NahrungsergänzungsmittelNahrungsergänzungsmittel - Hype und Halbwissen

Eine ausgewogene Ernährung versorgt den gesunden Körper ausreichend mit lebensnotwendigen Stoffen. Nur in Einzelfällen können Nahrungsergänzungsmittel sinnvoll sein.

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Bunte Pillen, Kapseln, Dragees und Tabletten auf hellem Hintergrund
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Bunte Vielfalt aus der Pillendose: Nahrungsergänzungsmittel gibt es in jedem Supermarkt, aber viele Menschen wissen nicht ausreichend darüber Bescheid.

Regale in Supermärkten sind mit vitamin- und mineralstoffreichen Pillen und Pülverchen gefüllt. In einer aktuellen Befragung gaben mehr als Dreiviertel der Befragten an, in den vergangenen 12 Monaten ein Nahrungsergänzungsmittel (NEM) eingenommen zu haben. Wie sinnvoll ist das? Eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung versorgt den gesunden Körper ausreichend mit lebensnotwendigen Stoffen. Nur in Einzelfällen können NEM sinnvoll sein.

Im Folgenden werden einige Missverständnisse aufgeklärt und Fakten präsentiert [1] [2].

Die Liste der Missverständnisse

NEM sind freiverkäufliche Arzneimittel

Ein Viertel der Befragten glaubt dies, weitere 33% halten es für wahrscheinlich. Aber: NEM sind, rechtlich gesehen, Lebensmittel. In der Nahrungsergänzungsmittel-Verordnung ist geregelt, welche Vitamine und Mineralstoffe enthalten sein dürfen. Welche sonstigen Stoffe mit ernährungsspezifischer oder physiologischer Wirkung (Aminosäuren, Fettsäuren, Ballaststoffe, pflanzenbasierte Stoffe) in welcher Form und Dosis zugesetzt werden dürfen, ist nur für wenige Einzelfälle geregelt.

NEM werden behördlich geprüft, bevor sie auf den Markt kommen

Nahrungsergänzungsmittel unterliegen als Lebensmittel keiner Zulassungspflicht (hinsichtlich Sicherheit und Verträglichkeit). Für die Einhaltung der lebensmittelrechtlichen Bestimmungen und für die Sicherheit ist der Hersteller/Importeur/Anbieter/Vertreiber verantwortlich. Die Überwachungsbehörden der Länder prüfen stichprobenartig die Übereinstimmung mit den gesetzlichen Vorgaben.

Mit NEM lassen sich Krankheiten oder Beschwerden behandeln

Diese Annahme ist für fast die Hälfte der Befragten der Grund für die Einnahme. Allerdings sind NEM gerade nicht dazu gedacht, wie ein Medikament eingesetzt zu werden. Und sie dürfen nicht mit krankheitsbezogenen Aussagen beworben werden. Gesundheitsbezogene Aussagen sind nur dann erlaubt, wenn sie von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit wissenschaftlich geprüft und von der EU-Kommission ausdrücklich zugelassen wurden (Health Claims, wie z.B. „Kalzium wird für die Erhaltung normaler Knochen benötigt“).

Vitamine und Mineralstoffe haben wichtige Funktionen im Körper; eine Unterversorgung oder ein Mangel können krank machen. Deshalb wird z.B. Veganer*innen die Einnahme von Vitamin B12 empfohlen. Eine sinnvolle Nahrungsergänzung ist auch Folsäure für Schwangere.

In medizinischen und ernährungswissenschaftlichen Fachkreisen dominiert die Auffassung, dass NEM der Prävention und/oder dem Ausgleich von Mikronährstoffmängeln für sensible Personenkreise dienen (Schwangerschaft, Hochleistungssport, Mangel an natürlicher Sonnenlichtexposition) oder bei Malabsorptionssyndromen, Nahrungsunverträglichkeiten oder Vorerkrankungen mit erhöhten Nährstoffmangelrisiken.

Ansonsten sollten ohne Rücksprache mit dem Arzt keine NEM genommen werden.

In breiten Bevölkerungskreisen herrscht hingegen die Ansicht vor, dass konzentrierte Vitamine, Mineralstoffe u.a. als Dragees, Brausetabletten oder Fluid jedem Organismus guttun.

Merke

Die Analyse mehrerer prospektiver US-amerikanischer Kohortenstudien kam zu dem Ergebnis, dass die Einnahme der sehr beliebten Multivitaminpräparate das Leben nicht verlängert, wie lange behauptet wurde.

NEM sind harmlos, weil eine Überversorgung mit Mikronährstoffen nicht möglich ist

Die verbreitete und durch lautstarkes Herstellermarketing unterfütterte Auffassung lautet: Durch eine Pille mit allem versorgt, da kann nichts mehr schiefgehen. Hinlänglich belegte Überdosierungsrisiken sind unter Konsumenten offenbar nicht bekannt oder gelten als nicht beachtenswert.

Eine unnötige Einnahme von Vitaminen oder Mineralstoffen kann sehr wohl zu unerwünschten gesundheitlichen Wirkungen führen, vor allem bei hoher Dosis:

  • So kann die langfristige Einnahme sehr hochdosierter Vitamin-D-Präparate die Ca-Konzentration im Blutserum stark erhöhen und dadurch Müdigkeit, Übelkeit oder Herzrhythmusstörungen verursachen, bei sehr hoher Dosierung langfristig die Nieren schädigen.
  •  Beta-Carotin-Supplemente können das Lungenkrebsrisiko von Rauchern erhöhen.
  •  Die Wirksamkeit von Blutgerinnungshemmern kann durch Vitamin K sinken.
  •  Überhöhte Häm-Eisen-Aufnahme kann das Darmkrebsrisiko steigern.
  •  Kalzium, Zink und Kupfer können die Wirkung von Antibiotika beeinflussen.

Höchstmengenvorschläge

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat 2004 erstmals Empfehlungen für Höchstmengen für Vitamine und Mineralstoffe in NEM und angereicherten Lebensmitteln erarbeitet, 2021 aktualisiert und 2023 erneut angepasst [3]. Berücksichtigt werden dabei die von der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) abgeleiteten Mengen, die bei chronischer täglicher Zufuhr eines Nährstoffs aus allen Quellen nach derzeitigem Wissen nicht mit negativen gesundheitlichen Wirkungen eingehen, und die von den deutschen, österreichischen und schweizerischen Gesellschaften für Ernährung und der EFSA abgeleiteten Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr sowie die in Ernährungserhebungen ermittelten Vitamin- und Mineralstoffaufnahmen aus der üblichen Ernährung.

Nahrungsergänzungsmittel mit pflanzlichen Inhaltsstoffen [2][4]

Pflanzliche Inhaltsstoffe (Botanicals) in NEM gelten oft fälschlicherweise als harmlos, da sie ja „natürlich“ seien. Nicht nur Giftpflanzen, auch Pflanzen, die traditionell als Lebensmittel verzehrt werden, können Stoffe enthalten, die in isolierter oder konzentrierter Form schädlich sein können.

Während pflanzliche Arzneimittel reguliert, also geprüft und behördlich zugelassen sind, gilt das für NEM nicht. Es macht einen Unterschied für die Aufnahme, Verstoffwechslung und damit Wirkung, ob isolierte Extrakte oder getrocknete pulverisierte Pflanzenteile zugesetzt werden. Hinzu kommt, dass NEM, anders als häufig Arzneimittel, vorbeugend über lange Zeit eingenommen werden.

Merke

Botanicals sind für gesunde Menschen, die sich abwechslungsreich ernähren, meist unnötig. Besonders aufpassen wegen eventueller Wechselwirkungen sollten Menschen, die Medikamente einnehmen.

Beispiele

Synephrin kommt natürlicherweise in Zitrusfrüchten vor. In NEM sind die Dosen teilweise so hoch, dass sie das Herz-Kreislauf-System beeinträchtigen und z.T. Herzrhythmusstörungen verursachen können.

Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat 2024 einen First Report Food Supplements herausgegeben. Vertreter aus 26 europäischen Ländern haben 117 potenziell gesundheitsgefährdende Inhaltsstoffe in Nahrungsmitteln aufgelistet, 65 davon „neuartig“, in ihrem Schädigungspotenzial noch nicht hinreichend untersucht, 13 wegen der bei Aufnahme über NEM hohen Aufnahmemenge als risikobehaftet, z.B. Cumarin, Curcumin, Lepidium meyenii (Maca) und Withania somnifera (Ashwagandha).

Im Übrigen sollte man als NEM-Verwender auch auf die Zutatenliste schauen, wo sich die Auflistung der Konservierungsstoffe, Bindemittel, Farb-, Aroma- u.a. Zusatzstoffe findet.

Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin D [5]

Vitamin D ist wichtig für Entwicklung und Erhaltung gesunder Knochen (Kalzium- und Phosphatstoffwechsel), stärkt die Muskelkraft und trägt zu einem gut funktionierenden Immunsystem bei.

Da Vitamin D durch den Einfluss von Sonnenlicht in der Haut gebildet wird, kann es in der dunklen Jahreszeit zu einer Unterversorgung kommen. Dies gilt auch bei Risikogruppen für eine Unterversorgung: Menschen, die nicht ins Freie gehen (können), die nur völlig bedeckt nach draußen gehen, dunkelhäutige Menschen, Ältere, da die Vitamin-D-Bildung im Alter deutlich abnimmt und sie sich häufig nicht im Freien aufhalten (können). Eine ausgewogene Ernährung mit fettem Fisch sorgt ebenfalls für eine gute Vitamin-D-Versorgung.

Merke

Als eine gute Vitamin-D-Versorgung gelten Serumwerte ab 50 nmol/l (20 ng/ml).

Der physiologische Bedarf an Vitamin D ist sehr unterschiedlich. Mit diesem genannten Serumwert sind auch Personen mit einem sehr hohen Bedarf gut versorgt, er liegt oberhalb des tatsächlichen individuellen Bedarfs für eine gute Knochengesundheit.

Als suboptimal gelten Serumwerte zwischen 30 nmol/l (12 ng/ml) und 50 nmol/l (20 ng/ml); sie gelten nicht unbedingt als unterversorgt. Erst unterhalb von 30 nmol/l (12 ng/ml) besteht das Risiko eines Vitamin-D-Mangels. In Deutschland haben 54% der Kinder und Jugendlichen sowie 44% der Erwachsenen wünschenswerte Vitamin-D-Serumspiegel von ≥50 nmol/l (20 ng/ml), 13% der Kinder und Jugendlichen und 15% der Erwachsenen haben ein Risiko für einen Mangel. Suboptimal versorgt sind 33% der Kinder und Jugendlichen und 41% der Erwachsenen.

Da in einer Vielzahl von Beobachtungsstudien niedrige Vitamin-D-Spiegel mit einem erhöhten Risiko für z.B. Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, Depressionen, Asthma oder Atemwegsinfekten korrelierten, hat man versucht, durch kontrollierte klinische Studien herauszufinden, ob tatsächlich eine kausale Beziehung besteht, ob die niedrigen Vitamin-D-Spiegel Ursache oder Folge der Erkrankungen sind und Vitamin-D-Präparate präventiv wirken können.

Dabei zeigte sich ein eindeutiger Anstieg der Serumwerte durch die Gabe von Vitamin-D-Supplementen, aber bei einer weiteren Erhöhung der Vitamin-D-Serumwerte vom adäquaten in den supraphysiologischen Bereich kein zusätzlicher Nutzen für die Prävention von Krebs, Gesamtmortalität, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Frakturen, Stürzen, Gebrechlichkeit, Typ-2-Diabetes, Nierenfunktionsstörungen, Inkontinenz, altersbedingter Makuladegeneration, Atemwegsinfekten und Depressionen.

Ebenso zeigte sich kein positiver Effekt von zusätzlichem Vitamin D auf Wachstum, Knochendichte, Herzstruktur und -funktion, Schmerzwahrnehmung, Gewicht, Körperzusammensetzung, körperliche und kognitive Leistungsfähigkeit oder Zusammensetzung des Darmmikrobioms.

Bei bereits vorliegenden Erkrankungen (Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Autoimmunerkrankungen) gab es unterschiedliche Ergebnisse.

Merke

Es zeigt sich anhand großer klinischer Studien, dass Personen mit einem angemessenen Vitamin-D-Status in der Regel keinen zusätzlichen Nutzen durch die Einnahme von Vitamin D haben.

Wer Vitamin D ergänzen möchte, sollte auf NEM mit bis zu 20 µg Vitamin D (800 I.E.) pro Tag zurückgreifen. Mit dieser Dosis lässt sich im Allgemeinen eine adäquate Vitamin-D-Serumkonzentration erreichen.

Die Einnahme hochdosierter Vitamin-D-Präparate sollte nur unter ärztlicher Kontrolle stattfinden. In einigen klinischen Studien wurde bei täglicher Gabe von zusätzlich 100 µg (4000 I.E.) Vitamin D über längere Zeit im Vergleich zur Kontrolle eine stärkere Abnahme der Knochendichte bei älteren Frauen, eine Erhöhung des Sturzrisikos sowie eine Verschlechterung der Herzfunktion bei herzkranken Menschen beobachtet.

Vorsicht

Hochdosierte NEM mit einer Vitamin-D-Dosis ab 4000 I.E. pro Tag können bei langfristiger Einnahme gesundheitlich bedenkliche Gesamtaufnahmen erreichen.

  1. Zwischen Hype und Halbwissen. Nahrungsergänzungsmittel im Faktencheck. BfR2Go (Bundesinstitut für Risikobewertung) 1/2025
  2. Graf S. Die große Multivitamin-Lüge. DocCheck News. 25.06.2025
  3. Aktualisierte Höchstmengenvorschläge für Vitamine und Mineralstoffe in angereicherten Lebensmitteln. BfR Stellungnahme 6/2024
  4. Black Box Botanicals. BfR2Go 1/2025
  5. Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin D – sinnvoll oder überflüssig? BfR-Stellungnahme 55/2023 

Dr. Sabine Wenzel, Berlin