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Muss sich ein gewöhnlich „guter Esser“ neuerdings zum Essen zwingen, steckt meist mehr dahinter. Vor allem, wenn mit der Appetitlosigkeit ein deutlicher Gewichtsverlust verbunden ist. Hier kommt der medizinhistorische Begriff der Auszehrung ins Spiel. Er beschreibt einen extremen Zustand der Abmagerung. Heutzutage werden die Symptome mit den Begriffen Kachexie, Atrophie oder Marasmus beschrieben.
Eine Form der Mangelernährung ist die Kachexie. Abmagerung und Kräfteverfall sind hierbei immer mit einer Krankheit verknüpft. Durch den veränderten Stoffwechsel verringert sich auch die fettfreie Körpermasse – darunter Immunzellen oder Muskulatur. Als Atrophie bezeichnet man Gewebeschwund, welcher auch durch Mangelernährung ausgelöst werden kann. Und in den Industrieländern ist Marasmus eine häufige Folge von Essstörungen. Hier liegt ein starker Mangel an Protein und Energie vor – meist durch eine dauerhaft unzureichende Zufuhr an Kalorien.
Zehrende Erkrankungen betreffen entweder sämtliche Organe und Gewebe gleichmäßig oder einzelne Teilbereiche. Wobei eine lokale Auszehrung im weiteren Verlauf auch den gesamten Körper betreffen kann. Häufig tritt der Schwund bei hochbetagten Menschen auf. In früheren Lebensphasen geschieht dies jedoch bereits bei zehrenden Erkrankungen mit einem erhöhten Energieverbrauch. Hier kommen unter anderem folgende Erkrankungen infrage:
- bestimmte Tumorerkrankungen
- HIV-Infektion
- Diabetes
- Schilddrüsenerkrankungen
- chronische Erkrankungen
- Herz- und Lungenerkrankungen
- Störungen der Resorption
- Störungen der Nahrungsaufnahme [1] [2]
Beispiele für Letztere können eine Magenresektion, Schluckstörungen, Kurzdarmsyndrom, Ösophagitis oder auch die Magersucht sein.
Generell fällt der Schwund des Fettgewebes am deutlichsten auf. Rundungen verschwinden, die Haut wirkt schlaff, Falten entstehen. Anfänglich erkennt man den Mangelzustand auch an der blassen Haut und Schleimhaut des Betroffenen. Im Verlauf entwickeln sich dann unter anderem Verdauungsbeschwerden, Appetit- und Gewichtsverlust, eine allgemeine Verstimmung, nächtliche Schweißausbrüche und Müdigkeit. Das Immunsystem wird geschwächt und die Lebenserwartung kann verkürzt sein – denn die Kräfte des Körpers schwinden und können schließlich zu einem lebensbedrohlichen Kollaps führen.
Multimodale Behandlung von Grunderkrankung und Mangelernährung
Wird die Grunderkrankung mit den passenden Medikamenten behandelt, kann der Kräfteverfall durch gezielte Ernährungsmaßnahmen und Bewegung im Rahmen eines multimodalen Behandlungsansatzes eingedämmt werden [4].
Multimodales Therapiekonzept
- Screening des Ernährungszustands – auch während der Therapie
- Ernährungsberatung – wenn selbstständiges Essen und Trinken möglich ist
- Psychologische Beratung – Balance finden
- Körperliche Aktivität – Stärkung der Muskulatur und des Appetits
Bewegung ist eine wichtige Ergänzung zur Ernährungstherapie. Sie verbessert die Fitness der körpereigenen Zellen, wirkt Entzündungen entgegen und steigert den Appetit. Dabei sind die Bewegungsmöglichkeiten auf den Gesamtzustand des Betroffenen abzustimmen [2].
Ist kaum Bewegung möglich, empfiehlt es sich, im Rahmen des Möglichen an die eigenen Grenzen zu gehen. Erhöht sich dann die Beweglichkeit, sind intensivere Übungen möglich.
Auch eine Psychotherapie kann als Teil des Therapieplans hilfreich sein. Hier werden zum Beispiel depressive Verstimmungen erkannt und behandelt. Die wiedergefundene psychische Balance steigert wiederum die Motivation, sich zu bewegen und sich der Ernährung intensiver zu widmen. Ein positiver Kreislauf entsteht.
Gezielte Ernährungstherapie
Ernährungsstatus erfassen
Die gezielte Ernährungstherapie stellt dem Körper wichtige Bausteine zur Nährstoffdeckung zur Verfügung. Somit lässt sich das Voranschreiten einer zehrenden Erkrankung verlangsamen. Das Immunsystem wird gestärkt und entzündliche Prozesse positiv beeinflusst. Die Heilungs- und Überlebenschancen steigen. Um eine Mangelernährung zügig diagnostizieren zu können, ist es essenziell, den Ernährungsstatus in einer medizinischen Erstuntersuchung festzustellen. Hierbei können langfristige und kurzfristige Gewichtsveränderungen dokumentiert werden. Ebenso werden Informationen über die Nahrungszufuhr, die Leistungsfähigkeit, das Auftreten von gastrointestinalen Symptomen, die Beschaffenheit des Unterhautfettgewebes, der Muskelmasse oder bestehende Ödeme als wichtige Parameter herangezogen.
Ein Fragebogen, z. B. Patient-Generated Subjective Global Assessment (PG-SGA), zur Selbsteinschätzung durch den Betroffenen, stellt eine weitere geeignete Ergänzung dar. Hier zeigt sich auch, dass manch einer gar nicht bemerkt, dass er mangelernährt ist. Durch spezielle Screening-Instrumente lässt sich so der individuelle Nährstoffbedarf bestimmen, woraufhin man entsprechende Ernährungspläne erstellen kann. Idealerweise können hiermit die definierten Ernährungsziele mithilfe von Mahlzeiten und Snacks erreicht werden [5].
Mangelzustand beseitigen
Ziele der Therapie sind unter anderem, den Mangelzustand zu beseitigen, die Muskelmasse zu erhöhen und auch Stoffwechselstörungen zu verbessern, welche die Genesung der Betroffenen verhindern würden.
Merke
Es ist wichtig, dass der Betroffene sowohl bei der Diagnose als auch während der gesamten Therapie regelmäßig auf Anzeichen einer Mangelernährung überprüft wird.
Wird der Betroffene intensiv behandelt oder kann er das Bett nicht verlassen, ist das Risiko einer Mangelernährung erhöht. Ist normales Essen und Verdauen nicht möglich, zum Beispiel bei ständigem Erbrechen oder Schluckstörungen, dann kann die parenterale Ernährung helfen, bei Kräften zu bleiben [3] [7]. Auch eine Magen- oder Nasensonde stellt hier eine sinnvolle Maßnahme dar.
Vorsicht
Bestimmte Arzneimittel können als Nebenwirkung den Appetit hemmen. Dazu zählen Antibiotika, Antidepressiva vom SSRI-Typ, Sympathomimetika (z.B. bei Asthma), Methylphenidat, Morphin.
Generell gilt, dass nicht jeder Mangelernährte auch untergewichtig ist. Denn durch eine Fehlernährung kann ein Mangel an einzelnen Nährstoffen vorliegen, auch wenn der BMI im Normalbereich liegt und sogar, wenn Übergewicht besteht.
Die Mahlzeiten werden während der Ernährungstherapie entsprechend angepasst – unter Berücksichtigung der jeweiligen Vorlieben. Qualitativ hochwertige Speisen, energiereiche Snacks zwischen den Hauptmahlzeiten, gegebenenfalls spezielle Shakes sowie schön angerichtetes Essen können den Appetit steigern. Auch Patientenkochkurse sind eine hilfreiche Maßnahme. Der Betroffene kann, soweit möglich, intensiv in die Therapie mit einbezogen werden. Etwa auch durch Selbstbeobachtung, dem Notieren des eigenen Körpergewichtes, der Kenntnisnahme von Veränderungen des Allgemeinzustandes und durch die Wahrnehmung der Nahrungsmenge anhand von festen Größen.
Abwechslungsreich, ausgewogen, angereichert
Bei zehrenden Krankheiten ist eine abwechslungsreiche Kost mit ausreichend Kohlenhydraten ratsam. Unverträglichkeiten sollten vorab ausgeschlossen werden. Sie können, wie im Falle der Laktoseintoleranz, durch die Verwendung von geeigneten Lebensmitteln umgangen werden.
Schwer verdauliche und stark blähende Speisen am besten meiden, denn diese können den Appetit zusätzlich verringern.
Wichtig ist die Zufuhr von hochwertigem und leicht verdaulichem Eiweiß. Für die Proteinzufuhr sind Kombinationen aus tierischen und pflanzlichen Eiweißen optimal. Beispielsweise Rührei mit Kartoffeln und Spinat oder Vollkornbrot mit Käse. Unser Körper benötigt ausreichend Kohlenhydrate zur Energiegewinnung, damit die Proteine dem Muskelaufbau zur Verfügung stehen. Kohlenhydrate sind hier der schnellste Energielieferant. Dabei sind Vollkornprodukte mit den enthaltenen Ballaststoffen und Mineralien zu bevorzugen.
Durch die Zugabe von Fetten wird eine Speise zusätzlich mit Kalorien angereichert. Sehr gut geeignet sind unbehandelte, pflanzliche Fette (mit Omega-3-Anteil) wegen ihrer entzündungshemmenden Eigenschaften. Werden Nüsse vertragen, lassen sie sich in diesem Zuge vielseitig einsetzen – als kalorienreicher Snack, zur Ergänzung von Salaten oder als Aufstrich (Mus). Für Nuss-Allergiker sind Mandeln oder Erdnüsse ein möglicher Ersatz, da diese zu anderen Pflanzenfamilien gehören. Ebenso die unbekanntere Erdmandel aus der Familie der Sauergrasgewächse. Eine vielseitige Alternative für kalte und warme Mahlzeiten bieten auch Kerne und Saaten, darunter Kürbiskerne, Leinsamen, Chia, Sesam oder Sonnenblumenkerne.
Studien zeigen, dass sich die vegetarische Ernährungsweise in ihrer Langzeitwirkung zur Prävention und Therapie unterschiedlicher Krankheiten eignet. Aus gesundheitlichen, ethischen, ökologischen und sozialen Gründen ist diese Form der Ernährung als Dauerkostform empfehlenswert – auch bei zehrenden Erkrankungen. Denn neben essenziellen Vitaminen und Mineralstoffen werden auch die für die Darmgesundheit wichtigen Ballaststoffe sowie sekundäre Pflanzenstoffe verzehrt. Letztere wirken entzündungshemmend. Die vegetarische Ernährung geht zudem meist mit einer geringeren Aufnahme von Fett, tierischem Eiweiß und Zucker einher [6] [8] [9].
Hohe Energiedichte
Bei drohender oder bestehender Kachexie steht die kalorienreiche Ernährung an erster Stelle. Erlaubt ist hier, worauf der Betroffene Appetit hat – Lebensmittel mit hoher Energiedichte sind die erste Wahl. Dabei sind Speisen mit rohen oder halbrohen Bestandteilen zu meiden, zum Beispiel Desserts mit rohem Ei, oder Milchprodukte wie Rohmilchkäse. Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte sind nur gut durchgegart empfehlenswert. Rohes Obst und Gemüse immer gründlich waschen, auch wenn es noch geschält wird.
Praxistipp
Damit das Essen nicht vergessen wird, hilft es oftmals, Schüsseln mit hochkalorischen Snacks (Nüsse etc.) in Sicht- und Reichweite zu platzieren.
