
Das Wichtigste in Kürze
- Jede*r 3. Patient ist präoperativ von einer Anämie betroffen.
- 55,2 % haben einen Eisenmangel.
- 14,5 % haben einen Folsäuremangel.
- 7,7 % haben einen Vitamin-B12-Mangel.
- 8,7 % weisen eine chronische Nierenerkrankung auf.
- Die Sterblichkeit war im Fall einer Anämie um das 5-fache erhöht.
Während einer Operation steht der Körper unter Stress. Liegt gleichzeitig eine Blutarmut vor, steigt das Risiko für Komplikationen wie Herz-Kreislauf-Probleme und Infektionen. Da die Organe und das Gewebe schlechter mit Sauerstoff versorgt werden, verzögert sich auch die Wundheilung. Schließlich benötigen anämische Patient*innen häufiger Bluttransfusionen, was weitere Risiken birgt.
Oft wird Eisenmangel als Hauptgrund für Blutarmut angesehen. Deshalb beschränkt sich die präoperative Behandlung im Rahmen des “Patient Blood Managements” bisher auf die Gabe von Eisenpräparaten. Das Auffüllen der Eisenspeicher fördert die Bildung neuer Blutzellen, verbessert die Sauerstoffversorgung und verringert den Transfusionsbedarf.
Studie
Tatsächlich kann eine Anämie viele verschiedene Ursachen haben. Um diese besser zu verstehen und die Behandlung gezielter zu gestalten, wurde in der internationalen, multizentrischen, prospektiven ALICE-Studie untersucht, wie häufig Anämie vor größeren Operationen auftritt und welche Gründe dafür verantwortlich sind. Dafür werteten die Forschenden Daten von insgesamt 2830 Patient*innen aus 79 Krankenhäusern in 20 Ländern auf 5 Kontinenten aus. Die in der Studie untersuchten Personen
- waren mindestens 18 Jahre alt,
- unterzogen sich einer größeren Operation und
- hatten einen mindestens 24-stündigen Krankenhausaufenthalt.
Anämie durch Mangel an Folsäure oder Vitamin B12
Erstautorin Dr. Suma Choorapoikayil von der Universitätsmedizin Frankfurt fasst die Ergebnisse zusammen: “Unter den Patient*innen hat jede*r Dritte eine Anämie. Mehr als die Hälfte von ihnen (55,2 %) wies einen Eisenmangel auf, 7,7 % einen Vitamin-B12-Mangel, 14,5 % einen Folsäuremangel und 8,7 % eine chronische Nierenerkrankung. Zudem zeigte sich in unseren Ergebnissen, dass eine präoperative Anämie das Risiko für Bluttransfusionen um das Dreifache, die Komplikationsrate um das 2,5-Fache und die Sterblichkeit um das Fünffache erhöht.”
Ganzheitliches Anämie-Management etablieren
Die Autoren sind sich einig, dass es entscheidend für die Zukunft ist, eine präoperative Anämie, die mit einer so hohen Häufigkeit auftritt und einen erheblichen Einfluss auf das operative Ergebnis hat, nicht mehr zu ignorieren. Zudem müsse neben dem Eisenmangel auch ein Vitamin-B12- und Folsäuremangel diagnostisch und therapeutisch berücksichtigt werden.
„Unser Ziel ist es, die Patientensicherheit zu erhöhen und ein ganzheitliches Anämie-Management zu etablieren“, sagen Prof. Patrick Meybohm vom Universitätsklinikum Würzburg und Prof. Kai Zacharowski vom Universitätsklinikum Frankfurt am Main. Meybohm und Zacharowski sind die Letztautoren der Studie. Als Leiter des Deutschen Patient Blood Management Netzwerks liegt ihnen besonders am Herzen, die körpereigenen Blutreserven zu stärken.
Hintergrund: Anämie
Eine Anämie schwächt den Körper bereits im Normalzustand. Durch die Verminderung der Hämoglobin-Konzentration im Blut werden die Zellen nicht ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Hämoglobin ist ein sauerstofftragendes Protein, das sich in den roten Blutkörperchen (Erythrozyten) befindet. Ein Mangel an Hämoglobin führt zu Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Kopfschmerzen und Herz-Kreislauf-Beschwerden.
Quelle: Universitätsklinikum Würzburg


