
Ein gefragtes Adaptogen
Jiaogulan (Gynostemma pentaphyllum) ist eine wichtige Pflanze der Traditionellen Chinesische Medizin (TCM), die auch in Europa zunehmend bekannter und beliebter wird. Und das aus gutem Grund. Jiaogulan zeigt eine breite Wirkung, unter anderem auf die kardiovaskuläre Gesundheit, auf das Immunsystem und den Zucker- und Fettstoffwechsel. Am prominentesten ist hierzulande jedoch sein Einsatz als Adaptogen. Zu den Adaptogenen werden Heilpflanzen gezählt, die die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit auch bei starker Belastung oder Erschöpfung fördern können. Adaptogene helfen dem Körper, sich an Stress anzupassen und das innere Gleichgewicht von Körperprozessen unter Belastung zu bewahren.
Traditionell wird die „Unsterblichkeitskraut“ genannte Pflanze in der TCM seit Jahrhunderten bei Erschöpfungszuständen eingesetzt. Nicht ohne Grund, wie in den letzten Jahren die Forschung zeigen konnte. Die Inhaltsstoffe von Jiaogulan verfügen über verschiedene Wirkungen, die bei Erschöpfung hilfreich sein können. Dazu zählt unter anderem der Schutz von Mitochondrien und Nervenzellen.
Mehr Energie durch verbesserte Mitochondrienfunktion
Das Kraut entlastet den Zellstoffwechseln durch seine starken antioxidativen Eigenschaften, für die vor allem seine Flavonoide verantwortlich sind. Die Flavonoide können freie Radikale abfangen, die sich bei Stoffwechselprozessen bilden. Auch UV-Strahlung, Rauchen, Umweltgifte und Entzündungen können ihre Bildung anfachen. Freie Radikale sind unstabile Atome oder Moleküle, denen ein Elektron fehlt. Sie versuchen, diesen Mangel auszugleichen, indem sie sich von anderen Verbindungen ein Elektron stehlen. Im Zellstoffwechsel kann dies für Schaden sorgen, wenn freie Radikale sich dieses von essenziellen Zellmolekülen nehmen. Ein Ungleichgewicht, bei dem zu viele freie Radikale vorhanden sind, wird als oxidativer Stress bezeichnet. Dieser kann zu Zellschäden beitragen und wird mit Alterungsprozessen, Erschöpfung sowie verschiedenen Krankheiten des Herz-Kreislauf-Systems in Verbindung gebracht. Antioxidantien sind Moleküle, die freien Radikalen ein Elektron abgeben können und sie damit unschädlich machen.
Der menschliche Körper verfügt über eigene Antioxidantien, ist aber – besonders bei Belastung – darauf angewiesen, Antioxidantien auch aus der Nahrung aufzunehmen. Besonders reich an Antioxidantien sind pflanzliche Lebensmittel und diverse Heilpflanzen wie zum Beispiel Jiaogulan.
Deren Antioxidantien schützen auch die „Energiefabriken“ der Zellen, die sogenannten Mitochondrien. Sie stellen durch Oxidationsprozesse den Zellen Energie zur Verfügung. Bei diesem Prozess werden selbst viele freie Radikale gebildet. Werden diesen nicht ausreichend abgepuffert, können sie die Energiebereitstellung durch die Mitochondrien stören.
Die Flavonoide aus Jiaogulan schützen auch die Nervenzellen vor freien Radikalen, was deren Erschöpfbarkeit bei Belastung hinauszögern kann [1]. Unterstützt werden sie hierbei von den Polysacchariden der Pflanze. Diese wirken nicht nur auch selbst antioxidativ, sie scheinen auch die Aktivität körpereigener Antioxidantien wie der Superoxiddismutase zu fördern [2].
Gegen Entzündungsprozesse im Gehirn
Hinsichtlich der erschöpfungswidrigen Eigenschaften von Jiaogulan sind auch seine Saponine, die sogenannten Gypenoside von Bedeutung. Sie zeigen antioxidative Eigenschaften. Daneben senken sie Entzündungsprozesse, die auch zu Erschöpfung führen können. Dazu zählen Entzündungsprozesse im Hippocampus (Teil des Gehirns), diese können müde und erschöpft machen. Diese Neuroinflammation (Entzündung von Nervenzellen) soll unter anderem bei der Erschöpfung im Rahmen neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer oder Parkinson, von Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom (ME/CFS) oder Long-COVID eine Rolle spielen.
