Ungewollte KinderlosigkeitTCM bei unerfülltem Kinderwunsch

Die therapeutischen Optionen der TCM können Infertilität positiv beeinflussen. Ein exemplarischer Fall aus der Praxis zeigt die möglichen Erfolge.

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Akupunkturnadeln auf einem Lava-Stein
Sonja Birkelbach/stock.adobe.com
Es können sowohl Ohr- als auch Körperakupunktur eingesetzt werden.

Für Paare können ein unerfüllter Kinderwunsch bzw. eine ungewollte Kinderlosigkeit trotz regelmäßiger Kohabitation ohne kontrazeptiven Schutz zu einer das Leben überschattenden Krise führen: Die Lebensplanung und persönliche Lebensperspektiven erscheinen plötzlich nicht mehr realisierbar. Grundsätzlich ist der Einsatz reproduktionsmedizinischer Therapien möglich, birgt aber weitgreifende psychische und physische Belastungen. In solchen Situationen mit steigendem Erwartungsdruck können sich Depressionen und Versagensängste bilden, die oftmals durch das persönliche Umfeld meist noch aggraviert werden. Letztlich beeinträchtigt diese Konstellation im soziokulturellen Kontext die Paarbeziehung, was eine weitere Minderung der Reproduktivität nach sich zieht. Die TCM kann den vegetativen sowie neurohumoralen Funktionsstatus beeinflussen und stellt daher eine attraktive Ergänzung zur Schulmedizin dar. Die nachstehende Fallvorstellung zeigt die Interventionsmöglichkeit mittels Akupunktur bei unerfülltem Kinderwunsch.

Anamnese und Befund

Zur Behandlung kam eine 36-jährige ansonsten gesunde Frau (Nulligravida, Nullipara) mit Kinderwunsch. Ihr 35-jähriger Mann sei ebenfalls gesund und von einem Arzt für Männergesundheit vollständig untersucht worden ohne pathologische Befunde. Bisher hätten Beruf und Karriere an erster Stelle gestanden, nun würde sich ihre Perspektive allerdings verändern. Sie wolle nach einer möglichen Geburt schnellstmöglich ihre Arbeit wieder aufnehmen. Aktuell befänden sich beide im Homeoffice aufgrund der Corona-Pandemie. Das käme dem Kinderwunsch sehr entgegen, weil beide viel Zeit miteinander verbringen könnten.

Ihre Menarche habe sie mit 11 Jahren gehabt, seit dem 14. Lebensjahr sei beinahe durchgehend die Einnahme hormonhaltiger Kontrazeptiva erfolgt. Der aktuelle Hormonstatus sowie die gynäkologischen Untersuchungen seien immer unauffällig gewesen. Sie befände sich seit 9 Jahren in einer festen Beziehung, habe 7 Jahre zuvor geheiratet und dann vor 4 Jahren bei einvernehmlichem Kinderwunsch das Kontrazeptivum abgesetzt. Seitdem sei der Zyklus sehr unregelmäßig (21–34 Tage), sie habe etwa 2–3 Tage starke Blutungen, gefolgt von Schmierblutungen über eine wechselnde Anzahl von Tagen. Vor Beginn der Blutungen träten eine Obstipation sowie eine Mastodynie beidseits auf. Den Zeitpunkt des Eisprungs könne sie ziemlich genau benennen, da sie dann unter einem schmerzhaften Ziehen im Unterleib leiden würde. Auch sei sie sehr reizbar und angespannt. Zudem bestünden während der Menstruation stärkste, kolikartige Schmerzen mit einer Intensität von 9 auf der Numerischen Rating-Skala (NRS; 0=kein Schmerz, 10=stärkster vorstellbarer Schmerz). Lindernde oder aggravierende Faktoren konnten trotz dezidierter Nachfrage nicht benannt werden. Sie habe schon immer Probleme mit ihrer Verdauung gehabt: Blähungen, Durchfall, Völlegefühl seien bis auf die kurz vor der Menstruation auftretende Obstipation an der Tagesordnung. Es ließen sich Ein- und Durchschlafstörungen bei massiver Erschöpfung und innerer Unruhe eruieren. Diese seien seit einer In-vitro-Fertilisation (IVF) insgesamt progredient.

Der Puls war zum Untersuchungszeitpunkt tief und schwach, die Zunge eher blass mit Zahneindrücken.

Der Gynäkologe habe der betroffenen Patientin empfohlen, ihre oralen Kontrazeptiva angesichts des unregelmäßigen Zyklus und der unregelmäßigen Eisprünge – wie er an der Basaltemperatur erkennen konnte – wieder einzunehmen. Zudem riet er ihr, einen 2. Versuch einer IVF zu wagen, da diese ab dem 40. Lebensjahr nicht mehr von den Krankenkassen übernommen werden würde.

Die Patientin wünschte die additive Behandlung mit einer „sanften“ Methode, die regulativ die Selbstheilungskräfte des Körpers fördere.

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TCM

Eine Konzeption kann laut TCM nur dann stattfinden, wenn sich ausreichend Energie im Wasser-Element (Funktionskreis Niere/Blase) findet, zu dem der Uterus (chin.: Palast des Kindes), die Ovarien und die Nebennieren zählen. In den Nieren wird Jing gespeichert. Bei dem Bedarf einer assistierten Reproduktion bzw. einem unerfüllten Kinderwunsch handelt es sich primär um einen Jing-, Xue- und Qi-Mangel, sodass der Uterus durch pathogene Faktoren (Kälte, Schleim, Blut-Stagnation) angegriffen wird. Dieser kann v. a. über die Ernährung kompensiert werden.

Chinesische Pathologien umfassen:

  • Nieren-Jing-Mangel (zuständig für Fruchtbarkeit und Fortpflanzung)
  • Leber-Jing-Mangel (zuständig für das Gleichgewicht zwischen Anspannung und Entspannung)

Allerdings müssen auch folgende Faktoren-Mängel berücksichtigt werden:

  • Milz-Jing-Mangel (zuständig für den Stoffwechsel)
  • Lungen-Jing-Mangel (zuständig für Kraft und Vitalität)
  • Herz-Jing-Mangel (zuständig für Wärme, Seele und Belebung)

Vor allem die „Mitte“ spielt eine zentrale Rolle. Der zuständige Funktionskreis heißt in der chinesischen Medizin Milz/Magen oder auch nur Mitte. Seine Funktion ist, die Essenz der Nahrung in Blut, Qi und Säfte umzuwandeln und im ganzen Körper zu verteilen, damit dieser genährt wird. Alles, was der Mensch von außen aufnimmt (Nahrung und Informationen), aber auch das, was er schon in seinem Körper gelagert hat, muss über die Milz- und Magen-Leitbahn aufgenommen, verarbeitet, verteilt, gespeichert oder ausgeschieden werden.

Die Mitte hält alle Organe zusammen. Sie ist der nährende, ruhende Pol des Körpers und wird der Wandlungsphase Erde zugeordnet. Diese ist sehr aufnahmefähig und durchlässig und darf weder ausgetrocknet noch nass sein – übersetzt in die westliche Medizin bedeutet dies, dass bei einer Störung der Mitte Symptome wie Grübeln, Schwellungen, Schweregefühl, Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Schwäche, Verdauungsstörungen und Verschleimungen zu erwarten sind. Diese können zu einer erhöhten Anfälligkeit für Störungen und pathogene Faktoren führen. Eine starke Mitte entspricht einem gut funktionierenden Verdauungssystem in der Schulmedizin.

Akupunktur

Es können sowohl die Ohr- als auch die Körperakupunktur eingesetzt werden. Dabei sollte die zugrunde liegende Pathologie nach chinesischen Kriterien beachtet werden. Bei Schwächezuständen sollte eine Moxibustion der Körperpunkte erwogen werden.

