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Beten gehört seit Menschengedenken zur Gesellschaft - über alle Kulturräume und Kontinente hinweg. Es ist Bestandteil aller Religionen. Beten kann viele Formen annehmen:
- Persönliche Bitten um Führung oder Kraft,
- gemeinschaftliche Rituale für das kollektive Wohlergehen,
- Fürbittegebete, bei denen man für das Wohl anderer betet, oft ohne deren Wissen.
Die Frage "Helfen Gebete?" ist vielschichtig. Bezieht sie sich auf emotionalen Trost, körperliche Heilung oder messbare Ergebnisse auf Gesundheit und Wohlbefinden? Und wie können die Auswirkungen des Gebets unter kontrollierten Bedingungen beobachtet, quantifiziert und reproduziert werden?
Wie können Gebete wissenschaftlich untersucht werden?
Das wissenschaftliche Interesse an der Wirksamkeit des Betens reicht über mehr als ein Jahrhundert zurück. Es verbindet Bereiche wie Medizin, Psychologie und Statistik. Forscher haben vor allem Fürbittegebete in randomisierten kontrollierten Studien untersucht, bei denen die Teilnehmer in Gruppen eingeteilt werden: Einige erhalten Gebete von anderen (oft Fremden), während die Kontrollgruppe keine Gebete erhält. Diese Studien zielen darauf ab, die Auswirkungen des Gebets auf Gesundheitsergebnisse wie die Genesung nach einer Operation oder den Krankheitsverlauf zu isolieren. Metaanalysen, die Daten aus mehreren Studien zusammenfassen, liefern umfassendere Erkenntnisse. Die Literatur ist jedoch kontrovers:
- Einige Studien deuten auf Vorteile hin,
- andere finden keine Vorteile.
- Einige wenige Studien – eine klare Minderheit – berichten sogar von Schäden.
Die gegenwärtige Forschungslandschaft wird methodisch vom englischsprachigen Raum dominiert. Deshalb überrascht es nicht, dass die wissenschaftliche Untersuchung des Betens im 19. Jahrhundert mit dem Engländer Francis Galton begann.
Galton, ein Statistiker und Cousin von Charles Darwin, stellte das Gebet als überprüfbare Hypothese auf: Wenn es wirksam ist, sollten diejenigen, für die gebetet wird (wie Königshäuser oder Geistliche), länger leben oder ein besseres Endergebnis haben. Bei der Analyse der Daten zur Lebenserwartung stellte er zwar fest, dass Geistliche ein um anderthalb Jahre längeres Leben haben als beispielsweise Rechtsanwälte oder um zweieinhalb Jahre länger leben als Ärzte. Er führte das auf die sanitären Lebensbedingungen zurück und weniger auf die Kraft des Gebets. Galton schlussfolgerte aber, dass es durchaus von Interesse sein könnte, das Beten noch dazu als wirksame Kraft zu untersuchen [1].
Es dauerte noch mehr als 100 Jahre, bis die Wissenschaft dieses Thema mit randomisierten kontrollierten Studien untersuchte. Das wissenschaftliche Interesse wuchs vor allem durch die steigende Beliebtheit der Komplementärmedizin und der kritischen Auseinandersetzung mit Religion und Beten Mitte des 20. Jahrhunderts. Frühe Studien berichteten anekdotisch von Erfolgen.
Niedrigere Komplikationsrate bei Herzpatienten durch Fürbittegebete
Ein großer Meilenstein war eine 1988 im kalifornischen San Francisco durchgeführte Studie an knapp 400 Herzpatienten. In dieser Doppelblindstudie erhielten 192 Fürbittegebete von Christen, 201 nicht. Die Betenden erhielten die Vornamen, Diagnosen und aktuellen Informationen der Patienten. Die Ergebnisse zeigten: Die Gruppe, für die gebetet wurde, benötigte weniger medizinische Interventionen, hatte eine niedrigere Komplikationsrate hatte und erzielte insgesamt bessere Werte auf einer Schweregradskala erzielte [2].
Die Schlussfolgerung wonach "Fürbittegebete an den jüdisch-christlichen Gott eine positive therapeutische Wirkung bei Patienten, die auf einer Herzintensivstation behandelt werden, haben" blieb nicht ohne Kritik. So fanden sich ab den 1990er-Jahren finanzielle Förderer wie die John Templeton Foundation, um diese Frage eingehender zu untersuchen. So entstanden eine Vielzahl an Studien, die eine positive Wirkung auf vielfältigste Gesundheitsaspekte aufzeigten [3].
Positive Effekte bei Fürbittegebeten
Ein bemerkenswertes Beispiel ist eine Studie aus dem Jahr 2001: In der Studie wurde für unfruchtbare Frauen gebetet, die sich im südkoreanischen Seoul einer In-vitro-Fertilisation (IVF) unterzogen. In dieser 3-fach verblindeten Studie wurde für die Hälfte der 219 Studienteilnehmerinnen Fürbittern aus den USA, Kanada und Australien gegeben. Die Schwangerschaftsrate stieg auf 50 % an in der Gruppe, für die gebetet wurde - gegenüber 26 % in der Kontrollgruppe, für die nicht gebetet wurde. Auch die Implantationsrate erhöhte sich deutlich (16,3 % gegenüber 8 %) [4].
Ein weiteres und positives Beispiel zeigte sich im Jahr 1997 als 496 Studienteilnehmer nach dem Zufallsprinzip einer von 3 Gruppen zugewiesen wurde. Für 2 der 3 Gruppen wurde täglich für 15 Minuten über 12 Wochen lang gebetet; die 3. diente als Kontrollgruppe. Hier zeigte sich eine deutliche und messbare Besserung bei den Studienteilnehmern bei allen untersuchten Variablen: Es besserten sich Depressions- und Angstsymptome sowie ihr Selbstbewusstsein [5].
Auch bei Tieren wurden die Effekte von Gebeten untersucht: So zeigt eine Studie, dass Gebete für Tiere, in diesem konkreten Fall für die Affenart der Galagos, helfen können. Die verletzten Tiere der Gebetsgruppe wiesen einen stärkeren Anstieg der roten Blutkörperchen, eine schnellere Wundheilung und insgesamt ein gebessertes Pflegeverhalten auf [6].
Beten des Rosenkranzes reduziert Stress- und Krankheitsgefühl
Doch auch bei Gebeten für einen selbst konnten Verbesserungen der eigenen Gesundheit festgestellt werden. So konnte eine Untersuchung aufzeigen: Das Beten des Rosenkranzes kann psychologische als auch körperliche Besserungen wie ein vermindertes Stress- und Krankheitsgefühl mit sich bringen. In dieser speziellen Studie wurden ähnliche Effekte auch mit dem wiederholten Aufsagen eines Mantras, also eines bestimmten Wortes oder Satzes, aufgezeigt [7]. Hier schien die Kombination aus Rhythmizität und ruhiger Atmung im Vordergrund zu stehen.
Können Gebete auch schaden?
Es finden sich Dutzende weiterer Studien, die die Heilung und Gesundheit unterstützende Effekte des Betens ergaben. Allerdings existieren auch Publikationen, die keine, deutlich seltenere oder schädliche Wirkungen des Betens ergaben.
Die wohl bekannteste ist die multizentrische, 3-fach verblindete STEP-Studie: Darin wurden 1802 Herzbypass-Patienten in 6 US-amerikanischen Krankenhäusern untersucht. Die Patienten wurden randomisiert in 3 Gruppen eingeteilt:
- eine für die gebetet und die darüber informiert wurde,
- eine für die gebetet, die aber nicht wusste, ob für sie gebetet wurde und
- eine dritte Kontrollgruppe.
Die Gebete wurden 2 Wochen lang von christlichen Gruppen durchgeführt. Es zeigte sich:
- 59% der Studienteilnehmer, die wussten, dass für sie gebetet wurde, erlitten Komplikationen.
- In der Kontrollgruppe waren das nur 51%.
- In der Gruppe, in der die Teilnehmer nicht wussten, dass für sie gebetet wurde, erlitten 52%Komplikationen.
So war Vorhofflimmern in der ersten Gruppe deutlich häufiger, was die Forschungsleiter damit zu erklären versuchten, dass die Studienteilnehmer möglicherweise unter vermehrtem Stress standen und deshalb diese Herzarrhythmie entwickelten [8].
Sind Gebete wirksam oder nicht?
Was ist denn nun richtig, sind Gebete wirksam, unwirksam oder können sie sogar schaden? Diese Frage kann nicht abschließend geklärt werden.
Zieht man Metaanalyssen heran, scheinen Gebete eher zu helfen als zu schaden. So zeigten zwei Drittel aller Untersuchungen bei Schmerzpatienten, dass Beten die Schmerzintensität senkt und gleichzeitig die Toleranz gegenüber Schmerzen erhöht [9].
Eine weitere Zusammenfassung wissenschaftlicher Publikationen, in der neben Beten auch Meditation und Psychotherapie untersucht wurden, zeigte für 30 Studien: Gerade Beten kann gesundheitliche Vorteile bei Angst- und Depressionssymptomen, Lebensqualität und Hoffnung bedingen. Die Effekte waren allerdings zum Teil nicht besonders ausgeprägt. Hieraus wird erkennbar, dass Fürbitten empirisch nicht immer wirksam sind und ihre Wirkung zwar messbar, aber nicht unbedingt besonders ausgeprägt ist [10].
