
Die Personalsituation in der Intensivmedizin ist angespannt – und könnte sich zukünftig weiter verschärfen. Eine bundesweite, multiprofessionelle Umfrage der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) bzw. der Jungen DIVI zeigt:
Mehr als die Hälfte der 1200 befragten Fachkräfte sind unentschlossen oder planen, die Intensivmedizin in den kommenden 3 Jahren zu verlassen. „Wir sehen dies als klares Warnsignal: Ohne gezielte Verbesserungen der Arbeitsbedingungen riskieren wir, einen erheblichen Teil unseres intensivmedizinischen Personals zu verlieren“, erklärt Erstautor Dr. Matthias Deininger. „Die gute Nachricht aber: Vor allem Softfacts, wie regelmäßige Mitarbeitendengespräche oder familienfreundliche Arbeitsbedingungen könnten bei vielen bereits ein Umdenken erzielen.“
Rund ein Viertel plant einen Ausstieg
Für die Erhebung zur Situation von Intensivpersonal in Deutschland wurden erstmals Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachkräfte sowie Mitarbeitende in therapeutischen Gesundheitsfachberufen gemeinsam und vergleichend analysiert. 1243 Datensätze werteten die Mitglieder der Jungen DIVI in den vergangenen Monaten aus, mit diesen Ergebnissen:
- Von den Befragten gaben nur 45,4 Prozent an, sicher in der Intensivmedizin bleiben zu wollen.
- 23,2 Prozent planen einen Ausstieg.
- Weitere 31,2 Prozent sind unentschlossen.
- Damit ist mehr als jede zweite Fachkraft potenziell für die intensivmedizinische Versorgung verloren.
Hohe Unentschlossenheit – klare Einflussmöglichkeiten
„Unsere Daten zeigen sehr deutlich, dass wir es nicht nur mit einem bereits bestehenden Personalmangel zu tun haben, sondern mit einem erheblichen Risiko für einen weiteren Verlust von Fachkräften“, so der Anästhesist Matthias Deininger vom Universitätsklinikum RWTH Aachen. Es sei aber vor allem darum gegangen, Punkte zu identifizieren, die ein gutes Ankommen und langfristiges Verbleiben im Beruf erzielen könnten, berichtet Letztautor Dr. David Josuttis.
Als entscheidende Faktoren für den Verbleib identifizierte das Autorenteam 2 Aspekte: Arbeitszufriedenheit und Familienfreundlichkeit.
Beide Faktoren zeigen eine signifikante Assoziation mit der Bereitschaft, langfristig in der Intensivmedizin zu arbeiten. „Die Freitexte bei besonders kritischen Fragen haben viele Teilnehmende gerne genutzt. So wissen wir mit Sicherheit: Geld spielt nicht unbedingt eine Rolle – aber die Stimmung im Team, das Zwischenmenschliche! Und daran kann man in jedem Team arbeiten. Das ist Teil der Führungskultur“, so Josuttis.
„Sprecht mit euren Mitarbeitenden! Es wird einen Unterschied machen!“
Das große Potenzial für die Zukunft der Intensivmedizin – die Entwicklungsmöglichkeiten des Faches wie auch die Sicherstellung der Versorgung der Bevölkerung – liegt in der großen Gruppe der Unentschlossenen.
„31,2 Prozent der Mitarbeitenden könnten gehen, sind aber prinzipiell offen zu bleiben“, so Josuttis. „Wer mit seinen Mitarbeitenden regelmäßige Gespräche führt und strukturiert einarbeitet, wer die Teamkultur stärkt, wer Forschung nicht in die private Zeit verlagert, sondern forschungsfrei anbietet, der sorgt dafür, dass sich diese wichtigen Fachkräfte auch angesprochen und ernst genommen fühlen und somit auch gefördert. Und das über alle Professionen hinweg“, ergänzt Matthias Deininger. „Und dann muss die Klinik nicht wegen Personalmangel Intensivbetten sperren, sondern erlebt einen positiven Aufwärtstrend statt einer Abwärtsspirale.“
Weitere konkrete Ansatzpunkte für Kliniken
Neben den beiden Hauptfaktoren zeigen die Ergebnisse weitere, potenziell beeinflussbare Stellschrauben für den langfristigen Personalerhalt:
- weniger belastende Schichtmodelle (insbesondere weniger rotierende Tag-Nacht-Dienste)
- bessere Unterstützung bei Kinderbetreuung und häuslicher Pflegeverantwortung
- strukturierte Personalentwicklung und verlässliche Karriereperspektiven
Diese Faktoren wirken sich teilweise direkt, häufig aber auch indirekt über eine gesteigerte Arbeitszufriedenheit positiv auf die Bleibeintention aus.
Entscheidende Faktoren kosten Zeit, aber wenig Geld
„Das geplante GKV-Einsparungsgesetz droht, einen massiven Personalabbau in den Krankenhäusern auszulösen und gefährdet damit unmittelbar die intensivmedizinische Versorgung in Deutschland“, erklärt DIVI-Präsident Prof. Florian Hoffmann. „Gerade deshalb müssen wir als DIVI den Fokus entschlossen auf stabile Arbeitsbedingungen legen, um eine weitere Verschärfung der Lage zu verhindern.“
Entscheidende Faktoren würden Zeit, aber wenig Geld kosten.
„Die Sicherung der intensivmedizinischen Versorgung erfordert gezielte Maßnahmen auf Ebene der Kliniken ebenso wie auf Ebene der Politik“, fordert der DIVI-Präsident. „Vieles haben wir aber auch selbst in der Hand!“
„Das Paper ist ein klarer Auftrag zum Handeln, um durch Strukturen und Maßnahmenbündel im oft stressigen Intensivalltag Wahrnehmung, Wertschätzung und Entwicklungsperspektiven für die Mitarbeitenden zu schaffen!“
Quelle: Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin


