Ginkgo bei TinnitusHeilpflanzen bei Tinnitus: Ein Fall für Ginkgo

Ginkgo ist die häufigste beim Tinnitus angewandte Heilpflanze. Dank seiner Wirkung dürften sich geschädigte Nervenzellen schneller regenerieren.

Nahaufnahme eines belaubten Ginkgozweigs
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Ginkgo biloba.

Rund 10 Millionen Deutsche leiden an Ohrgeräuschen: Sie hören pfeifende, rauschende oder klingelnde Geräusche, die nicht mit einer tatsächlichen Geräuschquelle im Außen in Verbindung gebracht werden können. Von einem Tinnitus sprechen Mediziner, wenn die Ohrgeräusche lange anhalten, häufig wiederkehren und die Betroffenen belasten.

Die Ursachen können verschieden sein, so zum Beispiel Lärmbelastung, Stress und eine chronische Entzündung des Mittelohrs. Oft kann begleitend auch eine Hörminderung auftreten. Besteht ein Tinnitus länger als 3 Monate, spricht man vom chronischen Tinnitus. Dieser kann die Lebensqualität stark einschränken, weshalb Betroffene meist eine Vielzahl von Therapien ausprobieren. Unter den möglichen Optionen befindet sich auch eine Heilpflanze: Der Ginkgo (Ginkgo biloba).

Wie der Ginkgo beim Tinnitus helfen kann

Studien zufolge verbessert Ginkgo die Durchblutung im Innenohr und fördert die Regeneration der kleinsten Blutgefäße, wenn diese zum Beispiel durch Entzündung, Alterungsprozesse oder hohe Blutfettwerte geschädigt wurden.

Für die durchblutungsfördernde Wirkung wird die hohe Konzentration an Flavonoiden und Terpenoiden der Ginkgo-Blätter verantwortlich gemacht [1]. Die verstärkte Durchblutung soll die Regeneration von Nervenzellen fördern, wenn deren Schädigung zu Ohrgeräuschen führte. Eine Tierstudie legt zum Beispiel nahe, dass die Ginkgo-Wirkstoffe schützende Wirkung auf die Nervenzellen des Ohres haben, wenn zum Beispiel Lärmbelastung zu Tinnitus und Hörminderung führte [2].

Ginkgo in der medizinischen Tinnitus-Leitlinie

Verschiedene medizinische Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde erstellten gemeinsam die „S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus“, die 2026 in einer neuen Fassung erscheinen wird [3]. Die aktuelle Version von 2021 gibt Patient*innen und Ärzt*innen eine Übersicht über die aktuellen evidenzbasierten Behandlungsmöglichkeiten des Tinnitus.

Auch Ginkgo wird in der Leitlinie umfassend besprochen, da zu dieser Pflanze viele klinische Studien vorliegen. Deren Qualität ist nach Meinung der Leitlinienautoren jedoch nicht einheitlich: Ältere Studien konnten zwar eine Überlegenheit von Ginkgo gegenüber einem Placebo bei Tinnitus feststellen [4]. Andere Studien und deren Auswertungen zeigten hingegen keinen Nutzen von Ginkgo bei Tinnitus [5]. Eine neuere Analyse der Studiendaten legt nahe, dass sich der Tinnitus unter der Behandlung mit Ginkgo vor allem bei Menschen mit Demenz bessert [6]. Die Leitlinienautoren sprechen keine Empfehlung für Ginkgo bei chronischem Tinnitus aus, da sie die Datenlage als unzureichend und inkonsistent bewerten.

Trotz dieser Einschätzung sprechen sich die offiziellen Heilpflanzen-Monografien für einen Einsatz von Ginkgo bei Tinnitus aus. Das HMPC befürwortet die Anwendung von Ginkgo-Extrakten zwar nur bei altersbedingten kognitiven Einschränkungen und zur Verbesserung der Lebensqualität älterer Menschen. ESCOP und Kommission E hingegen führen als mögliche Indikationen neben leichtem bis mittelschwerem demenziellem Syndrom, vaskulärer Demenz, hirnorganisch bedingten Leistungsstörungen noch neurosensorische Störungen wie Schwindel, Gleichgewichtsstörungen und Tinnitus auf.

