MikrobiomBeeinflusst das Mikrobiom auch die Augen?

Studien legen nahe, dass das Darm-Mikrobiom bis ins Auge reicht. Das betrifft sehr wahrscheinlich auch Netzhauterkrankungen wie die altersabhängige Makuladegeneration.

Nahaufnahme eines Auges
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Studien haben Unterschiede in der Zusammensetzung des Darmmikrobioms bei Probanden mit und ohne AMD gefunden.

Mit vielen Milliarden Einzelorganismen und bis zu 2 Kilogramm Gesamtmasse ist die Mikrobengemeinschaft im menschlichen Darm ein ernstzunehmender Faktor für die Gesundheit. Von Adipositas über Herz-Kreislauf-Erkrankungen bis hin zur Alzheimer-Demenz werden viele Erkrankungen mit einer Störung des mikrobiellen Gleichgewichts in Verbindung gebracht.

Aktuelle Studien deuten nun darauf hin, dass der Einfluss des Mikrobioms auch bis ins Auge reichen könnte. Das berichtete die Augenärztin Dr. Petra Larsen auf der Pressekonferenz zum Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft.

Darmflora kann Entzündungen fördern

Trotz intensiver Forschung ist noch nicht vollständig verstanden, welche Mechanismen zur Entstehung der altersabhängigen Makuladegeneration (AMD) beitragen. Als gesichert gilt jedoch: Neben dem Alter als wichtigstem Risikofaktor spielt auch die familiäre Veranlagung eine Rolle. Auch sind Raucher häufiger betroffen als Nichtraucher. Als weitere bedeutsame Einflussfaktoren haben sich chronische Entzündungen und andere fehlgeleitete Immunprozesse herausgestellt. "Solche Ungleichgewichte und Fehlregulationen in der Immunabwehr werden auch im Zusammenhang mit Störungen des Darmmikrobioms beobachtet", so die Bonner Augenärztin PD Dr. Petra Larsen. 

Darm-Substanzen können zur Netzhaut vordringen

Zu einer ungünstigen Verschiebung der Mikrobiom-Zusammensetzung, einer Dysbiose, kann es unter anderem durch eine ungesunde Ernährung, chronischen Stress, Erkrankungen oder durch die Einnahme von Medikamenten kommen. Die Dysbiose selbst kann dann wiederum weitreichende Folgen für den ganzen Körper haben. Unter ihrem Einfluss kann die Darmwand durchlässiger werden. Auf diese Weise können bakterielle Bestandteile und Stoffwechselprodukte sowie entzündungsfördernde Stoffe in den Blutkreislauf gelangen.

"Experimentelle Studien deuten darauf hin, dass diese Substanzen auch in das eigentlich immunologisch geschützte Gewebe der Netzhaut gelangen können", berichtete Larsen. Die Vermutung liege nahe, dass sie auch an degenerativen Prozessen in der Netzhaut beteiligt sein könnten.

"Weitere Hinweise auf eine Verbindung von Darmflora und AMD stammen aus Studien, die Unterschiede in der Zusammensetzung des Mikrobioms bei Probanden mit und ohne AMD nachweisen konnten." 

Was man heute schon tun kann

Bisherige Studien sind noch z.T. noch experimentell oder wurde mit kleinen Probandenzahlen durchgeführt. Erste Ergebnisse deuteten jedenfalls darauf hin, dass Ernährungsinterventionen, probiotische Nahrungsergänzungsmittel oder ähnliche Maßnahmen die Darmflora gezielt modulieren könnten, um dann womöglich auch die AMD positiv zu beeinflussen.

Dazu gehört eine gesunde Ernährung, mit wenig Zucker, Fleisch und verarbeiteten Lebensmitteln sowie reichlich Ballaststoffen.

Neue Therapieansätze durch Modulation des Mikrobioms?

Größere Studien mit längeren Beobachtungszeiträumen seien notwendig, um die bislang gesammelten Hinweise einer strengeren Prüfung zu unterziehen. "Sollten sich die Zusammenhänge bestätigen, könnten bestimmte Markersubstanzen im Blut – wie beispielsweise Bakterienbestandteile – künftig auch diagnostisch bedeutsam für frühe AMD-Stadien werden", sagt Larsen. "Im Idealfall könnten sich sogar therapeutisch-präventive Ansatzpunkte ergeben, die an der Zusammensetzung des Mikrobioms angreifen."

Hintergrund: Altersabhängige Makuladegeneration (AMD)

  • Die AMD ist mit rund 7 Millionen Betroffenen in Deutschland eine regelrechte Volkskrankheit.
  • Im Verlauf der chronisch fortschreitenden Erkrankung büßt der Bereich des schärfsten Sehens im Zentrum der Netzhaut mehr und mehr an Funktion ein.
  • "In den Industrieländern ist die AMD die häufigste Ursache für Erblindung", so PD Dr. Petra Larsen.

Quelle: Pressekonferenz/Kongress der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft 2025