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Der Mund ist ein lebendiges Ökosystem: Milliarden von Bakterien beeinflussen nicht nur die Zähne, sondern den gesamten Körper. Diese Mikroorganismen bilden das orale Mikrobiom und spielen eine entscheidende Rolle für die Gesundheit.
Mit zunehmendem Alter kann das Gleichgewicht des oralen Mikrobioms gestört werden – eine Dysbiose entsteht, die wiederum Entzündungen fördert und das Altern beschleunigt. Aufmerksame Menschen bemerken dann Mundgeruch, einen schlechten Geschmack am Morgen oder einen nachlassenden Geschmackssinn. Diese Veränderungen sollten nicht ignoriert, sondern als Frühwarnsystem für eine mögliche Dysbiose wahrgenommen werden [1].
Wie Mund und Körper zusammenhängen
Bis 2050 werden weltweit über 2 Mrd. Menschen über 60 Jahre alt sein. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) leidet knapp die Hälfte der Weltbevölkerung unter Erkrankungen des Mundbereichs. Trotzdem die Mundgesundheit als wichtiger Baustein für gesundes Altern gilt, wird ihr Stellenwert noch zu häufig vernachlässigt. Denn: Schlechte Zahnhygiene ist nicht nur für schlechten Atem, Karies und Zahnfleischentzündungen verantwortlich.
Studien zeigen:
- Mangelnde Mundgesundheit steht auch mit schweren systemischen Erkrankungen wie Herzkrankheiten, Diabetes und Alzheimer in Verbindung [2].
- Diese systemischen Erkrankungen wiederum fördern ein vorzeitiges Altern, indem sie Entzündungsprozesse im Körper anheizen, die Zellen schädigen und die Lebensqualität mindern.
Zu den häufigsten Erkrankungen im Mundbereich gehören nicht nur Karies, sondern auch Entzündungen des Zahnhalteapparates (Parodontium) wie die Parodontitis. Hierbei entsteht häufig ein Zahnbelag und der Zahnhalteapparat wird im Laufe der Zeit zunehmend zerstört. Die Zähne werden instabil, beginnen zu wackeln und in späten Stadien ausfallen.
Weitere häufige Erkrankungen des Mundraumes sind ein trockener Mund (Xerostomie) und schlechter Mundgeruch (Halitosis).
Demgegenüber kann eine gute orale Gesundheit das biologische Altern verlangsamen. Das orale Mikrobiom umfasst über 700 Bakterienarten, Pilze und Viren, die in Harmonie leben und Funktionen wie Verdauung, Immunabwehr und Schutz vor Pathogenen übernehmen [3]:
- In einem gesunden Mund dominieren nützliche Bakterien, wie Streptokokken, Actinomyces und Fusobakterien, die durch ihre Anwesenheit schädliche Eindringlinge abwehren.
- Der Speichel neutralisiert Säuren, spült (schädliche) Bakterien weg und enthält antimikrobielle Enzyme.
Mundmikrobiom verändert sich mit dem Alter
Mit dem Alter verändert sich das orale Mikrobiom. Studien zeigen eine abnehmende Vielfalt, während pathogene Bakterien wie Porphyromonas gingivalis oder Streptococcus mutans zunehmen. Diese Dysbiose wird gefördert durch Faktoren wie
- reduzierte Speichelproduktion,
- schlechte Ernährung,
- mangelnde Hygiene [4].
Mundgesundheit zählt zu den wichtigen Alterungsfaktoren
Eine der größten und seit mehr als 40 Jahren laufenden Alterungsstudie - die neuseeländische Dunedin-Studie - benennt die Mundgesundheit als einen der 19 wichtigsten Alterungsfaktoren [5]. Das bedeutet: Menschen mit schlechterer Zahnhygiene altern schneller als andere.
Umgekehrt zeigen Forschungen: Ein ausgewogenes orales Mikrobiom kann die Langlebigkeit fördern - indem es systemische Entzündung minimiert sowie die Konzentration von Giftstoffen und schädlichen Bakterien im Körper hemmt.
Schlechte Zahnhygiene fördert pathogene Bakterien
- Streptococcus mutans verursacht Karies, indem es Zucker in Säuren umwandelt, die dann den Zahnschmelz angreifen.
- Porphyromonas gingivalis ist der Hauptverursacher von Parodontitis, indem es Biofilme oder Plaques bildet, die zu Zahnfleischentzündung und Knochenabbau führen.
- Beide Bakterienarten sind oft auch für schlechten Mundgeruch verantwortlich.
Orale Dysbiose und systemische Erkrankungen
Parodontitis
Parodontitis kommt bei über 50 % der über 75-Jährigen vor. Symptome sind blutendes Zahnfleisch, Schwellungen im Gaumenbereich, Sichtbarwerden des Zahnhalses, lockere Zähne bis hin zum Zahnverlust. Bei Älteren kann sich die Situation durch Medikamente (z.B. Blutdrucksenker), die Xerostomie verursachen, verschärfen, oder weil die Zähne seltener geputzt werden. Zudem produzieren ältere Menschen oft weniger Speichel, was die Mundhöhle anfälliger für Infektionen macht.
Eine Entzündung wie die Parodontitis, die unbehandelt i.d.R. chronisch wird, bleibt oft nicht auf den Mund beschränkt. Die pathogenen Bakterien können über den Blutkreislauf oder den Verdauungstrakt systemische Effekte auslösen.
Inflammaging und Leaky Gut
Gelangen orale Pathogene in den Darm können sie die Darmbarriere stören und zu einem für Giftstoffe und schädliche Bakterien durchlässigen Darm führen - dem Leaky Gut. Das wiederum kann den Körper direkt durch höhere Konzentrationen an Giftstoffen schädigen sowie indirekt Entzündungen im ganzen Körper auslösen oder verstärken. Diese als Inflammaging bezeichnete altersbedingte chronische Entzündung bildet einen Schlüsselmechanismus des Alterns. Inflammaging schädigt Zellen, fördert oxidativen Stress und beschleunigt den Abbau von Geweben.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Gelangen Bakterien beispielsweise beim Essen oder Zähneputzen in den Blutkreislauf können sie Infektionen bis hin zur Endokarditis bedingen. Eine Fehlbesiedlung des Mundraums kann zudem die Wahrscheinlichkeit einer Lungenentzündung erhöhen.
Parodontitis erhöht das Risiko für Herzkrankheiten um das Doppelte: Gelangen Bakterien wie Porphyromonas gingivalis in Arterien und fördern sie Plaque-Bildung und Atherosklerose [6].
Diabetes mellitus
Ebenso konnten Verbindungen zwischen Diabetes mellitus Mundmikrobiom nachgewiesen werden: Parodontitis verschlechtert die Insulinresistenz und ist damit mitverantwortlich bei der Entstehung von Diabetes. Außerdem erhöhen orale Bakterien, wie man sie bei einer Dysbiose vorfindet, Entzündungsmarker wie TNF-α und IL-6, die zu Typ-2-Diabetes beitragen.
Demenz
Besonders alarmierend ist die Verbindung zur Alzheimer-Demenz: In Gehirnen von Alzheimer-Patienten wurden orale Pathogene wie Porphyromonas gingivalis gefunden. Sie fördern Entzündungen im Hirngewebe, Amyloid-Plaques und Tau-Verwicklungen.
Eine Studie an Mäusen zeigte, dass die orale Exposition gegenüber Parodontalbakterien zu neurodegenerativen Veränderungen führt. Epidemiologisch hat man aufzeigen können, dass Menschen mit Parodontitis zum Teil ein mehrfach erhöhtes Risiko für kognitiven Abbau haben [7].
Weitere Zusammenhänge
Für viele weitere Erkrankungen gibt es Hinweise, die einen Zusammenhang mit einem gestörten Mund-Mikrobiom sehr wahrscheinlich machen. Dazu gehören u.a. Krebserkrankungen, rheumatoide Arthritis und Atemwegserkrankungen. Eine orale Dysbiose verstärkt oxidativen Stress, schädigt die DNS und beschleunigt zelluläres Altern. Außerdem korreliert Zahnverlust mit beschleunigtem biologischem Altern: Menschen mit Zahnverlust durch Faktoren wie Karies, Gingivitis oder Parodontitis altern schneller [8]
Ebenso scheint ein wechselseitiger Zusammenhang zwischen altersbedingtem Muskelverlust (Sarkopenie) und Parodontitis zu bestehen. Die Verbesserung der Zahngesundheit kann demnach auch für die Sarkopenie förderlich zu sein. Umgekehrt haben “rüstige” Senioren oft bessere Zähne als gebrechliche [9].
Geschmacksveränderungen, die mit einer Dysbiose im Mund einhergehen, können zur Mangel- oder Fehlernährung führen.
Gute Mund- und Zahnhygiene schützt
Eine gute Mund- und Zahnhygiene fördert nicht nur ein gesundes Mikrobiom. Sie reduziert auch Entzündungen und kann so vor systemischen Erkrankungen schützen. Regelmäßiges Bürsten (2- besser 3-mal täglich), Zahnseide und Mundspülungen entfernen Plaque und verhindern eine Dysbiose. Halbjährliche Zahnarztbesuche mit Zahnreinigung fangen Probleme früh ein.
Bei Älteren: Xerostomie kann durch regelmäßiges Wassertrinken und zuckerfreie Bonbons gelindert werden. Prothesen sollten täglich gereinigt werden, um Bakterienansammlungen zu vermeiden.
Ernährung: Weniger Zucker und mehr probiotische Lebensmittel wie Joghurt fördern gute Bakterien.
5 Tipps für die optimale Mundhygiene
- Tägliche Routine: Zähne 2 Minuten bürsten, Zahnseide nutzen, Zunge reinigen.
- Ernährung: Frisches Obst, Gemüse, Milchprodukte stärken den Zahnschmelz. Vermeiden Sie Säuren und Zucker.
- Bei Risikofaktoren: Raucher und Diabetiker brauchen intensivere Pflege.
- Professionelle Hilfe: Fluoridbehandlungen und Prophylaxe.
- Lebensstil: Ausreichend Bewegung und Schlaf fördern das Immunsystem und ein gesundes Mikrobiom.
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- Celis A et al. Impact of Oral Health Interventions on Sarcopenia and Frailty in Older Adults: A Systematic Review. Journal of Clinical Medicine 2025; https://doi.org/10.3390/jcm14061991
Dr. med. Peter Niemann

Peter Niemann arbeitet als Geriater, Internist und Integrativmediziner vor allem in den USA. Der Autor einer Reihe von Gesundheitsratgebern bietet aber auch Beratungen zu Anti-Aging, Anti-Entzündung, Testosteronmangel und vielen anderen Themen an.


