
GLP-1-Rezeptoragonisten und SGLT2-Inhibitoren könnten das Alzheimer-Risiko senken. Das fanden Forschende in einer sogenannten Zielversuchs-Emulationsstudie heraus. In dieser Studienart wird versucht, mit Daten aus Beobachtungsstudien eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT) zu simulieren.
Studie
Die Basis für die Studie bildeten elektronische Gesundheitsdaten aus Florida. Daraus wurden zwischen 2014 und 2023 Personen über 50 Jahre mit einem Diabetes Typ 2 und ohne Hinweis auf eine vorbestehende Alzheimer-Erkrankung ermittelt. Diese wurden dann in drei Kohorten unterteilt:
- 33.358 Personen, die GLP-1-Rezeptoragonisten vs. andere Glukose-reduzierende Medikamente erhielten (Durchschnittsalter 65 Jahre, 55,3 % waren weiblich)
- 34.185 Personen, die SGLT2-Inhibitoren vs. andere Glukose-reduzierende Medikamente erhielten (Durchschnittsalter 65,8, 49,3 % weiblich)
- 24.117 Personen, bei denen GLP-1-Rezeptoragonisten und SGLT2-Inhibitoren im Hinblick auf das Alzheimer-Risiko verglichen wurden (Durchschnittsalter 63,8, 51,7 % weiblich)
Signifikant geringeres Alzheimer-Risiko
Im Ergebnis zeigte sich, dass sowohl die mit GLP-1-Rezeptoragonisten als auch die mit SGLT2-Inhibitoren Behandelten ein signifikant geringeres Alzheimer-Risiko aufwiesen als jene, die mit anderen Glukose-senkenden Medikamenten behandelt worden waren. Es gab im Hinblick auf die vor Alzheimer schützende Wirkung keinen Unterschied zwischen den GLP-1-Rezeptoragonisten und den SGLT2-Inhibitoren. Ein aktuelles Review hingegen zeigte nur für GLP-1-Rezeptoragonisten eine statistisch signifikante Verringerung des Demenz-Risikos.
Hemmung der Neuroinflammation
Was sind die Ursachen für diese erstaunliche (Neben-)Wirkung der neuen Diabetes-Medikamente? „Den genauen Mechanismus kennt man nicht, aber es gibt viele Hypothesen: Zum einen könnten die Medikamente, die beide ähnliche Signalwege aktivieren, die Neuroinflammation hemmen, die auch bei der Alzheimer-Erkrankung eine Rolle spielt. Ebenso könnte ihre positive Wirkung auf die Gefäßgesundheit den vor Alzheimer schützenden Effekt mit sich bringen – Hirn- und Gefäßgesundheit hängen eng miteinander zusammen“, erklärt Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. Wie der Experte weiter ausführt, mehren sich die Hinweise, dass insbesondere die Abnehmspritzen vor Demenz schützen könnten.
Dennoch bleibt er vorsichtig: „Es handelt sich um retrospektiv gewonnene Daten, keine kontrollierten randomisierten Studien. Die Ergebnisse aus laufenden Phase-3-Studien zu den GLP-1-Rezeptor-Agonisten müssen wir abwarten. Die möglichen Risiken einer Langzeittherapie sind auch noch nicht vollständig geklärt.“ Bekannte Nebenwirkungen seien Magen-Darm-Beschwerden, Hypotonie, Synkopen, Arthritis, Nephrolithiasis, interstitielle Nephritis und arzneimittelinduzierte Pankreatitis.
Gesunder Lebensstil hilft nachhaltiger
Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie ist im Hinblick auf Empfehlungen zur Alzheimer-Prophylaxe zurückhaltend. Dafür seien mehr Daten erforderlich. Eine vergleichbar hohe Reduktion des Demenzrisikos könne ebenso durch Lebensstilmodifikationen erreicht werden– und zwar mit deutlich weniger Kosten, nebenwirkungsfrei und vor allem nachhaltig. Denn was nach Absetzen der „Abnehmspritze“ im Hinblick auf das Demenzrisiko passiert, ist bisher nicht erforscht.
Empfehlenswert sei eine gesunde Lebensführung mit Fokus auf Bewegung, gesunde Ernährung und soziale Kontakte sowie die Korrektur von Seh- und Hörstörungen. „Mit diesen Präventionsmaßnahmen kann das Demenzrisiko um bis zu 45 % gesenkt werden– und das ganz ohne Nebenwirkungen“, betont Berlit. Außerdem gibt er noch eine weitere Limitation der Abnehmspritzen zu bedenken: Sie bekämpfen nicht die Ursache des Problems, sondern das Symptom und müssen entsprechend als Dauertherapie eingenommen werden. Denn, wenn sie abgesetzt werden, ist es wahrscheinlich, dass die Behandelten schnell wieder ihr Ausgangsgewicht erreichen. „Eine aus Wissenschaftssicht spannende Frage ist, was dann im Hinblick auf das Demenzrisiko passiert. Es gibt mehrere Studien, die zeigen, dass relevante Gewichtsveränderungen, übrigens in beide Richtungen, im höheren Alter die Demenzentstehung nach 5 und mehr Jahren begünstigen könnten.“
Hintergrund: Abnehmspritzen
Bei den Abnehmspritzen handelt es sich um sogenannte GLP-1-Rezeptoragonisten. Sie sind derzeit für die Behandlung von Diabetes mellitus Typ 2 (in Kombination mit Antidiabetika) und von krankhaftem Übergewicht (Adipositas) zugelassen. Doch auch bei der letzteren Indikation bezahlen die Krankenkassen die Therapie in der Regel nicht, auch, weil es andere nachhaltigere Wege gibt, um Körpergewicht zu reduzieren. „Diese sind aber mit Verzicht und Anstrengung verbunden, weshalb sich die Abnehmspritzen derzeit großer Beliebtheit erfreuen, und zwar auch bei Menschen, die weder unter Diabetes noch unter Adipositas leiden, sondern die einfach nur ein paar Kilo Gewicht verlieren wollen“, erklärt Berlit. Den Einsatz als Lifestyle-Medikament sieht die neurologische Fachgesellschaft kritisch.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie


