EHEC-ErregerEHEC-Verdacht: Fallzahlen durch PCR womöglich überschätzt

Über 100 Verdachtsfälle, aber nur 50 bestätigte Infektionen: Weil der PCR-Test auch tote Erreger erkennt, kann es zu überhöhten Fallzahlen kommen. 

Eine Hand mit blauem Handschuh setzt Proben in eine PCR-Maschine ein.
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Die DGVS rät zur Besonnenheit bei EHEC-Nachweisen.

Nach aktuell über 100 EHEC-Verdachtsfällen in Mecklenburg-Vorpommern steigt die Unsicherheit in der Bevölkerung. Die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten e.V. (DGVS) mahnt zu einer nüchternen Bewertung der Zahlen.

Der Grund: Mit der zunehmenden Nutzung hochsensitiver PCR-Diagnostik steigt das Risiko, dass auch klinisch nicht relevante Befunde als EHEC-Infektionen gewertet werden. Die DGVS rät – entsprechend ihrer Leitlinie zu gastrointestinalen Infektionen – ausdrücklich dazu, PCR-Nachweise von EHEC stets durch eine Kultur abzusichern.

Kinder besonders gefährdet

Von den über 100 Verdachtsfällen haben die Gesundheitsbehörden in Mecklenburg-Vorpommern bis zum vergangenen Donnerstag lediglich 50 Fälle von EHEC – kurz Enterohämorrhagische Escherichia coli – durch labordiagnostische Verfahren bestätigt und dem aktuellen Ausbruchsstamm zugeordnet. 12 der Infizierten, ausschließlich Kinder, entwickelten das hämolytisch-urämische Syndrom (HUS), das zu schweren Blutgerinnungsstörungen oder Funktionsstörungen der Nieren führen kann.

"EHEC-Infektionen können ganz unterschiedlich verlaufen – von harmlosen Durchfällen bis hin zu lebensbedrohlichen Komplikationen wie dem HUS", erklärt Prof. Ansgar Lohse vom Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. Gerade Kinder sind gefährdet, da sie, wie auch der aktuelle Ausbruch zeigt, eher als Erwachsene eine EHEC-bedingte Erkrankung entwickeln. Bei einem EHEC-Verdacht sei eine schnelle und zugleich sorgfältige Diagnostik notwendig.

Mehr gemeldete Fälle als Kranke

Mit Blick auf die aktuellen Fallzahlen mahnt die DGVS, die Befunde kritisch zu betrachten. Denn immer häufiger kommt die sogenannte PCR-Diagnostik zum Einsatz. "PCR-Tests erkennen bereits winzige Spuren von Bakterien-Erbgut – auch dann, wenn die Erreger gar nicht mehr lebendig sind und keine Krankheit mehr auslösen können", erklärt Prof. Sebastian Suerbaum  von der LMU München. Ein positiver Befund bedeute also nicht automatisch, dass tatsächlich eine akute Infektion vorliegt.

"So kann es passieren, dass die Zahl der gemeldeten Fälle höher erscheint, als es die Zahl der wirklich Erkrankten ist", so Lohse. "Nur die Kultur erlaubt eine sichere Bestätigung, die Bestimmung des Subtyps und wichtige Resistenztests. Erst damit können wir Infektionsgeschehen zuverlässig einschätzen", sagt Suerbaum. Dieses Vorgehen empfehle auch die aktuelle Leitlinie der DGVS zu gastrointestinalen Infektionen.

Für die DGVS ist entscheidend, unnötige Beunruhigung zu vermeiden und Patient*innen zielgerichtet zu versorgen. "Wir raten in der aktuellen Lage zu Besonnenheit", sagt Prof. Birgit Terjung von der DGVS. "PCR-Ergebnisse sollten stets durch eine Kultur abgesichert werden. Nur so lassen sich die tatsächliche Bedeutung der Befunde, die Gefährlichkeit des Erregers und die notwendige Behandlung zuverlässig bestimmen."

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten