
Die Fälle an ernährungsbedingten Anämien in Deutschland sind selten, nehmen aber zu. Darauf machten die an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) forschenden Julie Schanz, Julia Knaus und Nils Brökers auf dem Deutschen Kongress für Labormedizin aufmerksam.
Vitamin-B12-, Folsäure-, Eisen-Mangel
Ein Grund für eine ernährungsbedingte Anämie sei, dass einseitige Ernährung zu einem Vitamin-B12- oder Folsäure-Mangel führt. Diese Nährstoffe spielen für den hochkomplexen Prozess der Blutbildung eine zentrale Rolle. Auch Eisenmangel kann - mitunter ebenfalls Folge der einseitigen Ernährung - zu einer Anämie führen.
Für Betroffene sind die Folgen mehr als beängstigend. "Zu uns kam ein Patient, der sich quasi von Chips und Cola ernährte, während er über Wochen hinweg am PC zockte", schildert Mediziner Brökers. "Infolge der vorhandenen Anämie wies er bereits neurologische Ausfallerscheinungen auf, er konnte nicht mehr scharf sehen."
Rasche Diagnose wichtig
Wichtig sei in solchen Fällen in erster Linie eine rasche Diagnose. "Denn neurologische Schäden, die infolge einer Anämie länger als 8 Wochen unbehandelt bestehen bleiben, verschwinden in vielen Fällen gar nicht mehr", so Prof. Julia Schanz.
Während die Umstellung der Ernährung oder die Substitution der fehlenden Bausteine in solchen Fällen bereits ausreicht, um eine Therapie erfolgreich durchzuführen, ist die Diagnose einer Anämie sehr komplex.
Die Anämie an sich ist nämlich keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom. Herauszufinden, welche Ursache hinter dem Symptom steckt, erweist sich als mitunter schwierig. Der Grund: Immer dann, wenn der Organismus das Fehlen eines einzelnen Bausteins erkennt, versucht er dieses Manko auszugleichen. Das wiederum geht auf Kosten der anderen Bausteine. So versucht das Knochenmark in bestimmten Situationen verstärkt Erythrozyten zu bilden, was wiederum auf Kosten der Eisenvorräte erfolgt. Infolgedessen fehlt ein weiterer Baustein in der Blutbildung.
Ein hilfreiches Instrument in der Labordiagnostik sei daher der sogenannte Retikulozyten-Reproduktions-Index (RPI), erklärt Schanz. Der RPI könne helfen, "durch Bildungsstörungen bedingte Anämien (niedriger RPI) von Anämien, die durch einen Verlust oder Verbrauch bedingt sind (hoher RPI) zu unterscheiden", berichtet Schanz.
Anämie ist nie normal
Die Prävalenz der Anämien in Deutschland liegt dem Göttinger UMG-Team zufolge bei 4 bis 6 Prozent. Problematisch sei die Tatsache, dass gerade bei alten Menschen Anämien nach wie vor als "normal" angesehen würden. "Eine Anämie ist nie normal", so Schanz.
Quelle: www.medlabportal.de


