HormonsystemHormon-Hunger: Hormondysbalancen beeinflussen Essverhalten und Stoffwechsel

Sie leiden unter ständigem Heißhunger? Hormonelle Dysbalancen können Essverhalten und Stoffwechsel beeinflussen und auf diese Weise Gewichtsprobleme und Essstörungen begünstigen.

Inhalt
Zwei gefüllte Teller mit Essen.
M. Bergmann/Thieme
Hormonelle Dysbalancen können zu einem gesteigerten Appetit und Hungergefühl führen.

Für jedes Individuum war es seit jeher überlebenswichtig, genügend Energie aus der Nahrung aufzunehmen, um die Anforderungen des täglichen Lebens leisten zu können. Andererseits war es wichtig, nicht derart viel aufzunehmen, dass das Gewicht zu hoch wird. Das hätte sowohl die tägliche Nahrungsbeschaffung als auch das Überleben (Kampf oder Flucht) gefährdet. Deshalb hat Mutter Natur es so eingerichtet, dass verschiedene Hormone entweder für Hunger oder für ein Sättigungsgefühl sorgen – je nach individueller Anforderung. In stressigen Phasen oder bei starker körperlicher Beanspruchung ist der Bedarf höher; niedriger ist er, wenn man beispielsweise entspannt lesend im Liegestuhl liegt.

In der Praxis begegnen uns Hunger und Sättigungsgefühl in der Regel dann, wenn sie im Ungleichgewicht sind und – neben Stoffwechselstörungen – zum Beispiel Gewichtsprobleme oder Essstörungen begünstigen und verstärken. Diese Beschwerdebilder sind zwar multifaktoriell zu betrachten, doch kommt der Diagnostik und Therapie auf hormoneller Ebene eine Schlüsselrolle zu. Weshalb ist das so?

Kurz gefasst

  1. Ein Ungleichgewicht im Zusammenwirken von Hunger, Appetit und Sättigung kann nicht nur Gewichtsprobleme auslösen, sondern auch die Krankheitsdynamik von Essstörungen befeuern.
  2. Nicht selten kommt eine Hormondysbalance als (Mit)Ursache infrage. Hier können verschiedenste Hormone diagnostisch ausschlaggebend sein: angefangen von z. B. Leptin, Ghrelin und DHEA über Steroidhormone bis hin zu Serotonin und Melatonin.
  3. Die hormonbezogene Behandlung innerhalb der multimodalen Therapie umfasst Lebensstiländerungen, die Substitution von Hormonbausteinen und die Gabe von hormondrüsenstimulierenden und -rhythmisierenden Mitteln.

Ein störanfälliges System

Das Zusammenspiel von Hunger, Appetit (Lust auf bestimmte Nahrungsmittel) und Sättigung wird vom Hypothalamus und einer Gruppe von Hormonen anhand des ermittelten Energiebedarfs gesteuert.

Lange Stressphasen, psychische Belastungen, Schlafmangel, die Substitution bestimmter Medikamente wie hormonelle Kontrazeptiva oder Statine, Darmerkrankungen oder falsche Ernährung können das Gleichgewicht der regulierenden Hormone stören. Zudem sinken im Laufe des Lebens die Spiegel der fettabbauenden Hormone, was die Symptomatik und Dynamik von Gewichtsproblemen und ungesundem Essverhalten verschärfen kann.

Grundsätzlich können alle beteiligten Hormone im Ungleichgewicht sein – mit entsprechenden Folgen für Hunger, Sättigung und Fettabbau (alphabetische Reihenfolge):

  • Cortisol: Hohe Cortisolspiegel – zum Beispiel durch langanhaltenden Stress ohne genügende Erholungsphasen – stimulieren eine vermehrte Fetteinlagerung in den Körperzellen, um im Ernstfall auf Energiereserven zurückgreifen zu können.
  • DHEA: DHEA (Dehydroepiandrosteron) fördert die Lipolyse und ist der Gegenspieler zu Cortisol. Mit fortschreitendem Alter sinkt der DHEA-Spiegel physiologisch.
  • Dopamin: Ein Dopaminmangel führt zu einem verspäteten Sättigungsgefühl. Er kann entstehen, wenn großer Stress und massive körperliche oder psychische Belastungen über längere Zeiträume ein hohes Maß an Ausschüttung von Dopamin, Adrenalin und Noradrenalin erfordern oder wenn ein Mangel an für die Dopaminsynthese notwendigen Nährstoffen wie beispielsweise L-Tyrosin oder Folsäure besteht.
  • Glutamat (Neurotransmitter): Glutamat ist ein körpereigener, stimulierender Neurotransmitter. Er wird jedoch teilweise in synthetischer Form auch Fertignahrung zugesetzt, denn er hemmt das Sättigungsgefühl und steigert den Appetit.
  • Insulin: Ein erhöhter Insulinspiegel kann beispielsweise durch die Zuführung von Zuckerersatzstoffen, wie sie zum Beispiel in Light- oder Diätprodukten vorkommen, ausgelöst werden. Nimmt die Zunge einen süßen Geschmack wahr, ohne dass dem Körper Zucker oder Kohlehydrate zugeführt werden, wird dennoch Insulin ausgeschüttet – und zirkuliert ungenutzt im Blut. Dies führt zu Heißhunger auf Zucker und Kohlenhydrate.
  • Leptin (Fettzellen) und Ghrelin (Pankreas): Die beiden Hormone des Verdauungsapparates regulieren einander. Ist die Leptinkonzentration zu niedrig und der Ghrelinspiegel zu hoch, verstärkt sich das Hungergefühl. Ein Leptinmangel kann durch anhaltenden Schlafmangel entstehen. Durch fehlenden Schlaf steigt die Ghrelinkonzentration an und sorgt neben verstärktem Appetit für eine verbesserte Fettspeicherung in den Körperzellen.
  • Melatonin: Bei chronischem Schlafmangel, zum Beispiel im Zuge einseitiger Lebensführung, und daraus resultierenden niedrigen Melatoninspiegeln, entsteht Heißhunger.
  • Östradiol und Progesteron: Bei Progesteronmangel und/oder einer Östradioldominanz wird vermehrt Fett, insbesondere am Bauch, eingelagert.
  • pankreatisches Hormon: Dieses Hormon sorgt bei eiweißreicher Kost zusätzlich für die Entstehung des Sättigungsgefühls.
  • Schilddrüsenhormone: Eine Überfunktion steigert die Verbrennung von Energieressourcen, wodurch man Gewicht verliert, obwohl man am Essverhalten nichts verändert hat. Eine Unterfunktion führt zu Übergewicht, teilweise steigt die Gewichtszunahme sogar während einer Diät.
  • Serotonin: Serotonin wirkt unter anderem appetitdämpfend. Deshalb führt ein Serotoninmangel zu einem verspäteten Sättigungsgefühl.
  • Steroidhormone: In sehr stressigen Zeiten und Phasen großer seelischer Herausforderungen steigt bei manchen Menschen der Appetit auf fetthaltige Lebensmittel. Weshalb ist das so? Dadurch wird der Cholesterinspiegel angehoben. Aus Cholesterin werden die Steroidhormone gebildet, so zum Beispiel Cortisol, Progesteron, Testosteron und Östrogen. Cortisol ist das Hormon, welches uns durch stressige Zeiten trägt, Progesteron entspannt, Östrogen bringt Tatkraft und Testosteron stärkt die Nerven. Bei anderen Menschen wiederum bleibt in stressigen Phasen jeder Bissen im Halse stecken. Dies ist eine natürliche Reaktion auf Stress, sobald die Fight-or-Flight-Achse mit erhöhten Cortisol- und Adrenalinwerten dauerhaft aktiviert ist und es keine Erholungsphasen gibt. Bereitet sich der Körper auf einen Kampf oder eine Flucht vor, steht Nahrungsaufnahme hinten an.
  • Testosteron: Bei niedrigen Testosteronspiegeln ist einerseits der Aufbau von Muskelmasse, andererseits die Reduktion von Fettgewebe erschwert.

Ein Blick auf die Ursachen

Neben langanhaltendem Stress kann das Hormonsystem in seinem Gleichgewicht auch durch

  • Darmerkrankungen (etwa Schleimhautreizungen, Inflammationen, Dysbiosen),
  • die Einnahme von hormonellen Kontrazeptiva und Statinen (Cholesterinsenker),
  • den Kontakt mit Umwelthormonen (zum Beispiel BPA) oder
  • den verstärkten Verzehr von Phytohormonen (beispielsweise Yamswurzeln, Hopfen, Soja, Leinsamen) etc.

durcheinandergebracht werden.

* Sobald Cortisol erhoben wird, sollte DHEA als Antagonist ebenfalls überprüft werden.

↑ Werte eher erhöht; ↓ Werte eher erniedrigt; ↑↓ Werte können erhöht oder erniedrigt sein

Das Hormonsystem kann schnell in Schräglage geraten, wenn dem Körper einerseits Nährstoffe zur Hormonsynthese fehlen oder andererseits durch Inflammationen im Darm ein erhöhter Cortisolbedarf besteht. Gleiches gilt für Steroidhormone bei Einsatz von Statinen: Fehlt dem Körper Cholesterin als Vorstufe, können weniger Hormone gebildet werden.

Bei hormonellen Kontrazeptiva sowie Phyto- oder Umwelthormonen binden sich hormonähnliche Moleküle an die Rezeptoren, wodurch die körpereigenen Hormone nicht andocken können. Dies bedeutet einen nachhaltigen Eingriff in die Regelmechanismen des Hormonsystems.

Hormondiagnostik

Je nachdem, was die Anamnese ergibt, sollten Sie sich zunächst auf unterschiedliche Hormonwerte konzentrieren. In Tabelle 1 sehen Sie, welche Hormone bei welchen Auslösern und Symptomen überprüft werden sollten. Je mehr zu einem Hormon passende Auslöser und Symptome zutreffen, desto wahrscheinlicher ist es, dass dieses Hormon an der Störung ursächlich beteiligt ist. Entsprechend ihrer bekannten Wirkungen liegen die Hormone dann wahrscheinlich in einer erhöhten oder erniedrigten Konzentration vor.

Die Hormondiagnostik ist nicht nur entscheidend für die Gestaltung der Therapie. Es ist auch wichtig, den Patienten anhand der Laborwerte aufzeigen zu können, dass sie tatsächlich ein Ungleichgewicht im Hormonsystem haben und nicht etwa – wie es viele oft empfinden – „verrückt“ oder „undiszipliniert“ sind.

Blut, Speichel oder Urin?

Die Werte von Schilddrüsenhormonen und Leptin lassen sich aus dem Blut erheben.

Zwar können Sie auch Folgendes im Blut testen lassen: Cortisol- DHEA-Tagesprofil, Melatonin-Cortisol-Nachtprofil sowie die Werte von Östradiol, Progesteron und Testosteron. Jedoch ist die Aussagekraft für unsere Zwecke bei einer Speichelprobe größer: Bei diesen Hormonen ist ein großer Anteil der produzierten Moleküle an Transporteiweiße gebunden. Erheben Sie die Werte aus dem Blut, müssen Sie unbedingt auch den freien Anteil der Hormone bestimmen lassen. Andernfalls wissen Sie nicht, wie viele der Moleküle frei sind und dadurch vom Körper genutzt werden können. Im Speichel befinden sich ausschließlich die freien Hormonmoleküle, was eine korrekte Beurteilung des Hormonstatus ermöglicht.

Dopamin-, Glutamat- und Serotoninwerte bestimmen Sie über eine Urinprobe.

Therapie mit Fokus aufs Hormonsystem

Mit dem vollständigen Laborbefund und der durchgeführten Anamnese können Sie feststellen, aus welchem Bereich des Hormonsystems die Regulationsblockade des Körpergewichts und/oder die hormonellen Einflüsse auf die Essstörung herrühren. Daran orientiert sich die Therapie des Hormonsystems. Bei Essstörungen ist eine kausale psychotherapeutische Behandlung in der Regel unverzichtbar, bei Adipositas kann sie begleitend indiziert sein. Eine Therapie mit hormonellem Schwerpunkt kann in jedem Fall die kausale Therapie unterstützen.

Besprechen Sie mit Patienten unter anderem, wie Ernährungsfehler behoben und Stress reduziert werden können. Sport unterstützt die Testosteronsynthese, regt den Stoffwechsel insgesamt an und senkt den Cortisolspiegel. Er ist vor allem bei übergewichtigen Patienten angezeigt. Die körperliche Aktivität sollte für die Patienten gut zu leisten und in den Alltag zu integrieren sein und darf nicht überfordern und somit demotivieren. Eine Sportbefreiung bekommen vorerst nur untergewichtige Personen und solche mit niedrigen Nebennierenhormonspiegeln (Cortisol, Dopamin, Adrenalin), da der weitere Abfall dieser Hormonwerte zu massiven gesundheitlichen Beschwerden führen und bei Personen mit CFS oder schwerem Burn-Out sogar lebensbedrohlich werden kann.

Bei übergewichtigen Patienten werden die Hormondrüsen rhythmisiert – sofern sich die Patienten nicht geschwächt fühlen – (siehe Abschnitt „Hormondrüsen rhythmisieren und stimulieren“) und gegebenenfalls Nährstoffe gezielt zugeführt. Wichtig für die Hormonsynthese sind unter anderem Zink, Folsäure, Vitamin D, Vitamin C und die B-Vitamine.

Darüber hinaus ist es wichtig, mit den Patienten zu besprechen, wie sie ihre tägliche Kalorienzufuhr überblicken können. Dafür gibt es mittlerweile gute Apps. Darin kann man täglich alles, was man isst oder trinkt, erfassen. Auf diese Weise sieht man, wie viele Kalorien am Tag wirklich benötigt und wie viele tatsächlich konsumiert werden. Besprechen Sie, wie man gesunde Ernährung realistisch in den Alltag integrieren kann.

Personen mit Untergewicht oder Bulimie werden grundsätzlich begleitend zu ihrer kausalen (psychotherapeutischen) Behandlung mit Nährstoffen versorgt. Anschließend werden die im Mangel befindlichen Hormondrüsen stimuliert (siehe Abschnitt „Hormondrüsen rhythmisieren und stimulieren“). Gleichzeitig muss gegebenenfalls die sportliche Überaktivität reguliert werden.

Hormondrüsen rhythmisieren und stimulieren

Die Hormondrüsen zu stimulieren oder zu rhythmisieren sind zwei verschiedenen Ansätze. Beide sind grundsätzlich angezeigt, wenn die Werte bestimmter Hormone unphysiologisch erhöht oder erniedrigt sind. Bei der Stimulierung stärkt man die Aktivität von betroffenen Hormondrüsen. Bei der Rhythmisierung stärkt man einerseits die Aktivität und regt andererseits die Koordination der Hormondrüsen untereinander an.

Bei der einfachen Stimulierung greift man zu bewährten Mitteln für die entsprechenden Hormondrüsen zur täglichen Einnahme. Sind mehrere Hormone betroffen, nimmt man die Mittel parallel ein. Zur Therapie des Hormonsystems gibt es von verschiedenen Herstellern geeignete Präparate. In meiner Praxis verwende ich gerne die Mittel von Steierl (Hormondrüsen aktivierende Mittel, zum Beispiel Phyto-C, Phyto-L, Phytocortal N), Wala (die Präparate für die verschiedenen Hormondrüsen, zum Beispiel Hypophysis stannum), Heel (harmonisierende Mittel, zum Beispiel Hormeel), Dr. Reckeweg (homöopathische Komplexmittel, zum Beispiel Glandulae-F-Gastreu® R20 für die Frau und Glandulae- M-Gastreu® R19 für den Mann) oder harmonisierende spagyrische Mittel von Soluna.

Bei der Rhythmisierung werden die Hormondrüsen abwechselnd angeregt. Darauf reagiert das Hormonsystem sehr gut, denn Rhythmus kennt es (was sich besonders gut beim weiblichen Zyklus erleben lässt). Allerdings ist die Rhythmisierung für den Körper anstrengender als eine einfache Stimulierung, weshalb ich diese Technik nicht bei Patienten anwende, die sehr geschwächt sind und über wenige Energieressourcen verfügen. Bei der Rhythmisierung können die Präparate im täglichen Wechsel oder auch im Tageszeitenwechsel gegeben werden. Haben Sie beispielsweise drei Mittel ausgewählt, könnte die Verordnung entweder lauten: Mittel 1 – Tag 1, Mittel 2 – Tag 2, Mittel 3 – Tag 3. Oder: Mittel 1 – morgens, Mittel 2 – mittags, Mittel 3 – abends.

Eine Substitution von Vorstufen für Hormone kann wichtig sein, wenn die Labordiagnose einen entsprechenden Mangel des Hormons anzeigt, zum Beispiel Tryptophan bei Melatoninmangel.

Was ist mit bioidentischen Hormonen ab D4?

Für eine naturheilkundliche Hormontherapie stehen Heilpraktikern auch Hormonpräparate ab einer D4-Potenz zur Verfügung. Meine Erfahrung ist, dass sie bei Therapien mit Fokus auf Gewichtsregulation weniger angezeigt sind, jedoch für die Behandlung von Begleiterkrankungen nützlich sein können. Bei einer Gewichtsregulation steht vielmehr eine Stimulation und Rhythmisierung mit den im vorherigen Abschnitt genannten Präparaten im Vordergrund.

Juliane Miorin-Bellermann
ist als Heilpraktikerin niedergelassen in eigener Praxis. Sie therapiert seit 2015 mit Schwerpunkt chronische Erkrankungen und Störungen des Hormonsystems wie Burnout, CFS, Migräne oder Zyklusstörungen. Darüber hinaus hält sie Vorträge für Laien und Fachpublikum.

Interessenkonflikt: Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.