ImmunsystemDer Darm – Chef unseres Immunsystems

Das Immunsystem ist ein komplexes Verteidigungssystem. Dabei übernimmt der Darm wichtige immunologische Aufgaben.

Grafisches Konzept des Darmtraktes in den Händen eines Arztes
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Darm und Immunsystem sind eng miteinander verknüpft.

Unser Immunsystem ist vielleicht die wichtigste Schaltzentrale im Organismus. Man kann sie mit dem Cockpit eines Flugzeugs vergleichen. Wie im Cockpit regelt hier der Körper durch verschiedene Regler, Knöpfe und Systeme, wie er mit Eindringlingen und Allergenen von außen umgeht. Ist im Flugzeug der Pilot der Chef, so ist im menschlichen Immunsystem der Darm der Chef. Genau genommen, ist er sogar auch Rektor und Trainer. Wir gehen hier so ausführlich auf das Immunsystem ein, weil der Darm seine Schutzschildwirkung bei vielen Erkrankungen nur zusammen mit dem Immunsystem erfüllen kann. Darm und Immunsystem sind eng miteinander verknüpft. Ist eines der beiden Organe geschwächt, verliert automatisch das andere an Stärke.

Das Immunsystem

Wenn wir Klienten fragen, wo sie eigentlich ihr Immunsystem verorten, dann werden häufig die Rachenmandeln genannt oder Blutkörperchen; manch einer hat eine vage Vorstellung, dass die Haut einen erheblichen Anteil haben muss. Aber sonst? Keine Ahnung. Für Sie exklusiv nun ein kleiner Exkurs in die Immunologie. Zunächst: Es gibt nicht nur ein Immunsystem, sondern mehrere bzw. ein System mit mehreren Komponenten. Das Immunsystem hat einen Wohnsitz im Darm und in den lymphatischen Organen: im Knochenmark, in der Thymusdrüse, in der Milz, den Lymphknoten und auch im lymphatischen Rachenring, wozu die Mandeln zählen. Aber nicht nur. Anteile des Immunsystems befinden sich in allen Grenzstrukturen, die uns gegen Eindringlinge, Fremd- und Schadstoffe nach außen abschirmen. Das ist die Haut, das sind aber auch alle Schleimhäute, wie das in der Embryonalentwicklung nach innen gestülpte Rohr, das uns von Mund bis Po als Verdauungstrakt durchzieht, das Atmungsorgan, das die eingeatmete Luft filtern muss, und die Bindehaut der Augen. An allen Pforten benötigen wir Abwehr, sie ist in der Regel perfekt organisiert und agiert kompromisslos, weder pazifistisch noch aggressiv. Solange wir gesund sind. Das Immunsystem dient dem Körper aber nicht nur zur Abwehr von Eindringlingen. Die Abwehr ist nur eine der Aufgaben des Immunsystems. Es sorgt im Körper auch für Harmonie und Balance. In unserem Organismus sind zwei Arten von Immunsystemen angelegt, die von weiteren Faktoren unterstützt werden:

Das Schleimhautimmunsystem

Dies ist das angeborene Immunsystem, das uns von Geburt an schützt. Es arbeitet unspezifisch. Dennoch kann es Fremdkörper und viele Krankheitserreger schon beim ersten Kontakt unschädlich machen. Die Immunzellen nehmen die Eindringlinge in sich auf, töten sie ab und transportieren sie weg. Zum Schleimhautimmunsystem gehören die Fresszellen (Makrophagen), die Monozyten, die Granulozyten, die Mastzellen, die natürlichen Killerzellen und das sekretorische IgA. Alle Schleimhäute im Körper sind über das Lymphsystem miteinander verbunden und kommunizieren miteinander.

Das blutständige Immunsystem 

Anders als das Schleimhautimmunsystem wird es im Laufe des Lebens erworben. Es ist ein Abwehrsystem mit den wichtigen Abwehrzellen, den B- und T-Lymphozyten, die wir unbedingt brauchen, wenn unbekannte, problematische oder gar getarnte Fremdlinge eindringen. Ein Erstkontakt kann gefährlich sein, der Eindringling schlägt zu, verpasst uns ein »blaues Auge«, wie eine Grippe. Der Körper sagt sich: Das passiert mir nicht noch einmal. Er legt sich mit seinen Gedächtniszellen eine Art Fahndungsfoto des Täters an. Taucht dieser wieder auf, kann der Körper ihn erkennen und sich spezifisch wehren, indem er gezielt Antikörper gegen ihn richtet. Die spezifische Abwehr führt zur Bildung von Immunglobulinen IgE. Dieser Lerneffekt des Körpers ist auch die Grundlage für das Impfen. 

Für die Abwehr von Eindringlingen hat sich der Körper mehrere Barrieren aufgebaut. Diese kann man sich wie einen Verteidigungsring bei mittelalterlichen Burgen vorstellen: Im äußeren Ring werden sie durch Vormauern geschützt, dann durch einen tiefen Wassergraben, dann wieder durch eine hohe Mauer mit Schießscharten und im Inneren durch weitere Verteidigungsanlagen. Wie für eine mittelalterliche Burg sind auch für den menschlichen Körper die ersten Barrieren besonders wichtig. Haben die Feinde erst mal den Wassergraben überwunden, wird die Verteidigung immer problematischer. Unser Schleimhautimmunsystem ist die erste Barriere des Körpers. Ein wichtiger »Kämpfer an der ersten Verteidigungslinie « ist das sekretorische Immunglobulin A (sIgA), das von den B-Plasmazellen gebildet wird. Man nennt das sIgA auch den Schutzantikörper des Schleimhautimmunsystems, denn es liegt wie ein schützender Film auf den Schleimhäuten. Bestimmte gute Bakterien im Darm, etwa Enterococcus faecalis, sorgen dafür, dass diese erste Barriere stabil bleibt. Dies macht man sich in der Therapie bei einem schlappen Immunsystem und immer wiederkehrenden Infekten zunutze.

Die gefährlichen Eindringlinge werden vom menschlichen Lymphsystem eliminiert. Dieses besteht aus 100 bis 200 Lymphknoten und einem Netz aus Lymphgefäßen. In den Lymphknoten wird die Lymphflüssigkeit gefiltert und Eindringlinge und Fremdkörper aussortiert. Anschließend werden sie entsorgt. Die Wichtigkeit des Lymphsystems wird oft verkannt. Dabei ist der Abtransport von Schädlingen und Giftstoffen so wichtig für unsere Gesundheit.

Notfall im Immunsystem

Bei einem Notfall für das Immunsystem wie etwa einer Unfallverletzung wird eine schnelle Einsatztruppe aktiviert – die Zellen des Immunsystems rücken so schnell aus wie die Feuerwehr bei einem Brand. Die Löschmaßnahmen des Körpers sind aber anders als die Arbeiten der Feuerwehr. Der Körper legt ein »Gegenfeuer« – die Entzündung. Auch wenn Schädlinge in den Körper eindringen, sie in der Überzahl und dem Körper bisher nicht bekannt sind, schaltet der Körper auf Angriff, der Entzündungsprozess wird aktiviert. Der Körper schüttet Entzündungsbotenstoffe aus, die sogenannten proinflammatorischen Zytokine. Unsere Abwehrzellen marschieren auf, schlagen den Feind zurück und werfen die Eindringlinge wieder raus. 

Die Arbeit des Immunsystems ist aber oft ein Ritt auf der Rasierklinge. Reagiert der Körper mit zu vielen Entzündungsbotenstoffen, kann es zu einer unkontrollierten Immunantwort kommen und diese binnen weniger Stunden zum Tod führen. Ein trauriges Beispiel dafür war der sogenannte Zytokinsturm bei jungen an der Spanischen Grippe erkrankten Menschen im Jahr 1918. Nach der kämpferischen, »feurigen« Entzündungsphase muss sich das Heer der Abwehrzellen wieder beruhigen und darf nicht im Angriffsmodus bleiben. Dazu benötigt der Körper die antientzündlichen Zytokine. Wo bei den »Kämpfen« Schäden entstanden sind, müssen diese jetzt repariert werden. Wenn der Körper aber nicht »runterfährt«, brennt das Feuer weiter oder es bleibt mindestens ein Schwelbrand bestehen. Die Folge kann eine chronische Entzündung sein. Bei einem schweren Notfall braucht der Körper alle Kraft und »alle Mann« für die Bekämpfung der Eindringlinge. Jetzt ist keine Zeit für ein großes Mittagsmahl mit Schweinefleisch und Gans oder für einen Hausputz. Tiere wissen das ganz genau, fressen bei einer Krankheit nicht und verhalten sich ganz still. Unser Körper »schickt« einem kranken Menschen Fieber, das einerseits der Immunantwort hilft und andererseits den Menschen »platt« macht, damit er auch die notwendige Ruhe einhält und nicht im Bett liegend Büroarbeiten macht und herumtelefoniert. Mitunter kommt es vor, dass das Immunsystem übermotiviert ist oder Antikörper fehlprogrammiert sind und sich das Immunsystem gegen körpereigene Strukturen richtet. So können Autoimmunkrankheiten entstehen. Entzündliche Prozesse richten sich anhaltend gegen körpereigene Strukturen. Beide verstehen einander nicht mehr. Ihre Kommunikation ist derart gestört, dass das Immunsystem eine Abwehrreaktion entwickelt. Störungen des »inneren Gleichgewichts« können sich auf den gesamten Organismus auswirken und an allen Ecken und Enden zu immunvermittelten Erkrankungen führen. 

