EndoprothetikKnieprothese: Das gerade Bein nicht mehr Standardziel

Eine streng normierte Gelenklinie passt nur zu etwa 15 Prozent der Menschen. Moderne Verfahren orientieren sich zunehmend an der individuellen Anatomie mit etwa X- oder O-Beinen.

Ein Arzt zeigt ein Kniegelenk-Modell
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Studien zeigen: Wer eine zur individuellen Anatomie passende Knieprothese bekommt, ist zufriedener und hat oft eine bessere Funktion.

Warum eine Knieprothese heute individueller sein muss

Beim künstlichen Ersatz des Kniegelenks zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab, berichtete der Orthopäde Prof. Rüdiger von Eisenhart-Rothe auf einer Pressekonferenz.

Lange galt ein mechanisches Einheitskonzept bei der Implantation als Standard: Ein durch die OP hergestelltes „gerades Bein“ und eine streng normierte Gelenklinie sollten für bestmögliche Funktion sorgen. Doch diese
Standardisierung passt nur zu etwa 15 Prozent der Bevölkerung – viele Menschen haben etwa X- oder O-Beine. Moderne Verfahren orientieren sich deshalb zunehmend an der individuellen Anatomie und Funktion jedes einzelnen Menschen.

Nicht jeder Mensch hat die gleiche Bein- und Knieform. Trotzdem wurde jahrzehntelang nach einem Einheitsprinzip operiert, das sich am Ideal eines geraden Beins orientiert. „Das könnte erklären, warum trotz guter Implantate und fortgeschrittener OP-Techniken rund 5 bis 20 Prozent der Betroffenen kein „vergessenes Knie“ erreichen – ein Knie, das sich im Alltag nicht mehr künstlich anfühlt“, sagt von Eisenhart-Rothe.

Gleichzeitig steigen die Erwartungen: Viele Patient*innen sind heute jünger, sportlich aktiv und möchten nach der Operation wieder uneingeschränkt am Alltag teilnehmen.

Personalisierung statt Einheitslösung

Neue Operationstechniken berücksichtigen die individuelle Beinachse, die ursprüngliche Spannung der Bänder und die persönlichen Bewegungsmuster. „Damit werden auch X-und O-Beine nicht mehr auf gerade getrimmt.“ Studien zeigen: Wer eine Knieprothese bekommt, die zu seiner individuellen Anatomie passt, ist zufriedener und hat oft eine bessere Funktion.

Welches Vorgehen passt zu wem?

„Doch trotz großer Fortschritte bleibt eine zentrale Frage offen: Welche Ausrichtung genau passt zu welchem Patiententyp?“, so von Eisenhart-Rothe. Denn es gibt eine große Vielfalt an Knieformen: „Allein in der Frontalansicht sind über 100 unterschiedliche knöcherne Varianten beschrieben – hinzu kommen weitere Unterschiede in den Bändern und in der Bewegung des Knies.“

Doch bislang fehlt eine klare Evidenz, welche biomechanische Ausrichtung, die sogenannte Alignment-Strategie, für welchen anatomischen und funktionellen Befund optimal ist. Auch die verschiedenen Implantatmodelle beeinflussen das Ergebnis: „Es ist noch nicht eindeutig geklärt, welche Kombination für welche Patientengruppe am besten funktioniert“, so der Orthopäde und Unfallchirurg.

Die Chance der KI: Der Digitale Zwilling

Der nächste Entwicklungsschritt ist datengetrieben. KI kann große Datenmengen nutzen, die bei jeder Knieoperation entstehen. Dazu gehören Bilder wie Röntgen oder CT, Bewegungsanalyse und Messdaten während des Eingriffs und die tatsächliche Implantatpositionen.

„Neu ist auch die Nutzung von Bewegungsdaten aus Alltagssensoren, wie sogenannte Wearables, die Gangbilder erfassen. Sie könnten langfristig sogar aussagekräftiger sein als statische Röntgenbilder, wenn es darum geht, wie gut eine Prothese wirklich funktioniert“, so der Experte.

Große Datenbank für bessere Entscheidungen

Ziel ist der Aufbau einer wachsenden Datenbank digitaler Zwillinge. Sie zeigt welche anatomischen Typen es gibt, welche Operationstechnik bei welchem Profil am besten funktioniert und welche Faktoren langfristig gute Ergebnisse begünstigen. Aus diesen Informationen kann ein „Digitaler Zwilling“ entstehen – ein computergestütztes, sehr genaues Abbild eines Patienten. „Dieses lernende Modell hilft vorherzusagen: Welche Prothesenposition und welche Technik führen bei einer Person mit bestimmten Merkmalen am wahrscheinlichsten zum besten Ergebnis?“

Roboter als Hilfsmittel für präzisere Eingriffe

Bei der Umsetzung im OP könnten Roboter helfen. „Sie schneiden nicht selbst. Sie helfen Chirurg*innen jedoch dabei, die Operation millimetergenau zu planen, während des Eingriffs präziser zu arbeiten und wichtige Daten automatisch zu erfassen.“ So könne die Implantatposition exakt an die Bedürfnisse der Patient*innen angepasst werden.

Das „vergessene Knie“ ist das Ziel

Die Knieendoprothetik bewegt sich immer weiter weg vom Einheitskonzept hin zu einer individuell zugeschnittenen Medizin. „Robotik und KI sind dabei Voraussetzung, um die komplexe Anatomie und Funktion des Kniegelenks individuell abzubilden und zu behandeln. Der Digitale Zwilling könnte künftig der Schlüssel sein, um präzise vorherzusagen, welche Operationsstrategie für welchen Menschen das optimale Ergebnis erzielt. Unser erklärtes Ziel ist: ein Knie, das sich im Alltag nicht künstlich anfühlt – das „vergessene Knie“, fasst von Eisenhart-Rothe zusammen.

Quelle: Pressekonferenz Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik/2.12.2025