Laurus nobilisVom Orakel von Delphi: Half der Lorbeer beim Prophezeien?

Im Orakel von Delphi kauten Priesterinnen auf Lorbeerblättern, kurz darauf verkündeten sie in Trancezuständen Weissagungen. Was steckt dahinter?

Lorbeerzweige mit Früchten auf weißem Hintergrund
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Lorbeer (Laurus nobilis).

Frauen in Ekstase, die in die Zukunft schauen

Gemäß der altgriechischen Mythologie ließ der Göttervater Zeus zwei Adler von den Enden der Welt aufeinander zufliegen. Der Ort, wo sie sich trafen, galt als der Mittelpunkt der damaligen Welt und wurde zu einer der wichtigsten Kultstätten der Antike. Dort war das legendäre Orakel von Delphi, das über mehrere Jahrhunderte hinweg zu bestimmten Tagen im Jahr Prophezeiungen verkündete. Empfangen und ausgesprochen wurden diese von der Pythia, der Priesterin des Orakels, in einem Stadium der Trance und der Ekstase.

Geweiht war das Orakel dem Gott Apoll, dem Beschützer der Künste und der Weissagungen. Die Orakelstätte lag wohl in einem Hain aus Lorbeerbäumen (Laurus nobilis), die dem Gott geweiht waren. Überlieferungen zufolge kauten die Priesterinnen auf deren Blättern, um empfänglich für die göttlichen Botschaften zu werden. Doch können diese für das eindrückliche Schauspiel verantwortlich sein, dass sich Zeitgenossen bot?

Alles nur eine Verwechslung?

Antike Schriftsteller wie Plutarch (45–125 n.Chr.) oder Marcus Annaeus Lucanus (39–65 n.Chr.) schildern eindrücklich, wie die Priesterinnen des Orakels sich gebärdeten: Sie tanzen ekstatisch, waren bisweilen sehr aufgebracht oder sprunghaft, sie konnten ihre Sinne verlieren, in Bewegungsstarre verfallen und sonderten viel Speichel ab. Manche zitterten oder schüttelten sich und bisweilen soll auch eine Priesterin während der Prophezeiung gestorben sein. Vom Lorbeer allein können diese Symptome nicht kommen, sie sprechen eher für eine Anwendung einer potentiell toxischen und wahrscheinlich psychoaktiven Pflanze.

Eine neue Hypothese legt nahe, dass die Priesterinnen nicht die Blätter des Echten Lorbeers, sondern jene des auch als Rosenlorbeer bekannten Oleander (Nerium oleander) zu sich nahmen. Dieser dürfte in der Antike genauso wie der Echte Lorbeer die Bezeichnung „laurel“ gehabt haben [1]. Der Oleander ist stark giftig, er enthält toxisch wirkende Herzglykoside. Diese können Erbrechen, Übelkeit und eine verstärkte Speichelproduktion verursachen. Daneben führen sie zu starker Unruhe und Erregung und können Sehstörungen, Zittern, Erschöpfung und Krampfanfälle auslösen. Die Herzglykoside des Oleanders können zudem zu Herzversagen und damit zum Tod führen [2].

Dass die Priesterinnen Oleander für ihre Zeremonie angewendet haben, ist nur eine Hypothese. Der Ethnologe Christian Rätsch (1957-2022) vermutete, dass sie eher zu Bilsenkraut (Hyoscyamus niger) griffen, andere Autoren legen nahe, dass die Pflanze Cannabis (Cannabis indica oder sativa) Teil des Kultes gewesen sein könnte [3]. Auch Bilsenkraut und Cannabis wirken psychedelisch und könnten jeweils einen Teil der geschilderten Symptome erklären. Welche Pflanze nun genau verwendet wurde, werden wir wohl nie erfahren.

Achtung! Oleander und Bilsenkraut können zu anhaltenden Schäden führen, ihr Einsatz kann tödlich enden. Von einer Anwendung ist dringend abzuraten.

Oder doch der Echte Lorbeer?

Manche Autoren gehen aber auch davon aus, dass in Delphi tatsächlich der Echte Lorbeer eine zentrale Rolle bei den Prophezeiungen gespielt haben muss [4]. Selbstverständlich hat der Lorbeer keine psychedelischen Eigenschaften, doch bringt er Wirkungen mit sich, die bei den Ritualen von Bedeutung gewesen sein können.

Das ätherische Öl des Lorbeers ist reich an 1,8-Cineol, ein Stoff, der den Gehalt an Acetylcholin im Gehirn erhöht [5]. Dieser Neurotransmitter fördert Gedächtnis, Motivation und Aufmerksamkeit. Dies sind geistige Eigenschaften, die den Priesterinnen Delphis geholfen haben könnten, wenn sie sich während ihrer Prophezeiungen in einem veränderten Bewusstseinszustand befanden. Diese könnten in Einzelfällen durch psychedelisch und potenziell giftige Pflanzen hervorgerufen worden sein. Es gibt jedoch noch weitere, nicht toxische Möglichkeiten, um Trance-artige Zustände zu erreichen. Dazu zählen zum Beispiel rituelle Tänze, das Rezitieren von Mantras, Meditationen oder wiederkehrende, monotone Geräusche wie beim Trommeln.

Ein gesteigerter Acetylcholin-Gehalt im Gehirn könnte dafür gesorgt haben, dass die Priesterinnen während eines veränderten Bewusstseinszustandes einen klaren Kopf behalten und konzentriert ihre Mission verfolgt haben.

Und zum Schluss

In vielen schamanischen und spirituellen Praktiken spielt das Erreichen eines veränderten Bewusstseinszustands eine wichtige Rolle. Diese lösen die Grenzen von Wahrnehmung und Identität auf und ersetzen eingefahrene Denkstrukturen durch assoziatives, kreatives Erleben. Wer diesen veränderten Bewusstseinszustand für ein konkretes Ziel wie Heilreisen, Transformation oder Prophezeiungen nutzen will, der sollte sich im Wirbel des veränderten Bewusstseinszustands nicht verlieren. Er sollte die Fähigkeit behalten, in ihm willentlich zu navigieren. Um im Strudel der Sinneseindrücke einen klaren Kopf zu bewahren, wurden oft Pflanzen benutzt, die für die notwendige Klarheit sorgen.

Genauso könnte es sich mit dem Lorbeer in Delphi verhalten haben. Möglicherweise hat er dafür gesorgt, dass die Priesterinnen in ihren durch psychedelische Pflanzen oder andere Methoden erreichten Rauschzuständen nicht komplett ihr Gedächtnis und Konzentration verloren. Ob das ausreichte, um in die Zukunft zu schauen? Wer weiß ...

Wichtiger Hinweis!

Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.

Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.

  1. Harissis Haralampos. A Bittersweet Story: The True Nature of the Laurel of the Oracle of Delphi. Perspectives in biology and medicine 2014; 57: 351-60
  2. Farkhondeh T, Kianmehr M, Kazemi T et al. Toxicity effects of Nerium oleander, basic and clinical evidence: A comprehensive review. Hum Exp Toxicol 2020; 39(6):773-784
  3. Rätsch C. Der Rauch von Delphi: Eine ethnopharmakologische Annäherung. Curare 1987; 10 (4): 215–28
  4. Frigerio G. Apolline divination: hallucinogenic substances or cognitive inputs? The case of the laurel. Time and Mind 2022; 15(3–4), 297–311
  5. Caputo L, Nazzaro F, Souza LF et al. Laurus nobilis: Composition of Essential Oil and Its Biological Activities. Molecules 2017; 22(6):930
     

Heilpraktiker mit dem Therapieschwerpunkt Phytotherapie

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