
Mit den neuen Alzheimer-Antikörpern Lecanemab und Donanemab steht erstmals eine kausale Therapieoption zur Verfügung. Doch die Medikamente sind bei Weitem nicht für alle Betroffenen geeignet. Und es gibt eine weitere sehr effektive Möglichkeit, das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit zu verhindern. Das berichtet Prof. Peter Berlit von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie.
Alles Wichtige zu den neuen Antikörpern Lecanemab und Donanemab finden Sie hier zum Nachlesen.
Lebensstil, Risikoreduktion und Progressions-Verlangsamung
Unterschätzt wird, wie viel allein durch Lebensstiländerungen in Sachen Risikoreduktion und Progressionsverlangsamung erreicht werden kann. Das ist sogar mehr, als die neuen Antikörper-Therapien leisten können. Ideal ist natürlich, wenn man beides kombinieren kann. Aber auch Betroffene, die nicht für die medikamentöse Therapie infrage kommen, haben die Möglichkeit, signifikant auf die Progression der Erkrankung Einfluss zu nehmen.
Mit Lebensstilanpassungen lässt sich ein noch besserer Effekt erreichen
Es gibt aber eine weitere und durchaus effektive Möglichkeit das Fortschreiten der Alzheimer-Erkrankung zu verlangsamen: "Mit einem aktiven und gesunden Lebensstil lässt sich der kognitive Abbau um Jahre verzögern", sagt Berlit.
Moderates Laufpensum kann kognitiven Rückgang nahezu halbieren
In einer aktuell veröffentlichten Studie [2] wurden 296 kognitiv unbeeinträchtigte Personen untersucht. Bei ihnen wurde longitudinal über einen Zeitraum von bis zu 14 Jahren mittels Schrittzähler die körperliche Aktivität gemessen, Aβ- und Tau-PET-Daten sowie die Ergebnisse der jährlichen kognitiven Untersuchung ausgewertet.
Die Forschenden analysierten, ob körperliche Aktivität mit einem langsameren kognitiven und funktionellen Rückgang durch unterschiedliche Ausprägung der Aβ- und Tau-Akkumulation verbunden ist. Diese Hypothese bestätigte sich im Ergebnis. Es zeigte sich:
5000 bis 7500 Schritte täglich
Bewegung mit einem täglichen Pensum von 5000 bis 7500 Schritten zeigte enorme Effekte: Im Vergleich zu inaktiven Personen war der kognitive Abbau bei steigender körperlicher Aktivität um 40 % bis 51 % geringer.
Berlit kommentiert: "Das ist spektakulär. Es bedeutet, allein mit regelmäßiger moderater Bewegung lässt sich der kognitive Abbau nahezu halbieren."
Über 40 % Risikoreduktion durch weitere Lebensstilmaßnahmen
Bereits 2020 hatte eine in Lancet publizierte Studie [3] gezeigt: Gut 40 % des Demenz-Risikos sind auf modifizierbare Faktoren zurückzuführen.
- In den mittleren und höheren Lebensjahren sind das Schwerhörigkeit, traumatische Hirnverletzungen, Bluthochdruck, Alkohol, Adipositas, Rauchen, Depression, soziale Isolation, Bewegungsarmut, Luftverschmutzung und Diabetes.
- 2024 ergänzte die Kommission noch Sehschwäche und hohe Cholesterinwerte [4].
Sport
Bewegungsarmut nimmt in dieser älteren Studie nur einen Risikoanteil von 2 % ein. In der neu publizierten Studie [2] konnte das Progressionsrisiko jedoch um über 40 % allein durch Sport gesenkt werden – ein großer Unterschied also. Der ist aber nach Ansicht des Experten nicht unbedingt ein Widerspruch. Denn:
"Regelmäßiger Sport hat auch einen positiven Einfluss auf die anderen Risikofaktoren. Wer körperlich aktiv ist, hat in der Regel weniger Gewichtsprobleme, seltener Bluthochdruck, erhöhte Lipidwerte oder Diabetes mellitus Typ 2. Auch ist bekannt, dass Sport bei Depression hilft, und oft ist Sport ja auch ein sozialer Event und bringt Menschen zusammen, wie z. B. bei Lauftreffs oder beim Tanzen. Ideal ist ohnehin, wenn körperliche und geistige Stimulation zusammenkommen."
Kognitives Training, Musiktherapie, Fremdsprachen lernen
Und von einer Demenz Betroffene können sogar noch mehr tun. Die S3-Leitlinie [5] rät zu kognitivem Training, das in der Regel von Neuropsychologinnen/Neuropsychologen oder Ergotherapeutinnen/ Ergotherapeuten durchgeführt wird. Auch eine Musiktherapie wird empfohlen. Das Erlernen und Praktizieren von Fremdsprachen kann ebenfalls einen wesentlichen Beitrag leisten, wie eine ganz aktuelle Studie [6] zeigt: Personen mit Multilingualität haben ein deutlich niedrigeres Demenz-Risiko.
Gesunde Ernährung
Sehr gut belegt ist auch der Nutzen einer gesunden Ernährung. Berlit rät zur mediterranen Ernährung oder zur nordischen Diät mit einem hohen Salat-, Frucht- und Gemüseanteil. Wichtig sind dabei frisch zubereitete Speisen, denn verschiedene Studien haben gezeigt, dass hochverarbeitete Lebensmittel den kognitiven Abbau verstärken [7].
Alkohol- und Nikotinverzicht, guter Schlaf
Nicht zuletzt sind der Verzicht auf Nikotin und Alkohol und ausreichender Schlaf wichtige Faktoren für die Hirngesundheit.
"Das Wichtige ist, dass all diese Maßnahmen auch dann noch helfen, wenn bereits erste Gedächtnisstörungen vorliegen. Nimmt man all das zusammen, lässt sich das Fortschreiten der Erkrankung signifikant verlangsamen – und zwar ganz ohne Risiken und Nebenwirkungen."
Antikörper oder Lebensstil? Besten falls beides
Der Experte möchte aber nicht missverstanden werden: "Die modernen Therapien und ein gesunder Lebensstil spielen sich nicht gegenseitig aus." Klar sollte aber werden, dass der wahrscheinlich größere Effekt durch Lebensstiländerungen erzielt wird und jeder Betroffene diese konsequent umsetzen sollte, und zwar unabhängig davon, ob er oder sie für eine Antikörpertherapie geeignet ist oder nicht. "Bestenfalls addieren sich die positiven Effekte."
Hintergrund: Neue Antikörper-Therapien gegen Alzheimer
Seit diesem Jahr sind die beiden Antikörper Lecanemab und Donanemab verfügbar. Letzterer ist erst seit Anfang November auf dem deutschen Markt erhältlich. "Damit können wir erstmals kausal in den Krankheitsmechanismus eingreifen", so der Neurologe Prof. Peter Berlit.
Die Medikamente entfernen die krankheitstypischen Amyloid-Ablagerungen im Gehirn, die mit zum kognitiven Abbau führen. Mit den Antikörpern könne eine Progressionsverlangsamung von etwa 30 % erreicht werden. "Das ist ein effektiver Gewinn an qualitativer Lebenszeit. Da die Antikörper nur in den Frühstadien eingesetzt werden, verlängern sie die Phase der Erkrankung, in der die Betroffenen kaum oder wenig beeinträchtigt sind."
Allerdings kann die Therapie auch Nebenwirkungen haben. Nicht selten komme es zu Amyloid-related Imaging Abnormalities (ARIA): Ödembildungen und kleinen Blutungen im Gehirn. Diese machten sich zwar mehrheitlich klinisch kaum bemerkbar. In seltenen Fällen, insbesondere bei erhöhtem Blutungsrisiko und bei Personen mit 2 Kopien des Risikogens APOE4 könnten sie gefährlich werden, z.B. zu schweren Hirnblutungen führen. Träger*innen des Risikogens wurden daher von der Therapie ausgeschlossen.
Hinzu kommen weitere Gegenanzeigen, z.B. MRT-Hinweise auf früher stattgehabte intrazerebrale Hämorrhagien, ausgeprägte Schädigungen der kleinen Hirngefäße, eine laufende Therapie mit Antikoagulanzien oder eine schlecht eingestellte Hypertonie und weitere.
"Man bemerkt schnell, dass darunter viele Diagnosen sind, die in der älteren Population sehr häufig sind. Für den klinischen Alltag bedeutet das, dass wir die neuen Antikörper nur bei einem Teil der Patientinnen und Patienten einsetzen können", so Berlit. Hinzu kommen all jene Erkrankten, deren Alzheimer-Pathologie bereits zu weit fortgeschritten ist, um die Therapie zu beginnen. "Die Mehrheit der Betroffenen kommt zum heutigen Zeitpunkt nicht für die innovativen Medikamente infrage", lautet das Fazit des Experten.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie
- DZNE. Faktenzentrale. https://www.dzne.de/aktuelles/hintergrund/faktenzentrale/
- Yau WW et al. Physical activity as a modifiable risk factor in preclinical Alzheimer's disease. Nat Med 2025; doi: 10.1038/s41591-025-03955-6
- Livingston G et al. Dementia prevention, intervention, and care: 2020 report of the Lancet Commission. Lancet 2020; doi: 10.1016/S0140-6736(20)30367-6
- Livingston G et al. Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. Lancet 2024; doi: 10.1016/S0140-6736(24)01296-0
- DGN & DGPPN, Hrsg. S3-Leitlinie Demenzen. Version 5.2. 17.07.2025; https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-013
- Amoruso L et al. Multilingualism protects against accelerated aging in cross-sectional and longitudinal analyses of 27 European countries. Nature 2025; https://doi.org/10.1038/s43587-025-01000-2
- Henney AE et al. High intake of ultra-processed food is associated with dementia in adults: a systematic review and meta-analysis of observational studies. J Neurol 2024; doi: 10.1007/s00415-023-12033-1


