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Akazienfasern sollen dem Körper eine Extra-Portion Ballaststoffe liefern. Sie werden als Nahrungsergänzung für Darmmikrobiom und Verdauung vermarktet. In den sozialen Medien ist das Thema unter dem Hashtag “Fibermaxxing” sehr populär: Hier geht es darum, viele Ballaststoffe in die Nahrung zu integrieren. Cleveres Marketing oder ist wirklich etwas dran?
Was sind Akazienfasern?
Akazienfasern bestehen aus getrocknetem Harz bestimmter Akazienbäume, die vor allem in tropischen und subtropischen Regionen gedeihen, insbesondere in der afrikanischen Sahelzone. Die Rinde wird am Stamm oder an den Ästen entfernt und der austretende Milchsaft trocknet anschließend zu dem festen Harz, das schließlich verwendet wird. Dieses ist reich an löslichen Ballaststoffen.
Die Verarbeitung erfolgt so, dass die natürlichen Eigenschaften des Harzes erhalten bleiben. Das ausgehärtete Harz wird gesammelt und anschließend gereinigt und getrocknet. Die Qualität hängt von verschiedenen Faktoren ab – etwa von der Akazienart, der Ernte und der Verarbeitung.
Das im Handel verkaufte Pulver ist das feingemahlene Harz der Akazienarten Acacia seyal und Acacia senegal. Akazienfasern sind ein veganes Naturprodukt, das u.a. aus komplexen Kohlenhydraten (Arabinogalaktane), Glykoproteinen und Mineralstoffen (Calcium, Kalium) besteht. Die Fasern sind geruchsneutral und haben keinen Eigengeschmack. Die Nährwerte von Akazienfaser-Pulver als Nahrungsergänzung variieren. Generell enthält ein Pulver pro 10 g etwa 20 kcal und ca. 8-9 g Ballaststoffe. Der glykämische Index liegt bei fast Null, da die Faser den Blutzuckerspiegel nicht beeinflusst und damit auch nicht erhöht.
Warum Ballaststoffe?
Ballaststoffe sind Nahrungsbestandteile, die wir nicht oder nur teilweise verdauen können. Sie sind v.a. in Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten, Obst und Gemüse enthalten. Ballaststoffe fördern die Verdauung, unterstützen die nützlichen Darmbakterien und sorgen für eine längere Sättigung. Zudem verringert eine höhere Ballaststoffzufuhr das Mortalitätsrisiko für Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen. Einige Studien zeigen, dass der Verzehr von Ballaststoffen die Senkung des Blutzuckerspiegels und die Gewichtskontrolle unterstützen kann.
Lösliche Ballaststoffe quellen in Gegenwart von Wasser auf und bilden ein Gel, das unsere Darmschleimhaut schützt. Dieses Gel verlangsamt auch die Aufnahme von Glukose im Darm, wodurch sich der Blutzuckerspiegel nach Mahlzeiten langsamer und weniger stark erhöht. Zudem können die löslichen Ballaststoffe das Volumen des Stuhls erhöhen und die Verdauung fördern – indem sie u.a. den nützlichen Darmbakterien als Nahrung dienen (präbiotisch). Im Darmmikrobiom werden die löslichen Ballaststoffe zu kurzkettigen Fettsäuren abgebaut, welche die Darmschleimhaut schützen und das Risiko für Magen-Darm-Krankheiten verringern.
Empfohlene tägliche Ballaststoff-Zufuhr
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt aktuell 30 Gramm Ballaststoffe täglich aufzunehmen.
Die tägliche Ballaststoffaufnahme könnte durch Akazienfasern ergänzt werden: Diese bestehen zu 80 bis 90 Prozent aus löslichen Ballaststoffen (Arabinogalaktan), sodass eine Tagesdosis von 10 g fast ein Drittel der empfohlenen Menge liefert. Unlösliche Ballaststoffe (Cellulose, Lignin) sind kaum enthalten, diese werden meist unverändert mit dem Stuhl ausgeschieden und können von den Darmbakterien nicht oder kaum verstoffwechselt werden.
Akazienfasern, Gummi arabicum oder E 414?
Ein Produkt - verschiedene Bezeichnungen: Die löslichen Ballaststoffe aus dem Harz der Akazien sind neben Akazienfaser auch als Gummi arabicum oder als E-Nummer 414 auf den Zutatenlisten der jeweiligen Produkte aufgeführt.
Gummi arabicum (E 414) wird von der EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit) als gesundheitlich unbedenklich eingestuft und ist als Verdickungsmittel und Stabilisator zugelassen. Die Lebensmittel- und Pharmaindustrie verwendet das Naturprodukt als Verdickungsmittel, Emulgator und Stabilisator - etwa bei Süßwaren, Backwaren, Eiscreme oder manchen Getränken.
Vorteilhaft ist die leichte Wasserlöslichkeit, die Bindung von Flüssigkeiten, die Geschmacksneutralität und die Verbesserung der Konsistenz von Lebensmitteln. Zudem kann das Pulver das Auskristallisieren von Zucker verhindern und Fett-Wasser-Mischungen stabilisieren. In Bezug auf hohe Temperaturen und unterschiedliche pH-Werte zeigt sich das Naturprodukt recht stabil. Diese Eigenschaften erweisen sich auch als günstig für die Herstellung von Künstlerfarben oder Hautpflegeprodukten wie Cremes.
Im Pharmabereich dient Gummi arabicum als Überzugsmittel für Tabletten oder zur Stabilisierung von Tropfen. Die Substanz kann vielseitig eingesetzt werden und ist mit anderen Zutaten verträglich. Gummi arabicum und Akazienfasern sind also im Grunde dasselbe Produkt. Wird Gummi arabicum als Nahrungsergänzungsmittel vermarktet, geschieht dies meist in Pulverform und unter der Bezeichnung Akazienfaser.
Bei Lebensmittelzusatzstoffen, in der Pharmaindustrie oder im Künstlerbedarf wird die Bezeichnung Gummi arabicum oder E 414 verwendet.
Da Akazienfasern laut Studien nützliche Darmbakterien fördern und so die Verdauung unterstützen kann, wird der Mehrwert für den Konsumenten herausgehoben.
- Sind in einem Produkt mindestens 3 g Ballaststoff pro 100 g Lebensmittel enthalten, kann es laut EU-Regelung als „eine Ballaststoffquelle“ gekennzeichnet werden.
- Sind es mindestens 6 g Ballaststoff pro 100 g, kann das Produkt als „reich an Ballaststoffen“ bezeichnet werden.
Welche gesundheitlichen Vorteile haben Akazienfasern?
Akazienfasern werden in afrikanischen und arabischen Ländern seit Jahrhunderten ganz unterschiedlich angewendet. So dient das Naturprodukt in der traditionellen afrikanischen Küche als Verdickungsmittel in Suppen oder Saucen, im künstlerischen Bereich als Bindemittel für Pigmente und im Handwerk zur Herstellung von natürlichem Klebstoff. In der traditionellen Medizin werden Akazienfasern zur Wundheilung, bei Halsentzündungen, Magen-Darm-Beschwerden, Nierenproblemen und zur Infektionsabwehr eingesetzt.
Darmgesundheit
Die ballaststoffeichen Akazienfasern können als Präbiotikum positiv auf die Darmgesundheit einwirken. Präbiotika dienen den nützlichen Probiotika (Bakterien) als Nahrung. Diese werden von den nützlichen Darmbakterien gezielt abgebaut, was deren Vermehrung und Aktivität fördert.
Studien zeigen:
- Nach der Einnahme von Akazienfasern nimmt die Anzahl der gesundheitsförderlichen Bakterienarten Bifidobacterium und Lactobacillus deutlich zu.
- Die Fasern werden im Dickdarm zu kurzkettigen Fettsäuren abgebaut, was die Darmschleimhaut stärkt, vor Entzündungen schützt und die Immunabwehr verbessert.
- Das Naturprodukt verringert zudem schädliche Darmbakterien wie E. coli und Clostridium.
Zahngesundheit
Akazienfasern kommen auch als Mittel bei der Mundhygiene zum Einsatz. In Studien wurden die Akazienfasern als Paste auf die Zähne aufgetragen und anschließend ausgespült. Es hat sich gezeigt:
- Die direkte Anwendung auf Zähnen und Zahnfleisch zeigte in Studien einen deutlich geringeren Gingiva- und Plaque-Index. Hier scheinen die Fasern antimikrobiell gegen karies- und entzündungsfördernde Bakterien zu wirken.
- Zudem enthalten sie für die Zahnstruktur wichtige Mineralstoffe wie Calcium, Magnesium und Kalium. Dadurch soll die Remineralisierung des Zahnschmelzes angeregt werden, da u.a. der Calciumstoffwechsel positiv beeinflusst wird.
Hier wird noch weiter geforscht.
Sättigungsgefühl
Wissenschaftler der University of Minnesota untersuchten in einer kleinen Studie die Wirkung der Einnahme von 20 g bzw. 40 g Akazienfasern auf das Sättigungsgefühl bei gesunden Erwachsenen. Die Probanden erhielten randomisiert an 3 unterschiedlichen Terminen 3 Mahlzeiten. Die Ergebnisse zeigten:
- Erhielten die Probanden 40 g Ballaststoffe, verspürten sie 15 Minuten nach dem Verzehr im Vergleich zur Kontrollgruppe weniger Hunger, ein stärkeres Sättigungsgefühl und ein höheres Völlegefühl.
- 240 Minuten nach dem Verzehr der 40-g-Ballaststoff-Zufuhr war der Hunger der Probanden im Vergleich zur Kontrollgruppe geringer.
- Die Teilnehmer berichteten nach dem Verzehr der 40-g-Gummi-Akazien-Dosis jedoch häufiger über Blähungen.
Insgesamt zeigte die Einnahme von Akazienfasern eine Verbesserung des Sättigungsgefühls nach dem Verzehr. Weitere Studien sind jedoch erforderlich, um diese Ergebnisse zu unterstützen.
Reizdarm und Verstopfung
Präbiotische Ballaststoffe und probiotische Verbindungen sind vielversprechende Ansätze zur Linderung von Beschwerden bei Reizdarmsyndrom mit Verstopfung. Sie können die Zusammensetzung des Darmmikrobioms positiv beeinflussen, die Darmmotilität anregen und Entzündungen reduzieren.
In einer Studie wurden 4 Wochen lang entweder Akazienfasern mit präbiotischen Eigenschaften oder ein probiotisches Bifidobacterium-Präparat im Vergleich zu einem Kontrollpräparat untersucht. Im Fokus standen die möglichen Wirkungen auf Stuhlgang, Reizdarm-Symptome und Lebensqualität bei Personen mit Reizdarmsyndrom. Die Auswertung ergab:
- Die tägliche Nahrungsergänzung mit Akazienfasern und probiotischen Präparaten erzielte positive Auswirkungen hinsichtlich der Verstopfungsprobleme.
Auch hier sind noch weitere Studien nötig.
Flohsamen oder Akazienfasern?
Akazienfasern wirken ähnlich wie Flohsamenschalen und sind eine interessante sowie gut verträgliche Alternative.
Im Unterschied zu den Flohsamenschalen quellen Akazienfasern weniger auf und gelten deshalb als mildere Alternative. Sie wirken vorwiegend präbiotisch. Zudem ist die Faser geschmacksneutral und gut löslich, sodass die Konsistenz von Getränken nicht beeinträchtigt wird.
Flohsamenschalen hingegen quellen beim Kontakt mit Flüssigkeiten stark und gelartig auf. Akazienfasern wirken ebenso wie Flohsamenschalen auf die Stuhlkonsistenz und unterstützen bei Verstopfung und Durchfall.
Nebenwirkungen
Im Vergleich zu anderen Ballaststoffen verursachen Akazienfasern seltener Blähungen, außer bei zu hoher Zufuhr (mehr als 30 g). Allerdings ist die Verträglichkeit individuell verschieden. In vielen Studien mit hohen Dosierungen wird Akazienfasern eine gute Sicherheit und Verträglichkeit bescheinigt.
In einer Studie wurde festgestellt, dass Gummi arabicum als Emulgator in Fertigprodukten das Risiko für Typ-2-Diabetes erhöhen kann. Hier wird noch weiter geforscht. Vermutlich trifft diese Beobachtung vor allem im Zusammenhang mit dem Verzehr von (ungesunden) Fertigprodukten zu und einer ungesunden Ernährung. Wird der Ballaststoff unabhängig von Fertigprodukten eingesetzt, überwiegen bisher die Vorteile.
Tipps zur Einnahme von Ballaststoffen
- Ballaststoffe können die Aufnahme und Bioverfügbarkeit von Nährstoffen verringern.
- Deshalb ist es empfehlenswert, sie im zeitlichen Abstand zu einer Mahlzeit einzunehmen, z.B. 20 bis 30 Minuten vor einer Mahlzeit.
Nachhaltigkeit
Akazienfasern gelten aus mehreren Gründen als nachhaltiges und ökologisch wertvolles Produkt:
- Die Fasern werden vorwiegend wild in der Subsahara-Region gesammelt. Sie stammen also nicht aus Monokulturen mit typischen Umweltproblemen wie Pestizideinsatz, Kunstdünger und künstlicher Bewässerung.
- Die Akazienbäume werden für die Gewinnung des Harzes nicht gefällt, sondern angezapft.
- Das Produkt ist natürlich ohne chemische Behandlung und ohne Gentechnik.
- Das Sammeln des Baumharzes bietet den Einwohnern der jeweiligen Länder ein zusätzliches Einkommen und schafft durch die Handarbeit vor Ort Arbeitsplätze.
- Ökologisch gesehen helfen Akazienbäume dabei, die Ausbreitung von Wüsten zu verlangsamen.
Fazit
Nach dem derzeitigen Kenntnisstand scheinen Akazienfasern eine vielversprechende, aber bei ausgewogener Ernährung nicht unbedingt notwendige Ergänzung zur täglichen Ballaststoffaufnahme zu sein.
Es bleibt abzuwarten, welche medizinischen Erkenntnisse ergänzt werden.
- Al-Jubori Y et al. The Efficacy of Gum Arabic in Managing Diseases: A Systematic Review of Evidence-Based Clinical Trials. Biomolecules 2023; doi: 10.3390/biom13010138
- Guan ZW et al. Soluble Dietary Fiber, One of the Most Important Nutrients for the Gut Microbiota. Molecules 2021; doi: 10.3390/molecules26226802
- Hashim NT et al. Gum Arabic as a potential candidate in quorum quenching and treatment of periodontal diseases. Front Oral Health 2024; doi: 10.3389/froh.2024.1459254
- Hosobuchi C et al. Efficacy of acacia, pectin, and guar gum-based fiber supplementation in the control of hypercholesterolemia. Nutrition Research 1999; doi: 10.1016/S0271-5317(99)00029-9
- Janssen Duijghuijsen L et al. Acacia fiber or probiotic supplements to relieve gastrointestinal complaints in patients with constipation-predominant IBS: A 4-week randomized double-blinded placebo-controlled intervention trial. Eur J Nutr 2024; doi: 10.1007/s00394-024-03398-8
- Larson R et al. Acacia Gum Is Well Tolerated While Increasing Satiety and Lowering Peak Blood Glucose Response in Healthy Human Subjects. Nutrients 2021; doi: 10.3390/nu13020618
- Saha MR et al. Pharmacological benefits of Acacia against metabolic diseases: intestinal-level bioactivities and favorable modulation of gut microbiota. Archives of Physiology and Biochemistry 2024; doi: 10.1080/13813455.2021.1966475
- Salame C et al. Food additive emulsifiers and the risk of type 2 diabetes: Analysis of data from the NutriNet-Santé prospective cohort study. Lancet Diabetes Endocrinol 2024; doi: 10.1016/S2213-8587(24)00086-X
Johanna Zielinski

Johanna Zielinski ist Diplom-Ökotrophologin (Ernährungswissenschaften) und absolviert derzeit eine Weiterbildung im Bereich Psychologie. Journalistische Stationen erfolgten beim WDR sowie einem privaten Radiosender. Sie ist als Ernährungsberaterin sowie als freie Autorin und Sprecherin tätig.





