
Schmerzen, die bei Frauen bagatellisiert werden. Medikamente, die nur an Männern getestet wurden. Therapien, die den weiblichen Zyklus ignorieren: In der Medizin spielten spezifische Bedürfnisse von Frauen lange Zeit kaum eine Rolle – und teils ist das noch heute so. Das Thema liegt auch Prof. Marion Kiechle am Herzen liegt. Seit 2000 ist sie Direktorin der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde am TUM Klinikum Rechts der Isar und war damals erste Frau auf einem Lehrstuhl für Gynäkologie in Deutschland.
„Frauen sollten nicht lernen, Schmerzen auszuhalten, sondern dass sie Anspruch auf gute Diagnostik, Beratung und Behandlung haben“, sagt sie – ein Gespräch über lange Leidenswege und gefährliche Ignoranz.
Frau Professor Kiechle, Medizin für Frauen war lange männlich geprägt. Was hat sich hier seit Ihrem Amtsantritt vor mehr als 25 Jahren getan?
Es hat sich sehr viel getan – und gleichzeitig sind wir noch nicht am Ziel. Als ich im Jahr 2000 die Frauenklinik übernommen habe, war geschlechtersensible Medizin noch kein selbstverständlicher Bestandteil von Forschung, Lehre und Versorgung. Heute wissen wir viel genauer, dass Frauen und Männer nicht nur unterschiedliche Erkrankungsrisiken haben, sondern Krankheiten auch unterschiedlich erleben, beschreiben und verarbeiten können. Auch Medikamente wirken nicht immer gleich. Historisch wurden Frauen – besonders im gebärfähigen Alter – aus frühen Arzneimittelstudien häufig ausgeschlossen; dadurch fehlten lange wichtige Daten. In der Gynäkologie sehen wir die Entwicklung besonders deutlich: Wir sprechen heute offener über Endometriose, Wechseljahre, Kinderwunsch, genetische Krebsrisiken, Sexualität oder Beckenbodengesundheit. Gleichzeitig ist Frauengesundheit keine Nische, sondern ein Teil moderner Präzisionsmedizin. Gute Medizin muss fragen: Für welchen Menschen ist welche Behandlung in welcher Lebensphase die richtige?
Passiert es Frauen auch häufiger, dass ihre Beschwerden bagatellisiert werden?
Viele Patientinnen berichten genau das: dass Schmerzen, Erschöpfung oder zyklusabhängige Beschwerden zu schnell als „normal“, “stressbedingt” oder “psychisch” eingeordnet wurden. Natürlich hat fast jede Erkrankung auch eine seelische Dimension – aber das darf nicht dazu führen, dass körperliche Ursachen übersehen werden. Gerade bei chronischen Schmerzen, Unterbauchbeschwerden oder diffusen Symptomen brauchen Frauen oft einen langen Atem, bis sie ernst genommen werden.
Wie erklären Sie sich das?
Das ist nicht immer böser Wille, sondern häufig ein strukturelles Problem: Zeitdruck, fehlendes Wissen über geschlechtsspezifische Unterschiede und alte Rollenbilder. Die Internationale Schmerzgesellschaft weist darauf hin, dass Geschlechterstereotype die Schmerzerfassung und Behandlung beeinflussen können; in Übersichtsarbeiten berichteten Frauen nach Operationen häufig höhere Schmerzwerte, erhielten aber in mehr als der Hälfte der Studien weniger Schmerzmedikation als Männer. Mein Appell wäre: Beschwerden nicht vorschnell psychologisieren, sondern sorgfältig abklären – und Patientinnen glauben, wenn sie sagen: „Das ist für mich nicht normal.“
Endometriose ist so ein Beispiel: Hier bekommen Betroffene oft gesagt, auch stärkere Periodenschmerzen seien doch ganz normal.
Starke Regelschmerzen, die Frauen regelmäßig aus dem Alltag reißen, sind nicht einfach normal. Bei Endometriose wächst gebärmutterschleimhautähnliches Gewebe außerhalb der Gebärmutter. Das kann zu Entzündungen, Verwachsungen, starken Unterleibs- und Rückenschmerzen, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, Darmbeschwerden und auch unerfülltem Kinderwunsch führen. Die Hauptsymptome sind heftige Unterleibsschmerzen während der Monatsblutung; schwere Verläufe können Lebensqualität und Leistungsfähigkeit erheblich beeinträchtigen.
