
Von der Milch der Muttergottes gefärbt
Die Mariendistel mag es gerne heiß. Die ein- bis zweijährige Pflanze ist rund um das Mittelmeer und in Klein- und Vorderasien heimisch und wächst auf exponierten, sonnigen Plätzen – gerne in Menschennähe, an Häusern, Straßen oder Bahnhöfen. Pflanzen, die sich in der unmittelbaren Nähe von Menschen wohl fühlen, erregten in der Geschichte früh das Interesse unserer Vorfahren. Sie prüften, ob sich eine Pflanze nutzen ließ, zum Beispiel als Lieferant für Pflanzenfasern oder als Nahrungs- oder Heilmittel. Im Fall der Mariendistel ist ihr früher Einsatz im Altertum als Heilpflanze für Verdauungsbeschwerden dokumentiert. Später kamen Lebererkrankungen als Indikation hinzu.
Der Beiname „marianus“ und der deutsche Name Mariendistel zeugen von einer alten Legende, nach der die Milch der Muttergottes die weißen Streifen auf den Blättern verursachte [1]. Dass die historisch belegte Anwendung der Pflanze bei Gelbsucht und Lebererkrankungen in vielen Fällen erfolgreich gewesen sein dürfte, lässt die moderne Forschung erahnen. Sie zeigt, dass die Mariendistel Leberzellen vor Toxinen schützt, die Regeneration der Leber fördert und bei Entzündungsprozessen den Umbau von wertvollem Lebergewebe zu Bindegewebe hemmt (antifibrotische Wirkung: Hemmung der Vernarbung) [2].
Balsam für die Leberzellen: Schäden abwenden und beheben
Für die Leber-relevante Wirkung verantwortlich sind die Flavonolignane der Mariendistelfrüchte (Silybi mariani fructus), die unter dem Namen Silymarin zusammengefasst werden. Dessen Hauptwirkstoff heißt Silibinin. Dieses Flavonolignan sorgt zunächst dafür, dass Toxine und Krankheitserreger nicht in das sensible Funktionsgewebe der Leber gelangen, in dem sich die Leberzellen befinden. Auch diese Zellen selbst stärkt Silibinin: Es bindet an ihre Membranproteine und stabilisiert damit die Zellwand. Toxine können dadurch nicht mehr in die Zelle eindringen und Schaden anrichten. Silibinin wirkt auch gegen oxidativen Stress im Lebergewebe. Dieser entsteht durch freie Radikale, die die Funktion von Leberzellen beeinträchtigen können. Silibinin wirkt selbst antioxidativ – das heißt, es bindet freie Radikale und macht sie dadurch unschädlich – und fördert die Produktion körpereigener Antioxidantien. Außerdem kann Silibinin potenziell toxische Metalle abfangen und unschädlich machen. All diese Eigenschaften sorgen dafür, Schaden von den empfindlichen Leberzellen abzuwenden. Doch auch bei bestehenden Schäden kann Silibinin hilfreich sein. Es fördert die Produktion von Eiweißen, die die Leberzellen für ihre Regeneration benötigen [3].
Die schützenden und regenerierenden Eigenschaften von Silymarin bestätigen auch klinische Studien. Diese demonstrierten die unterstützende Wirksamkeit bei toxischen Leberschäden etwa durch Alkohol und Knollenblätterpilzvergiftung [4]. Daneben zeigten sich positive Effekte von Silymarin oder Mariendistel-Extrakten bei Fettleber, viralen Leberentzündungen und Leberzirrhose [5].
Mariendistel als Leberschutz anwenden
Der Wirkstoffkomplex Silymarin ist fettlöslich, daher eignet sich die Teezubereitung nicht, um ihn einzunehmen. Bei der Teezubereitung werden vorwiegend wasserlösliche Bestandteile aus den Pflanzen gelöst. Für die therapeutische Anwendung sind daher standardisierte Mariendistel-Extrakt-Präparate oder Arzneimittel auf Silymarin-Basis zu bevorzugen.
Die ESCOP und Kommission E befürworteten deren Einsatz bei toxischen Leberschäden und zur unterstützenden Behandlung bei chronisch-entzündlichen Lebererkrankungen und Leberzirrhose. Das HMPC führt die Mariendistelfrüchte als Therapieoption zur symptomatischen Behandlung von Verdauungsbeschwerden wie Völlegefühl, Blähungen und Flatulenz.
