
Neurodivergente Menschen – darunter Personen mit ADHS oder Autismus – stoßen im Berufsleben oft auf erhebliche Hürden. Eine aktuelle Promotionsarbeit der Psychologin Kerstin Erdal an der FernUniversität in Hagen beleuchtet, wie Betroffene besser in den Arbeitsmarkt integriert werden können und welche strukturellen Veränderungen dafür notwendig sind.
ADHS und Autismus sind neurologische Entwicklungsstörungen, die mit individuellen Herausforderungen im Alltag und Berufsleben einhergehen. In Deutschland leben schätzungsweise 1–2 % der Erwachsenen mit einer Autismus-Diagnose, bei ADHS sind es etwa 2–3 %. Die Dunkelziffer könnte höher liegen, da eine Diagnose eine psychologische Untersuchung voraussetzt.
Arbeitsmarkt: Hürden und Chancen
Nur etwa 40 % der Menschen mit Autismus sind in Deutschland berufstätig. Bei ADHS-Betroffenen ist nicht die Jobsuche, sondern das Halten einer Stelle oft problematisch. „Menschen mit Autismus haben oft Probleme bei der Jobsuche. In Deutschland stehen nur vier von zehn Personen mit Autismus in einem Arbeitsverhältnis. Bei Personen mit ADHS ist das Beibehalten der Stelle oft ein Problem“, sagt Kerstin Erdal. Arbeitslosigkeit wirkt sich stark auf die psychische Gesundheit aus. Langzeitarbeitslosigkeit kann zu Depressionen und Angststörungen führen. Erdal betont: „Es zeigt sich, dass Arbeit und Gesundheit eng miteinander verknüpft sind.“
Individuelle Lösungen für neurodivergente Mitarbeitende
Die Forschung zeigt, dass ein passendes Arbeitsumfeld entscheidend ist. Neurodivergente Menschen haben oft besondere Fähigkeiten und eine hohe Motivation – vorausgesetzt, die Rahmenbedingungen stimmen. „Wenn Arbeitgeber:innen mit ihnen gemeinsam ein passendes Umfeld schaffen, profitieren beide Seiten“, so Erdal.
Geeignete Maßnahmen können sein:
- ruhige Arbeitsumgebungen
- unterstützende Technik
- Rückzugsbereiche
- klare Strukturen und Anweisungen
- Homeoffice-Möglichkeiten
„Wichtig ist, dass diese Lösungen individuell vereinbart werden sollten. Denn ADHS oder Autismus fallen nicht bei jeder Person gleich aus“, erklärt Erdal.
Stress und soziale Interaktion
Neurodivergente Menschen nehmen Stress intensiver wahr. In ihrer Studie kombinierte Erdal qualitative und quantitative Methoden, darunter Interviews und Tagebuchanalysen. „Soziale Interaktion und Zugehörigkeit sind ihnen besonders wichtig“, sagt sie. Gleichzeitig sind Konflikte am Arbeitsplatz eine große Belastung – insbesondere für autistische Personen, die Schwierigkeiten in der Kommunikation haben, und für Menschen mit ADHS, die impulsiv reagieren können.
Eine Vertrauensperson im Team kann helfen, Konflikte zu entschärfen und Aufgaben besser zu erklären. Ein Teilnehmer berichtete: „Ich bin der Nachfrager und empfinde mich dadurch als nervig.“ Die stärkere Stresswahrnehmung lässt sich auch neurobiologisch erklären. „Das geht tief in die Neuropsychologie. Bei Personen mit ADHS und Autismus fällt bei MRT-Bildern eine Veränderung in der Funktionsweise der Amygdala des Gehirns auf“, so Erdal. Die Amygdala ist für die Verarbeitung von Angst und Aggression zuständig.
Fazit
Kerstin Erdal möchte mit ihrer Forschung zur Sensibilisierung beitragen und Betroffene stärken. „Wir alle haben Stress, aber es gibt Strategien, um damit umzugehen.“ Ziel ist es, dass neurodivergente Menschen ihre Arbeitsstelle behalten können – ohne Angst zur Arbeit zu gehen.
In Zeiten des Fachkräftemangels sei es ein Fehler, auf die Expertise dieser Menschen zu verzichten. Ihre besonderen Fähigkeiten – etwa das Strukturieren chaotischer Prozesse – sind ein Gewinn für jedes Team.
kcl