Anders ist es hingegen wenn es um persönliches Beten geht und hier nachweisbare Gesundheitsvorteile: So führt häufiges – oder gar tägliches – Beten bei Studenten beispielsweise zu einer besseren psychischen Gesundheit, besseren Noten und höherem akademischen Erfolg [11].
In einer Reihe von experimentellen Studien konnte zudem aufgezeigt werden, dass regelmäßiges Beten die geistige Leistungsfähigkeit, Kontrolle und Schmerztoleranz verbesserte. Gleichzeitig sanken Blutdruck, Herzfrequenz und Stressparameter deutlich [12].
Fazit
Die Gebetsforschung ist nicht ohne Kontroversen. Zudem gibt es methodische Herausforderungen, die die Forschung erschweren: Die Verblindung der Studienteilnehmer ist unzureichend - Patienten können selbst beten oder unaufgefordert Gebete erhalten, wodurch die Kontrollen verfälscht werden.
- Für Fürbitten und Fernbeten gibt es dennoch Hinweise, dass sie helfen können, auch wenn die wissenschaftliche Literatur dazu nicht eindeutig ist.
- Anders ist es bei persönlichen Gebeten: Studien zeigen, dass diese die eigene psychische Gesundheit durch Stressabbau und die Stärkung von Bewältigungsstrategien fördern. Zudem können Gebete in biologische und physiologische Prozesse gesundheitsfördernd eingreifen.
- STATISTICAL INQUIRIES INTO THE EFFICACY OF PRAYER. (undatiert). Galton.org. https://galton.org/essays/1870-1879/galton-1872-fortnightly-review-efficacy-prayer.html
- Byrd RC. Positive Therapeutic Effects of Intercessory Prayer in a Coronary Care Unit Population. Southern Medical Journal 1988; https://doi.org/10.1097/00007611-198807000-00005
- Hauptseite. (undatiert). John Templeton Foundation. https://www.templeton.org/
- Cha KY, Wirth DP, Lobo RA. Does prayer influence the success of in vitro fertilization-embryo transfer? Report of a masked, randomized trial. The Journal of Reproductive Medicine 2001; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/11584476/
- O’Laoire S. An experimental study of the effects of distant, intercessory prayer on self-esteem, anxiety, and depression. Alternative Therapies in Health and Medicine 1997; https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9375429/
- Lesniak KT. The effect of intercessory prayer on wound healing in nonhuman primates. Alternative Therapies in Health and Medicine 2006; 12(6), 42–48.
- Bernardi L, Sleight P, Bandinelli G et al. Effect of rosary prayer and yoga mantras on autonomic cardiovascular rhythms: comparative study. BMJ 2001; https://doi.org/10.1136/bmj.323.7327.1446
- Benson H, Dusek JA, Sherwood JB et al. Study of the Therapeutic Effects of Intercessory Prayer (STEP) in cardiac bypass patients: A multicenter randomized trial of uncertainty and certainty of receiving intercessory prayer. American Heart Journal 2006; https://doi.org/10.1016/j.ahj.2005.05.028
- Jarego M, Ferreira-Valente A, Queiroz-Garcia I et al. Are Prayer-Based Interventions Effective Pain Management Options? A Systematic Review and Meta-analysis of Randomized Controlled Trials. Journal of Religion and Health 2022; https://doi.org/10.1007/s10943-022-01709-z
- Gonçalves JP de B, Lucchetti G, Menezes PR et al. Complementary religious and spiritual interventions in physical health and quality of life: A systematic review of randomized controlled clinical trials. PLOS ONE 2017; https://doi.org/10.1371/journal.pone.0186539
- Jeynes W. A Meta-Analysis on the Relationship Between Prayer and Student Outcomes. Education and Urban Society 2020; https://doi.org/10.1177/001312451989684
- Chin F, Chou R, Waqas M et al. Efficacy of prayer in inducing immediate physiological changes: a systematic analysis of objective experiments. Journal of Complementary and Integrative Medicine 2021; https://doi.org/10.1515/jcim-2020-0075
Autor

Dr. med. Peter Niemann arbeitet als Geriater, Internist und Integrativmediziner vor allem in den USA. Der Autor einer Reihe von Gesundheitsratgebern bietet aber auch Beratungen zu Anti-Aging, Anti-Entzündung, Testosteronmangel und vielen anderen Themen an.


