
In einer aktuellen Umfrage wurden 493 Ärzt*innen zu belastenden Ereignissen in der Neurologie befragt. 318 davon waren in der neurologischen Weiterbildung. Die Ergebnisse zeigen Handlungsfelder auf, damit der Arztberuf nicht krank macht und wieder attraktiver wird. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) will nun fachintern, aber auch systemisch an Lösungen arbeiten.
Umgang mit belastenden Ereignissen
"Resilienz ist ein großes Thema in der Medizin. Belastende Ereignisse gehören zur ärztlichen Tätigkeit dazu, der Umgang mit ihnen kann jedoch unterschiedlich aussehen. Wir wollten untersuchen, wo – insbesondere in der Weiterbildung – belastende Ereignisse am häufigsten auftreten, was resilienzfördernde Faktoren sind und wie Strukturen verbessert werden können, um mit belastenden Ereignissen und der steigenden Arbeitsdichte erfolgreich umzugehen. Angesichts des großen Fachkräftemangels in der Medizin ist es letztlich ein gesellschaftliches Anliegen, den Arztberuf attraktiver zu machen und die Arbeitsfähigkeit von Mitarbeitenden im Gesundheitssystem möglichst lange zu erhalten", erklärt Dr. Johannes Piel, Kiel, Sprecher der Jungen Neurologie und Erstautor der Studie [1].
Dass Maßnahmen dafür dringend erforderlich sind, unterstreichen die Ergebnisse der Erhebung: 51 % der Teilnehmenden berichteten von mindestens monatlich vorkommenden belastenden Ereignissen, 15 % sogar von wöchentlichen oder häufigeren.
Höhere Burnout-Werte waren signifikant mit der Häufigkeit belastender Ereignisse (p < 0,001), institutionellen Faktoren (p < 0,001), der allgemeinen Jobzufriedenheit (p < 0,001), steigendem Lebensalter (p = 0,030), einer niedrigeren Anzahl von Kindern (p = 0,046) und dem Fehlen von inhaltlichen Nachbesprechungen (sogenannten "Debriefings") nach belastenden Ereignissen (p = 0,037) assoziiert.
Was belastet am meisten?
Am häufigsten wurden genannt: belastende Ereignisse in der Notaufnahme (85 %) und auf Intensivstationen (54 %), gefolgt von Allgemeinstationen (46 %).
Wichtigste Ursachen belastender Ereignisse waren:
- ein hohes Patientenaufkommen,
- das Second-Victim-Phänomen (die psychische Belastung Behandelnder nach Schicksalsschlägen bei Patient*innen, den "First Victims"),
- eine schlechte Kommunikation mit anderen Fachabteilungen,
- Fehler sowie
- Organisationsmängel.
Was jüngere Ärzt*innen im Rahmen der neu übernommenen Verantwortung und der Notwendigkeit, mit bleibenden Unsicherheiten umzugehen, signifikant häufiger belastete, waren Wissenslücken (p < 0,001), mangelnde Fertigkeiten (p < 0,01), ein hohes Patientenaufkommen (p < 0,01) und (Beinahe-)Fehler (p < 0,05).
Ärzt*innen in Weiterbildung gaben insgesamt eine höhere Frequenz belastender Ereignisse an als ihre erfahreneren Kolleg*innen (p < 0,001) und waren häufiger Burnout-gefährdet (p < 0,001). Immerhin 26 % zeigten Merkmale eines wahrscheinlichen Burnouts. Auf den Umgang mit belastenden Ereignissen seien 69 % nicht vorbereitet gewesen, und nur 23 % wurden während belastender Ereignisse vor Ort supervidiert. Viele der Befragten äußerten den Wunsch nach inhaltlichen Debriefings durch qualifiziertes Personal, z. B. durch vertraute Vorgesetzte. Sie konnten häufig nur mit Familie, Freunden und Peer-Gruppen über belastende Ereignisse sprechen (p < 0,001).
„Die fachliche Ausbildung von Mediziner*innen ist in Deutschland hochanspruchsvoll. Der Ärztemangel führt aber dazu, dass junge Kolleg*innen früh in der Weiterbildung nachts oder am Wochenende zunächst mit zeitkritischen Situationen, einer immer arbeitsdichteren Umgebung und schweren Patientenschicksalen allein konfrontiert sind, meist nur mit telefonischer Rücksprachemöglichkeit. Angebote zu strukturierten Nachbesprechungen finden sich kaum, vielerorts fehlt eine offene Fehlerkultur. Dieses Problem ist ein systemisches, das über die Fächergrenzen hinausgeht und in anderen kritischen Berufen wie der Luftfahrt oder Organisationen mit Sicherheitsaufgaben so nicht vorstellbar ist", so Piel.
Negative Folgen der Überlastung
Die negativen Folgen der Überlastung in der Medizin ließen sich bereits der Umfrage entnehmen: 20 % gaben Alkoholkonsum und 9 % die Einnahme von Medikamenten als dysfunktionale Copingstrategie an. Das zeige, wie wichtig es ist, unterstützende Angebote und eine offene Kommunikationskultur zu etablieren.
Das Sprechen über kritische Ereignisse und die eigene Belastung dürfe nicht mit Schwäche assoziiert werden. Sondern mit dem Willen zur Weiterentwicklung und Verbesserung, so die Neurologin Prof. Daniela Berg. "Wir brauchen mehr Ärzt*innen und können es uns nicht leisten, dass Kolleg*innen durch den Job krank werden."
Was könnte die Situation verbessern?
Berg führt weiter aus, was die Situation auf institutioneller Ebene verbessern könnte:
- strukturierte Einarbeitung,
- Angebote der Nachbesprechung,
- eine Umgebung, in der offen über belastende Ereignisse und Fehler gesprochen werden kann, die Resilienz gestärkt und die Burnout-Rate reduziert wird.
Doch es bedürfe auch struktureller Änderungen:
- die Reduktion unnötiger Dokumentationsaufgaben,
- eine stärkere Rückbesinnung auf ärztliche Tätigkeiten,
- einem dem Patientenaufkommen angepassten Personalschlüssel und
- möglicherweise auch einer fächerübergreifenden Supervision.
Bereits im Medizinstudium sollten Themen wie Second-Victim-Phänomene und Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz behandelt werden. "Diese Themen wird die DGN im Gespräch mit den medizinischen Fakultäten adressieren und Angebote für eine studien- und berufsbegleitende Unterstützung schaffen."
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie


