Longevity"Soziale Eingebundenheit wirkt wie ein Puffer gegen Alterungsprozesse"

Wir sind keine Gefangenen unserer Gene und können aktiv in unsere Langlebigkeit eingreifen. Es ist nie zu spät, damit zu beginnen - Ein Gespräch mit dem Longevity-Experten Dr. Slaven Stekovic.

Alte Frau schaukelt lachend in einem Garten
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Wie gelingt es, gesund alt zu werden? Stabile soziale Beziehungen sind ein wichtiger Aspekt.

Longevity ist inzwischen ein Hype. Experimentalforscher wie David Sinclair glauben, dass Menschen bald 50 Jahre älter werden können. Andere Forscher wie Matt Kaeberlein kritisieren diese ihrer Ansicht nach übertriebenen Aussagen. Wie schätzen Sie die Lage ein? Wird Jeanne Calment bald ihren Rekord abgeben müssen?

Longevity als Hype zu bezeichnen, halte ich für richtig. Aktuell reden sehr viele darüber. Aber nur wenige nehmen sich des Themas mit Substanz dahinter an. Trotzdem glaube ich, dass einige von uns an einer nachhaltigen und gesellschaftlich positiven Entwicklung arbeiten.
In der Forschung unterscheiden wir sehr klar zwischen Lebensverlängerung und Gesundheitsspanne (healthspan). Die extreme Langlebigkeit – also Menschen, die 120 oder älter werden – ist derzeit eher eine Spekulation. Jeanne Calments Rekord bleibt wahrscheinlich noch länger gültig.
Vielversprechender und realistischer ist eine nahe Zukunft, in der wir die gesunden Lebensjahre deutlich verlängern können. Das haben wir schon mehrmals in der menschlichen Geschichte geschafft. Dabei werden wir länger gesund bleiben – sei es wegen neuer Behandlungen für altersassoziierte Erkrankungen oder wegen den Werkzeugen, die die Lebensqualität im Laufe des Lebens deutlich erhöhen. Die maximale Lebensspanne wird aber weiterhin für die Mehrheit schwer erreichbar sein. Aus diesen Gründen sehe ich große medizinische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Chancen, die aus diesem Hype gerade entstehen. Letztendlich wird bessere Gesundheit im hohen Alter einen viel größeren Impact auf uns alle haben als die reine Lebensverlängerung.

Welche Rolle spielen sozialer Stress bzw. auf der anderen Seite soziale Eingebundenheit und ein gutes soziales Netz für gesundes Altern und Longevity?

Eines meiner Lieblingsthemen! Darüber könnte ich den ganzen Tag lang reden. Sozialer Stress beschleunigt über Entzündungen, zellulären Stress und epigenetische Veränderungen den Alterungsprozess. Das lässt sich oft erst nach mehreren Jahren messen. Die daraus entstandenen Organschäden rückgängig zu machen ist aber oft schwierig. Chronische Einsamkeit wird mittlerweile mit einem ähnlich hohen Mortalitätsrisiko beziffert wie Rauchen. Umgekehrt wirkt soziale Eingebundenheit wie ein Puffer gegen Alterungsprozesse. Wir sehen bei den helfenden höheren Tieren und Menschen hier ähnliche molekulare Muster. Dabei werden die DNA-Reparatur und die Immunregulation gefördert. Gleichzeitig gehen chronische Entzündungen zurück. Es ist daher kein romantisches Ideal, sondern eine echte medizinische Intervention, sich um andere zu kümmern und dabei auch selbst umsorgt zu werden.

Sie schreiben in Ihrem Buch "Jung bleiben, alt werden" von der lebensverlängernden Wirkung durch Kümmern und Helfen. Dabei scheint die Amygdala wichtig zu sein, die auch für Angst zuständig ist und durch Meditation beeinflusst werden kann. Wo sind die Übergänge?

Die Amygdala ist eine Art emotionales Frühwarnsystem im Gehirn. Sie reagiert auf Bedrohungen, aber auch stark auf die Prozessierung sozialer Signale. Eine Studie der University of California in Santa Barbara konnte zeigen, dass Zellen in der Amygdala für die Belohnung durch prosoziales Verhalten verantwortlich sind.
Die Unterschiede in der Struktur dieses Gehirnareals zwischen einzelnen Menschen scheinen sich zumindest zum Teil durch die individuellen Verhaltensunterschiede zu erklären. Die Produktion von Oxytocin durch das "Kümmern" fördert wiederum über die Amygdala die Tendenz zur wiederholten prosozialen Handlung, also ein positives Feedback-Loop. Dadurch wird die Vernetzung zwischen der Amygdala und anderen Teilen des Gehirns gestärkt. Und es entstehen langandauernde positive Wirkungen auf die mentale Gesundheit.
Durch die Ausschüttung von Belohnungshormonen im Gehirn sehen wir auch eine indirekte Regulierung des Immunsystems, eine Aktivierung des Parasympathikus und weitere Effekte, die mit Langlebigkeit in Verbindung gebracht werden.

Wie wirkt sich der Verlust von Stammzellen auf die Alterung aus? Existieren heute schon Methoden, um die Stammzellbildung anzuregen?

Der altersbedingte Rückgang von Stammzellen ist ein zentrales Merkmal der Alterung. Einige experimentelle Ansätze wie epigenetisches Reprogramming oder die gezielte Aktivierung von Nischenfaktoren zeigen in präklinischen Modellen große Erfolge. Für den klinischen Einsatz ist das in den meisten Bereichen der Medizin allerdings noch Zukunftsmusik.
Am nächsten sehe ich die Anwendungen dieser Technologien im Bereich der Gelenk- und Knochenrekonstruktion. Präventive Anwendungen einer auf die Langlebigkeit fokussierten Medizin bleiben aber noch ein bis zwei Jahrzehnte fern. Das bestätigen auch klinische Studien aus der Kardiologie oder bei Muskelerkrankungen, die auf sehr guten präklinischen Ergebnissen basieren. Bis wir diese Therapien am Markt haben, wird es sicher noch einige Jahre dauern.

Wie viel Prozent unserer Alterung sind über die klassische Genetik bestimmt? Manche Wissenschaftler beziffern sie auf 20–25 %. Neuere Analysen gehen von weniger als 10 % aus. Was denken Sie?

Tatsächlich tendiert die Forschung dahin, dass die klassische Genetik weniger Einfluss hat als lange gedacht – eher unter 10 %. Diese Meinung vertrete ich auch. Unabhängig davon, welcher Prozentsatz stimmt, ist klar: Für die Langlebigkeit sind unser Lebensstil und unsere Gewohnheiten entscheidender als die klassische Genetik.
Das reicht von der Ernährung über Bewegung und soziale Gesundheit bis hin zum Zugang zu adäquater medizinischer Versorgung und zum Verzicht auf Suchtmittel. Wir sind keine Gefangenen unserer Gene und können aktiv in unsere Langlebigkeit eingreifen. Und: Es ist nie zu spät, damit zu beginnen.
Eine aktuelle Analyse von über 350.000 Personen, die kürzlich im BMJ Evidence Based Medicine veröffentlicht wurde, zeigt: Ein gesunder Lebensstil kann die negativen Effekte genetischer Veranlagung auf die Lebenserwartung um mehr als 60 % ausgleichen. Während Menschen mit ungünstigen Genen ein um 21 % höheres Sterberisiko hatten, erhöhte ein ungesunder Lebensstil das Risiko unabhängig von der Genetik um 78%.
Für viele Wissenschaftler ist dieses Ergebnis keine große Überraschung. Diese Studie zeigte auch, dass 4 Faktoren für einen gesunden Lebensstil entscheidend sind: Verzicht auf Nikotinprodukte, regelmäßige Bewegung, gute Schlafhygiene und ausgewogene Ernährung.
Genetik hilft uns, die Alterungsprozesse des Einzelnen zu verstehen. Der Lebensstil bleibt jedoch weiterhin der stärkste Hebel für ein langes und gesundes Leben.

Neben Insulin scheint IFG-1 eine große Rolle für Alterung zu spielen. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass abhängig von den Lebensphasen IGF-1 niedrig oder höher sein sollte. Macht eine Bestimmung im Blut Sinn? Und was würden Sie empfehlen, um den IGF-1-Spiegel im mittleren Alter zu senken und im höheren Alter wieder anzuheben?

IGF-1 ist ein zweischneidiges Schwert. In der Jugend fördert es Wachstum und Regeneration, im mittleren Alter kann ein zu hoher Spiegel mit Tumorbildung und beschleunigter Alterung assoziiert sein. Im sehr späten Alter unterstützt es wieder die Geweberegeneration. Also: Die IGF-1-Werte sollten je nach Lebensstil und Lebensphase interpretiert und an das Individuum angepasst werden.
Hinzu kommt, dass eine einmalige Messung wenig aussagekräftig ist. Spannender ist die Betrachtung der IGF-1-Werte im zeitlichen Verlauf, wobei diese recht teuer sind und deshalb selten durchgeführt werden.

Für die Langlebigkeit sind unser Lebensstil und unsere Gewohnheiten entscheidender als die Genetik.

In letzter Zeit erleben wir einen Protein-Hype in der Ernährung. Früher haben überwiegend Kraftsportler Proteindrinks und Supplemente zu sich genommen. Heute werden sie in den sozialen Medien als unverzichtbar zur Vorbeugung von altersbedingtem Muskelabbau und Sarkopenie angepriesen. Auf der anderen Seite haben Forscher wie Walter Longo und Luigi Fontana immer darauf hingewiesen, dass eine zu hohe Proteinzufuhr zelluläre Alterungsprozesse fördert. Wie ordnet die Molekularbiologie die Zusammenhänge zwischen Proteinen und Alterung ein? Spielt es eine Rolle, ob pflanzliches oder tierisches Protein verzehrt wird, und sind die Aminosäuren Methionin und BCAA relevant?

Proteine sind essenziell für die allgemeine Gesundheitserhaltung. Wissenschaftler sind jedoch gespalten, was deren Rolle bei der Langlebigkeit angeht. Einerseits sehen wir, dass viel tierisches Protein, insbesondere über die Wirkung von Methionin, dauerhaft IGF-1 hochhalten kann und gewisse Zellreparaturmechanismen hemmt. Das wiederum fördert die Alterungsprozesse. Pflanzliche Proteine enthalten weniger Methionin und greifen dadurch weniger in diese Prozesse ein.
Zugleich sehen wir aber auch, dass viele Menschen daran scheitern, ausreichend Muskelmasse im Leben aufzubauen. Daraus entstehen dann Schwierigkeiten im höheren Alter, die nicht nur den Bewegungsapparat betreffen. Wir betrachten die Muskeln mittlerweile als ein Stoffwechselorgan. Die Rolle der Muskeln bei den Stoffwechselerkrankungen ist gerade ein großes Thema in der Forschung. Und hier sehen wir auch: Der Muskelaufbau und indirekt damit verbundene proteinreiche Nahrung haben positive Effekte.
Die Datenlage für Menschen im mittleren Alter ist noch sehr widersprüchlich. Für Menschen im höheren Alter zeigen die Daten allerdings, dass diese von einer erhöhten Proteinaufnahme profitieren. Nämlich gerade durch die verstärkte Ausschüttung von IGF-1, die die Geweberegeneration im höheren Alter fördert. Dagegen betrachte ich in den frühen Lebensstadien eher die relative und absolute Muskelmasse als entscheidende Parameter für die Langlebigkeit und nicht die Proteineinnahme.

Inzwischen spricht man von etwa 14 Kennzeichen der Alterung. Sind alle gleich wichtig?

Für die Wissenschaft – ja. Für den Einzelnen auf keinen Fall.
Alterungsprozesse sind sehr komplex und viele dieser Kennzeichen beeinflussen sich gegenseitig. Dann kommen noch einige Kennzeichen der Alterung hinzu, die teilweise sehr umstritten sind oder noch gar nicht entdeckt wurden. Für die allgemeinen Langlebigkeitsroutinen ist das keine so große Herausforderung. Ganzheitliche Interventionen wie Fasten, Bewegung oder gesunde Ernährung haben oft systemische Wirkung und zeigen sich deshalb auch so effektiv in großen Studien. Bei gezielten Eingriffen wie NAD+-Behandlungen wird es aber schwieriger.
Jedes Individuum hat eine Tendenz zu gewissen Kennzeichen der Alterung. Manchmal finden wir Hinweise dafür in der Genetik, manchmal in der Epigenetik. Aber oft sind sie auch erst in ausführlichen Stoffwechsel- und Mikrobiom-Analysen zu sehen. Diese Parameter ändern sich auch mit der Zeit, da unser Körper ein dynamisches System ist. Deswegen befürworte ich immer ausführliche Untersuchungen und Datenanalysen, bevor man in grundlegende Prozesse der Zelle eingreift. Geraten diese Prozesse aus der Balance, gehören sie behandelt. Davor aber ist jeder Eingriff in das System eine potenzielle Gefahr für eine Kettenreaktion.

Heilfasten und Intervallfasten scheinen mehrere dieser 14 Prozesse gleichzeitig günstig zu beeinflussen. Vor allem der Autophagie wird große Aufmerksamkeit geschenkt. Wie ist die derzeitige Datenlage bezüglich der Kinetik der Autophagie? Weiß man, ab wann die Autophagie in Fastenperioden aktiviert wird? Und kann man sie durch weitere Nahrungsmittel oder Sport anregen? Sollten wir alle sehr viel Kaffee trinken?

Autophagie ist ein zentraler Zellreinigungsmechanismus. Einige Studien behaupten, dass Autophagie je nach Stoffwechselstatus nach etwa 16–20 Stunden Fasten aktiviert werden sollte – bei körperlicher Aktivität oder niedrigen Glykogenspeichern früher. Auch Sport, Kaffee, bestimmte Polyphenole (z. B. EGCG aus grünem Tee) und sogar Sauna können die Autophagie fördern.
Die Messung der Autophagie beim Menschen ist technisch herausfordernd, deshalb haben wir noch keine umfangreichen Studien zu diesem Thema. Aus Tierstudien wissen wir aber, dass sie nicht in jedem Gewebe gleich schnell aktiviert wird. Davon können wir auch bei Menschen ausgehen.
Die Autophagie sorgt dafür, dass die defekten Moleküle und Organellen in den Zellen abgebaut werden. Dadurch wird Energie für lebenswichtige Prozesse in Zeiten von Nährstoffknappheit zur Verfügung gestellt. Der nette Nebeneffekt davon ist die Reinigung der Zelle von defekten Molekülen. Dieser Mechanismus ist entscheidend in der Prävention gewisser schwerwiegender Erkrankungen.
Die Aktivierung der Autophagie gelingt am besten durch Fasten. Zu diesem Zweck wurden aber auch Substanzen wie sog. Fasten-Mimetika entwickelt. Ihre Wirkung beim Menschen im Sinne der Langlebigkeit und ihre Effizienz bei der Autophagie-Aktivierung werden immer noch getestet.

In Ihrem Buch sprechen Sie von der metabolischen Flexibilität. Ist es wichtig, sie anzuregen? Und widerspricht das nicht der Ansicht, dass es für den Körper besser ist, chronobiologisch einen regelmäßigen Rhythmus zu wahren?

Nein. Wichtig ist eher ein Zusammenspiel der beiden Mechanismen. Metabolische Flexibilität bedeutet unter anderem die Fähigkeit, zwischen Kohlenhydrat- und Fettverbrennung hin- und herzuwechseln – ein natürlicher Zustand unseres Körpers. Durch sehr einseitige Ernährung sinkt sie aber, was wahrscheinlich sehr stark auf den Konsum ultraprozessierter Lebensmittel zurückzuführen ist. Dagegen steigt sie etwa durch Fasten oder Bewegung.
Chronobiologie beschäftigt sich mit der sogenannten inneren Uhr, die für den perfekten Tagesablauf in unserem Körper sorgt. Von Hormonausschüttung bis zu Aktivierung und Deaktivierung gewisser Gene, die interessanterweise zum großen Teil auch durch das Fasten beeinflusst werden. Wir sehen bei stark übergewichtigen Personen mit sehr geringer metabolischer Flexibilität, dass oft auch ihre chronobiologische Regulation betroffen ist. Den genauen Zusammenhang können wir noch nicht im Detail erklären. Aber beide Mechanismen scheinen eine große Rolle bei der Erhaltung der Gesundheit zu spielen und schließen sich gegenseitig nicht aus.

Sind Sauna und Kältetherapie molekularbiologisch gesehen ähnliche Maßnahmen im Kontext von Longevity?

Beides sind Hormetika – also milde Stressreize, die im Körper positive Anpassungen auslösen. Auf molekularer Ebene aktivieren Sauna und Kältetherapie Hitzeschockproteine, Entzündungsmodulatoren und Stoffwechselprozesse. Auf den ersten Blick scheinen sie verblüffend ähnlich zu wirken – zumindest in der Theorie.
Studien haben allerdings gravierende Unterschiede ergeben: Erst kürzlich konnte gezeigt werden, dass Kältetherapie direkt nach dem Training für ein deutlich langsameres Muskelwachstum sorgt. Vermutet wird, dass die drastische Hemmung der Entzündungsprozesse durch die Kältetherapie die Muskelregeneration verlangsamt. Saunagänge nach dem Training scheinen dagegen keine solche Effekte zu haben und sind gerade aus der Sicht des Muskelaufbaus zu bevorzugen.
Die Kältetherapie gilt allerdings immer noch gleich effektiv in der Bekämpfung der Muskelschmerzen und der Hemmung der Entzündung nach Wettkämpfen oder muskulärer Überforderung.

Welche Rolle spielt Ihrer Ansicht nach das Mikrobiom?

Das Mikrobiom ist mehr als eine "Verdauungshilfe". Es umfasst die Allgemeinheit aller Mikroorganismen in und auf unserem Körper. Das Mikrobiom beeinflusst Entzündungen, Immunsystem, Neurotransmitterproduktion und sogar die Genexpression in unserem Körper. Mit dem Alter verliert es an Vielfalt, was wiederum im Zusammenhang mit vielen chronischen Erkrankungen steht. Dabei scheint gerade die Verbindung zwischen Darm-Mikrobiom und Immunsystem die größte Bedeutung für die Langlebigkeit zu haben. Ernährung, Probiotika, Präbiotika und Fasten können hier sehr viel bewirken. Das Gleiche gilt aber auch für starken Alkoholkonsum oder häufige Antibiotikaeinnahme – beides beeinflusst unser Mikrobiom negativ.

Die größten Hebel für Langlebigkeit bilden Ernährung und Bewegung. Nahrungsergänzungsmittel sind wie der Name schon sagt – Ergänzungen.

Können Nahrungsergänzungsmittel etwas für die Langlebigkeit bewirken? Oder sind sie eher Geldverschwendung und die richtige Ernährung ist der bessere Weg? Was halten Sie von der Einnahme von NMN oder Metformin?

