SchmerzWie der soziale Kontext die Beurteilung von Schmerz beeinflusst

Wird ein Nutzen durch eine Schmerzdarstellung vermutet, vertrauen Menschen stärker der Mimik und weniger verbalen Angaben. Das zeigt eine Gießener Studie.

In einer schematischen Darstellungen sind Personen über ein Netzwerk verbunden. Eine Lupe vergrößert einen Ausschnitt des Netzwerks.
K. Oborny/Thieme
Menschen verlassen sich bei der Beurteilung des Schmerzes anderer vor allem auf deren Gesichtsausdruck.

Wir alle schätzen regelmäßig – bewusst oder unbewusst – die Schmerzen anderer Menschen ein: als Partner*innen, Eltern, Angehörige oder Mitarbeitende im Gesundheitswesen. Dabei orientieren wir uns zum Beispiel am Gesichtsausdruck oder an verbalen Schilderungen. Eine Studie der Abteilung für Klinische Psychologie der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) unter der Leitung von Prof. Christiane Hermann hat nun untersucht, wie die Schmerzeinschätzung vom sozialen Kontext abhängt. 

Studie

An der Studie nahmen 106 Personen teil. Zunächst wurden diese in verschiedene soziale Situationen eingeführt. Ihnen wurde berichtet, es gehe um Patient*innen, die wegen chronischer Schmerzen in einer Schmerzklinik seien.

Dann sahen die Teilnehmenden Videoclips von Frauen, die unterschiedlich starke Schmerzen beschrieben und Gesichtsausdrücke zeigten, die Schmerz signalisierten oder nicht. Diese stammten aus einem anderen Forschungsprojekt und zeigten Personen, die während der Aufnahme tatsächlich Schmerzen hatten. Die Teilnehmenden hatten folgende Aufgabenstellungen: 

  • die Schmerzintensität einschätzen,
  • anzugeben, wie schwierig sie die Bewertung fanden,
  • anhand von Fotos zu beurteilen, wie sympathisch ihnen die in den Videos gezeigten Frauen erschienen.

Ergebnisse

  • In Kontexten, in denen die Beurteilenden den Eindruck hatten, dass jemand durch die Darstellung von Schmerz einen Vorteil erzielen könnte – in der Studie war es eine (hypothetische) neue, sehr kostspielige Behandlungsmethode –, verließen sie sich stärker auf die Gesichtsausdrücke und weniger auf verbale Schmerzangaben. 
  • Widersprüchliche Hinweise, etwa wenn das Gesicht Schmerzen zeigte, die Person aber von geringen Schmerzen sprach, wurden als besonders schwierig zu beurteilen empfunden. 
  • Zudem schätzten die Teilnehmenden Fotos der Frauen, die in den Videos ihre Gesichter vor Schmerz verzogen hatten, als weniger sympathisch ein.

Sensibilisierung von Beschäftigten im Gesundheitssystem

„Unsere Studie macht ein zentrales Dilemma in der Schmerzkommunikation deutlich: Verbale Schmerzangaben werden häufig als absichtlich und potenziell manipulierbar wahrgenommen, weshalb ihnen – je nach sozialem Kontext – weniger Vertrauen entgegengebracht wird“, so Erstautorin Dr. Judith Kappesser.

Gesichtsausdrücke des Schmerzes gelten dagegen als glaubwürdiger, führen jedoch dazu, dass die betroffenen Personen weniger positiv wahrgenommen werden. Kappesser betont: „Vor allem Beschäftigte im Gesundheitswesen sollten für den Einfluss sozialer Kontexte auf die Schmerzbeurteilung sensibilisiert und in schwierigen Entscheidungssituationen unterstützt werden – ganz im Sinne des Psychologen Daniel Kahneman, der empfahl: ‚Menschen sollten Situationen erkennen, in denen sie anfällig für Verzerrungen sind – und dann ihre eigenen Urteile hinterfragen.‘“

Derzeit läuft eine weitere Studie in der Abteilung für Klinische Psychologie. Darin wird geprüft, ob sich die Ergebnisse auch auf Männer mit Schmerzen übertragen lassen. Zudem wollen die Forschenden herausfinden, ob das Alter der Frauen und Männer in den Schmerz-Videos eine Rolle spielt für die Beurteilung des Schmerzes durch Dritte.

Quelle: Justus-Liebig-Universität Gießen