Mangelernährung im AlterZu alt für gute Ernährung?

Bis zu 30 % der Krankenhauspatienten über 70 Jahre sind mangelernährt. Screening, Ursachensuche und Behandlung sollten eine Selbstverständlichkeit sein, sagen Experten. 

Füße einer Frau, die sich auf eine Waage stellt
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Unklarer Gewichtsverlust muss auch im Alter medizinisch abgeklärt und behandelt werden, fordern Experten.

Expert*innen der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin fordern erneut mehr Aufmerksamkeit für Mangelernährung im Alter. Prof. Jürgen Bauer sagt: "Ernährung ist eine Basismaßnahme für gesundes Altwerden" - um möglichst lange ein selbstständiges Leben führen zu können bei guter Lebensqualität.

Die wichtigsten Maßnahmen dafür sind bekannt.

Ernährung ist eine Basismaßnahme für gesundes Altwerden

Mit steigendem Alter nehmen die körperlichen Reserven ab und es kommt zu erhöhter Vulnerabilität. Das kann besonders nach Krankenhausaufenthalten zum Verlust von Selbstständigkeit und Pflegebedürftigkeit führen. Der Ernährung und insbesondere der Vermeidung von Mangelernährung kommt vor diesem Hintergrund enorme Bedeutung zu. Das berichteten Ernährungsexpert*innen anlässlich der Malnutrition Awareness Week 2025. Denn: Mangelernährung hat zahlreiche negative Auswirkungen:

  • Mangelernährung bedingt einen beschleunigten Abbau des alternden Muskels.
  • Sie ist neben Immobilisation der wesentliche Auslöser für die Entstehung der Sarkopenie, dem fortgeschrittenen Verlust an Muskelmasse und Muskelkraft.
  • In der Folge ist eine deutliche Erhöhung des Risikos für Stürze, Frakturen sowie Pflegeheimaufnahme zu beobachten.
  • Mangelernährung schwächt das Immunsystem und beeinträchtigt die Wundheilung. So weisen mangelernährte Krankenhauspatienten eine um das Dreifache erhöhte Mortalität auf [1].

Die Vermeidung von Mangelernährung kann wesentlich zum Erhalt von Selbstständigkeit und Lebensqualität im Alter leisten.

Ursachen von Mangelernährung im Alter

Die Ursachen einer Mangelernährung im Alter sind vielfältig. Bei vielen älteren Menschen ist im höheren Alter ein zunehmend labiles Appetitverhalten zu beobachten. Gründe dafür können sein:

  • Polypharmazie - die parallele Einnahme zahlreicher Medikamente,
  • Akuterkrankungen wie Lungenentzündungen, Harnwegsinfekte, aber auch Herzschwäche.

Mangelernährung im Krankenhaus

Krankenhauspatient*innen sind durch Mangelernährung und die daraus resultierenden Folgen besonders gefährdet. Die Häufigkeit der Mangelernährung liegt im Krankenhaus bei Patienten über 70 Jahren je nach Fachabteilung bei 20 bis 30 Prozent.

  • Im Zusammenwirken aus Mangelernährung, Immobilisation und entzündlicher Akuterkrankungen ergibt sich ein dramatischer kataboler Effekt. Dieser kann bei älteren Patient*innen einen Muskelmassenverlust von bis zu 1 Kilogramm in 3 Tagen hervorrufen kann.
  • Dieser Entstehungsmechanismus ist eine häufige Ursache für Pflegebedürftigkeit nach einem Krankenhausaufenthalt.

Mangelernährung im ambulanten Bereich

Im ambulanten Bereich wird eine Mangelernährung bei noch selbstständig lebenden älteren Menschen mit etwa 4 bis 6 Prozent angegeben. In Pflegeheimen beträgt sie im Mittel etwa 20 Prozent.

Die Ursachen unterscheiden sich von denen stationärer Patient*innen:

  • Depressionen stellen in dieser Bevölkerungsgruppe eine der wichtigsten Ursachen dar.
  • Ebenso sind Schluckstörungen, wie sie nach Schlaganfall, bei einer Parkinsonerkrankung oder bei Demenz beobachtet werden, von besonderer Bedeutung.
  • Bei vielen älteren Menschen treten mehrere ursächliche Faktoren für eine Mangelernährung gleichzeitig auf.

In größeren Analysen verteilen sich die wichtigsten ursächlichen Faktoren wie folgt: 10 bis 15 Prozent neuro-psychiatrische Faktoren, 10 bis 15 Prozent Medikation, 20 bis 30 Prozent Appetitstörung, 5 bis 10 Prozent als Folge einer Behinderung und 15 bis 25 Prozent aufgrund sozioökonomischer Faktoren [2][3].

Mit Blick auf die Letzteren ist auf die drohende Zunahme der Altersarmut zu achten, welche in einem relevanten Umfang das Auftreten einer Mangelernährung begünstigt. Um die negativen Folgen auf die Funktionalität älterer Menschen zu verhindern, sollte hinsichtlich der Folgen einer Mangelernährung das Problembewusstsein sowohl bei den Betroffenen als auch bei den sie versorgenden Angehörigen noch verbessert werden.

Gewichtsverlust muss auch im Alter medizinisch abgeklärt werden

Eine Gewichtsabnahme bedarf auch im Alter immer einer medizinischen Abklärung. Sie darf nicht als natürliches Alterungsphänomen missverstanden werden, betont der Geriater Prof. Jürgen Bauer. Insbesondere eine frühzeitige Erkennung einer Mangelernährung kann die oben beschriebenen negativen Folgen für ältere Menschen verhindern.

Die Abklärung müsse erfolgen, bevor sich der Teufelskreis aus Appetitstörung, Gewichtsabnahme und Muskelschwäche verstetigt hat.

Screening sollte Selbstverständlichkeit sein

Bauer hebt hervor: Ein routinemäßiges Screenen im Krankenhaus und eine zumindest jährliche Beurteilung des Gewichtsverlaufs im ambulanten Bereich sind effektive Maßnahmen. Sie sollten eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Dass das nicht der Fall ist, liegt an der ungenügenden Honorierung im Gesundheitssystem.

Ein systematisch durchgeführtes Screening könnte die genannten Komplikationen vermeiden helfen und Kosten sparen. 

An auffälliges Screening muss sich Ursachensuche anschließen

Die Ergebnisse des Screenings  gehen anschließend in das anzuwendende Behandlungskonzept ein. Das umfasst die Behebung kausaler Faktoren, zum Beispiel Modifikation der Pharmakotherapie oder die Behandlung einer Depression, sowie ernährungstherapeutische Maßnahmen.

Der Erfolg eines individualisierten Ernährungskonzeptes für ältere Krankenhauspatienten wurde unlängst eindrucksvoll belegt [4].

Man ist nie zu alt, um von diesem Vorgehen zu profitieren - nämlich mit dem Erhalt von Selbstständigkeit und Lebensqualität.

Quelle: Pressekonferenz Malnutrition Awareness Week 2025