
Bislang ist der konkrete Prozess der Genesung nach einer akuten Erkrankung unbekannt. Es ist nicht geklärt, warum manche Menschen vollständig und manche gar nicht genesen. Ein internationales Forschungsteam hat nun erste Einblicke in die Physiologie der Genesung gewonnen.
Abneigung gegen Nahrungseiweiß als Schutzmechanismus?
In Experimenten mit Mäusen untersuchten die Wissenschaftler*innen deren Essverhalten nach einer akuten Erkrankung. Die Tiere erhielten verschiedene Diäten, unter anderem mit gezielter Zugabe bestimmter Eiweiße. Im Ergebnis zeigte sich:
- Der Konsum von 3 bestimmten, im Nahrungseiweiß vorkommenden Aminosäuren kann im Rahmen des Genesungsprozesses problematisch sein.
- Die entdeckte Abneigung gegenüber Nahrungseiweiß nach akuter Erkrankung könnte ein Schutzmechanismus des Körpers sein.
"Wir haben in unserer Studie herausgefunden, dass der Genesungsprozess nach akuten Krankheitszuständen durch ein stereotypisches Verhaltensmuster charakterisiert ist, das eine starke Abneigung gegenüber eiweißreicher Nahrung umfasst. Diese Beobachtung war für uns sehr überraschend, da eiweißreiche Nahrung seit Jahren ein fixer Bestandteil des Ernährungskonzepts von kritisch kranken Patient*innen darstellt", sagt Endokrinologe Dr. Nikolai Jaschke vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf.
Schutz vor schädlichem Ammoniak
In einer Reihe von Experimenten im Modell konnten die Forschenden darüber hinaus zeigen, dass nicht der Konsum von Eiweiß per se problematisch sein muss.
Demnach sind 3 im Nahrungseiweiß natürlich vorkommenden Aminosäuren im Genesungsprozesses möglicherweise problematisch: Die 3 Aminosäuren Glutamin, Lysin und Threonin, kurz: QKT, führen in hoher Dosis zur Produktion von Ammoniak, das über die Leber entgiftet werden muss. Während des Genesungsprozesses ist die Kapazität zur Entgiftung dieses Moleküls jedoch reduziert. Eine Supplementierung der genannten 3 Aminosäuren erwies sich in den Experimenten der Forschenden entsprechend als toxisch.
"Wir gehen davon aus, dass die Aversion eiweißreicher Nahrung einen physiologischen Schutzmechanismus darstellt, der den Körper vor einer Anhäufung von schädlichem Ammoniak bewahrt", so Jaschke.
Als Grundlage der Protein-Aversion konnten die Wissenschaftler*innen ein bestimmtes Protein im Darm identifizieren, das durch lokal gebildetes Ammoniak aktiviert wird. Aufsteigende Nervenfasern übermitteln diese Information an Areale des Gehirns, deren Aktivität Brechreiz, Übelkeit und Aversion auslöst.
"Die durch Eiweiß beziehungsweise Ammoniak aktivierten Hirnareale sind teilweise überlappend mit jenen, die durch moderne appetithemmende Medikamente mit dem Wirkstoff Semaglutid stimuliert werden", erklärt der Endokrinologe.
Genesungsprozess durch Ernährung unterstützen
In einem nächsten Schritt möchten die Wissenschaftler*innen testen, ob der Genesungsprozess des Menschen basierend auf den nun gewonnenen Erkenntnissen mittels diätetischer Interventionen unterstützt oder verbessert werden kann. Neben kritisch kranken Patient*innen könnten solche diätetischen Formulierungen auch für Kinder mit angeborenen Stoffwechselerkrankungen oder Menschen mit Kachexie therapeutisch relevant sein.
Quelle: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf


