OrdnungstherapieAlles in Ordnung?

Gesunder Lebensstil als Schlüssel: Die Bedeutung der Ordnungstherapie zwischen traditioneller Naturheilkunde und modernem Gesundheitsmanagement.

Inhalt
Holzklötze werden zu einer Pyramide gestapelt.
K. Oborny/Thieme
Ordnungstherapie: Während früher starre Regeln wie strenge Diäten, feste Ruhezeiten und asketische Lebensführung im Vordergrund standen, die eine hohe Disziplin forderten, wird heute möglichst individuell und patientenzentriert gearbeitet und auf Akzeptanz und Mitwirkung gesetzt. Symbolbild.

Seit der Antike zählt die Ordnungstherapie zu den traditionellen Säulen der Naturheilkunde. Anders als beispielsweise die Phytotherapie oder Homöopathie, die vor allem mit spezifischen Heilmitteln arbeiten, verfolgt sie einen möglichst ganzheitlichen Ansatz. Im Fokus stehen dabei vor allem die Harmonisierung von Lebensrhythmen und die Anpassung der individuellen Lebensführung an natürliche, physiologische Bedürfnisse. Ziel ist nach dem Prinzip der Salutogenese stets die Erhaltung oder Wiederherstellung des inneren und äußeren Gleichgewichts, der Gesundheit und (im Idealfall) auch das Erlangen von Zufriedenheit.

Auf einen Blick

  1. Prinzipien der Ordnungstherapie mit den Säulen Schlaf, Ernährung, Bewegung, Tagesrhythmus und Resilienz wurden bereits in der Antike - zum Beispiel von Hippokrates - in therapeutische Konzepte aufgenommen und im 19. Jahrhundert insbesondere von Prießnitz, Hufeland und Kneipp neu belebt.
  2. Setzte man früher stärker auf restriktive Maßnahmen wie strenge Diäten und asketische Lebensführung, so stehen heute vor allem individuelle Bedürfnisse im Fokus. Dabei nutzt man neben klassischen Ansätzen auch moderne Methoden aus den Bereichen Achtsamkeitstraining, Chronobiologie, Schlafmedizin, Ernährungs- und Bewegungstherapie, unterstützt mit technischen Tools wie Wearables und Gesundheits-Apps.
  3. Drei Fallbeispiele verdeutlichen die Einsatzmöglichkeiten moderner Ordnungstherapie. So konnten mithilfe von festen Tagesroutinen und maßvoller Lebensweise Schlafstörungen, Stresserkrankungen, Erschöpfung und körperliche Beschwerden wesentlich verbessert werden.

Von harter Disziplin zur Patientenzentrierung

Die Praxis der Ordnungstherapie hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert. Während früher starre Regeln wie strenge Diäten, feste Ruhezeiten und asketische Lebensführung im Vordergrund standen, die eine hohe Disziplin forderten, wird heute möglichst individuell und patientenzentriert gearbeitet und auf Akzeptanz und Mitwirkung gesetzt. Faktoren wie zunehmender Stress im Alltag, gesellschaftlicher Wandel und technologischer Fortschritt haben diesen Wandel wesentlich mitgeprägt, da sie individuelle Lösungen erfordern.

Geschichte der Ordnungstherapie

Vorläufer schon im alten Ägypten und Mesopotamien

Die Wurzeln der Ordnungstherapie reichen bis weit in die Vergangenheit. So finden sich schon in den Kulturen Alt-Ägyptens und Mesopotamiens (ca. 3000-2000 v. Chr.) entsprechende Prinzipien. Auch in anderen Kulturkreisen wurden diese Ansätze seit frühester Zeit verfolgt. So gibt es Aufzeichnungen im Ayurvedischen (Indien, ca. 2500-1500 v. Chr.) und in alten Schriften der 3000 Jahre alten Traditionellen Chinesischen Medizin. Für unseren medizinischen und kulturellen Hintergrund sind vor allem die Auffassungen von Hippokrates von Kos (460-370 v. Chr.) wichtig. Er verstand Gesundheit als Ergebnis einer geordneten, naturgemäßen Lebensweise. So betrachtete er Krankheiten als Folge einer gestörten inneren Ordnung, die durch Ernährung und einen geregelten Tagesrhythmus wiederhergestellt (und erhalten) werden konnte.

Renaissance durch Prießnitz, Hufeland und Kneipp

Nach zeitweisem Bedeutungsverlust im Mittelalter erlebte die Ordnungstherapie im 19. Jahrhundert, vor allem durch naturheilkundlich orientierte Behandler wie Vincenz Prießnitz (18991851, Hydrotherapie) oder Christoph W. Hufeland (1762-1836, Ernährungs- und Bewegungsmedizin) eine Renaissance. Der bekannteste Vertreter dürfte Sebastian Kneipp (1821-1897) sein. Seine Lehre umfasste insbesondere die Hydrotherapie (Wasseranwendungen), Phytotherapie, Ernährung, Bewegung und die „Lebensordnung” als zentrale Säulen zur Stabilisierung und Gesunderhaltung des Organismus.

Hintergrundwissen: Säulen der Ordnungstherapie nach Brauchle

Der Mediziner und Naturheilkundler Alfred Brauchle definierte folgende, bis heute gültigen Säulen der Ordnungstherapie:

  • geregelter Tagesablauf
  • maßvolle, bewusste und möglichst gesunde Ernährung
  • ausgewogene körperliche Bewegung
  • geistige Hygiene (Stressmanagement, seelische Balance, Achtsamkeit)
  • Entwicklung gesunder Gewohnheiten und optimierte, langfristige Lebensführung
  • 1/4 Teil Myrrhe (Ja zum Leben, wandelt Bitterkeit und Schwere)

Bewusster Umgang mit Zeit, Energie und Lebensrhythmus als Grundlage

Im frühen 20. Jahrhundert tat sich vor allem Alfred Brauchle (1898-1964) hervor. Er entwickelte die Ordnungstherapie weiter, indem er die grundlegenden Prinzipien erweiterte und systematisierte, psychotherapeutische Aspekte integrierte und eine praktische Umsetzbarkeit und damit Alltagstauglichkeit ausführte und unterrichtete. Für ihn bedeutete Gesundheit aktives Gestalten der Lebensführung - durch bewussten Umgang mit Zeit, Energie und Lebensrhythmus. Auf den von ihm definierten Säulen (siehe Kasten) ruht noch heute die Ordnungstherapie.

Ansätze moderner Ordnungstherapie: Von Mindfulness bis Chronobiologie

Gegenwärtig erlebt die Ordnungstherapie eine erneute Blüte. Denn moderne Lebensbedingungen mit hoher Stressbelastung, Digitalisierung und Informationsüberflutung verlangen nach Maßnahmen, die klassische Grundprinzipien mit aktuellen Erkenntnissen der Chronobiologie und Stressmedizin verbinden. So hat sich die Ordnungstherapie im Lauf ihrer langen Geschichte stets flexibel angepasst, ohne ihren Grundgedanken - die harmonische Ordnung von Körper, Geist und Umwelt als Basis der Gesundheit - aus den Augen zu verlieren. Sie zählt heute zu den ganzheitlich-individuellen, evidenzbasierten und digital unterstützten Therapieformen und orientiert sich stark an den Bedürfnissen der Patienten. Die im Folgenden aufgeführten Methoden stellen bewährte, zentrale Bausteine einer modernen Ordnungstherapie dar. Ihre Wirksamkeit ist wissenschaftlich belegt und ermöglicht nachhaltige, gesundheitsfördernde Veränderungen im Patientenalltag. Moderne Therapiepläne berücksichtigen verstärkt individuelle Bedürfnisse und Ressourcen der Patienten. Ziel ist eine nachhaltige Veränderung, die dauerhaft in den Alltag integriert werden kann.

Achtsamkeit und Mindfulness

Praktiken wie Selbsthypnose, Meditation, Atemübungen und -meditation, (mentale) Body-Scans zur Stressreduktion, progressive Muskelentspannung (PMR) oder Übungen für eine verbesserte Körperwahrnehmung sind gut akzeptiert und erreichen eine hohe Wirksamkeit bei Stress, Schmerzen, Ängsten und psychosomatischen Beschwerden. Sie stärken die psychische Widerstandskraft, reduzieren Stresssymptome und verbessern das Körpergefühl sowie die emotionale Stabilität nachhaltig. Künftige therapeutische Konzepte zur Achtsamkeits- und Resilienzförderung sollten darauf abzielen, nicht nur kurzfristige Stressreduktion zu erzielen, sondern Patienten auch langfristig ein tieferes Verständnis für gesundheitsfördernde Verhaltensweisen und ein besseres Stressmanagement zu vermitteln.

Chronobiologie und strukturierte Tagesabläufe

Die Chronobiologie beschäftigt sich mit biologischen Rhythmen des menschlichen Körpers und deren Auswirkungen. Zentrale Prinzipien der Ordnungstherapie wie regelmäßige Schlaf- (siehe folgender Abschnitt), Wach-, Bewegungs- und Essenszeiten unterstützen gezielt den biologischen Rhythmus. Werden Aktivitäten bewusst an die individuelle biologische Uhr angepasst, verbessern sich fast schon automatisch die gesundheitliche Stabilität, Stress-resilienz und Regeneration. So stabilisieren regelmäßige Essenszeiten den Stoffwechsel und Blutzuckerspiegel. Feste Bewegungsund Entspannungszeiten reduzieren Stress und fördern die Erholung.

Schlafmedizin: Schlafzeiten und -Umgebung verbessern

Gezielte Empfehlungen zur Förderung eines gesunden und erholsamen Schlafes sowie verbindliche Schlafzeiten steigern die Schlafqualität, Tagesenergie und Leistungsfähigkeit, stärken den zirkadianen Rhythmus und vermindern psychische Alterationen (zum Beispiel vegetative Dystonie, Ängste und Überlastungssyn-drome). Somit wird die Gesundheit langfristig gefördert. Zu den gezielten Maßnahmen für gesunden Schlaf zählen insbesondere:

  • Feste Schlafzeiten stabilisieren den Schlafrhythmus, vor allem, wenn sie auch während der Wochenenden eingehalten werden.
  • Eine optimierte Schlafumgebung (ruhig, dunkel, angenehm temperiert) verbessert die Schlafqualität.
  • Der Verzicht auf Bildschirm- und Fernsehzeit vor dem Schlaf reduziert Schlafstörungen.
  • Die Reduktion von Koffein, Alkohol und Nikotin verbessert die Schlafphasen.

Bewegung: Moderat, aber beständig

In den letzten Jahrzehnten zeigte sich ein deutlicher Trendwechsel. Klassische Gymnastik- und Ausdauerprogramme weichen zunehmend individuellen und ganzheitlich orientierten Bewegungsformen. Programme wie Yoga, Pilates, Qigong, moderates Ausdauertraining (zum Beispiel Walking, Fahrradfahren, Schwimmen) oder modernes funktionelles Training (zum Beispiel Kettlebell-Swing, Calisthenics oder Body-Weight-Übungen) berücksichtigen dabei nicht nur die körperliche, sondern auch die mentale und emotionale Gesundheit. Diese Bewegungsformen fördern neben der reinen Fitness auch die Selbstwahrnehmung, Achtsamkeit, Stressregulation, physische und psychische Stabilität sowie das Körpergefühl, indem sie Atmung, Bewegung und geistige Entspannung miteinander verbinden.

Ernährung: Gesund, frisch und regelmäßig

Bewusste und gesunde Ernährung mit frischen Nahrungsmitteln wirkt gesundheitsfördernd und unterstützt physiologische Rhythmen. Personalisierte Ernährungspläne berücksichtigen individuelle Vorlieben und Bedürfnisse. Achtsames Essen (Mindful Eating) fördert das bewusste Wahrnehmen von Hunger und Sättigung und verbessert das Essverhalten nachhaltig. Eine chronobiologisch abgestimmte Ernährung mit festen Essenszeiten optimiert die natürlichen Verdauungs- und Stoffwechselphasen des Körpers. Digitale Ernährungstagebücher und Apps unterstützen in diesem Zusammenhang oft die Motivation und Compliance der Patienten.

Digitale Unterstützung: Von Gesundheits-Apps bis Wearables

Gerade langfristige Verhaltensänderungen erfordern Motivation und Durchhaltevermögen. Geeignete Werkzeuge wie digitale Hilfsmittel und KI spielen dabei zunehmend eine wichtige bis zentrale Rolle. Digitale Tools wie Gesundheits-Apps (zum Beispiel Polar-App, Google-Fit, Apple-Health, Freeletics oder My Fitness Pal), Wearables (zum Beispiel Smart- oder Sportuhren) und Online-Coachings unterstützen Patienten bei der Selbstkontrolle, Dokumentation und Motivation. So entsteht ein großes Potenzial, gesundheitsförderliche Veränderungen wirksam im Alltag zu etablieren.

Gesundheits-Apps ermöglichen Ernährungstagebücher, Schlafüberwachung und die Protokollierung von Achtsamkeitsübungen. Das unmittelbare Feedback verbessert das Gesundheitsbewusstsein und motiviert zur langfristigen Umsetzung der Maßnahmen, mit weiteren Entwicklungspotenzialen. So können speziell entwickelte Chrono-Apps Patienten helfen, Schlaf-Wach-Zyklen, Essenszeiten und Bewegungsprogramme optimal auf die eigene biologische Uhr abzustimmen. Dadurch lässt sich die Nachhaltigkeit und Effektivität der Maßnahmen nochmals verbessern. Wearables und Fitnesstracker zeichnen kontinuierlich physiologische Parameter wie Herzfrequenz, Schlafqualität und körperliche Aktivität auf. Diese objektiven Daten erhöhen die Eigenverantwortung und helfen Therapeuten bei der individuellen Anpassung der Therapie. Online-Coachings und Webinare bieten Wissensvermittlung und neue Impulse, wodurch Patienten Maßnahmen besser verstehen und konsequenter durchführen.

Allerdings bergen diese digitalen Werkzeuge auch Risiken und Gefahren. So können Daten falsch oder missverständlich interpretiert werden. Allgemeine Ängste, zwanghaftes Gesundheitsverhalten oder Überforderung durch ständigen Selbstoptimierungszwang können im Extremfall sogar zu psychischen oder psychiatrischen Erkrankungen führen. Auch Datenschutzthematiken sollten Berücksichtigung finden - ebenso wie die allgemeine Gefahr von Digitalsucht, Überflutung, Stress und Ablenkung durch ein Übermaß digitaler Kommunikation, Unterhaltung und Information. Hier gilt es, eine gesunde Balance zu finden.

Moderne Herausforderungen: Digitalisierung, Zeitdruck, Bewegungsmangel

In besonderem Maß sorgt die digitale Welt für eine nahezu permanente Erreichbarkeit durch Smartphones, Tablets oder soziale Netzwerke, verbunden mit einer massiven Reiz- und Informationsüberflutung und zunehmendem Bewegungsmangel. Die Folgen sind vor allem chronischer Stress, Überforderungssyndrome, Schlafstörungen und nicht selten soziale Isolation. Diese ständige digitale Präsenz erschwert es vielen Menschen, Ruhe- und Erholungszeiten einzuhalten.

Auch veränderte Lebensgewohnheiten stellen Patienten und Therapeuten vor Herausforderungen: Zeitdruck, Bewegungsmangel (verstärkt durch „Home-Office”) und unregelmäßige, denaturierte Mahlzeiten erschweren oft die langfristige Umsetzung gesunder Verhaltensweisen. Moderne Ansätze wie Stressmanagement, Achtsamkeit und gezielte Wissensvermittlung unterstützen dabei, gesunde Strukturen dauerhaft in den Alltag zu integrieren.

Ohne Compliance geht nichts

Der Erfolg ordnungstherapeutischer Maßnahmen hängt wesentlich von der aktiven Mitarbeit (Compliance) und intrinsischen Motivation, Eigenverantwortung und Selbststeuerungsfähigkeit der Patienten sowie der Vorbeugung von Motivationstiefs und Rückfällen ab. Dazu haben sich vor allem diese bewährten Strategien etabliert:

  • (leicht verständliche) Aufklärung mit klarer Erläuterung der Therapieziele
  • partizipative Zielfestlegung mit gemeinsam definierten, realistischen Zielen
  • regelmäßiges Feedback im Rahmen engmaschiger Begleitung und positiver Verstärkung
  • Einbindung des sozialen Umfeldes, um die Unterstützung durch Familie und Freunde zu gewinnen

Tradition trifft Moderne: Potenziale der Ordnungstherapie

Die Ordnungstherapie steht derzeit an einem spannenden Wendepunkt, an dem bewährte traditionelle Verfahren auf aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Innovationen treffen. Besonders folgende Aspekte bieten große Entwicklungspotenziale.

