DemenzWenn das Gedächtnis nachlässt: Hilfsangebote oft erst spät genutzt

Ambulante Hilfsangebote werden bei ersten kognitiven Symptomen oft zu spät genutzt. Frühzeitige Information und besserer Zugang könnten die Versorgungslücke verringern. 

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Lässt das Gedächtnis nach oder fällt zuhause die Orientierung immer schwerer, steigt der Bedarf an Unterstützung.

Hausärztliche Versorgung, hauswirtschaftliche Hilfen oder die Inanspruchnahme einer Tagespflege: Lässt das Gedächtnis nach, steigt der Bedarf an Unterstützung, um die Aufgaben des täglichen Lebens zu meistern. Forschende haben daher untersucht, ob Personen mit leichten kognitiven Einschränkungen bereits Hilfsangebote in Anspruch nehmen. Ziel war es, mögliche Versorgungsdefizite aufzudecken. 

Studie

Studie umfasste die Teilnahme von 913 Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen, deren Daten im Demenzforschungsprojekt digiDEM Bayern erhoben wurden. 

  • 389 Teilnehmer*innen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen (Mild Cognitive Impairment, MCI)
  • 524 Teilnehmer*innen mit leichter bis moderater Demenz

Sie wurden mittels des standardisierten Online-Fragebogens „The Dementia Assessment of Service Needs (DEMAND)“ befragt. Hierbei wurden 13 Unterstützungsangebote betrachtet. 

Unterschiede bei der Inanspruchnahme

In der Studie fanden Anne Keefer und ihre Kollegen heraus: Sowohl Menschen mit leichten kognitiven Einschränkungen als auch Menschen mit Demenz nutzen am häufigsten folgende Unterstützungsangebote

  • Hausärztliche Versorgung (54,4 %)
  • Hauswirtschaftliche Hilfen (36,5 %) 
  • Ambulante Pflege (30,4 %) 
  • Psychosoziale Interventionen (30,2 %)

Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen nutzen dabei ambulante Unterstützungsangebote seltener als Menschen, die von einer leichten bis mittelschweren Demenz betroffen sind – die Unterschiede sind jedoch gering. Seltener in Anspruch genommen werden von Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen: 

  • Ambulante Pflegedienste
  • Tagespflege
  • Verhinderungspflege
  • Erwerb von Hilfsmitteln (z.B. Geh-, Hör- oder Sehhilfen)

Alle anderen untersuchten ambulanten Unterstützungsangebote werden von Menschen mit leichten kognitiven Einschränkungen und leichter bis mittelschwerer Demenz zu gleichen Anteilen genutzt. „Insgesamt ist die Inanspruchnahme von ambulanten Unterstützungsangeboten eher gering.“ Die Gründe dafür können vielfältig sein. „Die Betroffenen könnten bislang kaum Unterstützungsbedarf haben“, sagt Anne Keefer. „Aber auch die fehlende Verfügbarkeit von Unterstützungsangeboten, ein mangelndes Wissen, dass es solche Angebote überhaupt gibt, Angst vor Stigmatisierung, Fragen der Finanzierung oder persönliche Werte und Überzeugungen können dazu führen, dass trotz eines vorhandenen Bedarfs Unterstützung nicht in Anspruch genommen wird.“

Weiteres überraschendes Ergebnis

In einer weiteren Analyse haben die Forschenden nicht mehr nur die einzelnen Unterstützungsangebote, sondern die Gesamtanzahl der genutzten Angebote betrachtet. Zusätzlich wurden neben der Gruppenunterscheidung “MCI vs. Demenz” auch andere Faktoren wie Alter, Geschlecht, Wohnort, Bildungsgrad, Schwerbehinderung oder auch das Vorhandensein eines Pflegegrads berücksichtigt. So wurden im Durchschnitt etwa zwei ambulante Unterstützungsangebote innerhalb der letzten 30 Tage genutzt, wobei auch hier Menschen mit MCI insgesamt durchschnittlich weniger Angebote als Menschen mit leichter bis moderater Demenz genutzt haben. „Dieses Ergebnis hat uns überrascht, denn man würde erwarten, dass Menschen mit MCI einen deutlich geringeren Unterstützungsbedarf als Menschen mit einer leichten bis mittelschweren Demenz haben“, erläutert Prof. Dr. Elmar Gräßel, Co-Autor der Studie. Um diese unerwarteten Studienergebnisse zu erklären, haben die Forschenden weitere mögliche Einflussfaktoren untersucht. Zur Inanspruchnahme von Unterstützungsangeboten tragen folgende Faktoren bei: 

  • Vorhandensein eines Pflegegrads 
  • Höheres Alter
  • Weibliches Geschlecht 
  • Alleine leben 
  • Subjektiv als gering empfundene Lebensqualität

Frühzeitige Unterstützung ist wichtig

Bei ersten Symptomen kognitiver Einschränkungen sollte, so die Forschenden, der Fokus insbesondere auf Angeboten zur Beratung und Unterstützung liegen. Angebote zur Pflege und Betreuung werden erst mit dem Fortschreiten der Erkrankung immer wichtiger. „Wir empfehlen, sich rechtzeitig über ambulante Unterstützungsangebote zu informieren und die Zugangswege zu Unterstützungsangeboten zu erleichtern, um die Versorgung von Menschen mit MCI und Demenz zu verbessern und die Belastung pflegender An- und Zugehöriger möglichst gering zu halten“, sagt Prof. Dr. Peter Kolominsky-Rabas, Co-Autor der Studie.

Erste Anzeichen von kognitiven Beeinträchtigungen nicht ignorieren

Daher ist es wichtig, die Versorgungssituation bei Menschen mit MCI langfristig zu berücksichtigen. Manche Unterstützungsangebote richten sich auch direkt an pflegende An-und Zugehörige, wie zum Beispiel Beratungsangebote oder die sogenannte Verhinderungspflege. „Oft suchen sich Betroffene erst dann Unterstützung, wenn die Belastung durch die häusliche Pflegesituation bereits stark ausgeprägt ist“, sagt Keefer. Deshalb sollten Betroffene bereits bei ersten kognitiven Beeinträchtigungen möglichst rechtzeitig über die verschiedenen Möglichkeiten ambulanter Unterstützungsangebote informiert werden.

Hintergrund: Leichte kognitive Beeinträchtigungen

Gegenüber Menschen mit einer leichten bis mittelschweren Demenz ist bei Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen (Mild Cognitive Impairment, MCI) der kognitive Abbau weniger ausgeprägt. Alltägliche Tätigkeiten – wie etwa einkaufen, sich der Körperpflege widmen oder Bankgeschäfte zu erledigen – können Menschen mit MCI aufgrund der nur leichten kognitiven Einschränkungen weitgehend selbstständig bewältigen.
Allerdings entwickelt sich bei etwa 70 Prozent der Menschen mit MCI innerhalb von fünf Jahren eine Alzheimer-Demenz – was einen erhöhten Bedarf an Unterstützung nach sich zieht. Da die meisten Menschen mit MCI oder Demenz zu Hause von ihren An- und Zugehörigen versorgt werden, bedeutet dies für die Pflegenden eine stetig steigende Belastung.

Quelle: Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg