
Warum die Behandlung der Übelkeit während der Chemotherapie so wichtig ist
Chemotherapien zählen bei den meisten Krebsformen zu den aussichtsreichsten Behandlungsansätzen. Leider sind sie für Betroffene meist auch belastend, da sie mit vielen Nebenwirkungen einhergehen. Übelkeit wird als besonders unangenehm empfunden, in Einzelfällen hat sie schon dazu geführt, dass Betroffene aussichtsreiche Therapien abgebrochen haben.
Es ist also aus zweierlei Sicht ratsam, die Übelkeit von Krebspatient*innen zu lindern: Zum einen, um ihre Lebensqualität zu verbessern und ihr Wohlbefinden zu stärken. Zum anderen, um dafür zu sorgen, dass wichtige Chemotherapien nicht unterbrochen oder abgebrochen werden. Zum Glück stehen heute verschiedene Medikamente zur Verfügung, die bei Chemotherapie-bedingter Übelkeit helfen. Deren Einsatz kann durch Ingwer (Zingiber officinalis) ergänzt werden.
Die Empfehlung der Leitlinie berücksichtigen
Ärztliche Empfehlungen orientieren sich in Deutschland an den sogenannten medizinischen Leitlinien. Diese werden von unterschiedlichen Fachgesellschaften erstellt und geben Ärzt*innen und Patient*innen eine gute Übersicht über den Stand der klinischen Forschung. Daneben geben die Leitlinien konkrete, evidenzbasierte Empfehlungen. Auch bei der Behandlung von Krebspatient*innen können diverse Leitlinien berücksichtigt werden, 2021 erschien sogar eine Leitlinie für deren komplementärmedizinische Beratung und Behandlung. 2024 wurde diese Leitlinie überarbeitet. Auch dem Ingwer wird ein Kapitel gewidmet.
Die Autor*innen der Leitlinie urteilen, dass Ingwer zusätzlich zur leitliniengerechten Antiemese (Erbrechen-lindernden Therapie) bei der Behandlung von zytostatikainduzierter Übelkeit/ Erbrechen bei onkologischen Patient*innen angewendet werden kann.
Das bedeutet für die Praxis: Ingwer wird nicht als alleinige Therapie empfohlen, jedoch als Ergänzung zu anderen Therapien, die Übelkeit und Erbrechen lindern [1].
In den offiziellen Monografien von ESCOP, HMPC oder Kommission E führen die Indikation "zytostatikainduzierte Übelkeit" noch nicht auf, sprechen sich aber für eine Anwendung bei Reiseübelkeit aus.
Erkenntnisse aus der klinischen Forschung
Bestandteile des Ingwers, wie Gingerole und Shogaole, können Tierstudien zufolge an bestimmte Rezeptoren im Körper andocken – sogenannte 5-HT3- und Substanz P-Rezeptoren – die eine Rolle bei der Entstehung von Übelkeit und Erbrechen spielen. Diese Rezeptoren funktionieren wie Schaltstellen, die Signale weiterleiten, wenn dem Körper schlecht ist. Ingwerstoffe können helfen, diese Signale zu blockieren.
Mehrere klinische Studien untersuchten die übelkeitslindernden Effekte von Ingwer bei Menschen während der Chemotherapie. Da diese Studien zahlreich sind, lohnt sich ein Blick auf die bisher publizierten Übersichtsarbeiten, die die Ergebnisse der einzelnen Studien vergleichen und einordnen. Eine Arbeit aus Jahr 2013 vergleicht 7 vor 2012 publizierte Studien und kommt zu einem positiven Ergebnis: Tagesdosen von rund 1 Gramm Ingwerextrakt konnten bei vielen Patient*innen die Übelkeit während der Chemotherapie lindern [2].
Ähnliche Ergebnisse lieferte eine 2024 publizierte Übersichtsarbeit, bei der schon 35 klinischen Studien berücksichtigt wurden. Bei 22 davon wurde Ingwer innerlich angewandt, bei den restlichen äußerlich im Rahmen einer sogenannten Moxibustion.
Bei der Moxibustion wird ein Stück Ingwer auf der Haut – meist mithilfe von getrockneten Beifußarten – erwärmt. Diese Art der Therapie wird vor allem in der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) praktiziert.
Bei den 22 Studien zur innerlichen Einnahme zeigte sich, dass Ingwer in Verbindung mit anderen antiemetischen Arzneistoffen erfolgreich die Übelkeit während der Chemotherapie lindern konnte [3].
Ingwer während der Chemotherapie anwenden
Du möchtest Ingwer zur Linderung von Übelkeit während der Chemotherapie probieren? Dann sprich zunächst Deine Ärzt*innen darauf an und weise sie gegebenenfalls auf die oben erwähnte Leitlinie hin. Es kann gut sein, dass diese nicht allen Ärzt*innen bekannt ist. Kläre im ärztlichen Gespräch, ob und wie Du Ingwer begleitend zu anderen Medikamenten anwenden kannst. Ich finde bei dieser Indikation die Einnahme eines Präparates mit Ingwerextrakt sinnvoll. Falls Dir Dein Arzt kein entsprechendes Präparat empfehlen kann, können Dir Apotheken weiterhelfen.
Bitte beachte: In Studien konnten zwar keine negativen Effekte einer Ingwerbehandlung bei Schwangeren festgestellt werden. Dennoch sollte sie in der Schwangerschaft nur mit ärztlicher Zustimmung erfolgen. Wechselwirkungen sind bislang keine bekannt. Als Nebenwirkungen sind nach einer Ingwereinnahme leichte gastrointestinale Beschwerden wie Magenschmerzen möglich.
Und zum Schluss
Die Chemotherapie ist eine der wichtigsten Therapien bei Krebserkrankungen. Leider geht sie mit teils massiven Nebenwirkungen einher. In den letzten Jahren besinnt sich die Medizin auch der Naturheilkunde, insbesondere der Phytotherapie, bei der Behandlung dieser Nebenwirkungen. Bei therapiebedingter Übelkeit ist der Ingwer ein aussichtsreicher Kandidat, der in Studien und Praxis überzeugt.
Wichtiger Hinweis!
Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.
Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.
- Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF). S3-Leitlinie Komplementärmedizin in der Behandlung von onkologischen PatientInnen, Langversion 2.0, 2024, AWMF-Registernummer: 032-055OL; https://www.leitlinienprogramm-onkologie.de/leitlinien/komplementaermedizin/ (Zugriff am 28.07.2025)
- Marx WM, Teleni L, McCarthy AL et al. Ginger (Zingiber officinale) and chemotherapy-induced nausea and vomiting: a systematic literature review. Nutr Rev 2013; https://doi.org/10.1111/nure.12016
- Lin CY, Huang SH, Tam KW et al. Efficacy and Safety of Ginger on Chemotherapy-Induced Nausea and Vomiting: A Systematic Review and Meta-analysis of Randomized Controlled Trials. Cancer Nurs 2024; DOI: 10.1097/NCC.0000000000001355
Sebastian Vigl
Heilpraktiker mit dem Therapieschwerpunkt Phytotherapie