Welche Folgen hat es, wenn Endometriose lange unbehandelt bleibt?
Wenn man Betroffene jahrelang vertröstet, verlieren sie Lebenszeit: Schule, Studium, Beruf, Partnerschaft, Sexualität und Familienplanung können massiv belastet sein. Die Therapie muss individuell sein. Sie reicht von Schmerztherapie und hormonellen Behandlungen – zum Beispiel Gestagenen – bis hin zu operativen Verfahren wie einer Bauchspiegelung, bei der Endometrioseherde entfernt werden können. Entscheidend ist ein interdisziplinärer Ansatz. Genau so arbeitet auch ein spezialisiertes Endometriosezentrum: nicht nach Schema F, sondern orientiert an Beschwerden, Kinderwunsch, Vorbehandlungen und Lebenssituation der einzelnen Frau.
Kann es auch lebensgefährlich sein, wenn Symptome bei Frauen fehlgedeutet werden?
Ja, das kann lebensgefährlich werden. Das bekannteste Beispiel ist der Herzinfarkt. Brustschmerz ist auch bei Frauen ein häufiges Symptom, aber Frauen können häufiger ohne klassische Brustschmerzen kommen und stattdessen Übelkeit, Erbrechen, Luftnot, Kiefer- oder Rückenschmerzen, Herzstolpern, Schwindel oder ausgeprägte Müdigkeit schildern. Wenn solche Beschwerden nicht als mögliches Herzproblem erkannt werden, geht wertvolle Zeit verloren. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie beschreibt außerdem diagnostische Unterschiede, etwa bei EKG-Veränderungen und Troponin-Werten.
Gibt es noch weitere Beispiele?
Ein weniger bekanntes Beispiel ist das Broken-Heart-Syndrom: Es kann sich wie ein Herzinfarkt äußern, tritt zu etwa 90 Prozent bei Frauen nach den Wechseljahren auf und kann selten schwer verlaufen. Auch die Schwangerschaftsgeschichte einer Frau gehört stärker in den Blick. Präeklampsie, Schwangerschaftsdiabetes oder Frühgeburtlichkeit können Hinweise auf ein später erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko sein. Frauengesundheit endet also nicht bei der Gebärmutter – sie betrifft den ganzen Körper. Dies untersuchen wir in einem gemeinsamen Forschungsprojekt mit Dr. Eimo Martens aus unserer Kardiologie. Typisch weibliche Risikofaktoren für die Koronare Herzkrankheit (KHK) werden aktuell noch zu wenig berücksichtigt.
Welche Rolle spielt der weibliche Zyklus für die Gesundheit?
Der Zyklus ist kein Randthema. Hormonschwankungen können Schlaf, Stimmung, Schmerzempfinden, Migräne, Leistungsfähigkeit, Stoffwechsel und Wohlbefinden beeinflussen. Für manche Frauen ist das kaum spürbar, für andere ist es sehr belastend. Medizinisch heißt das: Wir sollten Beschwerden immer auch im zeitlichen Zusammenhang betrachten – wann treten sie auf, wann verschlechtern sie sich, wann bessern sie sich? Ein einfacher Zykluskalender kann diagnostisch sehr wertvoll sein.
Beeinflusst der Zyklus auch die Wirkung von Medikamenten?
Bei Medikamenten müssen wir differenzieren. Nicht jedes Medikament wirkt zyklusabhängig, die Datenlage ist je nach Wirkstoff unterschiedlich. Aber biologische Geschlechtsunterschiede bei Verteilung, Abbau und Ausscheidung von Medikamenten sind gut beschrieben; zum Beispiel können fettlösliche Medikamente bei Frauen länger im Körper verbleiben, und manche Wirkstoffe haben unterschiedliche Wirk- oder Nebenwirkungsprofile. Neuere pharmakologische Übersichten zeigen: Zyklusschwankungen können theoretisch und bei einzelnen Wirkstoffen relevant sein, aber man darf daraus keine pauschalen Regeln ableiten. Gerade bei Medikamenten mit enger therapeutischer Breite, bei Epilepsie, Migräne, psychischen Erkrankungen oder starken zyklusabhängigen Beschwerden lohnt sich aber der genaue Blick.