KI-Systeme als Assistenten

Kl-Systeme könnten in Zukunft die Diagnostik und Therapieplanung weiter verbessern, indem sie Risikoprofile frühzeitig erkennen und passende individuelle Maßnahmen empfehlen. So lassen sich Patienten effektiv, präventiv und mit geringem Aufwand begleiten. Digitale Therapieassistenten können zudem durch virtuelle Begleitung und Coaching Patienten kontinuierlich motivieren, beraten und unterstützen. Besonders hinsichtlich Therapieadhärenz und Selbstmanagement bieten diese digitalen Hilfsmittel ein großes Potenzial für nachhaltige Erfolge.

Vertiefung personalisierter Therapiekonzepte

Der Trend hin zur personalisierten Medizin erlaubt es, ordnungstherapeutische Maßnahmen zukünftig noch gezielter auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten zuzuschneiden. Genetische, epigenetische und biometrische Daten können verstärkt genutzt werden, um maßgeschneiderte Therapieprogramme zu erstellen, die exakt auf zirkadiane Rhythmen, Stoffwechselprozesse und die persönliche Stressresilienz abgestimmt sind. So bieten Labore genetische oder epigenetische Analysen an, mit denen man arbeiten kann, zum Beispiel Nutrigenetik (zur Anpassung von Ernährung und Mikronährstoffen) oder die genetische Stoffwechselanalyse MetaCheck. Wichtig ist, dass die Tests keine Diagnosen liefern. Sie dienen zur Orientierung und Bestimmung des Lebensstils und damit zur Präventionsberatung. Biometrische Daten können zudem von Fitness- und Ernährungs-Apps oder durch handschriftliche Protokolle geliefert und in die Betrachtungen einbezogen werden.

Präventive Gesundheitsförderung

Zu den wichtigen Entwicklungsschwerpunkten zählt zunehmend die präventive Gesundheitsförderung. Zukünftig könnte die Ordnungstherapie in diesem Kontext als essenzielle Säule der Primärprävention dienen und frühzeitig ein Bewusstsein für gesunde Lebensweisen schaffen. Besonders in Bildungseinrichtungen und Unternehmen könnten gezielte ordnungstherapeutische Programme helfen, stressbedingten Erkrankungen wirksam vorzubeugen und gesunde Routinen nachhaltig zu etablieren.

Vernetzung mit Ernährungs-, Bewegungs- und Psychotherapie

Zukünftig könnte die Ordnungstherapie noch stärker in interdisziplinäre Ansätze eingebunden werden. Die Vernetzung mit psychotherapeutischen Methoden, Ernährungstherapie und gezielter Bewegungstherapie bietet die Möglichkeit, komplexere Gesundheitsprobleme umfassend und nachhaltig behandeln zu können. Die Ordnungstherapie verfügt über enormes Potenzial, um den aktuellen Herausforderungen - wie zunehmendem Stress, Digitalisierung und lebensstilbedingten Erkrankungen - wirksam zu begegnen. Durch die sinnvolle lntegration technologischer Möglichkeiten, den Ausbau individueller Therapieangebote und eine stärkere präventive Ausrichtung könnte ihre Bedeutung im Gesundheitswesen zukünftig weiter steigen. Entscheidend wird dabei sein, traditionelle Verfahren und moderne innovative Methoden klug miteinander zu verbinden, um nachhaltige Gesundheitserfolge langfristig zu sichern.

Fallbeispiele

Fallbeispiel: Schlafstörungen und Stressbelastung

Eine Patientin - Anfang 40, beruflich stark eingespannt, Führungskraft, Mutter eines Kindes - klagt über massive Schlafprobleme, chronische Erschöpfung und Reizbarkeit. Die Schlafdauer beträgt maximal 4 Stunden bei unregelmäßigen Einschlafzeiten. Im Job und auch in der Freizeit ist sie ständig erreichbar. Ordnungstherapeutische Interventionen:

  • Einführung fester Schlaf- und Wachzeiten zur Stabilisierung des zirkadianen Rhythmus
  • Etablierung einer klar definierten Abendroutine (kein Bildschirm oder Display ab 21 Uhr, entspannende Rituale wie Selbsthypnose und Atemübungen vor dem Schlafen)
  • Nutzung einer Schlaftracking-App, um die eigene Schlafqualität sichtbar zu machen und Fortschritte gezielt zu kontrollieren

Nach 4 Wochen berichtet die Patientin von einer deutlichen Verbesserung des Einschlafens und der Schlafqualität. Die Schlafdauer verlängert sich auf 6-7 Stunden. Tagsüber fühlt sie sich weniger erschöpft und belastbarer im Beruf und Alltag. Ihre Compliance steigt weiter, da sie durch die App unmittelbares Feedback über Erfolge erhält.

