Kartoffel- und HafertageKartoffel- und Hafertage: Ernährungsmedizin am KfN München

Intensivdiätetische Kuren können als unterstützende Maßnahme bei akuten Beschwerden oder metabolischen Dysbalancen dienen.

Inhalt
Rohe Kartoffeln in einem Korb.
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Kartoffeln wirken entwässernd, drainieren das Bindegewebe, sind blutdrucksenkend und entzündungshemmend.

Naturheilkundliche Ernährung

Die Ernährungsmedizin stellt einen zentralen Pfeiler der Naturheilkunde dar. Ziel ist es, die körpereigenen Selbstheilungs- und Regulationsprozesse optimal zu unterstützen. Innerhalb dieses Rahmens existieren unterschiedliche ernährungstherapeutische Strategien. Eine wichtige Unterscheidung ist die zwischen intensivdiätetischen Therapieansätzen und einer langfristig orientierten naturheilkundlichen Ernährung. Intensivdiäten sind spezifische, oft stark restriktive, kurzfristige Ernährungsinterventionen. Sie werden in der Naturheilkunde gezielt eingesetzt, um rasch bestimmte therapeutische Effekte zu erzielen, wie beispielsweise eine Stoffwechselumstellung oder eine Linderung von Symptomen. Beispiele hierfür sind Hafertage oder eine Kartoffeldiät, aber auch Rohkosternährung oder verschiedene Formen des Fastens.

Im Gegensatz dazu steht die langfristige naturheilkundliche Ernährung. Diese verfolgt einen nachhaltigen, ausgewogenen Ansatz, der auf vollwertigen, möglichst naturbelassenen Lebensmitteln basiert. Der Schwerpunkt liegt dabei auf pflanzlichen Nahrungsmitteln, wobei Aspekte wie Saisonalität, Regionalität und die Integration in eine gesundheitsförderliche Gesamtlebensführung (Ordnungstherapie) betont werden. Ziel ist die dauerhafte Erhaltung der Gesundheit, die Prävention von Krankheiten und die Förderung von Vitalität. Ihre Kernprinzipien beruhen auf der Bevorzugung von Lebensmitteln in ihrem möglichst natürlichen, unverarbeiteten Zustand, das schließt Vollkornprodukte, frisches Obst und Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse und Samen ein. Tierische Produkte wie mageres Fleisch, Fisch, Eier und Milchprodukte werden als Ergänzung in Maßen betrachtet. Ziel ist eine ausreichende Versorgung mit allen essenziellen Nährstoffen, also Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen, hochwertigem Protein, essenziellen Fettsäuren und Ballaststoffen.

Auf einen Blick

Zur Unterstützung der Selbstheilung und Regulation des Körpers umfasst die Ernährungsmedizin in der Naturheilkunde auch kurzfristige restriktive Diätansätze wie Hafertage oder Kartoffeldiäten, die gezielt therapeutische Effekte wie Entwässerung und Stoffwechselumstellung erzielen sollen, aber auch um als Katalysator für eine langfristige Ernährungsumstellung zu dienen. Diese Intensivdiäten können bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen, Stoffwechselstörungen oder Herzinsuffizienz eingesetzt werden, wobei ihre Wirksamkeit auf spezifischen physiologischen Effekten und metabolischer Restriktion beruht.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Vermeidung von stark verarbeiteten Lebensmitteln, Fertiggerichten, raffiniertem Zucker, Weißmehlprodukten, übermäßigem Salzkonsum und ungesunden Fetten. Zunehmend werden auch ökologische Aspekte wie biologischer Anbau, reduzierter Fleischkonsum, Vermeidung von Lebensmittelverschwendung, umweltfreundliche Verpackungen und soziale Aspekte (fairer Handel) integriert. Die Ernährung ist dabei aber kein isolierter Faktor, sondern Teil eines umfassenden Konzepts der Lebensführung im Sinne der Ordnungstherapie. Diese verbindet Ernährung mit Bewegung, Stressmanagement, ausreichend Schlaf, Rhythmus und einem harmonischen Verhältnis zur Umwelt. Es geht um die Etablierung gesundheitsfördernder Gewohnheiten und Rhythmen im Alltag.