Der Darm: immunologisch aktives Organ und Trainingszentrum

Das mukosale Immunsystem (MALT) ist der evolutionär älteste Schutzwall für den Körper. Zum MALT gehören alle Formen von Lymphozyten, die sich im zellfreien Bindegewebe entlang der Schleimhaut und auf deren Außenseite befinden. Sogenannte B-Zellen produzieren hier nur einen einzigen Antikörper, das sekretorische IgA (sIgA), das bei Durchtritt zur Außenseite mit einer Schutzgruppe versehen wird, sodass Verdauungsenzyme es nicht angreifen können. Es sorgt für Toleranz und Ruhe, indem es Nahrungsmittelantigene bindet; es aktiviert die Abwehr, indem es krankmachende Bakterien markiert; und es setzt Signale zur Heilung, wenn entzündliche Prozesse vorliegen. 

In der Schleimhaut gibt es eine weitere Zellart, die M-Zellen. Das sind immunkompetente Epithelzellen, die von einigen Wissenschaftlern als sesshaft gewordene Fresszellen (Makrophagen oder dendritische Zellen) angesehen werden. Sie können antigene Strukturen erkennen, aufnehmen und sie in aufgearbeiteter Form anderen Zellen des Immunsystems vorzeigen; man nennt sie deshalb auch »antigenpräsentierende Zellen«. Sie kommen überall in der Schleimhaut vor und sind besonders in Regionen zu finden, wo viele Eindringlinge drohen, in den Körper vorzustoßen. 
Für alle immunologischen Aufgaben des Darms ist eine gesunde Mikrobiota, eine intakte Darmbarriere mit funktionierenden Tight Junctions und eine stabile Schleimhautschicht des Darmes notwendig. Die Leistungen des Darms für unser Immunsystem sind vielfältig. In der Darmschleimhaut sitzt auch das darmassoziierte lymphatische Gewebe (GALT), das 70 % der körpereigenen Immunzellen umfasst. Manche Therapeuten nennen das GALT auch die »Darmpolizei«. Entlang der Zellen der Darmschleimhaut befinden sich Lymphozyten in organisierten Verbänden. Wenn es ein immunologisch wichtiges Ereignis zu vermelden gibt, dann leiten sie die Information an die Lymphknoten weiter, von wo aus die passende Immunantwort ausgelöst wird. Denn das GALT ist über das Lymphsystem mit dem gesamten Immunsystem verbunden. 

Der Darm ist aber auch der Sitz der Kita, der Schule und des Trainingszentrums für unsere Immunzellen. Trainer und Lehrer sind Vertreter der Mikrobiota. Sie setzen selbst immunogene Signale und kommunizieren über bestimmte, körpereigene Dolmetscher mit den Immunzellen. Dadurch erfolgt eine immunologische Schulung. Sind die Immunzellen aus der »Schule« oder dem Training entlassen, gehen sie auf Wanderschaft und wissen genau, welche Schleimhäute im Körper sie ansteuern müssen. Nur wenn die Schulung der Immunzellen im Darm funktioniert, sind die Schleimhautgrenzen nach außen geschützt. Nach getaner Arbeit befällt manche Immunzellen »Heimweh« nach dem Darm. Sie kehren in ihre Heimat zurück, was man Homing nennt. 

Auch das entwicklungsgeschichtlich viel ältere angeborene Immunsystem braucht eine gesunde Mikrobiota. Nur so ist gewährleistet, dass antimikrobiell wirksame Eiweißstoffe, die sogenannten Defensine, von den Darmzellen produziert werden können. Sie sind ein wichtiger Schutzfaktor für die Darmschleimhaut.

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kcl