Ist die Nahrungsaufnahme erschwert, zum Beispiel bei Entzündungen im Mundbereich, empfehlen sich nicht zu heiße und scharfe Speisen. Auch bei Schluckbeschwerden oder Zahnproblemen sind milde und weiche Speisen geeignet. Püriertes und Kühles ist leichter zu verzehren wie zu heiße, harte oder pikante Kost. Bei Diarrhö ist auf ausreichend Flüssigkeitszufuhr zu achten, eine zusätzliche Gabe von Mineralstoffen ist zu empfehlen.
Merke
Viele kleinere und leicht verdauliche Mahlzeiten erleichtern die Kalorien- und Nährstoffaufnahme.
Bleibt eine gewünschte Gewichtszunahme aus, oder verliert der Betroffene weiterhin an Gewicht, kommen spezielle Produkte zur Anreicherung des Essens infrage (bspw. Trinknahrungen).
Fazit
Trotz einer zehrenden Erkrankung weitgehend genussvoll essen zu können, ist eine Herausforderung. Denn man muss darauf achten, immer genug vom Richtigen zu verspeisen. Mit etwas Übung und den passenden Ergänzungen ist diese Herausforderung jedoch gut zu meistern. Und um das Geschmacksempfinden und die Lust auf Essen zusätzlich anzuregen, können intensiv duftende Kräuter, Gewürze oder Speisen eingesetzt werden. Darunter Fenchel, Zimt, Zitrone, Pfefferminze oder Rosmarin.
Auch Bitterstoffe helfen dem Appetit auf die Sprünge – unter anderem enthalten in Grapefruit, Radicchio, Endiviensalat oder speziellen Kräutertees.
Last but not least fördert auch eine angenehme Atmosphäre und gute Gesellschaft ein gesundes Essverhalten. Dabei wird wiederum klar, welchen zentralen Stellenwert unsere Nahrung für unser Wohlbefinden und unsere Lebensqualität einnimmt.
Gerade bei zehrenden Erkrankungen ist jeder noch so kleine Schritt hin zur Normalität und zum Genuss ein großer Gewinn für den Betroffenen.
Autorin
Johanna Zielinski ist Diplom-Ökotrophologin und absolviert derzeit eine Weiterbildung im Bereich Psychologie. Journalistische Stationen erfolgten beim WDR sowie bei einem privaten Radiosender. Sie ist als freie Autorin und Sprecherin tätig.
- Balstad TR, Solheim TS, Strasser T. et al. Dietary treatment of weight loss in patients with advanced cancer and cachexia: A systematic literature review. Crit Rev Oncol Hematol 2014; 91: 210-221
- Arends J, Bertz H, Bischoff SC et al. S3-Guideline of the German Society for Nutritional Medicine (DGEM) in Cooperation with the DGHO, the ASORS and the AKE. Clinical Nutrition in Oncology, Aktuelle Ernährungsmedizin 2015; 40: e1–e74
- Biesalski HK, Bischoff S, Pirlich M, Weimann A.. Ernährungsmedizin. 5. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2017
- Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. InForm – Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung. Im Internet: www.in-form.de; abgerufen am 12.12.2022
- De las Peñas R, Majem M, Perez-Altozano J.. SEOM clinical guidelines on nutrition in cancer patients (2018). Clin Translat Oncol 2019; 21: 87-93
- Minari Hargreaves S, Raposo A, Saraiva A, Puppin Zandonadi R. Vegetarian diet: An overview through the perspective of Quality of Life domains. Int J Environ Res Public Health 2021; 18: 4067
- Noreik M.. Ernährungstherapie bei Kachexie und Sarkopenie. Aktuel Ernährmed 2014; 39: 117-126
- Römer-Lüthi C, Theobald S.. Ernährungstherapie: Ein evidenzbasiertes Kompaktlehrbuch. 2. Aufl. Stuttgart: utb; 2021
- Tisdale MJ. Mechanisms of tissue catabolism and reversal in cancer. Aktuel Ernährungsmed 2001; 26: 116-120
- Biesalski HK, Grimm P, Nowitzki-Grimm S.. Taschenatlas der Ernährung. 8. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2020