Obwohl allgemeine Prinzipien gelten, wird die optimale Ernährung natürlich bei Bedarf individuell angepasst, wobei Konstitution, Gesundheitszustand, Lebensumstände und persönliche Verträglichkeit berücksichtigt werden. Ziele sind die Erhaltung einer optimalen körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit sowie eines hohen Wohlbefindens über die gesamte Lebensspanne, die Reduktion des Risikos für ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten sowie die Begleitung und Unterstützung konventioneller und naturheilkundlicher Behandlungen bei bestehenden Erkrankungen durch eine optimale Nährstoffversorgung und die Vermeidung diätetischer Stressoren. Obwohl sie in historischen Konzepten wie denen von Kneipp, Bircher-Benner und Kollath wurzelt, passt sich die moderne naturheilkundliche Ernährung an aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse (z. B. Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, DGE), Forschung zu pflanzenbasierten Diäten, Mikrobiom und gesellschaftliche Herausforderungen wie Nachhaltigkeit an. Sie stellt somit eine dynamische Tradition dar, die ihre Kernphilosophie beibehält, aber neues Wissen integriert.

Intensivdiäten zeichnen sich dagegen durch einen hohen Fokus und oft starke Restriktion aus. Sie konzentrieren sich auf wenige Lebensmittel (z. B. Kartoffeldiät), spezifische Nährstoffe (z. B. Beta-Glucane bei Hafertagen), bestimmte Zubereitungsarten (z. B. Rohkost) oder den gänzlichen Verzicht auf feste Nahrung (z.B. Fasten). Die angestrebten Mechanismen sind spezifisch und oft auf eine starke physiologische Reaktion ausgerichtet, beispielsweise die massive Beta-Glucan-Wirkung auf den Blutzucker, die Induktion der Ketose beim Fasten oder die diuretische Wirkung des Kalium-Natrium-Verhältnisses bei der Kartoffeldiät. Intensivdiäten forcieren also kurzfristige spezifische Stoffwechselwege oder Prozesse, um rasch metabolische Parameter zu verbessern oder auch Symptome chronisch entzündlicher Erkrankungen zu reduzieren. Sie werden oft als Initialzündung für eine Ernährungsumstellung oder als periodische Intervention eingesetzt. Intensivdiäten sind aber aufgrund ihrer Restriktivität, Monotonie und des Potenzials für Nährstoffmängel nicht für eine langfristige Anwendung geeignet. Eine professionelle Begleitung ist wenigstens initial dringend zu empfehlen. Kurzzeitige intensivdiätetische Maßnahmen sollten immer auch mit einer anschließenden langfristigen und nachhaltigen Ernährungsumstellung verbunden werden [1] [2].

Intensivdiäten sind aufgrund ihrer Restriktivität, Monotonie und des Potenzials für Nährstoffmängel nicht für eine langfristige Anwendung geeignet.

Für die langfristige naturheilkundliche Ernährung gibt es eine robuste und breite wissenschaftliche Basis. Die Grundprinzipien – hoher Verzehr von Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen/Samen, Begrenzung von verarbeiteten Lebensmitteln, rotem Fleisch und Zucker – werden durch zahlreiche Studien gestützt und entsprechen weitgehend den Empfehlungen internationaler Gesundheitsorganisationen zur Prävention chronischer Krankheiten. Ernährungsformen wie die mediterrane Kost oder pflanzenbasierte Ernährungsweisen, die diesen Prinzipien folgen, zeigen nachweislich gesundheitliche Vorteile [3] [4]. Die wissenschaftliche Evidenz für Intensivdiäten ist variabel. Für die Wirkung von Beta-Glucan im Rahmen von Hafertagen bei Diabetes gibt es gute Belege. Für das Fasten (insbesondere Buchinger und Intervallfasten) existiert eine wachsende Evidenzbasis bezüglich metabolischer und antiinflammatorischer Effekte [5]. Die Evidenz für die Kartoffeldiät beruht hauptsächlich auf den bekannten Eigenschaften der Kartoffel und traditioneller Anwendung.