Ohrpunkte
  • Endokrinium, Gestagenpunkt, Gonadotropinpunkt, Hypophyse/Hypothalamus: hormonell regulierend
  • Niere, Milz: Stärkung des Jing
  • Omega-Punkte, Shen-Men: psychisch ausgleichend
  • Ovar, Uterus: Organbezug
Körperpunkte
  • Di 4: reguliert Qi-Fluss, Ursprungs-Qi-Punkt; cave: möglicherweise wehenauslösend
  • Ma 25: reguliert Auf- und Absteigen des Qi
  • Ma 29: wirkt regulierend auf Uterus und Ovar, bewegt Qi, reguliert den Monatsfluss
  • Ma 36: bei Schwäche und Erschöpfung, stärkt Element Erde, reguliert Qi, entstaut Leitbahn und Netzgefäße; häufig mit Di 4 zur allgemeinen Stärkung
  • Mi 6: Fernpunkt für das kleine Becken, stärkt Milz, mobilisiert und leitet Feuchtigkeit aus, reguliert Yin, Blut, Leber und Niere; zusammen mit Di 4 Verbesserung des Blutflusses in der A. umbilicalis
  • Mi 8: wirkt auf Blut und Blutbildung, stärkt Milz, treibt Feuchtigkeit aus, reguliert den Monatsfluss; häufig Kombination mit Le 3 zur Beruhigung der Endometriumaktivität
  • Mi 10: stärkt Element Erde, fördert die Durchblutung, reguliert den Monatsfluss, treibt Feuchtigkeit aus
  • Bl 18: Rücken-Shu-Punkt der Leber
  • Bl 23: Rücken-Shu-Punkt der Niere, beseitigt Regelanomalien, mobilisiert Wasser und leitet es aus
  • Bl28: Rücken-Shu-Punkt der Blase, mobilisiert Feuchtigkeit, entstaut die Leitbahn und ihre Netzgefäße
  • Ni 3: füllt Niere auf, besänftigt Leber, lässt Yang sinken, macht die Netzgefäße durchgängig
  • Pe 6: beruhigt den Geist, stärkt Milz, harmonisiert die Mitte, entstaut die Leitbahn und die Netzgefäße; häufig Kombination mit Le 3 zur Wirkungsverstärkung
  • Le 3: bewegt Qi, stoppt Blutungen, besänftigt Leber, ordnet Qi, stärkt Milz, wandelt Feuchtigkeit, beseitigt Regelanomalien
  • LG 20: beruhigte Psyche, öffnet die Sinne, durch den Verlauf der Leitbahn Entspannung des Beckenbodens, senkt Aufsteigendes Leber-Yang
  • KG 4: kräftigt Körper und Gesundheit, v. a. bei gynäkologischen Störungen
Moxibustion
  • Dantian
  • Ma 36
Zentrale Mastoidsomatotopie
  • Funktionskreise Hepatikus, Lienalis, Renalis
  • limbisches System
  • P-Punkt
  • Rs-Punkt

Ernährung

Die Ernährung wird in der TCM als sehr wichtiger Faktor angesehen, da eine „falsche“ Ernährung krankmachend sein kann, „richtige“ Ernährung allerdings einen großen Einfluss auf die Genesung hat. Bei der Ernährung ist daher zu beachten:

  • Die Nahrung ist wichtig und sollte einen eigenen Platz im Leben einnehmen.
  • Eine regelmäßige Zufuhr von Lebensmitteln ist erforderlich.
  • Hungern bzw. fasten sollten vermieden werden.
  • Zwischen den Mahlzeiten sollten etwa 4 Stunden liegen.
  • Die Nahrungsaufnahme sollte mit dem eintretenden Sättigungsgefühl beendet werden, was voraussetzt, dass anständig gekaut sowie langsam und in entspannter Atmosphäre gegessen wird, weil die Vorverdauung im Mund die Mitte entlastet.
  • Morgens wie ein Kaiser, mittags wie ein König und abends wie ein Bettelmann essen.
  • Nach 19.00 Uhr sollte keine Nahrungsaufnahme mehr erfolgen.
  • Die Nahrung sollte:
  • aus hochwertigen Zutaten bestehen
  • leicht verdaulich und mild sein
  • warme Bestandteile bereits morgens umfassen
  • täglich Lebensmittel wie Bulgur, Couscous, Getreide, Gries, Hirse, Nudeln und Reis (alles gekocht) enthalten
  • viel gegartes frisches Gemüse (möglichst gedünstet oder kurz angebraten), Eier, Fisch, Fleisch und Obst aufweisen
  • als Eiweißquelle v. a. Bohnen, Fisch, Linsen, Pilze sowie Tofu einbeziehen
  • an die Jahreszeit sowie die Konstitution angepasst werden
  • nicht konsumiert werden, wenn man sich gerade geärgert hat oder von emotionalen Diskussionen begleitet sein
  • Süße, eisgekühlte Nahrungsmittel und Getränke sowie Rohkost sollten gemieden werden, da sie befeuchten bzw. schleimbildend wirken (→ Milz-Qi-Schwäche).
  • Milch und Milchprodukte sollten nur in geringen Mengen bzw. gar nicht verwendet werden; es können Soja-, Kokos- oder Mandelmilch eingesetzt werden.
  • Genussmitteln wie Alkohol, Energydrinks und schwarzem Tee sollte entsagt werden, denn sie gelten als austrocknend und verschieben das Gleichgewicht im Körper zu Gunsten des Yang.
  • Die ausreichende Flüssigkeitsaufnahme sollte über warmes Wasser gewährleistet werden.