Bei einer gesunden Leber ist eine Kur mit Mariendistelpräparaten nicht notwendig. Ratsam ist sie hingegen, wenn die Leber durch Gifte wie Alkohol, schädlichem Lebensstil (zum Beispiel zu fette Ernährung, mangelnde Bewegung) oder eine dauerhafte Medikamenteneinnahme beeinträchtigt wurde.
Bei Lebererkrankungen empfehle ich, Mariendistelpräparate nicht in Eigenregie, sondern in Absprache mit dem Arzt anzuwenden. Mariendistelpräparate werden in der Regel gut vertragen. Achtung: Von einer Anwendung während Schwangerschaft und Stillzeit oder bei einer bekannten Allergie gegen Mariendisteln oder Korbblütler ist abzuraten.
Umfangreiche Untersuchungen zu möglichen Wechselwirkungen der Mariendistel mit anderen Medikamenten liegen leider nicht vor. Es ist möglich, dass Mariendistel die Verstoffwechslung von Medikamenten in der Leber beeinflusst, womit diese anders als gewohnt wirken. Wer also Medikamente einnimmt, sollte die beabsichtigte Anwendung von Mariendistel zunächst mit seinem Arzt oder Apotheker besprechen.
Nach der Einnahme von Mariendistelextrakten sind leichte Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit und Mundtrockenheit möglich.
Und zum Schluss
Mariendistel trägt zum Schutz und zur Regeneration unserer wichtigen Leberzellen bei. Diese pflanzliche Unterstützung ist es besonders dann ratsam, wenn die Leber durch Lebensstil oder Erkrankungen in Mitleidenschaft gezogen wurde.
Wichtiger Hinweis!
Wie jede Wissenschaft ist die Heilpflanzenkunde ständigen Entwicklungen unterworfen. Soweit in diesem Beitrag medizinische Sachverhalte, Anwendungen und Rezepturen beschrieben werden, handelt es sich naturgemäß um allgemeine Darstellungen, die eine individuelle Beratung, Diagnose und Behandlung durch eine Ärztin, einen Arzt oder eine/einen Apothekerin nicht ersetzen können. Jede/Jeder Nutzende ist für die etwaige Anwendung und vorherige sorgfältige Prüfung von Dosierungen, Applikationen oder sonstigen Angaben selbst verantwortlich. Autoren und Autorinnen und Verlag haben große Sorgfalt darauf verwendet, dass diese Angaben bei ihrer Veröffentlichung dem aktuellen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung für Schäden oder andere Nachteile ist jedoch ausgeschlossen.
Für die meisten Heilpflanzen fehlen Studien zu Unbedenklichkeit bei der Anwendung in der Schwangerschaft und während der Stillzeit, sowie bei Säuglingen, (Klein-)Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren. Alle beschriebenen Anwendungen sollten daher, sofern nicht ausdrücklich im Beitrag anders beschrieben, bei diesen Personen und in diesen Lebensphasen nicht ohne ärztliche Zustimmung angewendet werden.
- Blaschek W, Ebel S, Hackenthal E et al. Silybum. Hagers Enzyklopädie der Arzneistoffe und Drogen. Stuttgart: WVG/Springer; 2014
- Saller R, Brignoli R, Melzer J et al. An updated systematic review with metaanalysis for the clinical evidence of silymarin. Complementary Medicine Research 2008; 15(1): 9–20
- Kleina M. Verteidigung der Leberzelle: Wie Silymarin die Leber schützt und regeneriert. Heilpflanzen 2022; 02(02): 30–31
- Strader DB, Bacon BR, Lindsay KL et al. Use of complementary and alternative medicine in patients with liver disease. The American Journal of Gastroenterology 2002; 97(9): 2391–2397
- Federico A, Dallio M, Loguercio C. Silymarin/Silybin and Chronic Liver Disease: A Marriage of Many Years. Molecules 2017; 24;22(2):191
Sebastian Vigl
Heilpraktiker mit dem Therapieschwerpunkt Phytotherapie


