
Verengungen der Halsschlagader (Karotisstenosen) entstehen durch Ablagerungen an den Gefäßwänden. Lösen sich daraus kleine Partikel oder Blutgerinnsel, können sie Hirngefäße verstopfen und einen Schlaganfall auslösen.
Besonders gefährdet sind ältere Menschen sowie Personen mit Bluthochdruck, Diabetes, erhöhten Blutfettwerten, Bewegungsmangel oder Nikotinkonsum. "Prävention bedeutet, diese Risikofaktoren konsequent zu behandeln", erklärt Prof. Farzin Adili von der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin (DGG).
Risiko durch Prävention senken
Die aktuelle europäische Leitlinie empfiehlt dafür die sogenannte beste medikamentöse Therapie, bestehend aus:
- gezielter Senkung des LDL-Cholesterins
- Blutdruck- und Blutzuckerkontrolle
- Rauchstopp
- regelmäßiger Bewegung und
- ausgewogener Ernährung.
Diese Maßnahmen senken das Schlaganfallrisiko messbar und bilden die Grundlage jeder Behandlung, unabhängig davon, ob die Karotisstenose operiert werden muss oder nicht.
"Zeit ist Hirn" bei Durchblutungsstörungen in Hirn und Halsschlagader
Treten Warnzeichen auf, ist sofortiges Handeln entscheidend. Alarmsignale, die auf eine akute Durchblutungsstörung im Gehirn hinweisen sind:
- Plötzliche Sehstörungen
- Sprachprobleme
- Taubheitsgefühle
- Lähmungen einer Körperseite
"Zeit ist Hirn", betont Adili. Betroffene sollten umgehend den Notruf 112 wählen und sich in ein Krankenhaus mit Schlaganfall-Einheit bringen lassen.
Im Krankenhaus kann rasch festgestellt werden, ob eine relevante Verengung der Halsschlagader als Ursache für die Minderdurchblutung des Gehirns vorliegt. In diesen Fällen sollte die Operation – eine sogenannte Karotisendarteriektomie, bei der die Ablagerung entfernt wird – möglichst innerhalb von 14 Tagen nach dem ersten Schlaganfall-Ereignis erfolgen. Studien zeigen, dass frühe Eingriffe das Risiko eines erneuten und schwereren Schlaganfalls deutlich reduzieren.
Nicht jede Verengung der Halsschlagader muss operiert werden
Bei beschwerdefreien, zufällig entdeckten Verengungen gilt dagegen: Nicht jede Stenose muss operiert werden. Entscheidend sind der Schweregrad, die Beschaffenheit der Plaques und das individuelle Risiko der Patient*innen. „Mit dem Alter werden Ablagerungen in der Halsschlagader häufiger, aber nicht jede Verengung ist gefährlich“, so Adili. Moderne Studien belegen, dass eine optimale medikamentöse Behandlung bei vielen Betroffenen ebenso wirksam ist wie ein Eingriff. Operationen oder Stentimplantationen sollten deshalb nur nach sorgfältiger Abwägung im interdisziplinären Gefäßboard erfolgen.
Folgende Kriterien müssen für eine OP-Indikation abgewogen werden:
- Stenosegrad
- Beschaffenheit der Plaque-Ablagerung (je weicher, desto höher die Gefahr für Embolien)
- Risikoprofil der Patient*innen
Gezielte Früherkennung statt Massenscreening
Auch bei der Früherkennung setzt die DGG auf Augenmaß. Ein flächendeckendes Screening der Bevölkerung ist weder sinnvoll noch empfohlen. Die US-Taskforce Preventive Services stufte es 2021 sogar als schädlich ein, weil die Risiken von Überdiagnosen und unnötigen Eingriffen überwiegen. Stattdessen sollten gezielte Ultraschalluntersuchungen erfolgen, wenn Risikofaktoren vorliegen oder Warnsymptome aufgetreten sind. So lässt sich verhindern, dass kritische Engstellen unentdeckt bleiben – ohne gesunde Menschen zu verunsichern.
Der Ultraschall der Halsschlagader (Carotis-Duplex-Sonographie) ist ohne konkreten Verdacht auf einen Verschluss eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL).
DGG fordert Qualität und Prävention
Um das Schlaganfallrisiko in Deutschland nachhaltig zu senken, fordert die DGG klare Qualitätsstandards in der Versorgung:
- "Operationen an der Halsschlagader sollten ausschließlich in zertifizierten Zentren mit ausgewiesener Expertise und enger Zusammenarbeit zwischen Gefäßchirurgie und Neurologie durchgeführt werden", betont der DGG-Präsident.
- Zudem müsse die Vorgabe umgesetzt werden, dass Eingriffe bei Stenosen, die Beschwerden auslösen, innerhalb von 14 Tagen nach einem leichten Schlaganfall oder einer transitorischen ischämischen Attacke erfolgen.
- Ebenso wichtig sei, Programme zur Raucherentwöhnung, zur Blutfett- und Blutdruckkontrolle sowie zur Bewegungsförderung konsequent zu finanzieren, denn Prävention (sowohl primär als auch sekundär) ist kosteneffektiv und rettet Leben.
"Prävention ist die wirksamste Form der Schlaganfalltherapie", fasst Adili zusammen. "Ohne konsequente Behandlung der Risikofaktoren kann keine Operation langfristig erfolgreich sein. Die optimale medikamentöse Begleitung und Lebensstilkontrolle sind sowohl vor als auch nach einem Eingriff an der Halsschlagader essenziell, um einen Schlaganfall zu verhindern."
Auf der Website der DGG findet sich eine Liste mit zertifizierten Gefäßzentren.
Hintergrund
Schlaganfälle zählen zu den häufigsten und folgenschwersten Volkskrankheiten in Deutschland. Rund 248.000 Menschen wurden im Jahr 2023 hierzulande wegen eines akuten Schlaganfalls stationär behandelt, mehr als 37.000 starben an den Folgen 2022.
Quelle: Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie und Gefäßmedizin/16.10.2025