Im Folgenden soll nun genauer auf die Kartoffel- und Hafertage, wie sie im Krankenhaus für Naturheilweisen (KfN) München als kurzzeitige intensivdiätetische Maßnahmen zum Einsatz kommen, eingegangen werden.

Kartoffeltage

Kartoffeltage stellen in erster Linie eine besonders natriumarme und kaliumreiche, basische Kostform dar. Alle Kartoffelgerichte werden im KfN ohne Salz zubereitet und sind rein vegetarisch. Wir führen in der Regel 5 aufeinanderfolgende Kartoffeltage durch. Langfristig können die Patienten im ambulanten Rahmen 1–2 solcher Entlastungstage pro Woche durchführen, um die positiven Effekte dauerhaft aufrechtzuerhalten. Dabei muss es sich dann nicht immer um einen Kartoffeltag halten, alternativ können auch Reis- oder sogar Obsttage durchgeführt werden. Essenziell ist dabei der Verzicht auf Salz.

Beispielgerichte aus dem KfN

Früh: Müsli abwechselnd mit 3 Scheiben Roggenvollkornknäckebrot mit Konfitüre und 15 g Butter

Mittag: Pellkartoffeln mit Kräuterquark, Kartoffelbrei mit Schmortomate, Bircher-Kartoffeln mit Gemüse, Petersilienkartoffeln mit Gemüse, Butterkartoffeln mit Kräuterquark

Abend: Kartoffelsuppe in Würfeln, Kartoffel-Sellerie-Pfanne, Kartoffel-Zucchini-Pfanne, Kartoffelgulasch, Kartoffel-Karotten-Pfanne mit Kokosmilch

Mittags und abends gibt es noch einen kleinen Blattsalat bzw. eine Rohkost als Beilage und Obst als Nachspeise.

Die Wirkung der Kartoffeltage kann man vor allem als entwässernd, mit Drainageeffekt auf das Bindegewebe, blutdrucksenkend und entzündungshemmend beschreiben. Als Teil eines langfristigen Ernährungskonzepts können sie sinnvoll zu einer Gewichts- und Stoffwechselregulierung beitragen. Dementsprechend kommen Kartoffeltage bei chronisch-entzündlichen oder Schmerzerkrankungen, aber vor allem bei den klassischen Stoffwechselerkrankungen wie Adipositas, arterieller Hypertonie oder metabolischem Syndrom in Betracht. Bei einer Herzinsuffizienz können sie über die einhergehende Entwässerung den Kreislauf und damit das Herz entlasten helfen. In Abhängigkeit von der individuellen Salzsensitivität und den vorbestehenden Ernährungsgewohnheiten kann es während der 5 Kartoffeltage durchaus zu einem Gewichtsverlust von mehreren Kilogramm kommen, wobei es sich in erster Linie um einen Wasserverlust handelt. Nach Ende der Kartoffeltage lässt es sich dann auch nicht vermeiden, dass das Körpergewicht erneut etwas ansteigt, da nun eben wieder etwas vermehrt Wasser eingelagert wird. Neben einzelnen intermittierenden Entlastungstagen kann hier langfristig den Patienten auch der generelle Verzicht auf Zusalzen empfohlen werden, stattdessen können beispielsweise Kräutersalze zum Einsatz kommen.

Im Verlauf der Kartoffeltage können Blutdruckmedikamente und Diuretika regelhaft reduziert oder sogar gänzlich pausiert werden. Nach Ende der Kartoffeltage muss die Dosierung dieser Medikamente, auch in Abhängigkeit vom künftigen langfristigen Ernährungskonzept, dann meist wieder etwas gesteigert werden, aber in aller Regel nicht mehr auf das Niveau wie vor Beginn dieser intensivdiätetischen Maßnahme.

Gegen Ende der Kartoffeltage sollten die Elektrolyte (vor allem der Natriumwert und die Nierenretentionsparameter) laborchemisch kontrolliert werden, gerade wenn die Entwässerung in Form eines deutlichen Gewichtsverlusts sehr ausgeprägt ist – ggf. müssen die Kartoffeltage auch abgebrochen und gelegentlich muss für einige Tage Kochsalz oral substituiert werden. Bei einer bestehenden Niereninsuffizienz oder vorbekannter Hyponatriämieneigung ist die Durchführung von Kartoffeltagen kritisch zu sehen.

Pro Kartoffeltag werden im KfN 500 g Kartoffeln serviert, etwa ⅔ der Menge mittags und ⅓ abends. Die Zubereitung ist salzfrei und fettarm, als Beilage gibt es Gemüse und Obst, gewürzt wird mit salzfreien Kräutermischungen. Zum Frühstück gibt es abwechselnd Müsli und Roggenvollkornknäckebrot mit Konfitüre und wenig Butter. Ein Kartoffeltag enthält bei uns ca. 1200–1300 kcal. Damit sind die 5 Tage Kartoffeldiät im KfN eine hypokalorische Kostform, was natürlich auch einen Teil des therapeutischen Effekts bedingt.

Wenn man die Kartoffel detaillierter betrachtet, dann fallen natürlich vor allem ihre Natriumarmut (ca. 15 mg pro 100 g) und ihr Kaliumreichtum mit durchschnittlich über 400 mg pro 100 g auf. Natrium und Kalium regulieren im menschlichen Körper u. a. den Gefäßtonus und den Wasserhaushalt. Dabei wirken Natrium und Kalium quasi wie Antagonisten, das heißt, es kommt vor allem auf das richtige Verhältnis dieser beiden Elemente zueinander an. Unsere moderne Ernährungsweise fördert allerdings eine Verschiebung dieses Verhältnisses zugunsten des Natriums. Kalium gehört zu jenen Mineralstoffen, deren Mangel inzwischen weit verbreitet ist. Umfragen zufolge führen nur die wenigsten Menschen die empfohlene Tagesdosis zu. Um die Kaliumspeicher im Körper aufrechtzuerhalten, wird seitens der Deutschen Gesellschaft für Ernährung eine Aufnahme von 4000 mg pro Tag empfohlen. Allerdings enthalten hauptsächlich pflanzliche Lebensmittel größere Mengen Kalium, von denen wir aber durchschnittlich zu wenig konsumieren. Anzustreben wäre eine tägliche Aufnahme von weniger als 2 g Natrium, aber auf jeden Fall mehr als 3,5 g Kalium. Eine Metaanalyse bestätigte die Feststellung, dass die durchschnittliche Kaliumzufuhr bei Menschen zu niedrig ist und dies nicht nur das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sondern auch für Typ-2-Diabetes erhöht [6]. Wie sehr dies den Blutdruck beeinflussen kann, zeigt ein Blick nach Dänemark. Dort wurde der hohe Lakritzkonsum (natriumreich und kaliumarm) für 3 % der Bluthochdruckerkrankungen verantwortlich gemacht.

Für ein Gemüse haben Kartoffeln einen hohen Kohlenhydratanteil mit rund 15 g pro 100 g, aber trotzdem eine geringe Energiedichte im Vergleich zu den üblichen Alternativen wie Reis und Nudeln. Die Energiedichte einer Kartoffel liegt bei etwa 70 kcal pro 100 g, die von Reis bei 120 kcal pro 100 g und die von Nudeln bei 130 kcal pro 100 g. Die Kartoffel an sich hat einen sehr niedrigen Fettgehalt von 0,1 g pro 100 g, wobei der letztendliche Fettgehalt eines Kartoffelgerichts natürlich von der Art der Zubereitung abhängt, siehe beispielsweise Pommes frites. Außerdem sind Kartoffeln reich an sekundären Pflanzenstoffen und Vitaminen, z. B. Vitamin C, B1, B3 und B6, und reich an Magnesium, Eisen und Zink. Die Kartoffel liefert vergleichsweise wenige, dafür aber hochwertige Aminosäuren und weist von allen pflanzlichen Eiweißlieferanten das größte Kontingent an verwertbarem Eiweiß auf. Zu den Aminosäuren, die in Kartoffeln in relevanten Mengen vorkommen, zählen vor allem Lysin, zudem Leucin, Valin, Isoleucin, Threonin, Methionin und Phenylalanin [7] [8] [9].

Bei der sog. retrogradierten Stärke handelt es sich dann noch um einen besonderen ernährungstherapeutischen Clou zunächst gekochter und dann abgekühlter stärkehaltiger Lebensmittel, wie eben beispielsweise Kartoffeln, aber natürlich auch Nudeln oder Reis. Beim Abkühlen bildet sich resistente Stärke (kompakte Kristallstrukturen), die vom Körper nicht mehr abbaubar ist. Auf diese Weise geht das entsprechende stärkehaltige Lebensmittel bei gleichem Sättigungseffekt nicht mehr in vollem Umfang in die Kalorien- bzw. Kohlenhydratbilanz ein und weist einen niedrigeren glykämischen Index auf [10]. Damit wird die Kartoffel für einige Ernährungsexperten sogar für Low-Carb-Rezepte interessant. Zudem ist resistente Stärke ein wichtiges Präbiotikum für Akkermansia- und Faecalibakterien [10] [11].

Hafertage

Die Ursprünge der Haferkur lassen sich auf den deutschen Internisten Carl von Noorden zurückführen, der als Pionier in der Erforschung und Behandlung von Stoffwechselerkrankungen, insbesondere des Diabetes mellitus, gilt. Um 1895 gründete er in Frankfurt am Main eine Privatklinik, die als erste Fachklinik für Diabetes in Europa angesehen wird. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts (spezifisch wird oft das Jahr 1902 genannt) entwickelte von Noorden eine „Haferdiätkur“.

Sein primäres Ziel war es, den Blutzuckerspiegel bei Diabetikern zu senken, was sich damals vor allem in einer reduzierten Ausscheidung von Zucker im Urin manifestierte. Dies war in der Zeit vor der Entdeckung und therapeutischen Verfügbarkeit von Insulin 1921 eine der wenigen verfügbaren Behandlungsoptionen. Interessanterweise unterschied sich von Noordens ursprüngliches Protokoll deutlich von den heutigen Hafertagen: Es war tendenziell hyperkalorisch konzipiert und enthielt neben Hafer auch signifikante Mengen Butter und Eiweiß mit dem Ziel, die Glukosurie zu senken, teilweise auch zur Gewichtszunahme. Moderne Hafertage hingegen sind typischerweise hypokalorisch und sehr fettarm angelegt. Bis in die 1970er Jahre hinein waren Hafertage ein fester Bestandteil der Diabetesbehandlung. Seit rund 15 Jahren erleben diese ein „Revival“, und ihre Effekte sind mittlerweile wissenschaftlich vielfach belegt.

Auch heutzutage ist der Diabetes mellitus Typ 2 die klassische Indikation für Hafertage. Ziel ist es, die Insulinsensitivität der Zellen wieder zu erhöhen. Eine Insulinresistenz ist im klinischen Alltag eine große Herausforderung: Die immer höher werdenden Insulindosen fördern wiederum die Adipositas mit weiter zunehmender Insulinresistenz als Konsequenz – ein Circulus vitiosus. Auch die nicht alkoholische Fettlebererkrankung, Hypercholesterinämie sowie Adipositas sind mögliche Indikationen, wobei bzgl. einer Adipositas Hafertage nur als intensivdiätetischer Einstieg in eine nachhaltige Ernährungsumstellung zur Anwendung kommen sollten.

Im KfN führen wir i.d.R. dreitägige Haferkuren durch, pro Tag werden dabei etwa 120 g Hafer (Rohgewicht) auf 3 Mahlzeiten verteilt. Langfristig können die Patienten für einen dauerhaften Effekt 2–3 Hafertage alle 4–8 Wochen wiederholen oder auch immer wieder einzelne Hafertage in den Ernährungsplan einstreuen. Die Gerichte werden fettarm zubereitet, pro Tag kommen im KfN auf diese Weise, ähnlich wie bei den Kartoffeltagen, 1200–1300 kcal zusammen. Dabei können je nach Geschmack eher süße Gerichte (z. B. mit Beeren und Zimt) oder herzhafte Gerichte (z. B. in Gemüsebrühe gekochter Hafer) zubereitet werden. Sulfonylharnstoffe sollten bereits 2 Tage vor Beginn der Hafertage abgesetzt und die Langzeitinsulingabe sollte schon am Vorabend des 1. Hafertages auf etwa 50–60 % reduziert werden. An den Hafertagen selbst kann die Insulindosis auf 20–40 % reduziert oder sogar ganz abgesetzt werden. Natürlich sind engmaschige Blutzuckerkontrollen erforderlich. Der Effekt hält auch noch 4 Wochen nach der Intervention an, sodass z. B. 2 Hafertage alle 4 Wochen oder ein Hafertag wöchentlich als Langzeiteffekt ausreichend sind [12].

Hafer zeichnet sich durch ein einzigartiges Nährwertprofil aus, das ihn von anderen Getreidearten unterscheidet und die Grundlage für die Wirkung der Hafertage bildet. Er ist reich an komplexen Kohlenhydraten, weist jedoch einen moderaten glykämischen Index auf. Ein herausragendes Merkmal ist der hohe Ballaststoffgehalt von etwa 10 g pro 100 g Haferflocken. Diese Ballaststoffe setzen sich zu etwa gleichen Teilen aus unlöslichen und löslichen Fasern zusammen. Besonders hervorzuheben ist der hohe Anteil an Beta-Glucan, einem spezifischen löslichen Ballaststoff, der etwa 4,5 g pro 100 g in Haferflocken ausmacht. Haferkleie enthält tendenziell sogar noch höhere Konzentrationen.

Darüber hinaus ist Hafer eine gute Quelle für pflanzliches Protein, oft in höherer Konzentration als in Weizen oder Roggen. Er liefert wichtige Mineralstoffe wie Zink, Eisen, Magnesium, Kalium, Phosphor und Kalzium sowie Spurenelemente wie Silizium. Auch Vitamine sind reichlich vorhanden, insbesondere Biotin (Vitamin B7), Thiamin (B1), Pyridoxin (B6), Folsäure (B9), Niacin (B3) und Vitamin E. Hafer enthält zudem spezifische Antioxidantien, die Avenanthramide, denen entzündungshemmende Eigenschaften zugeschrieben werden. Ein zu beachtender Inhaltsstoff ist aber auch die Phytinsäure (Phytat), die Mineralstoffe binden und deren Aufnahme hemmen kann. Dieser Effekt wird jedoch durch Einweichen oder Kochen des Hafers deutlich reduziert.

Beta-Glucan hat die Fähigkeit, im Verdauungstrakt Wasser zu binden und eine hochviskose gelartige Masse zu bilden. Insbesondere Kohlenhydrate werden dadurch langsamer aus der Nahrungsmatrix freigesetzt und ins Blut aufgenommen.

Dem löslichen Ballaststoff Beta-Glucan wird die zentrale Rolle für die positiven Stoffwechseleffekte der Haferkur zugeschrieben – es gilt als das „Wirkgeheimnis“. Beta-Glucan hat die Fähigkeit, im Verdauungstrakt Wasser zu binden und eine hochviskose gelartige Masse zu bilden. Diese Viskosität ist entscheidend für seine Wirkung. Sie verlangsamt die Magenentleerung und die Passage des Nahrungsbreis durch den Dünndarm. Dadurch werden Nährstoffe, insbesondere Kohlenhydrate, langsamer aus der Nahrungsmatrix freigesetzt und ins Blut aufgenommen. Die Effektivität des Beta-Glucans hängt maßgeblich von seiner Konzentration, seinem Molekulargewicht und der daraus resultierenden Viskosität ab. Höhermolekulares Beta-Glucan bildet viskosere Lösungen und zeigt stärkere Effekte. Studien deuten darauf hin, dass für signifikante Wirkungen, insbesondere auf den Cholesterinspiegel, eine tägliche Aufnahme von mindestens 3 g Beta-Glucan notwendig ist. Die typische Hafertage-Dosierung von 225 g Haferflocken liefert etwa 10 g Beta-Glucan pro Tag, was diesen Schwellenwert deutlich überschreitet [13].

Neben der Viskosität werden weitere Mechanismen diskutiert: Beta-Glucan könnte die Aktivität von Enzymen wie Amylase hemmen, die Kohlenhydrate abbauen. Es gibt Hinweise auf eine Hemmung von Glukosetransportern im Darm (SGLT-1, GLUT-2) und eine mögliche Hemmung des Enzyms Dipeptidylpeptidase-4 (DPP-4) durch Haferpeptide, was die Insulinausschüttung beeinflussen könnte. Zudem kann Beta-Glucan im Dickdarm durch Bakterien zu kurzkettigen Fettsäuren (short-chain fatty acids, SCFAs) fermentiert werden, die ebenfalls die Glukoseaufnahme beeinflussen könnten.

Die Bedeutung der physikalischen Eigenschaften des Beta-Glucans, insbesondere des hohen Molekulargewichts und der Viskosität, unterstreicht, warum die Wahl des Haferprodukts relevant ist. Stark verarbeitete Produkte wie Instant-Haferflocken oder Haferdrinks könnten Beta-Glucan mit geringerem Molekulargewicht enthalten. Dies könnte die Viskosität und damit die gewünschten Effekte auf Blutzucker und Cholesterin reduzieren, selbst wenn die reine Menge an Beta-Glucan rechnerisch ausreichend erscheint. Dies erklärt die Empfehlung, für Hafertage bevorzugt klassische (kernige oder zarte) Haferflocken oder Haferkleie zu verwenden und Haferdrinks nicht als Ersatz für Wasser oder Brühe einzusetzen.

Die primäre und am besten dokumentierte Wirkung von Hafer und insbesondere Beta-Glucan ist die positive Beeinflussung der Blutzuckerregulation. Durch die verlangsamte Glukoseaufnahme wird der Blutzuckeranstieg nach einer Mahlzeit gedämpft – er erfolgt langsamer und erreicht geringere Spitzenwerte, was zu einer geringeren Ausschüttung von Insulin führt. Ein zentraler Effekt, der insbesondere bei Typ-2-Diabetes und Insulinresistenz angestrebt wird, ist die Verbesserung der Insulinsensitivität. Hafertage machen die Körperzellen nachweislich wieder empfindlicher für das körpereigene oder zugeführte Insulin. Dieser Effekt wird durch verschiedene Messgrößen wie den HOMA-Index (Homeostatic Model Assessment of Insulin Resistance) bestätigt, der sich unter Haferinterventionen verbessert. Hafertrage tragen also dazu bei, sowohl den Nüchtern- als auch den Langzeitblutzuckerwert HbA1c zu senken [14].

Hafertage und regelmäßiger Haferkonsum wirken sich nachweislich positiv auf den Fettstoffwechsel aus, insbesondere durch die Senkung erhöhter Cholesterinwerte. Studien zeigen eine Reduktion des Gesamtcholesterins und vor allem des als „schlecht“ geltenden LDL-Cholesterins (Low-Density Lipoprotein). Die Reduktion kann im Bereich von 5–15 % liegen. Das „gute“ HDL-Cholesterin (High-Density Lipoprotein) bleibt dabei i.d.R. unbeeinflusst. Der Hauptmechanismus hierfür ist die Bindung von Gallensäure im Darm durch Beta-Glucan. Gallensäure, die für die Fettverdauung benötigt wird, wird normalerweise zu einem großen Teil im Darm rückresorbiert und wiederverwendet (enterohepatischer Kreislauf). Beta-Glucan unterbricht diesen Kreislauf, indem es die Gallensäure bindet und deren Ausscheidung mit dem Stuhl fördert. Um den Verlust auszugleichen, muss die Leber neue Gallensäure produzieren. Dafür benötigt sie Cholesterin, das sie dem Blut entzieht. Dieser Prozess führt zu einer Senkung des Cholesterinspiegels im Blut. Zusätzlich gibt es Hinweise darauf, dass Hafertage zur Reduktion von Leberfett bei nicht alkoholischer Fettlebererkrankung (NAFLD) beitragen können. Dieser Effekt ist wahrscheinlich multifaktoriell bedingt und resultiert sowohl aus der deutlichen Kalorienrestriktion während der Kur als auch aus der Verbesserung der Insulinsensitivität und der Blutfettwerte [15].

Der hohe Ballaststoffgehalt des Hafers unterstützt generell eine gesunde Darmfunktion. Die unlöslichen Ballaststoffe (ca. 51 % der Gesamtballaststoffe im Hafer) erhöhen das Stuhlvolumen und regen die Darmbewegung an, was der Verdauung förderlich ist.

Die löslichen Ballaststoffe, insbesondere Beta-Glucan, wirken zudem präbiotisch. Das bedeutet, sie dienen als Nahrung für nützliche Darmbakterien wie Laktobazillen und Bifidobakterien und fördern deren Wachstum und Aktivität. Bei der Fermentation von Beta-Glucan durch diese Bakterien im Dickdarm entstehen kurzkettige Fettsäuren, vor allem Butyrat und Propionat, die den Zellen der Darmschleimhaut als Energiequelle dienen und auf diese Weise entzündungshemmend wirken und zur Stabilität der Darmbarriere beitragen. Darüber hinaus kann Beta-Glucan den pH-Wert im Dickdarm senken, was das Wachstum unerwünschter Bakterienstämme hemmen kann [16] [17] [18].

Die Wirksamkeit der Hafertage resultiert somit wahrscheinlich aus einer Kombination der spezifischen physiologischen Effekte des Hafer-Beta-Glucans (Viskosität, Gallensäurebindung, präbiotische Wirkung) und der generellen metabolischen Auswirkungen einer signifikanten Kalorien- und Kohlenhydratrestriktion (im Vergleich zur Normalkost).

Fazit

Die beschriebenen kurzfristigen intensivdiätetischen Kuren können in spezifischen Situationen und unter fachkundiger Anleitung also durchaus einen therapeutischen Wert haben. Sie können als „Starthilfe“ dienen, um metabolische Dysbalancen zu durchbrechen, den Körper zu entlasten oder akute Symptome zu lindern (z. B. bei Entzündungsschüben). Sie sind jedoch i.d.R. keine eigenständigen Lösungen, sondern können als Katalysator für eine notwendige tiefergreifende Veränderung der Lebens- und Ernährungsgewohnheiten wirken. Eine Selbstbehandlung, vor allem bei bestehenden Erkrankungen oder Medikamenteneinnahme, birgt Risiken. Die Begleitung durch qualifizierte Fachpersonen (Ärzte, Heilpraktiker, zertifizierte Ernährungsberater) ist daher dringend anzuraten, um eine sichere und effektive Anwendung zu gewährleisten und die passende Strategie zu wählen.

Robert Schmidt
2005 Approbation, 2005–2013 Facharztausbildung Innere Medizin Krankenhaus Peißenberg, Krankenhaus für Naturheilweisen (KfN) und Krankenhaus Starnberg, 2013 Anerkennung Facharzt Innere Medizin, 2014–2020 Zusatzbezeichnungen Naturheilkunde und Homöopathie. Seit 07/2020 Ärztliche Leitung des KfN, München.

Interessenkonflikt: Der Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.

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