Die Wechseljahre sind von besonders starken hormonellen Schwankungen geprägt. Viele fragen sich, ob ihnen ein Hormonersatz nützt oder vielleicht sogar schadet.
Beratung ist in dieser Lebensphase zentral. Viele Frauen sind verunsichert: Die einen haben große Angst vor Hormonen, andere erwarten, dass Hormone alle Probleme lösen. Beides ist zu kurz gegriffen. Eine Hormonersatztherapie kann bei starken Beschwerden wie Hitzewallungen, Nachtschweiß oder Schlafstörungen sehr wirksam sein. Gleichzeitig ist sie eine medizinische Behandlung mit Nutzen und Risiken, die von Alter, Zeitpunkt der Menopause, Gebärmutterstatus, Brustkrebsrisiko, Thromboserisiko, Herz-Kreislauf-Risiko und persönlichen Beschwerden abhängt. Die beste Entscheidung ist deshalb eine individuelle Entscheidung.
Genau hier setzt moderne Wechseljahres-Medizin an: nicht nur Hormone ja oder nein, sondern Aufklärung über Beschwerden, Knochengesundheit, Herz-Kreislauf-Risiken, Sexualität, Schlaf, Psyche, Gewicht und Prävention. Die geplante W1-Beratung soll dafür ein strukturiertes ärztliches Gespräch schaffen, das bisher in der Regelversorgung nicht abgebildet ist. Dieses Pilotprojekt wird vom Bayerischen Gesundheitsministerium gefördert und an unserer Frauenklinik erprobt.
Was müsste sich Ihrer Meinung nach noch in Gesellschaft, Politik und Medizin ändern, um die Frauengesundheit zu verbessern?
Erstens brauchen wir mehr Wissen. Frauengesundheit muss in Studium, Weiterbildung und Leitlinien selbstverständlich vorkommen – nicht als Sonderkapitel, sondern als Querschnittsthema.
Zweitens brauchen wir bessere Daten: Studien müssen Frauen angemessen einschließen und Ergebnisse nach Geschlecht, Alter, hormoneller Lebensphase, Schwangerschaft, Stillzeit und Menopause auswerten. Die historische Forschungslücke hat gezeigt, was passiert, wenn man den männlichen Körper zur Norm macht.
Drittens brauchen wir Zeit für Beratung. Wechseljahre, Endometriose, Kinderwunsch, Sexualität oder chronische Unterbauchschmerzen lassen sich nicht in 3 Minuten klären. Wenn das Gesundheitssystem Beratung nicht vergütet, findet sie zu wenig statt. Die W1-Idee ist deshalb ein gutes Beispiel: Sie schafft Raum für strukturierte Aufklärung.
Und viertens müssen wir gesellschaftliche Tabus abbauen. Menstruation, Fehlgeburt, Wechseljahre, Inkontinenz oder Schmerzen beim Sex dürfen keine Themen sein, über die Frauen nur heimlich sprechen. Gute Frauengesundheit beginnt damit, dass Frauen ernst genommen werden – in der Praxis, am Arbeitsplatz, in der Forschung und in der Politik.
Mein Wunsch wäre, dass Frauengesundheit nicht mehr erst dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn etwas schiefläuft. Wir müssen weg von einer Reparaturmedizin hin zu einer Medizin, die Frauen in allen Lebensphasen begleitet: vom ersten Zyklus über Kinderwunsch und Schwangerschaft bis zu den Wechseljahren und ins höhere Alter. Frauen sollen nicht lernen, Schmerzen auszuhalten – sie sollen lernen, dass sie Anspruch auf gute Diagnostik, gute Beratung und gute Behandlung haben.
Quelle: TUM Klinikum Rechts der Isar