Fallbeispiel: Bewegungsmangel und Übergewicht

Ein Patient - männlich, Anfang 50, IT-Fachmann - ist stark übergewichtig (BMI 31) und leidet unter beginnender Hypertonie (Langzeit-RR-Durchschnitt: 145/92 mmHg), häufigen Rückenschmerzen aufgrund überwiegend sitzender Tätigkeit sowie Bewegungsmangel, auch in der Freizeit. Er hat laut eigener Auskunft wenig bis keine Zeit und bringt nur geringe Motivation für Bewegung auf. Gegenüber Fitnessstudios und Gruppenkursen empfindet er eine starke Abneigung. Außerdem fühlt er sich meistens deutlich gestresst und hegt einen inneren Widerstand gegen Veränderungen. Er ernährt sich stark einseitig mit einem hohen Anteil an „Junk-Food”. Ordnungstherapeutische Interventionen:

  • Erstellung eines individuellen Bewegungsplans - moderates Walking, 20-30 Minuten täglich in flexibler Zeiteinteilung
  • Nutzung eines digitalen Schrittzählers und einer App zur täglichen Protokollierung der Schritte einschließlich einer integrierten Erinnerungsfunktion
  • regelmäßiges achtsamkeitsorientiertes Coaching zur Motivation und Stressreduktion
  • Ernährungs-App für eine verbesserte und gesündere Nahrungsaufnahme

Innerhalb von drei Monaten reduziert der Patient sein Körpergewicht um ca. 5 kg und berichtet über deutlich weniger Rückenschmerzen sowie eine bessere allgemeine Stimmung. Durch das direkte Feedback der App entwickelt er Freude an der Bewegung und integriert diese zunehmend selbstverständlich in seinen Alltag.

Fallbeispiel: Erschöpfung und fehlende Tagesstruktur nach Burnout

Eine Patientin, Ende 30, Krankenschwester, aktuell arbeitsunfähig wegen Burnout, erlebt eine erodierende Tagesstruktur und Motivation, verbunden mit depressiven Verstimmungen. Sie berichtet über chronische Erschöpfung, Antriebslosigkeit, den Verlust gesunder Routinen (unregelmäßige Mahlzeiten, fehlender Schlafrhythmus, wenig körperliche Aktivität) und zeigt stark ausgeprägte Selbstzweifel in jeder Hinsicht. Diese sind vor allem in der exzessiven Nutzung von sozialen Plattformen begründet. Ordnungstherapeutische lnterventionen:

  • schrittweise Einführung einer sanften Tagesstruktur - zuerst Fokus auf feste Essens- und Ruhezeiten, später ergänzt durch tägliche Achtsamkeitsübungen (Meditation und progressive Muskelentspannung)
  • digitales Tagebuch (App) zur Dokumentation von Stimmungen, Erfolgen und Herausforderungen sowie regelmäßige begleitende Gespräche zur Stabilisierung der Motivation
  • langsame Integration leichter körperlicher Übungen (Yoga, Stretching) zur Steigerung der Selbstwirksamkeit und Reduktion der Erschöpfung
  • massive Reduktion der Nutzung sozialer Netzwerke

Innerhalb von 6 Wochen berichtet die Patientin von einer deutlichen emotionalen Stabilisierung und reduziertem Erschöpfungsempfinden. Die klar strukturierten lnterventionen vermitteln ihr zunehmende Sicherheit und stärken ihr Selbstvertrauen. Nach 3 Monaten gelingt die Rückkehr in eine Teilzeittätigkeit, begleitet von neuer Lebensfreude und einer stabilen Tagesstruktur.

Claus Jahn
ist seit 1996 als Heilpraktiker niedergelassen und arbeitet als freier Mitarbeiter am Lehr- und Forschungszentrum „Felke Institut“. Er ist Autor zahlreicher Fachartikel und einiger Bücher. Seit über 20 Jahren ist er national und international als Referent zu unterschiedlichen naturheilkundlichen Themen tätig.

Interessenkonflikt: Der Autor gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.