GemmotherapieGemmotherapie: Was Knospen können

Wie die Gemmotherapie wirkt und was bei der Auswahl und Anwendung der Mittel wichtig ist, lesen Sie in diesem Beitrag.

Inhalt
Knospen vom Berg-Ahorn in der Nahaufnahme.
JRG/stock.adobe.com
Knospen vom Berg-Ahorn.

Kurz gefasst

  1. Die Wirkung von Gemmomitteln beruht zwar auf der Gesamtheit der in Knospen auffindbaren Inhaltsstoffe. Jedoch scheinen hierbei embryonale Proteinkomponenten, die in ausgeformten Blättern und Blüten nicht mehr vorkommen, eine besondere Rolle zu spielen.
  2. Die Gemmotherapie ist kontraindiziert für abstinente Alkoholabhängige, weitere Kontraindikationen sind nur für wenige Gemmomittel bekannt (siehe [Tabelle 1]). Wechselwirkungen zeigt erfahrungsgemäß nur das Gemmomittel Ginkgo.
  3. Beim Einnahmeschema gilt: Je chronischer die Erkrankung, umso seltener die Gabe. In akuten Fällen ist eine Anwendung mehrmals täglich angezeigt.

Die Gemmotherapie beruht auf der Verwendung von Knospen verholzender Pflanzen wie Bäume, Sträucher sowie Zwergsträucher. Das Besondere an Knospen ist, dass sie aus pflanzlichen Stammzellen, sogenannten Meristemen, bestehen.

Stammzellen sind embryonale Zellen, die sich schnell teilen und noch keine Differenzierung aufweisen. Sie tragen die gesamte genetische Information der Pflanzen in sich. Rein theoretisch könnte man aus einer einzigen solchen Stammzelle den ganzen Baum oder Strauch rekonstruieren. Zum Zeitpunkt der noch geschlossenen Knospe im Frühling ist in diesen Stammzellen das gesamte Genom noch aktiviert, also ablesbar. Erst wenn die Knospen aufspringen und sich zu Blüten, Blättern oder Trieben entwickeln, werden die Gene und Informationen, die ein Blatt oder eine Blüte nicht benötigt, deaktiviert. Entsprechend nannte der belgische Arzt Dr. Pol Henry (1918-1988), der Begründer der Gemmotherapie, diese Therapieform zuerst Phyto-Embryo-Therapie (Anmerkung der Redaktion: Im Beitrag werden verschiedene Begriffe für gemmotherapeutische Arzneimittel synonym verwendet: Gemmomittel, Gemmomazerate, Knospenmazerate).

Hintergrundwissen: Entwicklung der Gemmotherapie

Auch wenn Knospen beim Aufspringen im Frühling eine beeindruckend kraftvolle Signatur zeigen, wurden sie als Heilmittel in den vorherigen Jahrhunderten kaum verwendet. Erst 1956 veröffentliche Pol Henry seine Forschungsergebnisse und Therapieerfolge mit Heilmitteln, die mehrheitlich aus Knospenstammzellen hergestellt wurden. Er beschreibt in seinem Werk „Phytoembryothérapie – Gemmothérapie: thérapeutique par les extraits embryonnaires végétaux“, wie er einen Zusammenhang zwischen den Blutproteinen seiner Patienten und ihren Krankheiten beobachten konnte. Er untersuchte die Blutproteine mittels Elektrophorese und entdeckte, dass sich deren Zusammensetzung bei Patienten von denen gesunder Menschen unterschied. Zudem konnte er auch feststellen, dass jede Erkrankung eine bestimmte Verschiebung der Blutproteinzusammensetzung zeigte. Diese Ergebnisse und weitere Forschungen an der Proteinzusammensetzung in Zellen führten zu der Forschungsrichtung der Proteomik.

Dr. Pol Henry entdeckte zudem, dass es nicht nur eine Korrelation zwischen Krankheitssymptomen und Blutproteinverschiebungen gibt. Viel wichtiger war seine Entdeckung, dass die Anwendung von pflanzlichen Knospenstammzellen die Proteinzusammensetzung wieder ins Gleichgewicht bringen und damit einen Gesundungsprozess initiieren kann.

Zusammen mit seinem Freund Dr. Max Tétau (1927–2012), einem französischen Arzt und Professor an der Universität Paris, arbeitete Dr. Pol Henry weiter an seinen Entdeckungen. Max Tétau konnte auf seine Studenten und die Forschungsmöglichkeiten an der Universität zurückgreifen. So entstanden viele klinische Studien, die im Buch „Nouvelles cliniques de gemmothérapie“ (in englischer Übersetzung „Gemmotherapy – clinical guide“) veröffentlich wurden und die Wirkungen der Gemmotherapie weiter belegen konnten. In dieser Zeit wurde die Phyto-Embryo-Therapie auf Anraten von Max Tétau in Gemmotherapie umbenannt. Tétau befürchtete, dass die Bezeichnung „Embryo“ auf einem Arzneimittel eine eher abschreckende Wirkung haben könnte.

Eine weitere wichtige Persönlichkeit der Gemmotherapie ist der Arzt und Universitätsprofessor Dr. Fernando Piterà (*1953), der in Mailand seine Praxis hat und sich bis heute für das Bekannterwerden der Knospenmedizin und die weitere Forschung einsetzt. Er ist Mitglied der Rumänischen Gesellschaft für Gemmotherapie und Homöopathie (ARGH) und wurde 2012 mit dem Gemmotherapy Award ausgezeichnet. Er schrieb das bedeutende Werk „Compendio di gemmotherapia clinica“, das 2018 überarbeitet und in französischer Sprache unter der Bezeichnung „Précis de gemmothérapie“ erschien. Fernando Piterà bezeichnete die Gemmotherapie als Meristemtherapie, was ebenfalls auf die Stammzellen in den Knospen hinweist.

In Belgien entwickelte Philippe Andrianne (siehe S. 66) die Gemmotherapie weiter. Neben seiner therapeutischen Arbeit und seiner internationalen Dozententätigkeit ist er Mitglied des Ausschusses für Heilpflanzenzubereitungen des belgischen Gesundheitsministeriums. Er ist der Begründer der 1995 entstandenen sogenannten Mutter-Mazerate, der unverdünnten Gemmomittel.

Inhaltsstoffe der Knospen

Um die spezielle Wirkung der Knospen zu verstehen, ist es notwendig, einen Blick auf die darin enthaltenen Inhaltsstoffe zu werfen.

Folgende Inhaltsstoffe sind enthalten:

  • Nukleinsäuren (genetisches Material)
  • Enzyme als wichtige Katalysatoren für die Zellteilung der Knospe
  • embryonale Proteinkomponenten, auch Phytoproteine genannt, die vor fehlerhaften Zellteilungen beim Knospenwachstum schützen
  • pflanzliche Wachstumshormone wie Gibberelline, Auxine und Zytokinine, die an Aminosäuren gebunden sind
  • Oligosaccharide, die die Bildung keimhemmender Stoffe bei Knospenbefall durch Bakterien und Pilze auslösen können
  • Mineralien und Spurenelemente, die vor allem aus dem aufsteigenden Baumwasser stammen
  • pflanzentypische Inhaltsstoffe wie Flavonoide, Gerbstoffe, ätherische Öle, Saponine etc.

In Knospen, die zu Gemmomitteln verarbeitet werden, sollte keine Abscisinsäure mehr enthalten sein. Denn die Abscisinsäure ist für den Winterschlaf der Knospen verantwortlich und verhindert ihr Aufspringen bei zu kalten Temperaturen, bei zu niedrigem Sonnenstand im frühen Frühling bzw. bei Trockenheit. Man könnte daher die Abscisinsäure, früher Dormin genannt, auch als adaptogenes Hormon bezeichnen.

Das Besondere an der Zusammensetzung der Inhaltsstoffe ist der Gehalt an Proteinen. Denn diese sind beim Ausziehen fertiger Blätter oder Blüten nicht mehr vorhanden.

Die Gesamtheit aller Knospeninhaltsstoffe ist für die Wirkung der Gemmomittel (siehe Abschnitt „Wirkmechanismus der Knospenpräparate“) verantwortlich und muss daher in möglichst vollständig sowie unzerstört nach dem Ausziehen im Lösungsmittel vorhanden sein. Das ist jedoch einfacher gesagt als getan! Pol Henry hat viel Zeit investiert, um ein optimales Lösungsmittel zu finden.

Merke: Wird das von Pol Henry entwickelte Lösungsmittel verändert, kann sich die Konzentrationen der ausgezogenen Wirkstoffe, die Aufnahmefähigkeit des Gemmomittels in den Organismus und damit die Wirkung stark vermindern.

Herstellung von Gemmomitteln

Der richtige Erntezeitpunkt ist für die Wirksamkeit der Gemmomittel ausschlaggebend. Er ist gegeben, wenn im Frühling die Knospen aus dem Winterschlaf erwachen. Das heißt, wenn sie durch den aus dem Boden aufsteigenden Saft anschwellen und damit größer werden. Die Knospen müssen jedoch geerntet werden, bevor die Knospen aufspringen und sich zu kleinen Blättern oder Blüten entwickeln. Kleine grüne Spitzchen dürfen durchaus schon zu sehen sein, aber die Blattstruktur mit den Nerven oder der Blattrand sollte noch nicht erkennbar sein. Somit ist gewährleistet, dass die Knospen noch embryonale Proteinkomponenten enthalten.

Die Herstellung der Knospenmittel ist besonders wichtig. 1956 wurde die von Pol Henry erforschte Herstellung in Ermangelung eines belgischen Arzneibuchs in das Homöopathische Arzneibuch Frankreichs aufgenommen. Auch wenn die Herstellung dort aufgeführt ist, hat die Gemmotherapie nichts mit der Homöopathie zu tun! Erst im November 2011 wurde diese Methode ins Europäische Arzneibuch (Pharmakopoea Europaea) übernommen und unter dem Namen „Glycerinmazerate“ veröffentlicht.

Man unterscheidet 2 Herstellungsmethoden:

Herstellung nach Arzneibuchmethode (nach Pol Henry)

Die frischen Knospen werden im Frühling zum passenden Erntezeitpunkt direkt nach dem Ernten kleingeschnitten und dann in ein Lösungsmittelgemisch zu gleichen Teilen aus pflanzlichem 85%igen Glycerin und 70%igem Ethanol eingelegt. Zu erwähnen ist, dass sich in dieser Mischung als 3. Lösungsmittel Wasser versteckt.

Zu beachten ist, dass entweder die Mischung aus Glycerin und Ethanol zu den zerkleinerten Knospen gegeben werden kann oder jedes Lösungsmittel einzeln. Bei letzterem ist zu beachten, dass zuerst Glycerin und erst danach Ethanol zu den Knospen gegeben wird. Denn ohne den Schutz des Glycerins würden die Proteine in den Knospen durch das Ethanol denaturiert und damit zerstört werden. Die Knospen werden dann mindestens 3 Wochen an einem warmen, vor direktem Sonnenlicht geschützten Ort mazeriert und danach abgeseiht. Danach wird das Gemmomazerat im Verhältnis 1:10 mit demselben Lösungsmittelgemisch verdünnt und dann in eine Sprühflasche abgefüllt.

Merke: Das Ausziehen in Marmeladengläsern (für Heilpraktiker selbstverständlich nur für den Eigenbedarf) – wie man es oft auf Fotos im Internet sieht – ist alles andere als empfehlenswert. Denn das Ethanol wie auch die Ethanoldämpfe der Lösungsmittelmischung lösen aus der Innenbeschichtung der Deckel krebserregende Substanzen heraus, die sich dann im Gemmomazerat wiederfinden. Ausnahme sind die sogenannten Blueseal-Deckel, die resistent gegen Ethanol sind. Daher am besten Tropfflaschen aus dem Apothekenbedarf oder Tinkturen-Auszugsgläser mit Glasstopfen (Steilbrustflaschen) benutzen, damit am Schluss ein heilkräftiges Gemmomittel entsteht.

Herstellung der unverdünnten Muttermazerate nach belgischer Methode

Bei dieser Methode werden die frischen, zerkleinerten Knospen in folgendem Lösungsmittelgemisch ausgezogen:

  • 4,5 Teile 99%iges Glycerin
  • 2 Teile Wasser
  • 3,5 Teile 96%iges Ethanol

Auch wenn dies nach einem anderen Lösungsmittelgemisch aussieht, ist es dasselbe wie das der Arzneibuchmethode, nur anders formuliert. Der Unterschied besteht darin, dass nach dem Abseihen keine weitere Verdünnung erfolgt. Daher werden die so entstandenen Gemmopräparate Muttermazerate bzw. „macerat-mère“ genannt. Im Vergleich zu den verdünnten Knospenpräparaten findet sich in diesen die 10-fache Menge an Inhaltsstoffen. Bei beiden Herstellungen liegt die Endkonzentration an Ethanol bei ca. 35 Volumenprozent.

Merke: Mit diesem Wert (der Angabe der Ethanolkonzentration), der auf jedem Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel angegeben werden muss, lässt sich die korrekte Herstellung bereits etwas überprüfen.

Gemmomittel im Handel sind 10 Jahre haltbar. Diese Aussage bezieht sich darauf, dass rechtlich gesehen keine Haltbarkeit länger als 10 Jahre deklariert werden darf. Ethanol sowie Glycerin sind jedoch konservierend, sodass einer längeren Verwendung meist nichts entgegensteht.

Bei selbst und damit nicht unter Reinraumbedingungen hergestellten Gemmomitteln erachte ich eine Haltbarkeit von 3–4 Jahren als zielführend. Es macht keinen Sinn, Knospenpräparate in großen Mengen herzustellen, denn es wird jedes Jahr wieder Frühling und damit möglich, neu herzustellen und den eigenen Vorrat aufzufüllen.

Rechtliche Situation der Gemmomittel

Werden die Gemmomittel als Arzneimittel registriert, so sind sie rechtlich zwingend nach der Arzneibuch-Methode herzustellen. Damit hat man als Verordner bzw. Patient die Sicherheit, dass die Mittel korrekt hergestellt werden. Dies wird umfangreich und regelmäßig überprüft, was allerdings die Zulassung als Arzneimittel sehr verteuert.

Hintergrundwissen: Glycerin als Lösungsmittel

Glycerin (chemisch Glycerol) ist ein wichtiger Bestandteil des Lösungsmittelgemischs für Gemmomazerate. Glycerol gehört in die chemische Gruppe der Alkohole, besitzt ähnliche Auszugsfähigkeiten wie Ethanol, wirkt aber sanfter als dieses und denaturiert die in den Knospen enthaltenen Proteine nicht. Glycerin ist Bestandteil aller pflanzlichen Fette und daher gesundheitlich unproblematisch. Zudem schmeckt es süß, was die Gemmomittel – gerade auch für Kinder – schmackhaft macht. Dennoch ist Glycerin nicht mit Zucker vergleichbar. Es führt zu keiner nennenswerten Insulinausschüttung, benötigt bei Diabetikern keine Anpassung der Medikation und verursacht auf den Zähnen auch keine Karies.

Aus diesem Grund bringen die meisten Hersteller ihre Knospenmazerate als Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt. Dieser Weg ist wesentlich kostengünstiger für die zumeist kleinen Firmen. Problematisch daran ist, dass die Herstellung somit nicht mehr definiert ist. Ein großer Hersteller in Frankreich stellt seit ein paar Jahren seine Mazerate mit gefrorenen Knospen her, um das ganze Jahr über lieferfähig zu bleiben. Dass solche Mittel nicht die gleiche Wirkstärke aufweisen wie Mittel, die aus frischen Knospen hergestellt werden, erklärt sich von selbst. Auch in Bezug auf die Lösungsmittel gibt es viele Abweichungen. Einige Firmen erhöhen den Anteil des Wassers, was mit besserer Verträglichkeit bei Kindern und in der Schwangerschaft begründet wird. Dass aber bei einem geringeren Ethanolgehalt und damit einer hydrophileren Lösungsmittelmischung die Aufnahme über die Mundschleimhaut verringert wird und dadurch die enthaltenen Proteine durch die Proteasen im Speichel und im Magensaft zerstört werden, wird nicht beachtet. Daher empfehle ich dringend, dass die eingesetzten Gemmomittel einen Ethanolgehalt von ca. 35 Volumenprozent aufweisen.

Auch andere Lösungsmittel mit Essig oder die Zugabe von Honig werden im Internet diskutiert, was jedoch nichts mit der Gemmotherapie nach Pol Henry zu tun hat.

Dennoch haben selbstverständlich auch Firmen, die ihre Gemmomittel als Nahrungsergänzungsmittel auf den Markt bringen, die Möglichkeit, diese nach der Arzneibuchmethode und damit korrekt herzustellen.

Wirkmechanismus der Knospenpräparate

Wie die Gemmomittel genau wirken, ist nach wie vor nicht bis ins letzte Detail geklärt. Sicher ist, dass die enthaltenen Proteine und Aminosäuren einen wichtigen Beitrag leisten, wie Pol Henry mit seiner Forschung zeigen konnte. Aufgrund der schnellen und tiefgreifenden Wirkung der Knospenpräparate, selbst bei schweren chronischen Erkrankungen, ist davon auszugehen, dass es sich um sehr potente Heilmittel handelt. Zusammengefasst kann man sagen, dass der Wirkmechanismus der Gemmotherapie auf 2 Säulen steht:

Die eine sind knospenspezifische Inhaltsstoffe wie Proteine, Aminosäuren und pflanzliche Wachstumshormone, die nur in den Knospen vorkommen. Diese

  • beeinflussen diverse Abläufe im Stoffwechsel,
  • fördern die Zellregeneration und Zellerneuerung und
  • modulieren das Immunsystem.

Die andere Säule sind die sogenannten sekundären pflanzlichen Inhaltsstoffe wie ätherische Öle, Flavonoide, Gerbstoffe, Bitterstoffe, Vitamine, Saponine u. a. Diese sind pflanzenspezifisch und für die Wirkungen zuständig, die man aus der Phytotherapie kennt.

Anwendung und Dosierung

Die aus meiner Sicht sinnvollste Anwendung von Gemmomitteln ist das Sprühen mittels Sprühflaschen in den Mund. So wird eine feinere Verteilung und damit eine schnellere Aufnahme durch die Mundschleimhaut erreicht. Zudem wird weniger geschluckt, was die Wirksamkeit vermindern würde.

Mit einer Norm-Dosierung kann ich leider nicht dienen. Schließlich sind alle individuelle Menschen und benötigen daher auch unterschiedliche Dosierungen.

Hingegen ist folgende Aussage möglich:

Merke: Je akuter die Beschwerden, desto häufiger wird gesprüht. Je chronischer die Erkrankung, desto seltener wird gesprüht.

Nehmen wir als Beispiel die saisonale Pollenallergie: Hält man sich an einem sonnigen Frühlingstag mit kräftigem Pollenflug draußen in der Natur auf, ist es unter Umständen notwendig, alle 15 Minuten ein Gemmomittel aus der Schwarzen Johannisbeere zu sprühen. Regnet es jedoch, und es fliegen keine Pollen, braucht es kein Gemmomittel. Auch bei akuten Kopfschmerzen wird beispielsweise häufiger gesprüht, bis die Schmerzen nachlassen. Dann kann auch das Dosierungsintervall vergrößert werden. Handelt es sich jedoch um eine chronische Erkrankung wie rheumatoide Arthritis oder eine gutartige Prostatavergrößerung, reicht normalerweise eine Anwendung morgens und abends aus.

Die Anzahl der Sprühstöße hängt mit dem Alter des Patienten zusammen. Bei Kleinkindern und Kindern bis ca. 7 Jahren reicht 1 Sprühstoß pro Gabe. Für Kinder ab 7 Jahren und Jugendliche sind 2 Sprühstöße sinnvoll und für Erwachsene 3 Sprühstöße.

Bei akuten Beschwerden wird die Gemmotherapie eingesetzt, bis die Symptomatik verschwunden ist. Eine länger andauernde Einnahme ist nicht nötig. Bei chronischen Erkrankungen hingegen kann die Anwendung über Wochen und Monate, manchmal sogar lebenslänglich sinnvoll und notwendig sein.

Merke: Besonders an der Gemmotherapie ist, dass auch eine andauernde Einnahme zu keiner Gewöhnung oder Abschwächung der Wirkung führt.

Ich persönlich unterscheide bezüglich Dosierung nicht zwischen verdünnten und unverdünnten Gemmomitteln. Bei der Anwendung der Mutter-Mazerate bemerke ich jedoch oft, dass der Wirkungseintritt schneller erreicht wird. Daher kann es gerade bei akuten und schmerzhaften Symptomen sinnvoll sein, eher die unverdünnten Knospenpräparate einzusetzen.

Für Kinder geeignet trotz Alkoholgehalt?

Die Einzeldosis für Kinder bis 7 Jahre (1 Sprühstoß) eines Gemmomittels enthält weniger Ethanol als eine reife Banane. Denn die bringt es auf einen Alkoholgehalt von bis zu 0,6 Volumenprozent.

Zum Vergleich: 1 Sprühstoß eines Gemmomittels entspricht 0,14 ml Flüssigkeit und enthält 0,03 g Ethanol. Dies ist deutlich weniger als die Ethanolkonzentration in einigen Lebensmitteln wie pasteurisiertem Apfelsaft (0,38 Volumenprozent), die auch für Kleinkinder unbedenklich sind.

Wichtig ist jedoch, immer die Eltern zu informieren und aufzuklären. Meistens reagieren sie dann mit Erleichterung und sind froh, mit der Gemmotherapie etwas an der Hand zu haben, das schnell und zuverlässig wirkt. Zudem nehmen Kinder die Gemmomittel wegen der Süße meist sehr gerne ein. Stehen die Eltern jedoch dem enthaltenen Ethanol kritisch gegenüber – was ihr gutes Recht ist –, ist die Gemmotherapie nicht möglich, und es muss auf eine andere Therapieform wie Tees oder homöopathische Globuli gewechselt werden.

Auch für Schwangere und Stillende stellt der in den Gemmomitteln enthaltene Alkohol bei richtiger Dosierung in der Regel kein Problem dar. Entsprechend der Aufklärungs- und Sorgfaltspflicht sollten die Patientinnen jedoch über den Alkoholgehalt in den Gemmomitteln aufgeklärt werden.

Nebenwirkungen, Kontraindikationen, Wechselwirkungen

Nebenwirkungen von Gemmomitteln sind äußerst selten und dann wahrscheinlich auf eine allergische Reaktion auf einen der Inhaltsstoffe zurückzuführen. In den vielen Jahren, in denen ich mit der Gemmotherapie arbeite, habe ich nur dreimal eine Nebenwirkung (Kloßgefühl im Hals) erlebt. Diese Reaktionen waren ungefährlich und nach Absetzen des Mittels reversibel.

Eine absolute Kontraindikation liegt für abstinente Alkoholabhängige vor. Die Gemmomittel riechen und schmecken nach Alkohol und stellen daher für diese Personen eine erneute Suchtgefahr dar.

In den letzten Jahren wurden auch einige weitere Kontraindikationen entdeckt (siehe [Tabelle 1]).

Bezüglich Wechselwirkungen (Interaktionen) mit konventionellen Medikamenten ist nur das Gemmomittel aus Ginkgo-Knospen zu beachten. Dieses zeigt jedoch einige Wechselwirkungen. Es

  • verstärkt die Wirkung blutverdünnender Medikamente.
  • verstärkt die Wirkung von Benzodiazepinen und Antidepressiva, u. a. der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI).
  • mindert die Wirkung von Thiazid-Diuretika (Blutdruckmedikamente).
  • mindert die Wirkung von Protonenpumpenhemmern wie Pantoprazol (Magenschutz).
  • mindert die Wirkung von Arzneimitteln gegen Epilepsie wie Carbamazepin und Valproat.

Komplexmittel in der Gemmotherapie

Einige Firmen bieten auch Komplexmittel an, die Mischungen mehrerer Gemmopräparate enthalten. Solche Mischungen können sinnvoll sein und beispielsweise das Hantieren mit mehreren Fläschchen, was oft älteren Menschen oder Kindern schwerfällt, vereinfachen.

Hingegen muss bewusst sein, dass bei einem Mittel, das eine Mischung aus 3 Knospenmazeraten enthält und mit 3 Sprühstößen angewendet wird, von jedem Mittel nur 1 Sprühstoß dabei ist. In den meisten Fällen ist dies ausreichend. Bei akuten und gefährlichen Erkrankungen sind jedoch die Einzelmittel aus meiner Sicht zielführender, da diese mit je 3 Sprühstößen über den Tag verteilt dosiert werden.

Tab 1. Einzelne Gemmomittel mit Kontraindikationen
GemmomittelKontraindikationen
Ginkgo (Ginkgo biloba) - Schwangerschaft
- Stillzeit
- Säuglinge und Kinder
Flieder (Syringa vulgaris) - Schwangerschaft
- Stillzeit
Riesen-Mammutbaum (Sequoiadendron gigantea) - Morbus Cushing
- Tumoren der Hoden, der Nebennieren und der Eierstöcke
- die letzten 3 Monate der Schwangerschaft (3. Trimester)
Mistel (Viscum album) - Schwangerschaft
- Stillzeit
Stechpalme (Ilex aquifolium) - Schwangerschaft
- Stillzeit
Wacholder (Juniperus communis) - Schwangerschaft
- Stillzeit

Kombination mit anderen Therapien

Die Gemmotherapie kann problemlos mit anderen Therapien kombiniert werden kann. Mit Ausnahme des Gemmomittels Ginkgo lassen sich alle Knospenpräparate problemlos mit konventionellen Arzneimitteln einsetzen, ohne die Wirksamkeit von einem der beiden Heilmittel zu gefährden. Aber auch mit Phytotherapie, Anthroposophie, Spagyrik, Schüßler-Salzen, Bachblüten, Aromatherapie, TCM, orthomolekularer Medizin, ja selbst mit Homöopathie lässt sich die Gemmotherapie sinnvoll und ohne Wirkverluste kombinieren.

Daher kann es nur einen „Fehler“ geben: die Gemmotherapie nicht anzuwenden.

In dem Sinne wünsche ich viel Freude und Erfolg beim Anwenden der Gemmotherapie!

Cornelia Stern
Apothekerin mit Spezialisierung in Naturheilkunde

Interessenkonflikt: Die Autorin gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

  1. Stern C.. Gemmotherapie – Grundlagen, Indikationen, Behandlung. 2. vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Haug; 2025
  2. Stern C.. Die Heilkraft der Pflanzenknospen. Stuttgart: Trias; 2018