SchmerzenWie und wo entsteht Schmerz?

Schmerz findet nicht dort statt, wo wir ihn fühlen und der Kopf entscheidet aufgrund von Erfahrung, wie stark wir den Schmerz empfinden. 

Ein Mann hält mit den Händen sein linkes, schmerzendes Knie fest
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Die Wahrnehmung von Schmerz setzt nicht gleichzeitig mit der Verletzung ein, sondern etwas später.

Der Prozess »Schmerz« beginnt mit der Stimulation verschiedener Nervenrezeptoren, sobald eine Körperstruktur beschädigt wurde. In diesem Moment sendet ein spezieller Rezeptor, der Nozizeptor, ein Signal an das Gehirn: »Achtung! Beschädigtes Gewebe!« Die Wahrnehmung von Schmerz setzt nicht gleichzeitig mit der Verletzung ein, sondern etwas später; erst nachdem das Signal gesendet und verarbeitet wurde. Eine Schnittwunde schmerzt nicht sofort. Richtig weh tut sie erst, nachdem Sie ein Pflaster drauf gemacht haben.

Schmerz ist ein sinnvolles Alarmzeichen

Bei einer akuten Verletzung sorgt Schmerz dafür, dass zunächst kein weiterer Schaden am Körper entsteht. Manchmal dadurch, dass die verletzte Stelle nicht mehr bewegt werden kann, bis sie professionell versorgt worden ist. Der Schmerz funktioniert ähnlich wie eine Alarmanlage.

Der Einsatz der Retter hängt von der Erfahrung ab

Nehmen wir an Sie lebten in einem Haus, und fürchteten sich vor ungebetenen Gästen bei Nacht. Sie lassen von einer Sicherheitsfirma ein Alarmsystem installieren, das Sie gegen Einbruch schützen soll. Und wirklich passiert es, dass ein unvorsichtiger Gauner versucht, in Ihr Haus einzudringen. Er bricht das Schloss der Eingangstüre auf! Und genau in diesem Moment reagiert die Alarmanlage, die Sie eingerichtet haben: Sie sendet ein Signal an eine Einsatzzentrale, entweder bei der Polizei oder der Sicherheitsfirma: »Achtung! Beschädigtes Schloss!« Bis hierher ist noch nichts geschehen, außer, dass der Gauner vermutlich durch das akustische Signal erschrocken ist. Die Rettung durch Einsatzkräfte ist noch nicht vor Ort, es wurde nur ein Alarmsignal an die Einsatzzentrale geschickt. Erst nach dem Empfang des Warnsignals schickt die Polizei Beamte per Blaulicht los. Zwischen der Zerstörung des Schlosses und dem Einsatz der Rettungskräfte vergeht Zeit. Die Anzahl der Helfer, die zum Einsatz ausgeschickt werden, basiert auf der Erfahrung in der Vergangenheit: Ist der Einbrecher vermutlich allein, oder handelt es sich um eine Bande? Wie geschickt wurden Schlösser bisher aufgebrochen? Wie lange hat es gedauert, bis der oder die Einbrecher im Haus waren? Wie hoch war der Schaden? All diese Kriterien werden bei der Wahl der Hilfsmittel und Anzahl Einsatzkräfte mit einbezogen.

Analogie zur Schmerzwahrnehmung

Von der Verletzung einer Gewebestruktur bis zur Wahrnehmung von Schmerz vergeht ebenfalls Zeit. Das Schloss an Ihrer Haustüre steht für das verletzte Gewebe am Körper, das Alarmsignal wird von den Nozizeptoren ausgelöst und die Sicherheitsfirma oder Polizeistation befindet sich in Ihrem Gehirn. Die Intensität des Schmerzes basiert auf der Erfahrung in Ihrer Vergangenheit. Sie können auf Ihre Schmerzwahrnehmung bewusst Einfluss nehmen, indem Sie Ihren Retter aktivieren. Das Gehirn reagiert auf Realität und Vision in der gleichen Weise. Das Ergebnis ist nicht immer zu Ihrem Vorteil, denn es bestimmt Ihre Wahrnehmung von Schmerz. Das geschieht nicht nur aufgrund in der Vergangenheit gemachter Erfahrungen; aus diesen Erkenntnissen formt es auch zukünftige Reaktionen. Dazu ein Beispiel aus meinem Bekanntenkreis: Max, ein entfernter Bekannter meiner Familie, muss die Küche verlassen, wenn seine Frau beim Kochen ein scharfes Messer in die Hand nimmt. Ich habe erlebt, wie er zitterte, seine Atmung wurde flach, sein Puls raste und Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er musste sich setzen, um nicht ohnmächtig zu werden. Der Mann ist noch keine 40 Jahre alt! Natürlich war ich neugierig und wollte wissen, woher diese heftige Reaktion kam. Und er erzählte mir, dass er sich vor einigen Jahren beim Zwiebelschneiden so verletzte, dass die Kuppe seines linken Zeigefingers angenäht werden musste. Der ganze Prozess war traumatisch, von der Fahrt ins Krankenhaus mit dem nicht enden wollenden Blutfluss, bis hin zum Annähen der Fingerkuppe. Leider wollten sich die beiden getrennten Gewebsstrukturen nicht mehr so einfach wieder verbinden, die Wunde entzündete sich, die vielen Verbandswechsel wurden zur Höllenqual. Viele Wochen vergingen, bis der Heilungsprozess endlich in Gang kam. Die Schmerzen ließen nach, die Wunde verheilte. Ich bat Max, mir den betroffenen Finger zu zeigen. Es war kaum eine Narbe zu erkennen, nicht einmal eine Schwellung. Das verletzte Gewebe war vollkommen verheilt. Und dennoch: Beim Anblick eines scharfen Messers nimmt Max nicht nur starke Schmerzen wahr, sondern sein gesamter Körper versagt ihm den Dienst!

Nun kennen Sie bereits zwei wichtige Faktoren, die die Wahrnehmung von Schmerz beeinflussen: Die Erfahrung aus der Vergangenheit gepaart mit der Angst vor der Zukunft. Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern. Die Zukunft kann keiner kennen. Dennoch produziert Ihr Gehirn Angst. Die Angst soll Sie davon abhalten, Ihren Körper erneut einer Gefahr auszusetzen. Grundsätzlich ist das eine sehr nützliche Funktion des Gehirns, doch eben nicht immer und nicht in jeder Situation. Wenn Max keine Möglichkeit findet, sein Gehirn zu beherrschen, wird er nie mehr ein Messer in die Hand nehmen können, ohne Gefahr zu laufen, ohnmächtig zu werden.

Quelle: Neurocoaching - Wie der Körper den Schmerz vergisst
 kcl