
Der Kontakt mit der Natur kann heilsam auf psychische Erkrankungen wirken. Das legt die Auswertung mehrerer Studien nahe [1]. Aber auch bei körperlichen Erkrankungen haben Naturaufenthalte Potenzial.
Prof. Christian Keßler war an dem Forschungsprojekt beteiligt. Demnach biete sich dieser therapeutische Ansatz für alle Stadien der Prävention an. Keßler erforscht an der Uni Augsburg unter anderem, wie mehr Zeit in der Natur Mensch und Umwelt zugutekommen kann.
So hat bereits eine Pilotstudie vor über 40 Jahren ergeben: Schon der Blick ins Grüne kann dazu führen, dass Patienten nach einer OP weniger Schmerzmittel benötigen und früher entlassen werden können - im Vergleich zu Patienten, die auf steinerne Wände blicken [2].
Wie viel wirksamer ist es da, tatsächlich Zeit im Grünen zu verbringen:
Wie man in neueren Studien sieht, können Naturaufenthalte die Symptome von Depressionen und Angsterkrankungen lindern und möglicherweise sogar die von Psychosen.
Das gelte für verschiedene Formen der sogenannten Green Space Interventions, bei denen Menschen geführt in die Natur gehen oder sich angeleitet dort aufhalten: bei der Waldtherapie, aber auch beim Aufenthalt in Grünflächen wie Parks sowie bei der Gartentherapie und auch der gärtnerischen Beschäftigung mit Pflanzen (Hortikultur).
Prof. Dr. med. Christian Keßler
Christian Keßler ist Facharzt für Innere Medizin mit den Zusatzbezeichnungen Naturheilverfahren und Psychotherapie sowie M.Sc. in Ayurvedischer Medizin. Er habilitierte an der Charité - Universitätsmedizin Berlin, wo er von 2016 bis 2025 als Oberarzt am Immanuel Krankenhaus Berlin Wannsee tätig war. Im November 2025 folgte er dem Ruf auf die Stiftungsprofessur für Integrative Gesundheitsversorgung und Prävention am Institut für Umweltmedizin und Integrative Gesundheit an der Universität Augsburg.
Wald- und Naturtherapie wirken multimodal auf alle Sinne
Die positiven Effekte von Wald- und Naturtherapie beruhen auf ihrer Multimodalität: “Die Menschen sind im Wald oder Park unterwegs, sie bewegen sich, atmen saubere Luft (und Terpentenverbindungen von Nadelhölzern) und nehmen Sonnenlicht auf, was der Vitamin-D-Versorgung hilft. Alle Sinne sind beteiligt. Das kann zu Entspannung und Stressreduktion führen, zu positiven Emotionen, vielleicht auch zu spirituellen Erlebnissen”, so Keßler.
Was wie genau und worauf wirkt, sei eine Forschungsaufgabe für die Zukunft.
“Entfremdung von Mensch und Natur ist problematisch”
Es ist “verrückt, dass wir viel Geld ausgeben und Studien machen müssen, um zu zeigen, dass es gesundheitlich sinnvoll ist, sich in der Natur aufzuhalten. Das zeigt vor allem eines: den Entfremdungsgrad zwischen uns und der Natur”, sagt Keßler. Die künstliche Trennung zwischen uns und der Natur sei eines der Grundprobleme.
Die Forschung wisse inzwischen, dass unter anderem zu wenig Bewegung in der Natur und mehr Bildschirmzeit zu mehr Stress und Einsamkeit führen können. Das wiederum kann körperliche und seelische Erkrankungen begünstigen. Studien zeigen, dass Interventionen in der Natur und am Wasser auch bei körperlichen Diagnosen hilfreich sein können. Dazu zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck, Allergien sowie Erkrankungen des Immunsystems “und möglicherweise noch viel mehr.”
Geringe Kosten bei potenziell großem gesundheitlichen Nutzen
“Letztlich geht es um die Nutzung von Natur in therapeutischen Kontexten”, so Keßler, der Professor für Integrative Gesundheitsversorgung und Prävention ist. Die Ergebnisse der eingangs genannten Studie seien eindrucksvoll, “denn es kommt zu einer Win-Win-Situation: Interventionen mit der Natur als Co-Therapeutin beinhalten einen potenziell großen gesundheitlichen Nutzen mit sehr geringem Nebenwirkungsprofil und sie sind kostengünstig.”
Zudem werde in den letzten Jahren immer wieder kontrovers diskutiert, wie groß tatsächlich der Nutzen vieler Psychopharmaka etwa bei leichteren Formen von Depressionen sei im Verhältnis zu deren Nebenwirkungen und den damit therapieassoziierten Kosten. So hätten Studien gezeigt, dass regelmäßige Bewegung und Sport bei leichtgradiger Depression ähnlich wirkungsvoll sein können wie eine konventionelle medikamentöse Therapie.
Positive Effekte für Mensch, Gesundheits- und Ökosystem
Nicht nur Patienten und Gesundheitssystem könnten von Natur- und Waldtherapie profitieren, sondern auch die Umwelt selbst. Ein intaktes Ökosystem wiederum sei eine Voraussetzung dafür, dass Menschen gesund bleiben und werden können.
“Wenn es uns langfristig gelänge, solche therapeutischen Elemente evidenzbasiert in die Regelversorgung zu übernehmen, könnte das auf eine wundersame Art und Weise auch dafür sorgen, dass die Menschen, wenn sie Wald und Natur nutzen, achtsamer mit ihr umgehen und den Wert solcher natürlichen Räume besser wertschätzen. Das trüge wiederum zum Schutz des Planeten, der Umwelt und etwa auch seiner Artenvielfalt bei”,
Quelle: Initiative Gesunde Vielfalt
Literatur
- Blakeslee SB et al. Effects of greenspace interventions on mental disorders - a systematic review and meta-analysis. Journal of Environmental Psychology 2026; https://doi.org/10.1016/j.jenvp.2026.102919
- Ulrich RS. View Through a Window May Influence Recovery from Surgery. Science 1984; DOI: 10.1126/science.6143402


