
Wie sollte ein Herzinfarkt bei hochbetagten Patient*innen behandelt werden?
Antworten darauf gibt die international vielbeachtete SENIOR-RITA-Studie. Diese ist die bislang größte randomisierte Studie zur Behandlung des sogenannten Nicht-ST-Strecken-Hebungs-Myokardinfarkts (NSTEMI) bei Menschen über 75 Jahren. Die im renommierten New England Journal of Medicine publizierten Ergebnisse erfordern ein Umdenken in der invasiven Herzinfarkt-Therapie bei älteren Menschen.
Studie: Invasive vs. medikamentöse Therapie bei Hochbetagten
Ziel der SENIOR-RITA-Studie war es herauszufinden, ob sich durch eine invasive Strategie das Risiko für einen kardiovaskulären Tod oder einen weiteren Herzinfarkt reduzieren lässt.
Für die Studie wurden 1518 Patient*innen mit einem Durchschnittsalter von 82 Jahren an 48 britischen Kliniken untersucht. Während rund die eine Hälfte die bestmögliche medizinische Therapie allein erhielt, bekam die andere Hälfte zusätzlich eine invasive Strategie mit Herzkatheteruntersuchung und gegebenenfalls Bypass oder Stent. Rund ein Drittel der Teilnehmenden galt als gebrechlich.
Das Ergebnis:
- Nach einem mittleren Beobachtungszeitraum von 4,1 Jahren ergab sich kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Gruppen.
- In der invasiv behandelten Gruppe erlitten 25,6 Prozent der Teilnehmenden einen nicht tödlichen Herzinfarkt oder verstarben an einem kardiovaskulären Tod.
- In der konservativ behandelten Gruppe lag dieser Anteil bei 26,3 Prozent.
Erkenntnis: Invasive Therapie bei Hochbetagten bringt keine signifikanten Vorteile
"Unsere Studie zeigt, dass eine routinemäßige invasive Behandlung bei älteren Herzinfarktpatienten keinen signifikanten Vorteil gegenüber einer rein medikamentösen Therapie bringt", sagt Professorin Vijay Kunadian, die eine Professur für interventionelle Kardiologie in Großbritannien inne hat.
"Wir konnten somit zeigen, dass eine konservative Therapie bei älteren Menschen mit NSTEMI ähnlich sicher ist wie eine invasive Behandlung – mit vergleichbaren Langzeitergebnissen, aber weniger Risiken und Belastungen", so Kunadian.
Die Ergebnisse der SENIOR-RITA-Studie haben weitreichende Implikationen für die klinische Praxis. Gerade im höheren Lebensalter müssen Therapieentscheidungen sorgfältig abgewogen werden – unter Berücksichtigung von Gebrechlichkeit, Multimorbidität und Lebensqualität.
"Es ist höchste Zeit, dass wir in der Kardiologie nicht länger automatisch davon ausgehen, dass invasiv gleich besser bedeutet, vor allem bei unseren älteren Patient*innen", betont die Expertin. Ihre Forschung unterstreicht die Notwendigkeit individualisierter Therapieentscheidungen und stärkt die Rolle der Geriatrie in der kardiologischen Versorgung.
Professorin Vijay Kunadian wird die Studie beim Jahreskongress 2025 der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie in Weimar vorstellen.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Geriatrie