Kräuter

  • Für den Aufbau des Qi und zur Stärkung der Mitte eignen sich Huang Qi (Astragalus) und Dang Sheng (Codonopsis), während Bai Zhu (Atractylodis macrocephalae) und Fu Ling (Poria) zusätzlich noch innere Feuchtigkeit vertreiben.
  • Bei überwiegender Feuchtigkeit sollte diese vertrieben und das Qi bewegt werden, wofür sich beispielsweise Chang Zhu (Atractylodis lancea; Feuchtigkeit trocknend v. a. in der Mitte und in den Gelenken) und Zhi Shi (bewegt und reguliert das Qi, löst Schleim) eignen.
  • Chai Hu und Xiang Fu regulieren das Qi.
  • Dang Gui, Dan Shen, Chuan Xiong, Niu Xi und Yu Jin bewegen das Blut.
  • Bai Shao, He Shu Wu und Shu Di Huang nähren das Blut und das Yin.

Der Einfachheit halber können Rezepturen wie Si Wu Wan oder Xiao Yao Wan zum Einsatz kommen.

Lebensstil

  • Zudem sollte auch der Lebensstil angepasst werden. Dazu zählen:
  • Beanspruchung der Lunge, z. B. durch Singen oder sportliche Aktivitäten
  • gemeinsame Aktivitäten mit Partner (v.a. bei Kinderwunsch), Freunden, Familienmitgliedern
  • moderates, regelmäßiges körperliches Ausdauertraining (Tai Qi, Qi Gong)
  • guter Ausgleich zwischen An- und Entspannung (z.B. Partnermassage/Tuina bei Kinderwunsch)

Verlauf

Vor Beginn der Hormonbehandlung wurde Rücksprache mit dem Kinderwunschzentrum gehalten. Es kam zu dem Konsens, dass 6 Zyklen mit chinesischer Heilkräutertherapie sowie Akupunktur durchgeführt werden sollten. Im Anschluss sollte eine künstliche Insemination, begleitet von Heilkräutern und Akupunktur, erfolgen.

Akupunktur erhielt lediglich die Patientin, allerdings wurden beide Partner mit Kräutern versorgt und führten eine Umstellung der Ernährung durch. Beide ernährten sich vorwiegend vegetarisch und somit von Rohkost und Milchprodukten, es wurden wenig gekochte Produkte oder hochwertige Kohlenhydrate (Kartoffeln, Reis) verwendet. Beide erkannten sehr schnell, dass sich ihr Energielevel dadurch anheben ließ. Zunächst erhielt die Patientin Mönchspfeffer (Vitex agnus castus, Keuschlamm), was zumindest vorübergehend zu einer Regulierung des Monatszyklus führte.

Auffällig war, dass das Streben nach Erfolg, die Beharrlichkeit und die Energie, welche die Patientin bisher lediglich beruflich präsentiert hatte, nunmehr vollständig auf das Ziel der Verwirklichung des Kinderwunsches gerichtet wurde. So befolgte die Patientin die Anweisungen zur Ordnungstherapie, der Ernährungsumstellung mit begleitender Kräutertherapie und der Entspannungsverfahren mit allergrößter Akribie. Dies führte nach einer 7-monatigen Behandlungsphase zu einer spontanen Schwangerschaft. In der 16. Schwangerschaftswoche kam es zu einer leichten vaginalen Blutung, die aber nach Anpassung der Kräuter wieder sistierte. Die Patientin entband ihre gesunde Tochter 5 Wochen vor dem errechneten Termin per Kaiserschnitt bei schlechten Herztönen. Sie nahm bereits 6 Monate nach Entbindung ihren Job im Homeoffice wieder auf, hat aber ihre Leitungsposition abgegeben, um dem so sehr ersehnten Kind gerecht werden zu können.

Diskussion und Ausblick

Unter „weiblicher Infertilität“ wird im deutschen Sprachraum die Unfähigkeit, eine eingetretene Schwangerschaft bis zur Geburt eines lebensfähigen Kindes auszutragen, verstanden, während sich „Infertilität des Mannes“ auf eine Unfruchtbarkeit aufgrund der erhobenen Befunde im Spermiogramm bezieht.

Durch die zahlreichen gesellschaftlichen Veränderungen im vergangenen Jahrhundert setzt eine zunehmende Anzahl von Frauen ihre Berufswünsche um und verschiebt die Gründung bzw. Planung einer Familie zugunsten einer selbstständigen Karriere. Zudem nehmen Fruchtbarkeitsstörungen bei Männern offensichtlich zu. Ursachen sind neben organischen Erkrankungen veränderte Lebensgewohnheiten, Arbeitsbedingungen, Ernährung und Umweltfaktoren. Wichtig bei der Behandlung ist daher ein einfühlsamer, ganzheitlicher Behandlungsansatz, der sich angesichts der Komplexität und des Zeitaufwands bezüglich einer initialen Abklärung sehr aufwendig und kräftezehrend für das betroffene Paar gestalten kann.

Da die TCM einen ganzheitlichen Therapieansatz bietet und darauf fokussiert ist, den natürlichen Energiefluss und die Harmonie zwischen Körper, Geist und Seele wiederherzustellen, können gezielte Impulse gesetzt werden, um die Fruchtbarkeit sowohl bei Frauen als auch bei Männern zu verbessern und die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen. Sie kann daher problemlos komplementär zu den schulmedizinischen Verfahren eingesetzt werden, um den (Hormon-)Zyklus zu regulieren sowie die Spermienqualität und -mobilität zu verbessern. Bei der Auswahl der therapeutischen Optionen ist allerdings vorher zu klären, welche Ursachen für den unerfüllten Kinderwunsch verantwortlich sind. In der Regel handelt es sich um ein multifaktorielles Geschehen, sodass eine gründliche Anamnese und Befunderhebung zwingend erforderlich sind.

Heutzutage leben wir unter ständigem Stress und Druck, nach chinesischer Diagnose also einem Yang-betonten Lebensstil. Der Einsatz der verfügbaren Therapieoptionen harmonisiert bei der Frau den Monatszyklus und fördert die Follikelreifung. Zudem wird ein regelmäßiger Eisprung ermöglicht und die Durchblutung der Gebärmutterschleimhaut verbessert. Bei Männern kommt es zu einer Verbesserung der Qualität, Quantität und Beweglichkeit von Spermien.

Indikationen für den Einsatz der TCM sind:

  • Nachbehandlung nach erfolgloser IVF- oder ICSI-Therapie bei männlicher Infertilität
  • Vorbereitung auf die Insemination
  • als begleitende Behandlung bei IVF oder ICSI
  • Neigung zu Fehlgeburten
  • Patientinnen mit polyzystischem Ovarialsyndrom oder Endometriose
  • Linderung von Schlafproblemen, Kopfschmerzen oder Nervosität während der Hormontherapie

Aus Sicht der TCM empfiehlt es sich, bei Kinderwunsch das Yin (d.h. Ruhe und Ausgeglichenheit) zu stärken und dem Körper Energie zuzuführen, da für die Entstehung neuen Lebens sowohl Energie als auch die entsprechende Substanz erforderlich sind. Dies lässt sich neben Resilienz durch eine entsprechende Ernährung fördern. Der Einsatz von Heilkräutern dient der Regulierung und Wiederherstellung der Hormonbalance. Sie werden i.d.R. als Tees oder in Form von Gewürzen zugeführt. Akupunktur und Moxibustion werden eingesetzt, um Störungen des Qi-Flusses zu beheben. Die Akupunktur hat eine positive Wirkung auf das zentrale und periphere Nervensystem, auf die Durchblutung der Eierstöcke auf den Stoffwechsel sowie das seelische Wohlbefinden und eine hemmende Wirkung auf Gebärmutterbewegungen [1].

In den vergangenen Jahren hat die Infertilität eine zunehmende Bedeutung erlangt, da es sich bei ihr um die dritthäufigste Beschwerde nach kardiozerebrovaskulären sowie Tumor-Ereignissen handelt. Die betroffenen Frauen entwickeln zunehmend mentale Erkrankungen. Die Datenlage ist aktuell allerdings nicht allzu aussagekräftig [2]. Nichtsdestotrotz scheint die Akupunktur einen positiven Einfluss auf die Schwangerschaftsrate im Rahmen der IVF zu haben [3], obwohl die Datenlage zum Teil sehr widersprüchlich ist [4].

Bisher vorliegende Untersuchungen stützen die Hypothese, dass 2–3 Akupunktursitzungen während des Embryonentransfers nicht ausreichend effektiv sind, um die Entbindungsrate nach IVF zu erhöhen. Die Akupunktur scheint die Dicke des Endometriums zu erhöhen, die Stressbelastung zu reduzieren, die Patientenzufriedenheit zu verbessern [5] und somit die Schwangerschaftsrate signifikant zu erhöhen [6].

Die therapeutischen Optionen der TCM erwecken zunehmend Interesse an den Möglichkeiten, da eine Vielzahl von Untersuchungen gezeigt hat, dass hierdurch eine Infertilität durch Regulation der Nidation bzw. Embryonenimplantation und des Hormonstatus positiv beeinflusst werden kann – möglicherweise über Reduktion von mentalem Stress sowie die Beeinflussung des Immunsystems [7]. Der Effekt auf die endokrine Funktion, das Immunsystem sowie das autonome Nervensystem scheint allerdings unumstritten. Dieser wird möglicherweise über elektrische und mechanische Signale sowohl im Bindegewebe als auch den Faszien fazilitiert [8].

Akupunktur und Kräutertherapie wurden vielfach als Begleitbehandlungen bei Infertilität bzw. adjuvant bei der Behandlung von künstlichen Befruchtungsverfahren eingesetzt. Diverse Artikel wurden hierzu veröffentlicht, die in einigen anderen Publikationen bewertet wurden, um die klinische Entscheidungsfindung zu vereinfachen. Es zeigte sich, dass die Kräutertherapie ein besseres Outcome als die Akupunktur an sich aufwies [9]. Bei dem Einsatz chinesischer Phytotherapeutika bleibt v. a. in der Frühschwangerschaft zu beachten, dass mögliche teratogene Wirkungen nicht vollständig ermessen werden können.

Dr. med. Kamayni Agarwal hat nach ihrem Medizinstudium im In- und Ausland ihre Facharztausbildung im Bereich der Anästhesiologie absolviert. Sie hat in allen Bereichen der Anästhesiologie ihre Zusatzqualifikationen erworben, letztlich lag aber der Schwerpunkt auf der Schmerz- und Palliativmedizin. Dafür hat sie diverse Weiterbildungen absolviert und versorgt seit vielen Jahren Patient*innen aus sämtlichen Altersgruppen neben ihrer Lehrtätigkeit und der Autorenschaft.

Interessenkonflikt: Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht. 

  1. Wu L. et al. The application of acupuncture in obstetrics and gynecology: a bibliometric analysis based on Web of Science. Ann Palliat Med 2021; 10: 3194-3204
  2. Feng J. et al. The Efficacy of Complementary and Alternative Medicine in the Treatment of Female Infertility. Evid Based Complement Alternat Med 2021; 23: 6634309
  3. Wang X. et al. An Overview of Systematic Reviews of Acupuncture for Infertile Women Undergoing in vitro Fertilization and Embryo Transfer. Front Public Health 2021; 9: 651811
  4. Miner SA. et al. Evidence for the use of complementary and alternative medicines during fertility treatment: a scoping review. BMC Complement Altern Med 2018; 18: 158
  5. Hullender Rubin LE, Anderson BJ, Craig LB. Acupuncture and in vitro fertilisation research: current and future directions. Acupunct Med 2018; 36: 117-122
  6. Yun L. et al. Acupuncture for infertile women without undergoing assisted reproductive techniques (ART): A systematic review and meta-analysis. Medicine 2019; 98: e16463
  7. Xia JF. et al. Chinese medicine as complementary therapy for female infertility. Chin J Integr Med 2017; 23: 245-252
  8. Bishop KC. et al. Acupuncture in Obstetrics and Gynecology. Obstet Gynecol Surv 2019; 74: 241-251
  9. Lee JW. et al. Acupuncture and herbal medicine for female infertility: an overview of systematic reviews. Integr Med Res 2021; 10: 100694