Aber auch chronischer Stress oder Verletzungen des Gehirns können eine Neuroinflammation auslösen. Gypenoside scheinen Entzündungsprozesse im Hippocampus zu senken [3]. Tierstudien legen nahe, dass Gypenoside zudem die zelluläre Energiegewinnung fördern und Erschöpfung entgegenwirken können [4].
Nicht nur der Wirkung nach, sondern auch hinsichtlich ihrer Struktur ähneln Gypenoside den Ginsenosiden, den Hauptwirkstoffen des Ginsengs (Panax ginseng). Es ist also gut nachvollziehbar, dass Jiaogulan oft als "südlicher Ginseng" bezeichnet wird.
Klinische Forschung
Eine doppelblinde, placebokontrollierte, randomisierte Studie mit 100 gesunden Erwachsenen im Alter von 19 bis 60 Jahren untersuchte die erschöpfungswidrigen Eigenschaften von Jiaogulan über einen Zeitraum von 12 Wochen. Die Ergebnisse sind vielversprechend: Jiaogulan konnte im Gegensatz zum Placebo zu einer deutlichen Besserung der kognitiven Fähigkeiten unter Belastung und Müdigkeit und die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit verbessern [5].
Es wäre wünschenswert, dass nun weitere klinische Forschung mit größeren Probandengruppen gemacht wird. Erst dann können wir das erschöpfungswidrige Potenzial der Pflanze besser einschätzen.
Jiaogulan sicher anwenden
Zu Jiaogulan existieren bis jetzt noch keine offiziellen Monografien von ESCOP, HMPC oder Kommission E. Zudem gilt Jiaogulan in der EU als "neuartiges Lebensmittel" (Novel Food), da es vor dem 15. Mai 1997 in der EU nicht in nennenswertem Umfang verzehrt wurde. Daher darf es in Deutschland und anderen EU-Ländern nicht als Lebensmittel in Verkehr gebracht werden. Der Verkauf des Krauts ist legal, wenn es also nicht als Lebensmittel deklariert wird. Der Kauf ist auch legal, jedoch sollte man hier vorsichtig sein.
Da Jiaogulan offiziell weder als Lebensmittel noch als Nahrungsergänzungsmittel verkauft wird, unterliegt es nicht den Lebensmittelkontrollen hinsichtlich Schadstoffen, Pestiziden und hygienischer Reinheit. Jiaogulan ist nicht zum Verzehr freigegeben. Auch bei den auf dem Markt erhältlichen Produkten wird darauf hingewiesen, dass sie nicht zum Verzehr geeignet sind.
Uneingeschränkt erlaubt ist die frische Pflanze. Jiaogulan kann als Pflanze im Topf oder im Garten kultiviert und dann selbst verarbeitet werden.
Und zum Schluss
Erschöpfung ist ein wachsendes Problem. Überlastung durch Familie oder Beruf, Krankheiten oder anderer chronischer Stress können Energie und Lebenslust rauben. Ist dies auch bei Dir der Fall, so solltest Du das zunächst in der hausärztlichen Praxis schildern. Begleitend dazu – und am besten in Absprache mit dem Arzt oder der Ärztin – kann es lohnend sein, sich mit dem Unsterblichkeitskraut zu beschäftigen.
Wichtiger Hinweis!
Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.
Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.
- Li X et al. Gymnostemma pentaphyllum: A review on ist traditional uses, phytochemistry an pharmacology. Journal of Functional Foods 2025; https://doi.org/10.1016/j.jff.2024.106651
- Lin‐Na S, Yong‐Xiu S. Effects of Polysaccharides From Gynostemma pentaphyllum (Thunb.), Makino on Physical Fatigue. African Journal of Traditional, Complementary, and Alternative Medicines 2014; https://athmsi.org/journals/index.php/ajtcam/article/view/1934
- Li Y Ren Y, Liu R, Xu W et al. Alleviation of Gypenosides on Peripheral and Central Fatigue via Anti-Inflammation, Anti-Oxidation and Neurotransmitter Regulation. Food Sci Nutr 2025; https://doi.org/10.1002/fsn3.70436
- Kim YH, Jung JI, Jeon YE et al. Gynostemma pentaphyllum extract and its active component gypenoside L improve the exercise performance of treadmill-trained mice. Nutr Res Pract 2022; https://doi.org/10.4162/nrp.2022.16.3.298
- Ahn Y, Lee HS, Lee SH et al. Effects of gypenoside L-containing Gynostemma pentaphyllum extract on fatigue and physical performance: A double-blind, placebo-controlled, randomized trial. Phytother Res 2023; https://doi.org/10.1002/ptr.7801
Sebastian Vigl
Heilpraktiker mit dem Therapieschwerpunkt Phytotherapie


