BlasenentzündungPhytotherapie bei rezidivierenden Harnwegsinfektionen

Bei unkomplizierten Erkrankungsverläufen können anitiinfektiv wirksame Phytotherapeutika wegen ihrer guten Verträglichkeit adjuvant oder zur alleinigen Therapie eingesetzt werden.

Inhalt
Nahaufnahme von 2 Blüten der Kapuzinerkresse
K. Oborny/Thieme
Kapuzinerkresse enthält antientzündlich wirkende Senfölglykoside.

Harnwegsinfektionen (HWI) zählen zu den am häufigsten auftretenden bakteriellen Infektionen und sind deshalb der zweithäufigste Grund für eine antibiotische Therapie. Infolgedessen ist das Resistenzniveau von Erregern unkomplizierter HWI in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen [1]. Tatsächlich werden die Nachteile eines großzügigen Einsatzes von Antibiotika immer offensichtlicher: Er führt infolge der engen Verknüpfung von Umwelt, Tierreich und Menschen („One Health“) zur Zunahme von Antibiotikaresistenzen, die mittlerweile als große Bedrohung der menschlichen Gesundheit gesehen werden [2]. Antibiotikaassoziierte Kollateralschäden sind Auswirkungen des Antibiotikaeinsatzes, die über unerwünschte Arzneimittelwirkungen beim individuellen Patienten hinausgehen und langfristige Resistenzentwicklungen und andere Schäden im Individuum und auf Populationsebene bewirken.

Antibiotikaassoziierte Kollateralschäden gehen über den Grad individueller unerwünschter Arzneimittelwirkungen hinaus.

Die Resistenzen werden hauptsächlich durch den unsachgemäßen Einsatz von Antibiotika verursacht, z.B. durch den Einsatz von unnötigen oder nicht leitliniengerechten Antibiotika im ambulanten Bereich [3]. Dieser kann, ebenso wie eine antibiotische Langzeittherapie, wie sie z.B. bei chronisch rezidivierenden HWI (rHWI) erfolgt, zur Resistenzentwicklung gegen das betreffende Antibiotikum selbst führen. Ein Antibiotikum kann zudem einer Resistenzentwicklung gegenüber anderen Antibiotikaklassen Vorschub leisten. Epidemiologisch und klinisch bedeutsam sind in diesem Zusammenhang u.a. das Auftreten von ESBL (extended-spectrum beta-lactamases), MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) und VRE (Vancomycin-resistente Enterokokken) [1].

Zudem können Antibiotika das Mikrobiom schädigen, dem eine zentrale Rolle beispielsweise in der Immunantwort, beim Schutz vor übermäßigem Pathogenwachstum und bei endokrinen Funktionen zugeschrieben wird. Bei einer Dysbalance im Mikrobiom können sich multiresistente Bakterien in den entstandenen ökologischen Nischen ansiedeln, sie trägt zudem zur Pathogenese von Autoimmun- oder malignen Erkrankungen bei [4]. Viele Antibiotika haben schließlich starke Nebenwirkungen bis hin zu Toxizitäten. Um diese Probleme zu vermeiden, sollten so weit wie möglich Alternativen zu Antibiotika erwogen werden.

Rezidivierende Harnwegsinfektionen

Den nachfolgenden Aussagen in dieser Übersicht liegt teilweise die Konsultationsfassung der aktualisierten S3-Leitlinie „Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener HWI bei Erwachsenen“ zugrunde [1]. Sie dürfte aber von der bei der Publikation dieses Artikels vermutlich verfügbaren Endfassung nur wenig abweichen. In dieser Leitlinie wurde u.a. der Stellenwert nicht antibiotischer Maßnahmen in der Rezidivprophylaxe bzw. der Therapie im Vergleich zur abgelaufenen Leitlinie systematisch überarbeitet.

Symptomatik, Definition, Häufigkeit

Akute HWI und Infektionsrezidive gehen mit Dysurie und Pollakisurie, zum Teil auch mit Makrohämaturie einher. Die Harnblase wird dabei nicht komplett gefüllt und nicht ausreichend durchgespült. Dies erleichtert die Adhäsion von bestimmten Bakterien in den Harnwegen und der Blase. Die Spontanheilungsrate der akuten unkomplizierten Zystitis liegt nach einer Woche bei etwa 30–50 % [1]. Die Infektionsrezidive sind in der Regel nicht bedrohlich, führen aber zu erheblichen Beeinträchtigungen der Patientinnen, insbesondere bei körperlicher Intimität, Sozialkontakten, Selbstwertgefühl und Arbeitsfähigkeit [1].

Bei nicht schwangeren Frauen in der Prämenopause ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen spricht man bei ≥ 3 HWI innerhalb von 12 Monaten und ≥2 HWI innerhalb von 6 Monaten von rHWI [1]. Diese Definition gilt auch für Frauen in der Postmenopause ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen, für jüngere Männer ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen bzw. komplizierende Faktoren und für Patienten mit Diabetes mellitus und stabiler Stoffwechsellage ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen. Bei Schwangeren ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen spricht man von rHWI bei mindestens einer Harnwegsinfektion während und einer oder mehreren vorausgegangenen Infektionsepisoden vor oder nach Beginn der Schwangerschaft.

In klinischen Studien bei Frauen mit HWI werden Häufigkeiten von rHWI zwischen 8 % und 20 % angegeben [5]. Bei Frauen in der Postmenopause ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen erklärt sich die leicht erhöhte Häufigkeit von 16,4 % [5] durch Harninkontinenz, eine Zystozele, erhöhten Restharn und eine Zunahme unkomplizierter Rezidive bei vaginalem Hormonmangel mit Dysbiose im Scheidenbereich [1]. Auch bei Frauen mit Diabetes mellitus ist das Risiko leicht erhöht [1].

Diagnostik

Der Goldstandard zur Diagnose einer Harnwegsinfektion ist bei entsprechender Anamnese und typischen Beschwerden die Untersuchung des Mittelstrahlurins einschließlich quantitativer Urinkultur und deren Beurteilung. Erregerzahlen von > 103 koloniebildenden Faktoren (KBE)/ml können bei entsprechenden klinischen Symptomen bereits klinisch relevant sein. Die Bedeutung der Urinkultur ist wegen der stark gestiegenen Prävalenz multiresistenter Erreger bei ambulant erworbenen HWI gestiegen. In einer Untersuchung bei Frauen zwischen 18 und 98 Jahren (Median: 57 Jahre) mit unkomplizierter HWI wurde in 1435 positiven Urinkulturen Escherichia coli (75,4 %) nachgewiesen, gefolgt von Klebsiella pneumoniae (5,5 %) und Enterococcus spp. (5,2 %). Bei den 357 Proben von Patientinnen mit rHWI und Nachweis von E. coli lagen die Resistenzanteile für die geprüften Antibiotika unter 15 %, außer bei Trimethoprim (21,4 %) und Cotrimoxazol (19,3 %) [5].

Bei rHWI bei nicht schwangeren und schwangeren Patientinnen in der Prämenopause, bei Patientinnen in der Postmenopause ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen und bei Patienten mit Diabetes mellitus und stabiler Stoffwechsellage ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen sollten eine Urinkultur und eine Sonografie, aber keine invasive Diagnostik erfolgen. Bei jüngeren Männern ohne sonstige relevante Begleiterkrankungen wird zudem eine Untersuchung auf eine chronische Prostatitis empfohlen [1].

Die quantitative Urinkultur mit Erregeridentifikation und Empfindlichkeitsprüfung ist eine unentbehrliche Voraussetzung für eine gezielte Therapie mit Antibiotika, mit der die Resistenzzunahme harnwegsinfektionsassoziierter Bakterien reduziert werden kann.

Therapie von rezidivierenden Harnwegsinfekten

Verhaltensänderungen

Bei rHWI der Frau in der Prämenopause ohne sonstige Begleiterkrankungen soll vor jeder medikamentösen Langzeitprävention eine ausführliche Beratung der Patientin zur Vermeidung von Risikoverhalten erfolgen [1]. Das Risiko erhöhende Faktoren sind:

  • Adipositas (Faktor 2,5–5),
  • Obstipation,
  • sitzende Tätigkeit von > 2 Stunden pro Tag,
  • habituelle Harneinhaltung,
  • in der Postmenopause zudem erhöhter Restharn.

