LipödemLipödem: Aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen

Trotz gestiegener Aufmerksamkeit für das Lipödem besteht dringender Bedarf für Forschung und Versorgung. Prof. Claudia Eberle hat die aktuellen Entwicklungen zusammengefasst.

Tablet mit Diagnose Lipödem
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Bis zur Diagnose Lipödem vergehen oft Jahre.

Prof. Claudia Eberle ist Fachärztin für Innere Medizin, Endokrinologie & Diabetologie, Kardiologie & Notfallmedizin, Ernährungsmedizin (DAEM/DGEM) sowie Infektiologie an der Universitätsmedizin Marburg.

Lipödem: Definition und Prävalenz

Das Lipödem stellt eine chronisch-progrediente, nahezu ausschließlich bei Frauen auftretende Fettverteilungsstörung dar. Es ist charakterisiert durch eine symmetrische, disproportionale Fettgewebsvermehrung an den Extremitäten bei Aussparung von Händen und Füßen sowie durch Druck- und Spontanschmerzen [1][2].

  • Epidemiologische Schätzungen zufolge liegt die Prävalenz bei erwachsenen Frauen in Deutschland bei über 10 Prozent [1][2].
  • Der Anteil männlicher Patienten beträgt weniger als 1 Prozent und ist in der Regel sekundären Ursachen zuzuordnen, etwa hormonellen Dysregulationen [3].

Aus gendermedizinischer Perspektive nimmt das Lipödem eine paradigmatische Stellung ein, da es geschlechtsspezifische Aspekte in Ätiologie, Pathophysiologie, psychosozialer Belastung und Versorgungsrealität vereint.

  • Typischerweise manifestiert sich ein Lipödem in hormonell sensiblen Lebensphasen – insbesondere Pubertät, Schwangerschaft und Menopause.
  • Die Erkrankung weist eine enge Assoziation zu östrogenabhängigen Regulationsmechanismen auf.

Pathophysiologisch werden östrogenvermittelte Veränderungen der Adipozytendifferenzierung, Lipogenese, Mikrozirkulationsstörungen und Kapillarfragilität als zentrale Faktoren diskutiert [4].
Neben endokrinologischen Mechanismen sind psychosoziale und somatische Komorbiditäten entscheidende Determinanten des Krankheitsverlaufs.

Betroffene berichten über signifikante Einschränkungen der gesundheitsbezogenen Lebensqualität, depressiven Symptomen und erhöhten Angstscores [5][6]. Stigmatisierung, gesellschaftliche Schönheitsnormen und diagnostische Verzögerungen verstärken die psychosoziale Belastung und verdeutlichen die Notwendigkeit eines interdisziplinären, integrativen Versorgungskonzepts [5][6][7].

Aktuelle Entwicklungen und Relevanz

In den letzten Jahren hat das Lipödem erhebliche wissenschaftliche, klinische und gesundheitspolitische Aufmerksamkeit erfahren. Die S2k-Leitlinie Lipödem der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie von 2024 definiert erstmals einheitliche diagnostische Kriterien und evidenzbasierte Empfehlungen zur konservativen und operativen Therapie, insbesondere zur Indikationsstellung und Technik der Liposuktion [8].

Internationale Studien bestätigen, dass die Liposuktion derzeit die einzige Methode zur dauerhaften Reduktion lipödemassoziierter Fettdepots darstellt. Allerdings bleibt die Evidenzlage limitiert, da randomisierte Langzeitstudien fehlen [9].

Angesichts der hohen Prävalenz und psychosozialen Belastung besteht ein dringender Bedarf an prospektiven Registern, methodisch hochwertigen Studien und geschlechtersensitiver Versorgungsforschung [6]. Diese Entwicklungen unterstreichen die wissenschaftliche und gesellschaftliche Relevanz des Lipödems und die Notwendigkeit einer qualitätsgesicherten, leitlinienorientierten Versorgung.

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Herausforderungen in Forschung und Versorgung

Trotz der gestiegenen Aufmerksamkeit bestehen weiterhin substanzielle Evidenzlücken. Bevölkerungsbasierte Prävalenzstudien fehlen bislang und diagnostische Standards werden in der Praxis nicht flächendeckend umgesetzt. Auch zur Langzeitwirksamkeit konservativer und operativer Verfahren liegen nur begrenzt kontrollierte Daten vor [11].

Psychosoziale Faktoren – insbesondere psychische Komorbiditäten, Körperbildstörungen und geschlechtsspezifische Stigmatisierung – sind in bestehenden Versorgungskonzepten bislang unterrepräsentiert, obwohl sie entscheidend zur Krankheitslast beitragen [8][12].

Pathophysiologisch ist das Lipödem noch nicht vollständig verstanden. Aktuelle Arbeiten weisen auf komplexe hormonelle, vaskuläre und immunologische Wechselwirkungen hin [13][14]. Ein tieferes Verständnis dieser Mechanismen könnte die Grundlage für zielgerichtete, pathophysiologisch fundierte Therapieansätze schaffen.

Klinische Empfehlungen

Patientinnen sollten frühzeitig spezialisierte Zentren mit interdisziplinärer Expertise aufsuchen, um eine leitliniengerechte Diagnostik und Therapie zu erhalten. Eine geschlechtersensible Behandlung umfasst:

  • differenzierte hormonelle Anamnese,
  • individualisierte Schmerz-, Bewegungs- und Kompressionstherapie,
  • strukturierte psychosoziale Unterstützung und Beratung,
  • Aufklärung über konservative (z.B. Kompression, Bewegung, Ernährung) und operative Optionen (v.a. Liposuktion)

Ergänzend sind psychotherapeutische Interventionen und Maßnahmen zur Förderung eines positiven Körperbildes empfohlen, um die somatische und emotionale Belastung evidenzbasiert zu adressieren [8][12].

Gesundheitspolitische Implikationen

Gesundheitspolitisch besteht die Notwendigkeit, verbindliche Qualitäts- und Indikationskriterien für alle Behandlungsformen zu etablieren. Nationale Register zur systematischen Erfassung klinischer Verläufe und gezielte Förderung geschlechtersensitiver Versorgungsforschung sind essenziell.

Darüber hinaus sollte die Integration gendermedizinischer Inhalte in Leitlinien, Curricula und Weiterbildung die Grundlage einer patientenzentrierten, wissenschaftlich fundierten Versorgung bilden. Eine nachhaltige Versorgungsstruktur erfordert ein langfristig finanziertes, interdisziplinäres Konzept. Dieses sollte biologische, psychosoziale und gesellschaftliche Aspekte gleichermaßen berücksichtigen und einen gleichberechtigten Zugang zu evidenzbasierter, empathischer Betreuung sicherstellen [8].

Fazit

Das Lipödem ist ein überwiegend weibliches, hormonell beeinflusstes Krankheitsbild mit erheblicher körperlicher und psychosozialer Belastung. Es bildet ein paradigmatisches Beispiel für gendermedizinische Wechselwirkungen.

Fortschritte in Leitlinienentwicklung, operativer Technik und gesundheitspolitischer Anerkennung haben den klinischen Diskurs maßgeblich verändert. Dennoch bestehen weiterhin erhebliche Evidenzdefizite in Epidemiologie, Pathophysiologie und Langzeitergebnissen. Eine koordinierte Forschungsstrategie, die biologische, psychosoziale und versorgungsbezogene Dimensionen integriert, ist entscheidend, um die Versorgung von Patientinnen mit Lipödem nachhaltig zu verbessern [6][8][10].

Quelle: Pressekonferenz/19. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft 2025

  1. Marshall M, Schwahn-Schreiber C. Lipödem – das unbekannte Krankheitsbild. Phlebologie 2011;40(3):127–134
  2. Kruppa P, Georgiou I, Biermann N et al. Lipödem: Klinisches Bild, Diagnostik und Therapie. Dtsch Ärztebl Int. 2020;117(22–23):396–403
  3. Bertlich M et al. Lipedema in men: a rare manifestation with diagnostic and therapeutic challenges. GMS Interdiscip Plast Reconstr Surg DGPW. 2021;10:Doc11
  4. Szél E et al. Pathophysiological dilemmas of lipedema. Med Hypotheses 2014;83(5):599–606
  5. Luta X et al. Quality of life and mental health in women with lipedema: A cross-sectional study. PLoS One 2025;20(3):e0319099
  6. Kreidel Y et al. Psychische Belastung und Lebensqualität bei Lipödem: Ergebnisse einer multizentrischen Studie. Psychother Psychosom Med Psychol 2025;75(3–4):103–111
  7. Lipödem Gesellschaft. Basisinformationen für Betroffene und Angehörige. 2025; https://lipoedem-gesellschaft.de/
  8. Deutsche Gesellschaft für Phlebologie und Lymphologie. S2k-Leitlinie Lipödem. 2024; https://register.awmf.org/assets/guidelines/037-012l_S2k_Lipoedem_2024-01_01.pdf
  9. Peprah K, MacDougall D. Liposuction for Lipedema: A Health Technology Review. CADTH Rapid Response Report 2019
  10. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA). Beschluss zur Liposuktion beim Lipödem: Aufnahme in den GKV-Leistungskatalog. 2025
  11. Kruppa P et al. Liposuction in lipedema: long-term follow-up and comparison with conservative treatment. Plast Reconstr Surg 2022;149(3):529e–541e
  12. Paula de ACP, Oliveira J. Psychosocial aspects and self-image in patients with lipedema. Rev Assoc Med Bras 2024;70(9):e20240801
  13. Kaftalli J et al. Lipedema and the immune system: emerging evidence for inflammatory pathways. Eur Rev Med Pharmacol Sci 2023;27(6 Suppl):137–147
  14. Kempa S et al. Immune and vascular dysregulation in lipedema: molecular insights. Int J Mol Sci 2023;24(24):17437