Der größte Hebel für die Langlebigkeit bleiben Bewegung und Ernährung. Nahrungsergänzungsmittel sind wie der Name schon sagt – Ergänzungen. In besonderen Lebenslagen oder bei Mangel können sie sinnvoll sein.
NMN und Metformin sind aus Sicht der Forschung sehr spannend. Aktuell sind beide Substanzen aber eher Teil der klinischen Forschung als der Routine. Dabei scheint Metformin systemische Effekte zu haben. NMN greift in erster Linie in den Energiestoffwechsel ein, also in eines der bereits erwähnten 14 Kennzeichen der Alterung. Ich empfehle weiterhin, zunächst die Basis zu optimieren – Schlaf, Bewegung, Ernährung, Stressregulation. Und erst dann gezielt zu supplementieren, nicht umgekehrt.

Welche neuen Technologien werden in den kommenden Jahren den größten Einfluss auf gesundes Altern und Longevity haben?

Den größten Impact erwarte ich im Bereich der datengetriebenen Präzisionsmedizin, konkret durch die Kombination von Multi-Omics und künstlicher Intelligenz in Diagnostik und Behandlung. Statt sich auf einzelne Laborwerte oder allgemeine Empfehlungen zu verlassen, können wir durch die Analyse von Genom, Epigenom, Mikrobiom, Metabolom und Proteom ein ganzheitliches, hochindividuelles Bild der biologischen Alterung eines Menschen gewinnen.
Mithilfe von KI-gestützten Algorithmen lassen sich aus diesen komplexen Datenmustern personalisierte Interventionen ableiten. Das ist nicht mehr Science-Fiction, sondern bereits in ersten Pilotprojekten umsetzbar. Entscheidend wird sein, diese Technologien sowohl wissenschaftlich weiterzuentwickeln, als sie auch sicher, ethisch und zugänglich in die Praxis zu bringen. Daran haben wir in den vergangenen Jahren intensiv gearbeitet. So wird Prävention nicht nur effizienter, sondern erstmals wirklich individualisierbar.

Was sind Ihre wichtigsten Empfehlungen für Longevity?

  1. Essen Sie weniger oft – und vorwiegend pflanzenbasiert. Minimum 3 bis 5 Portionen Obst und Gemüse sollten es täglich sein.
  2. Bewegen Sie sich täglich. Setzen Sie sich kleine Ziele, damit Sie dranbleiben.
  3. Pflegen Sie soziale Beziehungen und seien Sie offen für neue Begegnungen und Erlebnisse.
  4. Achten Sie auf Ihre Schlafhygiene, indem Sie Ihren Schlaf als Priorität und nicht als Notwendigkeit am Ende des Tages sehen.
  5. Versuchen Sie nicht, alles richtig zu machen. Das Leben soll auch Spaß machen. Ein langes Leben ohne Leidenschaft und Sinn kann zu einer langen Qual werden. Langlebigkeit soll ein Balanceakt zwischen Gesundheitsoptimierung und dem genussvollen Leben sein.

Welche der empfohlenen diskutierten Maßnahmen setzen Sie persönlich um?

Ich faste einmal wöchentlich, so kann ich meinen Blutdruck regulieren. Dazu esse ich überwiegend pflanzlich und trainiere 2- bis 3-mal die Woche. In den dunkleren Monaten nehme ich Vitamin D ein, andere Nahrungsergänzungsmittel nur dann, wenn notwendig. Ich messe meine Blut- und Alterungsparameter mindestens einmal im Jahr, manchmal auch öfter. Dabei finde ich gerade die zeitliche Analyse der Werte am hilfreichsten. Mein Stressmanagement hat immer noch Verbesserungspotenzial, also lerne ich Meditation und Achtsamkeit, um hier etwas besser zu werden. Mittlerweile denke ich aber über diese Sachen gar nicht mehr nach. Langlebigkeit wird mit der Zeit zur Routine.

Das Interview führte Prof. Andreas Michalsen.