Die Rate an HWI korreliert zudem mit der Rate an Genitalkontakten (Erhöhung des Risikos um das bis zu 60-Fache) [1].

Zur Risikominderung soll die Flüssigkeitszufuhr auf etwa 2,5 Liter pro Tag gesteigert werden, davon sollten mindestens 1,5 Liter Wasser sein [1]. Eine Reduktion des Risikos von HWI ist zudem bei regelmäßigem Verzehr von Fruchtsäften, insbesondere aus Beeren, sowie von mit probiotischen Bakterien fermentierten Milchprodukten beschrieben [1]. Präventive Hygienemaßnahmen wie z.B. Abwischtechnik nach dem Stuhlgang von vorne nach hinten sowie Wannenbäder ohne Badezusätze führten in Studien zu widersprüchlichen Resultaten, Intimsprays oder Bidetspülungen sind nicht zielführend [1]. Diese Aussagen und Empfehlungen sind in der S3-Leitlinie nicht explizit auch für die anderen betroffenen Patientengruppen aufgeführt worden, weil bisher keine oder nicht ausreichende Untersuchungen vorliegen.

Immunmodulierende Therapie

Als alternative Therapieoption zur antibiotischen Langzeittherapie bei rHWI für Frauen in der Prämenopause ohne sonstige Begleiterkrankungen sollte aufgrund einer relativ günstigen Studienlage eine Behandlung mit OM-89 (6 mg lyophilisierte bakterielle Lysate von 18 Escherichia-coli-Stämmen) über 3 Monate angeboten werden [1]. Klinische Studien mit Probiotika sowie mit D-Mannose haben bisher nicht zu eindeutigen Ergebnissen geführt. Bei unkomplizierter rHWI der Frau in der Postmenopause ohne sonstige Begleiterkrankungen sollte eine vaginale Rezidivprävention mit 0,5 mg Estriol/Tag angeboten werden [1].

Antibiotische Langzeittherapie

Erst nach Versagen von Verhaltensänderungen und nicht antibiotischen Präventionsmaßnahmen sowie bei hohem Leidensdruck sollte bei unkomplizierter rHWI der Frau in der Prämenopause ohne sonstige Begleiterkrankungen eine kontinuierliche antibiotische Langzeitprävention über 3–6 Monate angeboten werden. Hinsichtlich der Substanzwahl, Dosierung und Dauer der Prävention fehlen bei der geriatrischen Population belastbare Daten zur Langzeitantibiotikatherapie [1]. Zu den anderen oben aufgeführten Patientengruppen äußert sich die Leitlinie nicht.

Virulenzfaktoren von uropathogenen Escherichia coli

Bei rHWI werden in der S3-Leitlinie im Sinne einer Stufentherapie als weitere nicht antibiotische Therapieoptionen auch Phytotherapeutika vor der antibiotischen Langzeitprophylaxe empfohlen [1]. Zum besseren Verständnis ihrer Wirkmechanismen sollen die Virulenzfaktoren der uropathogenen Escherichia coli (UPEC), die am häufigsten die Harnblase kolonisieren, näher vorgestellt werden.

UPEC verfügen über mehrere Virulenzfaktoren, deren Kombination die Kolonisation begünstigt. Dazu gehören Oberflächenstrukturkomponenten wie z.B. Lipopolysaccharide, die eine Resistenz gegen hydrophobe Antibiotika vermitteln, und verschiedene Pili-Typen, mit denen die UPEC an die Blasenwand andocken. Die P-Pili setzen Adhäsine frei, mit denen sie an mannosylierte Proteine des Blasenepithels binden, anschließend werden Toxine wie z.B. Alpha-Hämolysin ausgeschüttet, die die lokale Epithelabschilferung und die Aszension von UPEC in den Ureter unterstützen. Die langen Geißeln der UPEC sind für deren Motilität sowie für die Adhäsion und Invasion zuständig und spielen zudem eine Hauptrolle bei der Biofilmbildung, die durch eine Sekretion von löslichen monomeren Proteinen durch die UPEC unterstützt wird [6].

