dann als dritte Stufe an, wenn TCM-Ernährung und Akupunktur nicht ausgereicht haben. Aber der erste Schritt ist für mich immer die Ernährung.
Wenn Sie ein Fazit ziehen, was macht die TCM-Ernährung so besonders?
Mit der TCM-Ernährung können wir unsere heimischen Nahrungsmittel durch das umfangreiche Wissen der TCM ergänzen. Und wir können so unsere Lebens- oder Heilkraft in Balance bringen, um gesund zu bleiben oder zu werden.
Natürlich ist die Ernährung nicht das Einzige, was uns gesund erhält. Dazu gehört auch, wie wir mit Emotionen und Stress umgehen, wie wir denken und fühlen, wie wir im Leben stehen.
Aber durch das Kochen tun wir uns selbst etwas Gutes, wir stärken unsere Mitte, wir zentrieren uns. Das hilft auch dem Geist und der Psyche.
Das Gespräch führte Anke Niklas.