Ginkgo bei Tinnitus richtig anwenden

Für die Behandlung des Tinnitus stehen verschiedene Arzneimittel mit meist 120 mg Ginkgo-Extrakt zur Verfügung. Diese Arzneimittel sind rezeptfrei in der Apotheke erhältlich, ihre Einnahme sollte jedoch nicht in Eigenregie, sondern nach Rücksprache mit dem Arzt erfolgen. Dieser kann dann klären, ob die Dosis von 120 mg Ginkgo-Extrakt ein- oder zweimal täglich einzunehmen ist. Die Anwendung von Ginkgo bei Tinnitus sollte bisherigen Erfahrungen zufolge mindestens 12 Wochen lang erfolgen, um den möglichen Nutzen der Arzneipflanze richtig einschätzen zu können.

Unerwünschte Wirkungen und Kontraindikationen

  • Bei der Einnahme von Ginkgo können sehr selten leichte Magen-Darm-Beschwerden, Kopfschmerzen oder allergische Hautreaktionen auftreten. In diesen Fällen ist die Einnahme zu pausieren und Rücksprache mit dem Arzt zu halten.
  • Bei Langzeitanwendung von Ginkgo-Präparaten kam es in Einzelfälle zu Blutungen. Es ist nicht sicher, ob die Präparate dafür verantwortlich sind. Sicherheitshalber ist von einer gleichzeitigen Einnahme von Ginkgo und Arzneimitteln, die die Blutgerinnung hemmen, abzuraten.
  • Während Schwangerschaft und Stillzeit soll Ginkgo nicht angewandt werden.

Wichtig: Eine Teezubereitung mit Ginkgo-Blättern ist nicht empfehlenswert. Einerseits wird die in Studien wirksame Dosis der Wirkstoffe mit dem Teetrinken nicht erreicht. Andererseits ist der Gehalt an potenziell schädlichen Ginkgolsäuren und Ginkgotoxinen in für die Teezubereitung angebotenen Ginkgo-Blätter meist nicht untersucht. In Standard-Extrakten sind diese potenziell schädlichen Verbindungen nicht vorhanden.

Und zum Schluss

Auch wenn die ärztliche Tinnitus-Leitlinie sich bei der Empfehlung von Ginkgo zurückhält: Nach meiner Erfahrung ist – sofern der behandelnde Arzt nichts dagegen einzuwenden hat – die Anwendung von Ginkgo bei Tinnitus einen Versuch wert. Insbesondere wenn andere Therapien nicht den gewünschten Effekt brachten. Es besteht zwar noch keine eindeutige Evidenz für eine Wirksamkeit von Ginkgo. Es liegen aber Hinweise aus Studien vor, dass eine längerfristige Einnahme von Ginkgo die Intensität und Häufigkeit von belastenden Ohrgeräuschen verringern könnte.

Wichtiger Hinweis!

Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

  1. Hilton MP, Zimmermann EF, Hunt WT. Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database Syst Rev, 2013. 3
  2. Tziridis K, Schulze H. Protektive, nicht aber therapeutische Effekte von Ginkgo biloba Extrakt EGb 761® bei Hörverlust und Tinnitus in Mongolischen Wüstenrennmäusen. Laryngorhinootologie 2023; 102(S 02): S127-S128
  3. Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie. S3-Leitlinie Chronischer Tinnitus, Version 2021: https://register.awmf.org/assets/guidelines/017-064l_S3_Chronischer_Tinnitus_2021-09_1.pdf (abgerufen am 9.7.2025)
  4. von Boetticher A. Ginkgo biloba extract in the treatment of tinnitus: a systematic review. Neuropsychiatr Dis Treat 2011; 7: 441-447
  5. Roland P, Nergard C. Ginkgo biloba - effect, adverse events and drug interaction. Tidsskr Nor Laegeforen 2012; 132: 956-959
  6. Spiegel R et al. Ginkgo biloba extract EGb 761® alleviates neurosensory symptoms in patients with dementia: a meta-analysis of treatment effects on tinnitus and dizziness in randomized, placebo-controlled trials. Clin Interv Aging 2018; 13: 1121-1127

Heilpraktiker mit dem Therapieschwerpunkt Phytotherapie

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