Bei der Entstehung von HWI bzw. rHWI durch UPEC sind folgende Schritte bedeutsam:

  • die Kolonisation der periurethralen und vaginalen Bereiche der Urethra
  • die Aszension von UPEC in das Blasenlumen und ein Wachstum als planktonische Zellen im Urin
  • die Adhärenz an das Blasenepithel und die Interaktion mit dem lokalen Abwehrsystem
  • die Biofilmbildung
  • die Invasion in die Zellen der Harnblasenwand, die intrazelluläre Replikation und die Bildung von intrazellulären Bakteriengemeinschaften
  • die Abstoßung von nekrotischen bakterienhaltigen Harnblasenzellen einschließlich der Freisetzung von UPEC in das Harnblasenlumen
  • die Bildung von im Suburothel ruhenden intrazellulären Bakterienreservoiren
  • die Abstoßung von ruhenden intrazellulären Bakterienreservoiren: Sie führt zur Freisetzung von Bakterien und damit zum Rezidiv der Harnwegsinfektion.

Ein Antibiotikum kann nur bei den Schritten 1–3, 6 und 8 wirken, das heißt, wenn die Bakterien mit dem im Urin gelösten Wirkstoff in Kontakt kommen und nicht durch einen Biofilm, die Urothelzellen oder andere Strukturen geschützt sind.

Körpereigene Abwehrmaßnahmen bei Harnwegsinfektionen

Die Adhäsion der UPEC an die Blasenendothelzellen und ihre Internalisierung induziert die Bildung von antimikrobiellen Peptiden (z.B. Cathelicidin, ß-Defensin) und Ausscheidung von Uromodulin (mannosehaltiges Glykoprotein) in den Urin, das sich an Adhäsionsproteine der UPEC bindet. Bereits in das Blasenendothel eingedrungene UPEC werden in Kompartimente verpackt und mittels Exocytose ins Blasenlumen befördert. Durch den häufigeren Harndrang als Folge der Entzündungsreaktion werden im Urin befindliche, adhärierende und abgestoßene Bakterien(komplexe) entfernt. Bei Versagen dieser Abwehr- und Exportmechanismen wird schließlich das UPEC-haltige Blasenepithel in den Urin abgestoßen. Dies begünstigt jedoch die Invasion von besonders virulenten UPEC-Stämmen in das Subepithel, die Bildung von ruhenden intrazellulären Bakterienreservoiren und damit die Persistenz von UPEC [6].

Pflanzliche Antiinfektiva bei rezidivierenden Harnwegsinfektionen

Die bei HWI bzw. rHWI verwendeten Arzneidrogen, die in Aquaretika und Harnwegsdesinfizientien eingeteilt werden, können aufgrund ihres unterschiedlichen und komplexen Inhaltsstoffspektrums bei den Kolonisationsschritten 1–6 und 8 wirken und die körperlichen Abwehrmaßnahmen unterstützen. Sie haben ein sehr breites Wirkungsspektrum bei guter Verträglichkeit.

Aquaretika

Am häufigsten als Aquaretika (Durchspülungsmittel) verwendet werden Birkenblätter (Betulae folium), Brennnesselkraut (Urticae herba), Goldrutenkraut (Solidaginis herba), Hauhechelwurzel (Ononidis radix), Queckenwurzel (Graminis rhizoma), Schachtelhalmkraut (Equiseti herba), Spargelwurzelstock (Asparagi rhizoma) und Wacholderbeeren (Juniperi galbulus). Sie enthalten unterschiedliche für die Wirkung relevante Inhaltsstoffe wie vasodilatierende, kapillarabdichtende, spasmolytisch und antientzündlich wirksame Flavonoide, osmotisch bzw. antientzündlich wirksame Saponine, die rasch metabolisiert und renal eliminiert werden, sowie ätherische Öle.

Saponine und ätherische Öle steigern zudem leicht die glomeruläre Filtrationsrate durch Reizwirkung auf das Nierenepithel und erhöhen damit das Urinvolumen. In In-vitro-Studien wurden zudem für einige Aquaretika schwache antimikrobielle Effekte sowie Wirkungen auf verschiedene Virulenzfaktoren festgestellt, z.B. eine Hemmung von Motilität, Adhäsion oder Biofilmbildung von UPEC [7] [8].

Mehrmals täglich oral anzuwendende Fertigarzneimittel enthalten am häufigsten Extrakte aus Goldrutenkraut, Orthosiphonblättern und/oder Hauhechelwurzel. Hier sind Mono- oder Kombinationspräparate verfügbar. Außerdem sind viele Arzneitees als Fertigarzneimittel erhältlich, die oft Birkenblätter und 2 weitere pflanzliche Aquaretika enthalten. Sie reduzieren über die Verdünnungsdiurese die Keimzahl, vermindern die Adhäsion und fördern die Elimination von Bakterien(komplexen). In gleicher Weise wirken die Standardzulassungen (Blasen- und Nierentee I–VII für Erkrankungen der ableitenden Harnwege: species diureticae), die unterschiedlich zusammengesetzt und in Apotheken erhältlich sind.

Zu allen genannten Arzneidrogen gibt es bei der European Medicines Agency (EMA) HMPC-Monografien (einschließlich der European herbal monograph on species diureticae), die die traditionelle Verwendung zur Durchspülung bei leichten Beschwerden der Harnwege belegen.

Studienlage

Eine randomisierte, kontrollierte klinische Studie mit einer Fixkombination von standardisierten Extrakten aus Goldrutenkraut, Hauhechelwurzel und Orthosiphonblättern ergab eine signifikante Verbesserung der spezifischen Symptomatik von HWI unter der Behandlung im Vergleich zu Placebo. Eine antibiotische Therapie war bei etwa 84 % der Patientinnen in der Verumgruppe nicht mehr erforderlich [9].

Die Kombination aus einer 7-tägigen antibiotischen Therapie mit der 3-monatigen Einnahme eines Fertigarzneimittels (3-mal 2 Tabletten/Tag) aus einer Kombination von Pulver aus Rosmarinblättern, Tausendgüldenkraut und Liebstöckelwurzel ergab im Vergleich zur alleinigen antibiotischen Therapie eine bessere Symptomlinderung unter der Behandlung und nach 12 Monaten eine signifikant geringere Rezidivrate der rHWI [10].

Zu den weiteren genannten pflanzlichen Aquaretika liegen bisher keine Studien zur Langzeitprävention mit validen Daten vor.

Anwendungsbeschränkungen und Kontraindikationen

Extrakthaltige Präparate sollten entsprechend den Empfehlungen der Hersteller nur bei Erwachsenen und Kindern ab 12 Jahren, vereinzelt erst ab 18 Jahren angewendet werden. Bei Überempfindlichkeit gegen einen Bestandteil darf das jeweilige Präparat nicht eingenommen werden, Birkenblätter zudem nicht, wenn eine Allergie gegen Birkenpollen besteht. In Schwangerschaft und Stillzeit sollten die Präparate mangels entsprechender Untersuchungen zur Unbedenklichkeit nicht angewendet werden. Für Personen, die z.B. aufgrund von Herz- oder Nierenerkrankungen nur begrenzte Flüssigkeitsmengen zu sich nehmen dürfen, sind sie kontraindiziert. Wacholderbeeren sollen wegen möglicher Nierenschädigung nicht zur Langzeitprävention eingesetzt werden [1]. Mit Saccharose gesüßte Arzneitees sind für Diabetiker ungeeignet. Klinisch relevante Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind nicht beschrieben.

Praktische Anmerkungen

Aquaretika eignen sich aufgrund der verschiedenen Eigenschaften ihres unterschiedlichen Inhaltsstoffspektrums und ihrer guten Verträglichkeit nicht nur zur Begleittherapie bei einer akuten HWI, sondern gerade auch zur Langzeittherapie bei rezidivierenden Harnwegsinfekten. Hier sollten aufgrund der Beeinflussung der Virulenzfaktoren wie z.B. der Biofilmbildung Kombinationspräparate und Teemischungen bevorzugt werden, wobei ein Wechsel der Arzneidrogen nach längerer Anwendung, z.B. nach einem Monat, angestrebt werden sollte. Resistenzentwicklungen wurden bisher nicht beobachtet.

Pflanzliche Harnwegsdesinfizientien

Zur unterstützenden Behandlung von Harnwegsinfektionen sind die antimikrobiell wirkenden Harnwegsdesinfizientien Bärentraubenblätter, Kapuzinerkressenkraut und Meerrettichwurzel zugelassen.

Bärentraubenblätter

Bärentraubenblätter (Uvae ursi folium) enthalten u.a. 5–12 % Arbutin und 10–15 % Gerbstoffe. Arbutin wird in der Leber zum bakteriostatisch wirkenden Hydrochinon metabolisiert, das anschließend glucuronidiert oder sulfatiert und renal eliminiert wird. Im Urin vorkommende Bakterien setzen das Hydrochinon, unabhängig vom pH-Wert des Urins, über einen enzymatischen Prozess wieder frei.

Kontraindikationen sind Schwangerschaft (wehenfördernd), Stillzeit, Nierenerkrankungen und Alter unter 18 Jahren. Als unerwünschte Arzneimittelwirkungen sind Missempfindungen bei magenempfindlichen Patienten beschrieben, bei lang dauernder Anwendung sind Leberschäden (durch Hydrochinon) möglich. Aufgrund grundsätzlicher indikationsspezifischer Erwägungen eignen sich Bärentraubenblätter nicht für eine Langzeittherapie über einen Monat hinaus.

Bärentraubenblätter-Tee

Bei der Teezubereitung setzt man die Tagesdosis (10 g) mit 4–6 Tassen kaltem Wasser an, lässt den Ansatz 6–12 Stunden (über Nacht) ziehen, seiht ab, kocht einmal auf und trinkt über den Tag verteilt 4–6 Tassen. Durch den vorgeschalteten Kaltansatz werden weniger magenreizende Gerbstoffe extrahiert.

Kombination Kapuzinerkressenkraut und Meerrettichwurzel

Sowohl Kapuzinerkressenkraut (Tropaeoli herba) als auch Meerrettichwurzel (Armoraciae radix) enthalten Senfölglykoside (Glucosinolate). Die nach oraler Einnahme freigesetzten Senföle werden renal, partiell auch pulmonal eliminiert. In vitro wurde gezeigt, dass sie beim Wirtsorganismus antientzündlich wirken, die bakterielle Motilität sowie die Adhäsion und Invasion in die Wirtszelle reduzieren, die Ausbildung von Mikrofilmen unterbinden und die intraepithelialen UPEC hemmen können. Sie greifen somit die Bakterien auf verschiedenen Ebenen an, dadurch ist die Entwicklung von Resistenzen nicht zu erwarten [11]. Unerwünschte Wirkungen beider Arzneidrogen sind gastrointestinale Beschwerden mit unbekannter Häufigkeit. Bei Gastro- und Duodenalulzera sowie Nierenerkrankungen sind sie kontraindiziert.

Ein Fertigarzneimittel, das pro Tablette 80 mg Meerrettichwurzelextrakt und 200 mg Kapuzinerkressenkraut enthält (empfohlene Tagesdosis für Erwachsene: 3-mal täglich 4 Tabletten), ist für Kinder bereits ab 6 Jahren zugelassen. In einer prospektiven, randomisierten, verblindeten Studie mit Patienten mit rHWI wurden 2-mal 2 Tabletten des Fertigarzneimittels (jeweils morgens und abends) (n = 51) oder Placebo-Tabletten (n = 52) über 3 Monate verabreicht. Während der Studie sank die Harnwegsinfektionsrate unter Verum auf 0,43 – unter Placebo auf 0,77. Die Anzahl der unerwünschten Arzneimittelwirkungen unterschied sich zwischen Verum und Placebo nicht statistisch signifikant [12].

In der S2k-Leitlinie „Harnwegsinfektionen im Kindesalter“ findet sich die Empfehlung „Senföle (Isothiocyanate) aus Kapuzinerkresse und Meerrettich können bei unkomplizierten rezidivierenden Zystitiden im späten Kindes- und im Jugendalter als supportive Maßnahme angewandt werden“ [13].

Cranberry

Die reifen frischen oder getrockneten Früchte bzw. der Fruchtsaft der Cranberry (Vaccinium macrocarpon Aiton) wirken in vitro antientzündlich und antibakteriell. Für die enthaltenen Proanthocyanidine wurde in vitro eine Hemmung der Adhärenz von Bakterien an das Harnblasenepithel, eine Reduktion der Biofilmbildung und eine bakterizide Wirkung gezeigt. Die HMPC-Monografie der EMA empfiehlt wegen nicht ausreichender Daten bzw. der notwendigen ärztlichen Betreuung keine Anwendung bei Personen unter 18 Jahren, bei Männern und bei Schwangeren. Kontraindikationen sind die gleichzeitige Einnahme von Tacrolimus oder Warfarin. Patienten mit Nierenerkrankungen sollten ärztlich überwacht werden, bei Oxalatnierensteinen sollte Cranberrysaft nicht eingenommen werden.

Als Nebenwirkungen werden Übelkeit, Erbrechen, Diarrhoe, Obstipation und Dyspepsie mit unbekannter Häufigkeit angegeben [14].

Hinweis

Bei Cranberry-Zubereitungen handelt es sich nicht um Arzneimittel, sondern um Nahrungsergänzungsmittel. Damit unterliegen sie nicht dem Arzneimittelgesetz, das heißt, für das jeweilige Produkt müssen Qualität, Wirksamkeit und Verträglichkeit nicht nachgewiesen werden. Viele dieser Produkte enthalten noch weitere Inhaltsstoffe, die immunstärkend oder antioxidativ wirken sollen.

Die in der S3-Leitlinie bewerteten 5 systematischen Reviews inklusive 4 Metaanalysen [1] sowie ein aktuelles Cochrane Review zum Einsatz von Cranberry-Produkten zur Prävention von rHWI ergaben [15], dass wahrscheinlich das Harnwegsinfektionsrisiko bei Frauen mit rHWI, bei Kindern und bei Personen mit einer Anfälligkeit für HWI aufgrund einer Intervention verringert wird. Bei älteren, in Heimen untergebrachten Männern und Frauen, bei schwangeren Frauen oder bei Erwachsenen mit neurogener Blasenfunktionsstörung ist der Nutzen dagegen möglicherweise gering oder nicht gegeben. Auch bei geriatrischen Patienten mit mehr als 2 therapiebedürftigen Systemerkrankungen liegen widersprüchliche Daten vor. Hinsichtlich der Behandlungsdauer, Dosierung sowie Darreichungsform ist das Aussprechen einer Empfehlung gegenwärtig nicht möglich [1].

Fazit

Eine Vermeidung unnötiger antibiotischer Therapien gerade bei rezidivierenden Infektionen ist aufgrund der weltweit zunehmenden Antibiotikaresistenzen von besonderer Relevanz, da die wiederholte Antibiose bzw. eine antibiotische Langzeitprophylaxe das individuelle Risiko der Entstehung antimikrobieller Resistenzen signifikant erhöhen.

Bei Patientinnen mit rHWI mit niedrigem Risiko für Komplikationen sollten daher zunächst evidenzbasierte Verhaltensänderungen, bei postmenopausalen Frauen eine vaginale Östrogentherapie erfolgen. Bleibt dieses Vorgehen erfolglos, können pflanzliche Antiinfektiva aus der Kategorie der Aquaretika bzw. Harnwegsdesinfizientien eingesetzt werden. Eine antibiotische Langzeitprophylaxe sollte nur erfolgen, wenn von Anfang an das Risiko für das Auftreten von Komplikationen hoch ist.

Pflanzliche Antiinfektiva können aufgrund ihres breiten Inhaltsstoffspektrums und ihrer guten Verträglichkeit bei rHWI sowohl im Intervall als auch beim Rezidiv, zudem aber auch adjuvant zur antibiotischen Therapie erfolgreich eingesetzt werden. Sie reduzieren vor allem aktive oder passive bakterielle Virulenzmechanismen und/oder steigern die immunologischen Abwehrmechanismen des Wirtes. Dabei sind die Aquaretika, bevorzugt als Kombinationen von mehreren Arzneidrogen in Form von Fertigarzneimitteln einschließlich Harntees, zur Prophylaxe im Intervall besonders geeignet.

Die Domäne der Harnwegsdesinfizientien ist dagegen vor allem die Therapie der Rezidive. Resistenzentwicklungen gegen pflanzliche Antiinfektiva wurden bisher nicht beschrieben, sind aber wegen ihrer von den Wirkmechanismen von Antibiotika abweichenden Angriffspunkte auch eher nicht zu erwarten. Bei Patienten und Patientinnen mit höherem Risiko für Komplikationen bei HWI liegen bisher nur wenige Untersuchungen zum Einsatz von pflanzlichen Antiinfektiva vor. Gerade bei dieser Personengruppe sollte aber eine adjuvante Therapie wegen der Resistenzproblematik erwogen werden.

Prof. Dr. med. Karin Kraft leitete den Stiftungslehrstuhl für Naturheilkunde am Zentrum für Innere Medizin der Universität Rostock von 2002 bis 2022. Die Fachärztin für Innere Medizin habilitierte 1993 in Bonn. Sie war langjährige Präsidentin der Gesellschaft für Phytotherapie und ist Mitglied verschiedener nationaler und internationaler naturheilkundlicher und komplementärmedizinischer Gremien.

Interessenkonflikt: Die Autorin erklärt, dass kein Interessenkonflikt besteht. 

  1. Deutsche Gesellschaft für Urologie. S3-Leitlinie: Epidemiologie, Diagnostik, Therapie, Prävention und Management unkomplizierter, bakterieller, ambulant erworbener Harnwegsinfektionen bei Erwachsenen, Langversion, 3.0, AWMF Registernummer: 043/044 (2024). Im Internet. register.awmf.org/de/leitlinien/detail/043-044 Stand: 15.03.2024
  2. Werner G, Abu Sin M, Bahrs C. et al Therapierelevante Antibiotikaresistenzen im One-Health-Kontext. Bundesgesundheitsbl 2023; 66: 628-643
  3. Bell BG, Schellevis F, Stobberingh E. et al A systematic review and meta-analysis of the effects of antibiotic consumption on antibiotic resistance. BMC Infect Dis 2014; 14: 1-25
  4. Khodamoradi Y, Kessel J, Vehreschild J. et al The role of microbiota in preventing multidrug-resistant bacterial infections. Dtsch Ärzteblatt Int 2019; 116: 670-676
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  6. Terlizzi ME, Gribaudo G, Maffei ME. Uropathogenic escherichia coli (UPEC) infections: Virulence factors, bladder responses, antibiotic, and non-antibiotic antimicrobial strategies. Front Microbiol 2017; 08: 1-23
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  8. Melzig MF. Ätherische Öle als Hemmer des bakteriellen Quorum Sensings. Z Phytotherapie 2023; 44: 201-206
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  12. Albrecht U, Goos KH, Schneider B. A randomised, double-blind, placebo-controlled trial of a herbal medicinal product containing tropaeoli majoris herba (nasturtium) and armoraciae rusticanae radix (horseradish) for the prophylactic treatment of patients with chronically recurrent lower urinary tract infections. Curr Med Res Opin 2007; 23: 2415-2422
  13. Gesellschaft für Pädiatrische Nephrologie, Arbeitskreis Kinder- und Jugendurologie der Deutschen Gesellschaft für Urologie. Interdisziplinäre S2k-Leitlinie: Harnwegsinfektionen im Kindesalter: Diagnostik, Therapie und Prophylaxe, Version 1 (23.08.2021). Im Internet. www.awmf.org/leitlinien/detail/anmeldung/1/ll/166-004.html Stand: 27.03.2024
  14. European Medicines Agency. Final European Union herbal monograph on vaccinium macrocarpon aiton, fructus, EMA/HMPC/49135/2017 (21/02/2023). Im Internet. www.ema.europa.eu/en/medicines/herbal/vaccinii-macrocarpi-fructus Stand: 05.04.2024
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