
Was bewirkt bewusste Stille in Bezug auf Wohlbefinden und Gesundheit? Dieser Frage widmen sich die "Freiburger Stille-Studien". Die wichtigsten Ergebnisse:
- Bereits wenige Minuten Stille steigern das Wohlbefinden, fördern Entspannung und verändern die Selbst- und Zeitwahrnehmung der Teilnehmenden signifikant.
- In Kombination mit therapeutischen Verfahren und Natursettings zeigen sich gesundheitsförderliche Potenziale – mit weitreichenden Implikationen für Therapie, Prävention und Forschung.
Kernfragen der Freiburger Stille-Studien
Die Freiburger Stille-Studien untersuchen seit 2015 die Wahrnehmung und Auswirkung von Stille und deren therapeutisches Potenzial – unter spezifischer Berücksichtigung von Musiktherapie, humanistischer Psychotherapie und naturgestützter Therapie.
Zentrale Fragen sind:
- Wie wirken sich die Wahrnehmung und gezielte Anwendung von Stille(-Praktiken) auf das psychische Wohlbefinden aus? Dabei wird untersucht, welche Veränderungen während der Wahrnehmung von Stille in den Bereichen Selbst-, Raum- und Zweitwahrnehmung, Entspannung, Langeweile, Rumination (neg. Form des Gedankenkreisens), Stimmung usw. auftreten.
- Wie können die festgestellten positiven Effekte in konkrete gesundheitsförderliche und therapeutische Anwendungen überführt werden?
Bisherige Studien belegen: 6,5 Minuten Stille steigern die Entspannung, reduzieren Gedankenkreisen, verbessern die Stimmung und beeinflussen die insgesamte Zeitwahrnehmung.
Ein Ziel der Studien ist die Neuevaluierung der Bedeutung von Stille innerhalb der Musiktherapie und Stille als gleichberechtigtes akustisches Element neben Klang zu emanzipieren. Besonders interessieren sich die Forschenden dafür, ein Verständnis von Stille als akustischer, ästhetischer oder auch transmodaler Ressource zur Förderung, Erhaltung und Wiederherstellung von psychischer, sozialer und ökologischer Gesundheit zu etablieren.
Methodik der Freiburger Stille-Studien
Die Forschenden nutzen dafür ein empirisches, fundiertes methodisches Vorgehen. Sie wenden quantitativ messende wie auch qualitativ beschreibende Verfahren zur Evaluierung psychischer und körperlicher Aspekte und Prozesse an. Dazu gehören standardisierte Messinstrumente und Fragebögen, aber auch Interviews und Gruppendiskussionen.
Die Interventionen bestehen meist aus einer 6,5 Minuten dauernden Stille. Die Rahmenbedingungen sind je nach Studie unterschiedlich. Sie finden beispielsweise draußen in der Natur (Wald, Stadtgarten) oder drinnen in einem Seminarraum, im Einzel- oder Gruppensetting, in Kombination mit Musiktherapeutischer Tiefenentspannung oder als pure Stille ohne vorherige therapeutische Induktion statt.
Die Forschenden interessiert im Besonderen:
- Wie nehmen die Teilnehmenden die Stille wahr?
- Was verändert sich im Vergleich vor vs. nach der Stille?
Ergebnisse einer systematischen Übersichtsarbeit: Stille in der Musiktherapie
Ein aktuell veröffentlichtes systematisches Review zu Stille in der Musiktherapie evaluiert bestehenden Studien zum Thema Stille. Im Fokus stehen die Potenziale von Stille für die Musiktherapie-Praxis und -Forschung. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass
- Stille ein komplexes Phänomen ist, das in verschiedenen Formen auftritt und sich in mehrfacher Hinsicht auf psychische Prozesse auswirkt;
- Stille unter anderem Entspannung, Stimmung, Rumination sowie die Wahrnehmung von Selbst, Zeit und Raum beeinflusst;
- Stille als eine eigenständige Methode der Musiktherapie verstanden werden kann.
Einige Arbeiten definieren Stille als eine grundlegende Technik innerhalb der Musiktherapie. Demnach wirkt Stille nicht nur durch die Abwesenheit von Klang, sondern auch durch gezielte Pausen und Momente der Reflexion. Darüber hinaus wurden in anderen Studien spezifische Modelle entwickelt, um die Rolle der Stille im therapeutischen Kontext zu erklären. Auch die therapeutische Beziehung und die Präsenz des/der Musiktherapeut*in werden als wichtige Faktoren für die positive Wirkung von Stille in der Musiktherapie identifiziert.
Erkenntnisse der Freiburger Stille-Studien
Die Ergebnisse zeigen eine klare Tendenz: Stille verfügt über weitreichende und vielseitige gesundheitsförderliche Potenziale. Die Studien deuten auf eine Reihe von positiven Effekten und Wirkungen von Stille hin:
- Verbesserungen im Bereich der Stimmung: Teilnehmende, die an Stille-Studien teilnahmen, berichteten von einer verbesserten Stimmung und zeigten im Anschluss geringere emotionale Erregtheit.
- Die Stille ermöglichte es ihnen, tiefere emotionale Prozesse zu durchleben und besser mit schwierigen Gefühlen umzugehen.
- Stressabbau und Entspannung: Die Studien zeigten, dass Teilnehmende nach 6,5 Minuten Stille signifikant entspannter waren als davor.
- Naturumgebungen und die Kombination von Stille mit Musiktherapeutischer Tiefenentspannung erwiesen sich als besonders wirksam.
- Veränderte Wahrnehmung von Zeit, Raum und Selbst: Teilnehmende berichteten, dass Stille im Rahmen der Studien ihre Wahrnehmung von Zeit, Raum und Selbst veränderte. So führte Stille u.a. zu einer Fokussierung auf die Gegenwart, auf das Hier-und-Jetzt, und gleichzeitig zu einer Reduktion der Vergangenheits- und Zukunftsorientierung. Stille bewirkte zudem eine gesteigerte emotional-positive Selbstwahrnehmung.
- Langfristige Verbesserung des Wohlbefindens: Die Resultate geben Anlass dazu, Stille als vielseitig wirksames akustisches Phänomen oder als ästhetische Ressource zu verstehen, die gerade im Hinblick auf Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensqualität über spezifische Potenziale verfügt.
Stille sollte verstärkt im Kontext von Gesundheit, Gesellschaft, Arbeits- und Wirtschaftswelt sowie im Hinblick auf aktuelle globale Herausforderungen beachtet werden, so die Schlussfolgerung der Forschenden.
Fazit: Stille als wirksame Ressource
Die Freiburger Stille-Studien rücken das Potenzial von Stille für Gesundheitsförderung und therapeutischer Anwendungen in den Vordergrund.
Die Studienergebnisse belegen vielseitige positive Effekte von Stille und wie sie zu einem wertvollen Baustein für die Pflege, Erhaltung und Förderung von Gesundheit werden kann.
Das systematische Review untermauert die Bedeutung von Stille in der Musiktherapie. Es eröffnet zudem, Stille als eigenständige (musik-therapeutische) Methode zu verstehen.
Das Review und die Freiburger Stille-Studien tragen dazu bei, Stille als wirksame Ressource für Gesundheit, Wohlbefinden, Wachstum und Weiterentwicklung ins Zentrum wissenschaftlicher und anwendungsbezogener Bestrebungen zu rücken.
Hintergrund: Die Freiburger Stille-Studien
Die Freiburger Stille-Studien sind das Ergebnis jahrelanger gemeinsamer Forschung von Prof. Dr. Eric Pfeifer und Dr. Marc Wittmann. Angestoßen durch Beobachtungen zu Stille in der eigenen therapeutischen Praxis begannen Pfeifer und Wittmann, systematisch die Wahrnehmung und Auswirkung von Stille in Relation zu verschiedenen Faktoren und psychologischen Konstrukten zu erforschen. Es ging es ihnen darum, Stille nicht nur als Beiwerk von Klang oder akustisches Nebenprodukt innerhalb der Musik bzw. Musikwirkungsforschung zu verstehen. Sie rückten die Bedeutung von Stille an sich in den Vordergrund, auch im Sinne therapeutischer Anwendung.
Ab 2015 begannen die ersten Freiburger Stille-Studien. Ziel war es, die Wahrnehmung von Stille sowie die Auswirkungen von Stille auf unterschiedlichsten mit Gesundheit in Zusammenhang stehenden Aspekten der Teilnehmenden zu untersuchen (z.B. Entspannung, Stimmung, Rumination, Emotionalität, Erregung). Zu diesem Zwecke wurden die Studien in unterschiedlichsten Kontexten (u.a. im Einzel- wie auch Gruppensetting, in Seminarräumen, im Wald, im Stadtgarten) und auch unter Einbindung therapeutischer Methoden (z.B. Musiktherapeutische Tiefenentspannung) durchgeführt.
Quelle: Katholische Hochschule Freiburg


